
Von Murano bis Burano: Farbenrausch, Glaskunst und ein Vollmondspektakel
Der Morgen begann mit einer kleinen Mission: Brötchenjagd. Während Stefan noch im Halbschlaf nach dem Kaffeefilter tastete, machte ich mich auf den Weg zum Store des Campingplatzes, um die lebensnotwendigen Backwaren zu sichern. Ein erfolgreicher Beutezug später kehrte ich mit einer Tüte voller duftender Brötchen zurück – und wurde belohnt mit einem Anblick, der jeden Postkartenkünstler in Verzückung versetzt hätte.
Die Sonne tauchte gerade über der Lagune auf, färbte den Himmel in dramatische Orange- und Rosatöne und spiegelte sich malerisch im Wasser. Ein Sonnenaufgang wie aus dem Bilderbuch – und das direkt vor unserem Stellplatz!Während Stefan mit geübten Handgriffen den Kaffee aufbrühte, standen wir da und genossen das Schauspiel. Italien hatte es wieder mal drauf.

Doch das war nicht die einzige Show am Morgen. Direkt vor uns glitten gigantische Frachtschiffe in den Hafen und wieder hinaus aufs offene Meer. Ihre Motoren brummten so tief, dass man es weniger hörte als vielmehr im Brustkorb spürte. Manch ein Camper mag sich an dem Lärm stören – wir hingegen fanden es grandios. Während andere sich vielleicht über die sanfte Störung der Idylle beklagten, standen wir fasziniert da und kommentierten die Szene mit der Expertise frisch gebackener Seefahrts-Experten. „Der da ist locker 300 Meter lang.“
Die Lagune erwachte langsam zum Leben, der Kaffee dampfte in unseren Bechern, und mit jedem vorbeiziehenden Koloss fühlte sich der Morgen mehr nach Abenteuer an. Ein perfekter Start in den Tag – laut, imposant und voller Vorfreude. Denn bald würden auch wir aufs Wasser gehen.


Nach dem Frühstück übernahm ich die erste offizielle Mission des Tages: die Beschaffung des Kombitickets. 63 Euro pro Person – nicht gerade ein Schnäppchen, aber dafür gab es drei Tage grenzenlose Freiheit auf Venedigs Wasserstraßen. Fähre zum Festland? Check. Unbegrenzte Fahrten mit den Vaporetti? Check. Das Ticket war also der heilige Gral für alle, die in Venedig vorankommen wollen, ohne sich ruinöse Gondelpreise oder schweißtreibende Fußmärsche anzutun.
Für alle, die mit dem Konzept „Vaporetto“ nicht vertraut sind: Stellt Euch einen Bus vor. Jetzt entfernen wir die Räder, setzen das Ganze auf einen Kanal und würzen es mit einer Prise italienischem Chaos – voilà, das Vaporetto! Statt Fahrbahn gibt’s Wasser, statt Ampeln kleine Anleger, und statt nervöser Autofahrer stehen Touristen mit riesigen Kameras an Deck und versuchen, den besten Fotospot zu ergattern. Nicht ganz billig, aber unschlagbar praktisch.
Mit dem Ticket in der Tasche kehrte ich triumphierend zum Camper zurück. Das Abenteuer konnte beginnen. Venedig wartete – und diesmal würden wir uns nicht einfach nur treiben lassen, sondern das Labyrinth der Kanäle auf unsere Weise erobern.

