Familienaufsicht, Economy Plus und die 20-Dollar-Frage – auf nach Denver!
Eigentlich hatten Stefan und ich uns das mit den erwachsenen Kindern einmal ganz anders vorgestellt. Man zieht sie groß, begleitet sie durch sämtliche Lebensphasen, wartet geduldig darauf, dass sie irgendwann aus dem Haus sind, und dann beginnt dieser sagenumwobene Lebensabschnitt, in dem die Eltern endlich wieder völlig unbeaufsichtigt in den Urlaub fahren können. So zumindest die Theorie. In der Praxis scheint bei uns jedoch irgendetwas schiefgelaufen zu sein. Im Frühjahr hatte sich bereits Nadine unserer Reise angeschlossen, und nun, nur wenige Monate später, stand Tochter Nummer zwei bereit. Bianca wollte diesmal mit. Langsam kam mir der Verdacht, dass unsere Töchter uns möglicherweise gar nicht allein verreisen lassen wollten. Vielleicht gab es heimliche Absprachen. Vielleicht führten sie Kontrolllisten. „Mama und Papa wieder in Amerika – diesmal übernimmt Bianca.“ Anders konnte ich mir dieses plötzliche familiäre Interesse an unseren Urlauben kaum erklären. Uns sollte es recht sein. Zu dritt ging es also an diesem Donnerstag von Stuttgart aus los Richtung USA, und allein die Tatsache, dass wir wieder mit gepackten Koffern am Flughafen standen, sorgte schon für dieses herrliche Gefühl, dass für die nächsten Wochen eigentlich nur noch eine Richtung zählte: Westen.

Die erste Etappe führte uns mit einer Boeing 757 von Stuttgart nach Newark. Die Maschine war erfreulicherweise nicht komplett ausgebucht, was ich grundsätzlich schon einmal als gutes Omen wertete. Ein Flugzeug mit freien Sitzen fühlt sich schließlich sofort ein bisschen luxuriöser an, auch wenn man weiterhin in der Economy sitzt und niemand plötzlich anfängt, Champagner aus Kristallgläsern zu reichen. Wir machten es uns auf unseren Plätzen gemütlich, Bianca selbstverständlich mitten im Familienurlaubsgeschehen, und ich war gerade dabei, mich häuslich einzurichten, als mir an der Sitztasche vor mir etwas auffiel. Dort ragte ein Metallbügel heraus. Kein dekorativer Metallbügel. Kein besonders raffiniertes Ablagesystem. Sondern einfach ein Metallteil, das offenbar beschlossen hatte, seinen vorgesehenen Aufenthaltsort zu verlassen und nun in Richtung meiner Beine zeigte. Ich betrachtete das Ding eine Weile und kam zu dem Schluss, dass ich auf einem Langstreckenflug ungern mehrere Stunden mit einem Stück Flugzeuginventar verbringen wollte, das möglicherweise irgendwann versucht, sich mit mir dauerhaft zu verbinden.
Also holte ich eine Flugbegleiterin dazu. Sie sah sich die Konstruktion an, entschuldigte sich und wollte das Problem zunächst mit Klebeband lösen. Das wäre vermutlich die klassische Flugzeugvariante von „Das hält schon bis New York“ gewesen, nur gab es dummerweise gerade kein geeignetes Klebeband. Und dann nahm die Geschichte eine ausgesprochen erfreuliche Wendung: Statt mich meinem widerspenstigen Sitz zu überlassen, bot sie uns Plätze in der Economy Plus an. Zwei Reihen weiter vorne, mehr Beinfreiheit, deutlich angenehmer – und alles nur, weil mein ursprünglicher Sitz beschlossen hatte, auseinanderzufallen. Manchmal muss man im Leben einfach Glück mit dem richtigen Defekt haben. Ich war jedenfalls sofort versöhnt. Während andere Menschen möglicherweise auf kostenlose Upgrades durch Vielfliegerstatus hofften, hatte ich offenbar eine neue Methode entdeckt: Man muss nur einen Sitz erwischen, aus dem Metallteile herausstehen. Unser Urlaub hatte noch nicht einmal richtig begonnen und bereits die erste kleine Verbesserung erfahren. So durfte es gerne weitergehen.
