Trails, Traumlandschaften und die Suche nach dem Campingplatz

Der neue Tag begrüßte uns mit einem Himmel so blau, dass der gestrige Regen plötzlich wie eine übertriebene Erzählung aus einer anderen Welt wirkte. Als ich die Vorhänge zur Seite zog, wurde ich mit einem Sonnenaufgang belohnt, der direkt aus einem Landschaftsgemälde stammen könnte – die Gipfel der Rocky Mountains glühten in tiefem Rot, während der Himmel langsam in sanfte Goldtöne überging. Ein Blick, der selbst Morgenmuffel zum Staunen brachte.

Und heute hatte es in sich: Die Wanderung zum Emerald Lake stand auf dem Plan – ein echtes Highlight des Rocky Mountain National Parks. Doch eine kleine Herausforderung wartete noch auf uns: Unser Camper war alles, nur nicht kompakt. Also mussten wir strategisch klug agieren, denn die Parkplätze am Trailhead waren rarer als ein unbeobachteter Keks in einem Haushalt mit Kindern. Unser genialer PlanFrüh losfahren, einen Parkplatz sichern und dort direkt frühstücken. Einfache Idee – wenn alles klappt, brillant.

Moraine Park Campground

Mit den ersten Sonnenstrahlen rollten wir durch die verschlafene Landschaft, während der Tag langsam zum Leben erwachte. Und tatsächlich – unser Timing war perfekt. Mit dem unbestreitbaren Stolz von Parkplatz-Eroberern lenkten wir unser fahrendes Zuhause auf einen perfekten Stellplatz – mit Bergblick, versteht sich. Der frühe Vogel fängt den Wurm – oder in unserem Fall: den besten Platz mit Premium-Aussicht.

Und so wurde aus einem einfachen Frühstück ein kulinarisches Erlebnis mit Panoramagarantie. Während Stefan den Kaffee zubereitete und Nadine sich um die Marmeladentoasts kümmerte, wurde mir eines klar: Es gibt Momente, in denen alles stimmt. Der klare Himmel, die schneebedeckten Gipfel, die frische Bergluft – und wir mittendrin.

Die Kinder hingegen hatten weniger für die Ästhetik übrig. Sie widmeten sich mit ungebremstem Appetit ihren Toasts und Kakao, während wir Erwachsenen unseren ersten Kaffee des Tages zelebrierten. Ein perfekter Start in den Tag – mit der Aussicht, dass das Beste noch vor uns lag.

Nach unserem Frühstück am Trailhead des Haiyaha Junction Trail ging es endlich los. Der Weg begann harmlos – ein schmaler Pfad, der sich sanft durch dichte Wälder schlängelte, umgeben von duftenden Kiefern und vereinzelten Sonnenstrahlen, die durch das Blätterdach blitzten. Noah und Emilia allerdings? Die hatten anderes im Sinn.

Haiyaha Trail

Während wir Erwachsenen noch damit beschäftigt waren, unsere Rucksäcke zu richten und in den Wandermodus zu finden, waren die beiden längst in den „Abenteuer-Modus“ gewechselt. Sie hüpften über Baumwurzeln, erklommen jeden erreichbaren Felsen und verwandelten den Pfad in eine persönliche Spielwiese. Verstecken hinter umgestürzten Baumstämmen? Check. Wettläufe über Stock und Stein? Check. Die Frage, ob man schneller ist als der Wind? Offen – aber ein ambitioniertes Forschungsprojekt.

Irgendwann gaben wir es einfach auf, gegen diese unerschöpfliche Energie anzukämpfen. Also ließen wir uns mitziehen – in ein Tempo, das irgendwo zwischen „gemütliche Wanderung“ und „Training für Ninja Warrior Kids“ lag.

Erster Stopp: Nymph Lake. Ein kleiner, verwunschener See, dessen Oberfläche fast vollständig von Seerosen bedeckt war. Ein Instagram-Moment – hätte es hier Empfang gegeben. Stattdessen blieb uns nur, das Panorama live zu genießen – was vermutlich eh die bessere Wahl war.