Um Punkt 9 Uhr hieß es: Leinen los! Wir bestiegen das zweite Boot des Tages und glitten dem Herz von Venedig entgegen. Doch das war keine gewöhnliche Überfahrt – es war eine Show, die besser war als jedes Kinoerlebnis.
Der Himmel? Ein makelloses Blau, als hätte ihn jemand für einen Hochglanz-Reisekatalog retuschiert. Die Lagune? Ein pulsierendes Schauspiel aus Wellen und Booten, jedes mit seiner eigenen Mission.
Rings um uns herum lief das Venezianische Verkehrsballett auf Hochtouren: Wasser-Taxis flitzten vorbei wie edle Limousinen, Frachtboote schleppten alles heran, was eine autofreie Stadt nun mal so braucht – von knackigem Gemüse bis zu Baumaterial. Und dann, in der Ferne, die erste Gondel! Wie ein VIP der Wasserstraßen glitt sie anmutig dahin, während der Gondoliere mit lässiger Präzision seine Stange ins Wasser tauchte. Die Wellen spielten mit dem Sonnenlicht, kräuselten sich sanft, als würden sie uns den Weg weisen. Mit jedem Meter, den wir der Stadt näher kamen, wuchs meine Vorfreude.
Dann war es soweit. Wir legten an der Haltestelle Zattere im Süden von Venedig an. Schon bevor wir einen Fuß auf venezianischen Boden setzten, umfing uns die unverwechselbare Magie dieser Stadt. Das Wasser funkelte zwischen den historischen Fassaden, eine warme Brise trug das geschäftige Summen der erwachenden Stadt zu uns herüber. Venedig war nicht nur eine Kulisse – es lebte, pulsierte, atmete.
Wir waren angekommen. Und das Abenteuer konnte beginnen.
BILDERGALERIE: Terminal Fusina
Von Zattere aus begannen wir unseren Spaziergang durch die Gassen Venedigs, mit einem klaren Ziel vor Augen: die Ponte dell’Accademia, eine der vier Brücken, die den Canal Grande überspannen. Der Weg dorthin war ein Vorgeschmack auf das, was uns in den nächsten Tagen erwarten würde – ein Labyrinth aus kleinen Straßen, versteckten Innenhöfen und immer wieder diesen charmanten, winzigen Brücken, die jede Ecke der Stadt verbinden.
Und dann waren wir da. Als wir die Ponte dell’Accademia erklommen, wurden wir mit einem Ausblick belohnt, der selbst die schönsten Postkarten alt aussehen ließ. Der Canal Grande lag wie ein lebendiges Gemälde vor uns: Rechts die majestätische Basilica di Santa Maria della Salute, deren imposante Kuppel im Sonnenlicht strahlte, als wolle sie uns daran erinnern, warum Venedig zu den schönsten Städten der Welt gehört. Unter uns glitzerte das Wasser und es wimmelte von Bewegung: Gondeln, Vaporetti und kleine Transportboote, die alle geschäftig umher fuhren. Für einen Moment hielten wir inne, einfach nur um diesen Anblick zu genießen. Atemberaubend – im wahrsten Sinne des Wortes.

Doch Venedig hatte noch mehr Überraschungen in petto. Von der Ponte dell’Accademia aus tauchten wir weiter in das Labyrinth der Stadt ein. Jede Gasse ein kleines Abenteuer, jeder Winkel ein neues Fotomotiv. Bunte Fensterläden, versteckte Innenhöfe mit verwunschenen Blumenbeeten – Venedig macht selbst den schlichtesten Spaziergang zu einer Entdeckungstour.
Unser nächster Halt: der Campo San Stefano. Ein weiter, sonnendurchfluteter Platz, umgeben von eleganten Palazzi und gemütlichen Cafés. Doch das wahre Highlight? Ein Turm, der offenbar beschlossen hatte, die Schwerkraft einfach nicht so ernst zu nehmen.
Der schiefe Campanile von San Stefano neigte sich mit einer Lässigkeit zur Seite, als wollte er sagen: „Gerade stehen kann jeder.“ In Venedig scheint man eine gewisse Vorliebe für schräg stehende Türme zu haben – eine Art inoffizieller Gruß an Pisa, aber mit einer ordentlichen Prise venezianischem Charme.
Während wir da standen und seine unübersehbare Schieflage bewunderten, kam unweigerlich die Frage auf: Hält das noch lange? Spoiler: Ja, tut es. Der Turm steht schon seit Jahrhunderten so, und solange ihn niemand allzu fest anstupst, wird das wohl auch so bleiben.