Der Flug selbst verlief angenehm und irgendwann tauchte unter uns die amerikanische Ostküste auf. Besonders der Landeanflug auf Newark war dieses Mal ein Geschenk. Strahlend blauer Himmel, gute Sicht und dann plötzlich Manhattan. Da lag diese unglaubliche Stadt vor uns, die Hochhäuser dicht an dicht, mittendrin das One World Trade Center, das sich deutlich aus der Skyline hob, und sogar die Freiheitsstatue konnten wir ausmachen. Solche Momente schaffen es bei mir zuverlässig, jede noch vorhandene Müdigkeit auszuschalten. Man klebt plötzlich wieder am Fenster wie ein Kind und versucht gleichzeitig zu schauen, zu fotografieren und dem Sitznachbarn mitzuteilen, dass er gefälligst auch schauen soll, obwohl der vermutlich seit fünf Minuten genau dasselbe sieht. Gegen 14:15 Uhr setzten wir in Newark auf. Willkommen in Amerika. Spätestens jetzt war der Urlaub nicht mehr nur eine Buchungsbestätigung und ein Haufen Klamotten im Koffer, sondern tatsächlich Realität.
Erstaunlicherweise verlief anschließend sogar die Einreise zügig. Immigration, Gepäck, Zoll – alles funktionierte so reibungslos, dass man fast misstrauisch werden konnte. Irgendwo musste doch noch etwas kommen. Am Monitor entdeckten wir schließlich unseren Weiterflug nach Denver und stellten dabei fest, dass er eine Stunde später starten sollte als ursprünglich gedacht. Bei genauerem Nachsehen stellte sich heraus, dass ich diese Information längst per E-Mail bekommen hatte. Ich hatte sie nur offenbar erfolgreich ignoriert. Auch eine Form von Urlaubsorganisation. Immerhin bedeutete die spätere Abflugzeit keinen Stress, sondern das genaue Gegenteil: Wir hatten Zeit. Und wenn man auf einem amerikanischen Flughafen Zeit hat, gibt es für uns meist eine ziemlich verlässliche Lösung. Starbucks.
Also suchten wir uns Kaffee, machten es uns bequem und nutzten das kostenlose Internet. Facebook musste natürlich ebenfalls darüber informiert werden, dass wir erfolgreich amerikanischen Boden erreicht hatten. Schließlich konnte man 2014 unmöglich mehrere Stunden in den USA verbringen, ohne wenigstens ein paar Fotos in Richtung Heimat zu schicken. Außerdem ließ sich die Wartezeit so wunderbar totschlagen. Wir schlenderten ein bisschen durch das Terminal, sahen uns die Flughafenanlagen an und fühlten uns insgesamt ziemlich entspannt. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir allerdings noch nicht, dass Newark offenbar beschlossen hatte, uns nicht ganz so problemlos wieder herzugeben.
Das Boarding für Denver begann zunächst völlig normal. Wir saßen im Flugzeug, alle waren verstaut, die Türen zu, eigentlich hätte es losgehen können. Eigentlich. Dann kam die Durchsage, dass es ein technisches Problem gebe. Technische Probleme sind an einem Flugzeug genau die Sorte Probleme, bei denen ich ausdrücklich dafür bin, dass man sie gründlich behebt. Ich möchte überhaupt keinen Zeitdruck erzeugen. Niemand muss wegen mir hektisch werden. Nehmt euch ruhig die zehn Minuten mehr und schraubt dieses wichtige Ding wieder ordentlich fest. Nur wurden aus zehn Minuten irgendwann zwanzig, aus zwanzig vierzig, und nach einer Weile begann sich dieses merkwürdige Flugzeuggefühl einzustellen, bei dem alle Passagiere gleichzeitig versuchen, so zu tun, als seien sie vollkommen gelassen, während jeder bei jeder Bewegung einer Flugbegleiterin hoffnungsvoll den Kopf hebt. Insgesamt saßen wir rund 80 Minuten herum, bevor endlich Entwarnung kam. Das Problem war behoben, das Flugzeug offenbar wieder vollständig flugfähig, und wir durften tatsächlich Richtung Denver starten. Wunderbar. Damit war der Tag offiziell wieder auf Kurs.
