Volle Fahrt voraus: Wie ich mit Ü50 die Spur gewechselt habe
Manche Menschen kaufen sich mit Mitte 50 einen neuen Toaster, um den Alltag aufzupeppen. Ich habe mir stattdessen gedacht: „Toaster ist langweilig. Wie wäre es mit einer 80-Tonnen-Lokomotive?“
Im Jahr 2021, mitten im Corona-Lockdown und nach dem zehnten durchgejubelten Netflix-Marathon, kam mir diese absurde, glorreiche Idee. Ich habe beschlossen, mein komfortables Leben einmal komplett zu resetten und die Ausbildung zur Lokführerin zu machen. Also habe ich mich von allem verabschiedet, was ich kannte, und mich stattdessen auf Technik-Büffeln, tonnenschwere Verantwortung und das Erlernen einer Sprache konzentriert, die nur aus Abkürzungen und Warnsignalen besteht.
Eigentlich war das ein klassischer Fall von „Übermut tut selten gut“. Mein innerer Kritiker flüsterte mir ständig zu: „Gabi, mit Ü50 nimmt dich doch eh keiner mehr. Bleib bei deinen Leisten.“ Aber ich wäre nicht ich, wenn ich die Bewerbung nicht trotzdem abgeschickt hätte – nur um zu sehen, was passiert. Spoiler: Sie haben mich genommen. Und plötzlich saß ich da, mit 54 Jahren und fühlte mich wie der erste Mensch auf dem Mond.
Es folgten Monate, die mich an meine Grenzen gebracht haben. Von der ersten, wackeligen Probefahrt, bei der ich dachte, der Führerstand hat mehr Knöpfe als das Space Shuttle, bis zur ersten echten Tour mit Fahrgästen. Es gab etliche „Das kann doch jetzt nicht wahr sein!“-Momente und technische Herausforderungen, die mich heftiger ins Schwitzen brachten als eine Klimaanlage im Regionalexpress im Hochsommer.
Hier nehme euch mit in meinen neuen, lauten und faszinierenden Alltag zwischen Gleisen, Signalen und den absurden Geschichten, die man nur auf der Schiene erlebt. Warum setzt man sich freiwillig in ein Fahrzeug, das nicht mal ein Lenkrad hat? Wie oft werde ich wirklich gefragt, ob ich „mal hupen“ kann? (Antwort: Jedes. Einzelne. Mal.) Und wie fühlt es sich an, wenn man merkt, dass man mit 15.000 Volt durchstartet?
Also, schnappt euch einen Kaffee und steigt ein. Es wird eine Fahrt, die beweist: Es ist nie zu spät, die Spur zu wechseln – selbst wenn man dabei ein bisschen Chaos anrichtet.