
Vom karibischem Blau zu dunklen Wolken, ein doppelter Regenbogen & ein unbeschreiblicher Sonnenuntergang
8:00 Uhr Frühstück, 9:00 Uhr Abfahrt – in der Theorie klang das wie ein gut getakteter Fahrplan. In der Praxis war es eher ein flexibles Konzept mit Interpretationsspielraum.
Ja, wir hatten uns eine gewisse Routine erarbeitet. Stefan war für die Technik zuständig (Wassertank, Strom, irgendwas mit Hebeln). Nadine koordinierte das Packen. Oli war der Mann fürs Grobe und für Emilia. Ich versuchte, alles im Blick zu behalten – inklusive Kaffee. Und Noah? Noah war unser Glücksbringer mit einem sehr speziellen Zeitverständnis.
An diesem Morgen fehlte plötzlich ein Wanderschuh. Nur einer. Der andere stand ganz brav vor dem Camper, als hätte er auf seinen Partner gewartet und sich dabei leicht beleidigt an die Seitenwand gelehnt.
Dazu kam: Die M&Ms waren leer, weil jemand (ich sage keine Namen, aber es war Stefan) vergessen hatte, sie aufzufüllen. Und Roadtrip ohne M&Ms geht nun mal gar nicht. Und als wir dachten, jetzt läuft’s – verkündete Noah, dass sein Glücksstock aus dem Grand Teton verschwunden sei und wir unter keinen Umständen losfahren könnten, bevor er nicht gefunden war.
Spoiler: Er war im Rucksack. Im Reißverschlussfach. Genau da, wo er hingehörte.
Irgendwann rollten wir dann aber tatsächlich los.
Der Camper brummte, die Kinder waren angeschnallt, Kaffee dampfte in der Thermoskanne – und der Glücksstein war sicher verstaut. Unser Ziel: der Bear Lake, Utah.
Dieser Bear Lake war unser erstes Ziel für heute – ein weiteres Naturhighlight auf unserer Route, das uns mit klarer Luft, glitzerndem Wasser und hoffentlich weniger Drama begrüßen sollte als die Abfahrt. Wir waren bereit. Also… zumindest so gut es eben ging.

Wer bei Utah sofort an rote Felsen, staubige Serpentinen und ausgetrocknete Flussbetten denkt, bekommt am Bear Lake einen freundlichen Denkzettel in Türkis.
Das Wasser war so leuchtend blau, dass wir kurz dachten, wir hätten irgendwo zwischen Idaho und Wyoming versehentlich einen Abzweig nach Bora Bora genommen. Die Farben waren nicht real. Oder jedenfalls nicht alltäglich.
BILDERGALERIE: Bear Lake
Ein Mix aus Karibik, Gletschersee und Photoshop – nur eben ganz ohne Filter, dafür mit echtem Wind, echter Sonne und echten Staunemomenten. Wir spazierten am Ufer entlang, ließen den Wind durch die Haare wehen (sofern vorhanden) und warfen die Blicke in alle Richtungen – nach Muscheln, nach Fotomotiven und nach einem Moment Ruhe.
Noah und Emilia durchsuchten den Kiesstrand nach Schätzen, als würde hier irgendwo eine Piratenkiste vergraben liegen.mZwischen Flachwasser, Steinen und Treibholz fanden sie dann zwar keine Goldmünzen, aber immerhin eine besonders hübsche Muschel und ein Stock, der sofort zum Zauberstab deklariert wurde.
Wir atmeten die klare Bergluft ein, machten Fotos – mal vom See, mal voneinander, mal vom Versuch, den Wind zu ignorieren – und genossen einfach diese unerwartet entspannte Kulisse.