Die Kinder allerdings fanden die Schönheit des Sees nur mäßig spannend. Viel aufregender war die Frage: „Kann man auf einer Seerose stehen?“ Während wir Erwachsenen noch überlegten, ob wir hier eine kindliche Entdeckung der Schwerkraft erleben würden, standen Noah und Emilia bereits am Ufer in Startposition.

Nymph Lake

Keine Sorge – wir haben sie rechtzeitig zurückgepfiffen. Abenteuer ja, Seerosen-Surfen nein. Manche Experimente müssen einfach nicht sein.

Stefan und ich hatten 2014 den Trail bis zum Emerald Lake durchgezogen, aber mit zwei unermüdlichen Energiebündeln im Schlepptau entschieden wir uns heute für eine etwas realistischere Variante: den Dream Lake als Ziel. Man muss ja nicht gleich am ersten Tag einen Marathon hinlegen – schließlich hatten wir noch eine ganze Reise vor uns. Also umrundeten wir den Dream Lake, genossen die Aussicht und drehten um, bevor die Kinder überhaupt daran denken konnten, „Ich kann nicht mehr“ zu nörgeln. Clever, oder?

Auf dem Rückweg zeigte sich jedoch: Diese Sorge war völlig unbegründet. Von „Ich kann nicht mehr“ war bei Noah keine Spur. Ganz im Gegenteil. Während wir Erwachsenen bereits erste Anzeichen von „Oh, das spüre ich morgen in den Beinen“ entwickelten, hüpfte er unermüdlich weiter – als hätte er heimlich Duracell-Batterien eingelegt.

Das Highlight des Rückwegs? Noah fand „den perfekten Wanderstock“. Und natürlich war dieser ab sofort unersetzlich. Ein Artefakt von unschätzbarem Wert, das die Wanderung nicht nur erleichterte, sondern ihn vermutlich auch in einen echten Abenteurer verwandelte. (Seine Worte, nicht unsere.)

Emilia hingegen hatte eine andere Strategie zur Bewältigung der letzten Meter: Sie machte es sich kurzerhand auf Papas Schultern bequem – die vermutlich bequemste Art zu wandern, wenn man die richtigen Argumente (oder einfach den süßesten Dackelblick) hat.

Und wir Erwachsenen? Wir spürten die Wanderung jetzt ganz deutlich. Aber während unsere Muskeln langsam nach Erbarmen riefen, konnten wir uns ein Lächeln nicht verkneifen. Denn so fühlt sich ein perfekter Tag in den Rockies an.

Bear Lake Trail Head

Zurück am Trailhead entdeckten wir einen Park Ranger, der vor seinem kleinen Infohäuschen eine Mini-Ausstellung aufgebaut hatte – eine Sammlung beeindruckender Geweihe der hier lebenden Tiere. Für Noah war das natürlich keine harmlose Schaufläche, sondern eine direkte Einladung zum Anfassen.

Jedes Geweih musste hochgehoben, inspiziert und mit einem ehrfürchtigen „Wow!“ kommentiert werden. Der Junge war in seinem Element. Bis er zum Elchgeweih kam.

Bear Lake Trail Head

Hier wurde es ernst. Noah packte es mit beiden Händen, stemmte sich dagegen – und bewegte es mit viel Mühe. Mit aller Kraft versuchte er, es anzuheben, und stellte schließlich entsetzt fest: „Das trägt ein Tier auf dem Kopf?!“Der ungläubige Blick sprach Bände. Und ganz ehrlich? Ich konnte es auch kaum glauben.

Als nächstes war das Hirschgeweih dran – nicht weniger imposant. Doch als der Ranger beiläufig erklärte, dass das nur eine Hälfte sei, stand Noah kurz vor einer existenziellen Erkenntniskrise. „Das ist nur die Hälfte?!“ Vor lauter Staunen ließ er das Geweih fast fallen. Die Vorstellung, dass ein Hirsch mit einem kompletten Geweih durch den Wald spazierte, schien seine bisherige Vorstellung von „starken Tieren“ komplett auf den Kopf zu stellen.

Und genau dieser Moment war es, der nicht nur Noah, sondern auch uns Erwachsene zum Nachdenken brachte.Die Tiere hier sind echte Naturwunder – und verdammt stark.