In Denver angekommen, meldete sich dann allerdings unser Gepäck zu Wort – beziehungsweise zunächst einmal gerade nicht. Wir standen am Band und sahen Koffer kommen. Sehr viele Koffer. Schwarze, rote, blaue, große, kleine, hässliche und erstaunlich hässliche. Nur unserer war nicht dabei. Das Band leerte sich langsam und wir standen immer noch da. Irgendwann kommt bei so etwas ja dieser Moment, in dem man gedanklich bereits eine kleine Inventarliste erstellt und überlegt, was man am nächsten Morgen dringend neu kaufen müsste. Aber schließlich erschien er doch noch. Unser Koffer. Der letzte. Einer muss schließlich der Letzte sein, und warum sollte das ausgerechnet einmal jemand anderes sein?
Nun fehlte nur noch der Mietwagen. Also ab zum Alamo-Shuttle, was aufgrund einer Baustelle am Flughafen zunächst etwas mehr Orientierung erforderte als erwartet. Die eigentliche Abwicklung bei Alamo ging dagegen angenehm schnell, denn die Mietunterlagen hatten wir bereits vorher online ausgefüllt. Wir sollten einfach zur Choiceline gehen und uns dort einen Wagen aus der gebuchten Midsize-SUV-Kategorie aussuchen. Genau dieses System liebe ich. Kein Mitarbeiter entscheidet, welches Auto zu einem gehört – man läuft herum, schaut in Kofferräume, begutachtet Ausstattungen und entwickelt innerhalb weniger Minuten eine persönliche Beziehung zu mehreren Fahrzeugen gleichzeitig. In unserer Reihe standen drei Kandidaten. Alles völlig ordentliche SUVs. Wirklich. Gegen keinen davon konnte man objektiv etwas sagen.
Nur leider standen auf der anderen Seite des Parkplatzes die großen SUVs. Ich sah sehsüchtig hinüber. Dort standen diese wunderbaren amerikanischen Großgeräte, und plötzlich wirkten unsere drei Midsize-SUVs ein bisschen wie Spielzeugautos aus einer Cornflakes-Packung. Natürlich brauchten wir keinen riesigen SUV. Wir waren drei Menschen mit Gepäck. Rein mathematisch hätten wir vermutlich sogar in einen normalen Pkw gepasst. Aber seit wann lassen sich Mietwagenentscheidungen in den USA bitte von Mathematik beeinflussen? Ich versuchte zunächst noch, unauffällig in Richtung der größeren Fahrzeuge zu schielen, aber die Mitarbeiter dort kannten vermutlich Menschen wie mich. Die wussten genau, was dieses Schielen bedeutete.
Also wechselte ich die Taktik und sprach einen jungen Mitarbeiter an. Ich erklärte ihm, unser Gepäck sei wirklich sehr umfangreich und diese kleineren SUVs seien dafür möglicherweise etwas knapp bemessen. Ich legte in diese Darstellung ungefähr so viel Dramatik, wie man aus drei Koffern herausholen kann, und tatsächlich ließ er sich darauf ein. Gemeinsam gingen wir zu den größeren Fahrzeugen und er zeigte uns einen Ford Explorer. Schon sehr schön. Stefan war zufrieden. Für ihn war die Angelegenheit damit erledigt. Er begann bereits, das Gepäck einzuladen, was normalerweise das international anerkannte Zeichen dafür ist, dass eine Mietwagenentscheidung abgeschlossen wurde. Für mich nicht. Denn ein paar Stellplätze weiter stand ein Ford Expedition.