Nachdem wir den türkisblauen Bear Lake auf der östlichen Seite umrundet hatten, tauchte am Horizont das Örtchen Garden City auf – eine jener Kleinstadt-Perlen, die im Sommer vor Leben brummen und im Herbst langsam in den Winterschlaf gleiten.
Und genau diesen Übergang bekamen wir hautnah zu spüren. Ein Großteil der Läden hatte bereits den „Closed for the season“-Modus aktiviert, inklusive liebevoll beschrifteter Schilder und leerer Parkplätze. Aber unser Magen war nicht in der Nebensaison. Der knurrte wie zur Hauptsendezeit.
Zum Glück entdeckten wir Cody’s Gastro Garage – ein stylisches Lokal mit dem Charme einer hippen Werkstatt, in der statt Ölwechseln Burger serviert werden. Der Name klang vielversprechend, die Fassade sah vielversprechend aus, die Speisekarte sowieso…
Und dann kam der Service. Oder eben nicht. Zuerst passierte: nichts. Wir standen im Eingangsbereich, freundlich lächelnd, bereit, wie brave Gäste platziert zu werden – aber die Crew der Gastro-Garage war entweder auf Tauchstation oder im Meditationsraum hinter der Küche verschwunden.
Nach gefühlt drei Mondphasen wurden wir doch noch an einen Tisch gebracht – mit dem Enthusiasmus eines kaputten Blinkers. Es folgte: die Wartezeit auf die Karte. Dann: die Wartezeit auf die Getränke.
Und schließlich: die Wartezeit auf das Essen, die sich ungefähr so anfühlte, als hätte man das Rind für unseren Burger erst in diesem Moment aus dem Stall geholt, gestreichelt, gefüttert und mit beruhigender Musik beschallt.
Aber: Das Essen war fantastisch. Wirklich. Saftige Burger, goldene Pommes, genau die richtige Menge an Fett und Würze. Für ein paar Minuten war alles vergessen – die Wartezeit, der Service, die Zweifel.
Doch dann wollten wir zahlen. Und wer jetzt denkt, das kann ja nicht noch langsamer gehen, kennt die spirituelle Gelassenheit von Cody’s Gastro Garage noch nicht. Die Rechnung kam nicht. Die Kellnerin auch nicht. Vielleicht war sie inzwischen auf einem Selbstfindungstrip entlang des Bear Lake unterwegs.
Fazit:
Cody’s Gastro Garage war ein Erlebnis. Kulinarisch top, organisatorisch Flop. Aber immerhin: Ein Restaurantbesuch, den wir garantiert nicht vergessen. Und das, muss man ehrlicherweise sagen, ist in den USA gar nicht so leicht.


Nach dem gastronomischen Abenteuer in Garden City – kulinarisch top, service-technisch… nennen wir es „erlebnisreich“ – setzten wir unsere Fahrt fort in Richtung Antelope Island. Ein riesiges Naturreservat mitten im Great Salt Lake, unser Ziel dort: Der Buffalo Point.
Und schon auf dem Weg dorthin war klar: Das hier wird kein gewöhnlicher Transfer, sondern ein Naturdrama in mehreren Akten.

Der Himmel hatte beschlossen, sich heute nicht zu langweilen. Schon kurz nach unserer Abfahrt türmten sich Gewitterwolken am Horizont auf, als wäre gerade ein apokalyptisches Klassentreffen sämtlicher Unwetter der letzten Monate im Gange.
Die Sonne stemmte sich heldenhaft dagegen und schickte goldene Lichtstrahlen durch dichte Regenvorhänge, die sich links und rechts wie überdimensionale Wasserfälle in die Landschaft ergossen.
Der Highway zog sich schnurgerade durch die Szenerie, als wollte er uns sagen: “Keine Sorge, ihr fahrt da jetzt einfach durch – egal, was da kommt.” Und es kam. In Wänden. Regen wie aus dem Kino
Nicht in Tropfen, nicht in Schauern – sondern wie eine Wand aus Wasser, die sich vom Himmel bis zum Asphalt zog. Ein paar Sekunden später waren wir mittendrin.
Die Scheibenwischer gaben alles, aber gegen diese Naturgewalt wirkten sie eher wie zwei feuchte Zahnstocher auf der Windschutzscheibe. Stefan packte das Lenkrad, als würde er das Steuer der Titanic übernehmen, während ich mit dem Handy versuchte, ein Foto zu machen, das dem Weltuntergang gerecht wird.
„Das sieht aus wie in einem Endzeitfilm!“ rief Oli begeistert. Noah und Emilia – völlig unbeeindruckt – wollten wissen, ob es jetzt endlich wieder Snacks gibt.
Nach zwanzig Minuten war alles vorbei. Der Regen zog ab, die Straße glänzte wie frisch lackiert, und am Horizont durchbrach ein letzter goldener Sonnenstrahl die Wolken, als hätte das Ganze nur zur dramatischen Untermalung unseres Roadtrips gedient.
Antelope Island war in Sichtweite, und wir waren nicht nur um ein paar Liter Regen, sondern auch um ein Kapitel reicher – irgendwo zwischen Roadmovie und Wetterkatastrophenfilm.