Bear Lake Trail Head

Bevor wir den Park endgültig verließen, beschlossen wir spontan, dem Bear Lake noch eine zweite Chance zu geben – diesmal unter strahlendem Sonnenschein. Und was für ein Unterschied! Gestern noch ein mystischer, nebelverhangener Ort, der fast etwas Geheimnisvolles hatte, zeigte sich der See heute in einer ganz neuen Version – als hätte er über Nacht einen kompletten Stimmungswandel durchgemacht. Klingt idyllisch? War es auch. Zumindest fast.

Denn der gemeine, eiskalte Wind, der über den See pfiff, hatte offenbar beschlossen, dass es hier nicht zu gemütlich werden durfte. Er blies uns mit einer Entschlossenheit entgegen, als wolle er uns persönlich darauf hinweisen, dass wir uns in hochalpinem Gelände befanden – und nicht in einem tropischen Paradies.

Aber Oli ließ sich davon nicht beirren. Er wollte wissen, wie kalt das Wasser wirklich war. Also wagte er sich mit entschlossenem Gesichtsausdruck ans Ufer und tauchte eine Hand hinein. Das Ergebnis? Sein Gesichtsausdruck sprach Bände. Oder, um es kurz zu machen: Wie kalt das Wasser war, könnt ihr hier auf dem Bild sehen. Sehr. Kalt.

Bear Lake

Nach unserer fantastischen Wanderung war es an der Zeit, dem Rocky Mountain National Park Lebewohl zu sagen – zumindest für dieses Abenteuer. Unser nächstes Ziel: Estes Park.

Die Straße schlängelte sich durch die Landschaft, als wollte sie uns den Abschied ein wenig erschweren, und als wir schließlich am Estes Lake vorbeikamen, hielt der gesamte Camper für einen Moment kollektiv den Atem an.

Der See lag spiegelglatt in der Sonne, eingerahmt von den beeindruckenden Gipfeln der Rockies. Das Wasser funkelte so verführerisch, dass der Gedanke, einfach anzuhalten und hineinzuspringen, mehr als nur kurz durch unsere Köpfe huschte. „Wunderschön“ war das Wort, das uns allen auf der Zunge lag – und doch fühlte es sich fast zu banal an für diesen Anblick.

Lake Estes

Auf dem Weg durch das charmante Städtchen Estes Park bot sich uns eine Szene, die direkt aus einer Comedy-Film-Szene oder einer sehr ambitionierten National-Geographic-Dokumentation stammen könnte.

Direkt vor dem Hotel Estes hatte sich eine ganze Herde von Wildtieren versammelt. Angeführt von einem beeindruckenden Hirsch, dessen Geweih ungefähr die Breite einer ausgewachsenen Hoteltür hatte, standen sie dort – seelenruhig und mit einer Gelassenheit, als gehörten sie zum Stammpublikum. Es sah tatsächlich so aus, als würden sie darauf warten, einzuchecken.

Man konnte sich lebhaft vorstellen, wie der Hirsch an der Rezeption steht und mit tiefer Stimme sagt: „Zwei Nächte, bitte. Mit Frühstücksbuffet. Und keine Zimmer mit Blick auf den Parkplatz – wir wollen die Berge sehen.“

Die restliche Herde? Stand lässig im Hintergrund, als ob sie entweder auf ihre Zimmerschlüssel wartete oder darauf, dass jemand das Gepäck abnimmt. Vielleicht dachten sie sich ja: „Warum durch die Berge streifen, wenn es hier bequeme Betten gibt?“ Oder sie wollten einfach testen, ob der Service im Hotel Estes besser ist als in der Wildnis.

So oder so – diese Szene hat uns köstlich amüsiert. Und sie bewies einmal mehr: Selbst die Tiere von Estes Park wissen den besonderen Charme dieses Städtchens zu schätzen.

Hotel Estes

Inzwischen knurrten unsere Mägen so laut wie ein ausgewachsener Grizzlybär – höchste Zeit für eine ordentliche Stärkung! Die Wahl fiel schnell auf das Big Horn Restaurant, ein gemütliches Lokal mit rustikalem Charme und einer Speisekarte, die allein beim Lesen hungrig machte.