Jetzt muss man wissen: Ein Ford Expedition ist kein Auto, das man übersieht. Das Ding steht nicht auf einem Parkplatz, es nimmt dort eher territoriale Ansprüche wahr. Groß, breit, hoch und mit genau dieser herrlich amerikanischen Ausstrahlung, bei der man bereits beim Anschauen ungefähr abschätzen kann, dass Tankstellenbesitzer das Fahrzeug ausgesprochen sympathisch finden dürften. Ich wollte den. Natürlich wollte ich den. Also fragte ich noch einmal.

Der Mitarbeiter erklärte mir bedauernd, dass er darüber eigentlich nicht entscheiden könne. Nun ja. „Eigentlich“ ist ein sehr interessantes Wort. Es enthält Spielraum. Ich griff in meine Tasche, holte 20 Dollar heraus und stellte die Frage noch einmal auf eine etwas internationalere Art. Plötzlich entstand Bewegung in der Sache. Der junge Mann lächelte, machte einen Vermerk auf den Papieren und sagte die wunderbaren Worte: „It’s all yours.“ Ich hätte ihn umarmen können.
Stefan dürfte in diesem Moment ungefähr geahnt haben, dass das Gepäck, das er gerade so sorgfältig in den Explorer eingeräumt hatte, noch einmal umziehen würde. Aber solche Kleinigkeiten gehören zum Familienleben. Wenige Minuten später saßen wir jedenfalls in unserem Ford Expedition und waren begeistert. Bianca hinten, Stefan und ich vorne, Gepäck irgendwo in den riesigen Weiten des Kofferraums – und um uns herum gefühlt noch genug Platz, um bei Bedarf einen kleinen amerikanischen Haushalt mitzunehmen. Dass dieser rollende Kleiderschrank vermutlich Benzin nicht verbrauchen, sondern aktiv vernichten würde, war uns in diesem Moment vollkommen egal. Wir hatten einen Expedition. Einen richtig großen amerikanischen SUV. Urlaubstechnisch war damit eine wichtige Grundvoraussetzung erfüllt.
Inzwischen war es allerdings bereits spät geworden. Sehr spät. Gegen 23:30 Uhr erreichten wir schließlich unser Comfort Inn in Aurora. Hinter uns lagen Stuttgart, Newark, eine kaputte Sitztasche, ein Economy-Plus-Upgrade, Manhattan aus der Luft, Immigration, Starbucks, ein technischer Defekt, 80 Minuten Warten, ein äußerst gemütlicher Flug nach Denver, der letzte Koffer des Tages und eine kleine Mietwagenverhandlung, die mit einem 20-Dollar-Schein erstaunlich erfolgreich geendet hatte. Für einen ersten Urlaubstag war das eine durchaus respektable Bilanz. An Abendessen dachte inzwischen niemand mehr ernsthaft. Wir bezogen unser Zimmer, stellten das Gepäck irgendwo ab und waren uns ausnahmsweise sehr schnell einig, dass das Bett gerade die interessanteste Sehenswürdigkeit Colorados darstellte.
Bevor ich einschlief, musste ich trotzdem noch einmal an unseren Ford draußen auf dem Parkplatz denken. Dieser riesige schwarze Expedition stand dort und wartete auf uns. Morgen würde die eigentliche Rundreise beginnen. Heute hatten wir es erst einmal bis Denver geschafft – und ganz nebenbei aus einem gebuchten Midsize-SUV einen ausgewachsenen amerikanischen Straßenkreuzer gemacht.
Ich fand, wir waren schon wieder ganz gut im Urlaub angekommen.