Nachdem sich der Himmel auf unserem Weg nach Antelope Island in eine dramatische Theaterkulisse verwandelt hatte – irgendwo zwischen Endzeitdrama und Himmelsoper – war das, was als Nächstes kam, fast schon absurd friedlich.
Die Straße über den Damm zur Insel wirkte wie der Übergang in eine andere Welt. Ein schmaler Asphaltsteg, der sich scheinbar endlos geradeaus durch den Great Salt Lake zieht – so schmal, dass man sich fragt, ob man bei starkem Wind nicht einfach runtergepustet wird.
Links: Wasser. Rechts: Noch mehr Wasser.
Darüber: Ein Himmel, der sich langsam wieder beruhigte, als hätte er sich beim Gewitter vorhin ein bisschen gehen lassen und wolle das jetzt mit einem versöhnlichen Finale wiedergutmachen.
Es war still. Spiegelglatt. Fast unheimlich friedlich. Nur der Camper brummte leise vor sich hin, und wir saßen drin, halb staunend, halb damit beschäftigt, die Schönheit in Worte zu fassen – was in solchen Momenten ungefähr so schwierig ist wie, sagen wir: einen Regenbogen zu fotografieren, der nicht aussieht wie Clipart.
Und dann kam er. Nicht einer. Zwei. Doppelregenbogen. Ein Regenbogen über der Insel ist schon kitschig genug. Aber zwei? Zwei perfekte, kräftige Bögen direkt über Antelope Island, als hätte jemand in den Himmel „Willkommen, Roadtrip-Familie!“ geschrieben – in Leuchtfarben.

Vom Parkplatz aus führt ein schmaler, leicht ansteigender Pfad hinauf zum Buffalo Point – und auch wenn der Weg nur kurz ist, sorgt er für ordentlich Wow-Momente.
Zuerst geht es noch ganz harmlos durch trockenes Gras und zwischen ein paar niedrig wuchernden Sträuchern hindurch, doch mit jedem Schritt wird der Blick weiter – und dramatischer. Die Luft war nach dem Regen glasklar, als hätte jemand die Kontraste einmal ordentlich hochgedreht. Der Trail schlängelte sich zwischen Felsen hindurch, die wie zufällig platzierte Aussichtspunkte wirkten. Und ja – wir kletterten natürlich drauf. Alle.
Oben angekommen, belohnte uns der Buffalo Point mit einer 360-Grad-Kulisse, die man eigentlich nicht beschreiben kann, ohne in Gefahr zu laufen, zu dick aufzutragen. Aber hey, es war nun mal genau so: links der Great Salt Lake, still und surreal spiegelglatt, als hätte jemand flüssiges Glas ausgegossen. Dahinter – fast wie ein Schattenriss aus einem anderen Film – die Stadt am Ende des Damms, winzig, fern, und doch klar erkennbar. Rechts der weite, leere Landstreifen – Gras, Felsen, endlose Weite. Und dann: der Himmel.
BILDERGALERIE: Buffalo Point
Die Sonne senkte sich langsam Richtung Horizont, während die Wolken in satten Blau-, Violett- und Orangetönen explodierten.
Das hier war kein kitschiger Sonnenuntergang. Das war ein Meisterwerk. Die Art von Himmel, bei dem man vergisst, zu sprechen, weil man stattdessen einfach nur schaut und denkt: Das hier… ist echt.
Und mitten in diesem Moment, als hätte jemand die Szene mit einem „Oh, ihr dachtet, das war’s?“ toppen wollen, tauchte am Hang ein Bison auf. Dann noch einer. Und noch einer.