Kaum hatten wir uns gesetzt, dauerte es nicht lange, bis der Tisch mit dampfenden Burgern, herzhaften Sandwiches und einer riesigen Portion knuspriger Pommes gedeckt war. Noah und Emilia entwickelten dabei eine beeindruckende Geschwindigkeit, wenn es um die Vernichtung von Pommes ging – eine Performance, die vermutlich jeden Wettesser ins Staunen versetzt hätte.

Big Horn Restaurant

Während wir Erwachsenen uns genüsslich durch unsere Burger arbeiteten, ließen wir uns von der entspannten Atmosphäre einlullen. Deftiges Essen, eine gemütliche Umgebung und eine wohlverdiente Pause nach einem aktiven Vormittag – genau das, was wir brauchten.

Zum krönenden Abschluss? Natürlich ein riesiges Eis für die Kinder. Denn was wäre ein perfektes Essen ohne ein süßes Finale? Frisch gestärkt und rundum zufrieden waren wir bereit, uns in den nächsten Abschnitt unseres Tages zu stürzen – mit vollem Bauch und neuer Energie für das nächste Abenteuer.

Um 13:30 Uhr starteten wir unsere fast sechsstündige Fahrt durch die malerischen Landschaften von Wyoming.Die Szenerie wechselte zwischen weiten Ebenen, zerklüfteten Hügeln und endlosen Straßen, die direkt aus einem Westernfilm stammen könnten – fehlte nur noch ein einsamer Cowboy am Horizont, der in den Sonnenuntergang ritt.

Während die Landschaft an uns vorbeizog, versüßten wir uns die Fahrt mit Musik, klassischen Autospielen wie „Ich sehe was, was du nicht siehst“ und regelmäßigen Staunmomenten über die spektakuläre Natur. 

Wyoming fühlte sich riesig und friedlich zugleich an – als würde die Zeit hier einfach langsamer laufen. Kilometer um Kilometer ließen wir hinter uns, während die Sonne sich langsam dem Horizont näherte.

Wyoming

Gegen Abend erreichten wir die Gegend um Hot Springs – und damit begann die “besonders unterhaltsame” Phase unseres Tages. Der Campingplatz, das Fall River Ranch RV Resort, war… sagen wir mal, interessant ausgeschildert.

Im Dunkeln verwandelte sich die Suche nach der Einfahrt in eine Mischung aus Schnitzeljagd, Escape Room und unfreiwilligem Orientierungslauf. Während das Navi uns mit stoischer Gelassenheit in eine Richtung lotste, die uns verdächtig nach Nirgendwo aussah, fuhren wir mehrere Runden im Kreis und führten eine hitzige Diskussion darüber, ob unser GPS vielleicht einfach beschlossen hatte, uns ein wenig herauszufordern.

Fall River Ranch RV Resort

Lustigerweise stellte sich heraus, dass wir bereits zwei Mal an der richtigen Einfahrt vorbeigefahren waren. Ein Detail, das natürlich niemand zugeben wollte.

Der Moment, als wir endlich den Camper auf den Stellplatz manövrierten, fühlte sich an wie der Sieg eines epischen Abenteuers. So muss sich Indiana Jones gefühlt haben, wenn er am Ende doch noch den Tempel des verlorenen Schatzes gefunden hat – nur mit weniger Peitschen und mehr Blinker-Setzen.

Nach diesem langen Tag voller Abenteuer und kleiner Irrfahrten waren wir einfach nur froh, angekommen zu sein. Es dauerte keine fünf Minuten, bis alles für die Nacht vorbereitet war. Müde, aber zufrieden, fielen wir schließlich in unsere Betten, während draußen über der weiten Landschaft ein funkelnder Sternenhimmel spannte, der jede Straßenlaterne überflüssig machte.

Wyoming hatte uns mit seiner beeindruckenden Natur, seinem entschleunigten Tempo und ein paar unvorhergesehenen Herausforderungen bestens auf Trab gehalten. Und wenn der heutige Tag nur ein Vorgeschmack auf das war, was uns noch erwartete – dann konnte es nur großartig werden!

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