Majestätisch, völlig unbeeindruckt von unserer Anwesenheit, trotteten sie durch das goldene Licht wie Statisten aus einer BBC-Naturdoku. Es war wild. Es war ruhig. Es war vollkommen.
Wir machten unzählige Fotos – manche wollten dramatisch wirken, andere eher „ich bin einfach lässig auf einem Felsen“-mäßig, aber eigentlich war alles nur ein Versuch, diesen einen Moment festzuhalten, der irgendwo zwischen episch und surreal schwebte.
Doch wie das mit der Natur so ist – sie liebt die Balance. Und wenn dir die Landschaft gerade den Atem raubt, sorgt sie zuverlässig dafür, dass du ihn gleich darauf wieder brauchst – zum Wegschnipsen.

Denn kaum hatten wir Antelope Island betreten, trat die lokale Bevölkerung auf den Plan: Stechmücken. Nicht ein paar. Nicht viele. Sondern eine ganze Flugstaffel. Oli, Nadine und Emilia zogen sich taktisch klug sofort zurück.
Ein kurzer Ausflug, ein paar Bisse, eine klare Entscheidung: Rückzug zum Camper – Sicherheitszone mit Moskitonetz und Snacks. Stefan, Noah und ich hingegen blieben. Für die Kunst. Für das Team. Für das nächste Fotobuch.
Noah wurde von den Mücken komplett ignoriert – wahrscheinlich roch er noch nach Pommes und Abenteuer, was für die Mücken weniger attraktiv ist als das, was ich offenbar ausdünstete: eine Mischung aus Vanillecreme, Sonnencreme und All-you-can-eat.
Binnen Sekunden war ich umzingelt. Und damit meine ich nicht „Da ist eine Mücke.“ Ich meine: Schwarm. Angriff. Landung. Eine von ihnen – nennen wir sie Blutsauger A380 – parkte direkt an meinem Hals, wo sich Pullikragen und Juckreiz traditionsgemäß duellieren.
Ich habe selten so schnell simultan fotografiert, gekratzt und geflucht. Neben mir stand Stefan, die Kamera im Anschlag, stoisch wie ein Naturfotograf im tropischen Regenwald, während ich zur lebenden Zapfanlage mutierte.
Ich kann mir gut vorstellen, wie A380 später zu ihren Kollegen zurückflog, zufrieden, kugelrund und leicht beschwipst von meinem Blutdruck, und dabei sagte: „Freunde, heute war ein guter Tag. Die hatte Bio-Kaffee im System.“
BILDERGALERIE: Buffalo Point Sunset
Nach diesem Blutbad – und das ist wörtlich gemeint – ging’s schnurstracks zum Campingplatz auf Antelope Island. Und da hieß es nur noch: Türen zu, Fenster zu, alles verrammeln wie in einem Zombie-Film, nur dass es keine Untoten waren, sondern Stechmücken mit dem Appetit einer Vampirarmee.
Natürlich – wir hätten es wissen müssen – hatten sich ein paar dieser fliegenden Sadisten trotzdem reingeschlichen. Und so begann Phase zwei des Abends: „Die große Jagd“.
Eine Mischung aus Highspeed-Slapstick und militärischer Präzision. Stefan mit der Klatsche, ich bewaffnet mit einem feuchten Waschlappen (funktioniert überraschend gut), Noah als lebender Lockköder („Da ist noch eine, Mama!“) und Nadine, die versuchte, Emilia davon abzuhalten, sich selbst mit dem Kissen zu verteidigen.
Es summte. Es surrte. Es juckte. Und dann: absolute Stille. Wir hatten gewonnen. Also… bis zur nächsten Runde.

Zur Belohnung gab’s noch einen kleinen Snack im Camper – nichts Großes, nur das Übliche: Kekse, Cracker, der eine oder andere nervös zerbröselte Müsliriegel – begleitet von nervösem Schulterkratzen, weil man immer noch glaubte, etwas würde krabbeln.
Und dann fielen wir einfach nur noch ins Bett. Müde. Voller Eindrücke. Und ganz leicht zerstochen.
Der Tag hatte wirklich alles: dramatisches Wetter, Regenbögen, Steilküsten, traumhafte Sonnenuntergänge – und ein Insektenmassaker, das uns noch ein paar Tage in Erinnerung bleiben würde. Willkommen in der Wildnis.