Weiter ging’s, immer tiefer hinein in das venezianische Labyrinth, über unzählige kleine Brücken, durch enge Gassen, in denen man manchmal instinktiv den Bauch einzog, obwohl es gar nicht nötig war. Hinter jeder Ecke flüsterte die Stadt uns zu: „Schau mal, was ich noch für dich habe – bin ich nicht fantastisch?!“ Und ja, Venedig, das bist du.
Dann plötzlich – da waren wir. Piazza San Marco. Das Herz Venedigs, das Epizentrum aller Postkartenmotive. Majestätisch, ikonisch – und heute, im Herbstlicht, besonders eindrucksvoll.
Die Basilica di San Marco funkelte in der Sonne, als hätte sie sich für diesen Moment extra herausgeputzt. Selbst Reisemuffel hätten hier wohl kaum ein gelangweiltes „Joa, ganz nett“ über die Lippen gebracht. Der Platz war belebt, aber nicht überlaufen. Der Sommertrubel hatte sich verzogen, und statt Touristenmassen konnte man tatsächlich Atmosphäre aufsaugen. Ein seltener Luxus in Venedig.
Straßenmusiker spielten ihre Melodien, die perfekte Untermalung für diesen Moment. Und natürlich die Tauben.Diese fliegenden Opportunisten, die ihre jahrhundertealte Masche mit gnadenloser Präzision durchzogen: Einmal unschuldig gucken – zack, Keks geklaut.
Unser Weg führte uns weiter zum Dogenpalast, dem Palazzo Ducale. Schon von außen: purer Prunk mit einer Prise Mittelalter-Drama. Die Architektur? Ein Hauch von „Wow“ mit einer ordentlichen Portion venezianischer Geschichte. Kaum hatten wir die kunstvollen Bögen und filigranen Fassaden bewundert, da standen wir schon wieder am Wasser – am Canal Grande, der wie ein lebendiges Gemälde vor uns lag.
Elegante Gondeln schaukelten sanft auf den Wellen, die Wasserbusse tanzten in ihrem typischen, leicht chaotischen Rhythmus, und die Stadt spiegelte sich im Wasser – ein echtes Postkartenmotiv in Echtzeit.
BILDERGALERIE: Piazza San Marco & Palazzo Ducale
An der nächsten Haltestelle wartete das nächste Abenteuer: ein Vaporetto, das uns den Canal Grande entlang bis zur berühmten Ponte di Rialto bringen sollte. Wer braucht schon eine klassische Stadtrundfahrt, wenn man hier einfach ins Wasser steigen kann?
Die Fahrt? Ein Sprung durch die Jahrhunderte. Rechts und links reihten sich die Palazzi dicht aneinander, als wollten sie sich gegenseitig übertrumpfen. Jeder einzelne eine Geschichte für sich, jeder mit einer Fassade, die von vergangenen Zeiten flüsterte – von opulenten Festen, Handelsdynastien, Machtspielen und Intrigen. Einige strahlten noch immer in alter Pracht, andere wirkten, als hätten sie schon bessere Tage gesehen, aber genau das machte den Charme aus. Venedig altert nicht – es patiniert.
Während das Vaporetto gemütlich durch den Canal Grande tuckerte, konnte man sich kaum entscheiden, wohin man zuerst schauen sollte. Ein Balkon mit filigranen Bögen hier, ein halbverfallenes, aber irgendwie romantisches Fenster dort. Jeder Winkel erzählte von einem vergangenen Glanz, der nie ganz verblasst ist – eine Mischung aus Historie und Romantik, wie sie nur Venedig hinbekommt.
Und während wir so durch diese schwimmende Zeitkapsel glitten, kam langsam unser Ziel in Sicht: die Ponte di Rialto – eine der bekanntesten Brücken der Welt.

Die Ponte di Rialto – die älteste, berühmteste und wahrscheinlich fotogenste Brücke über den Canal Grande. Ihre elegante Bogenkonstruktion strahlte eine Erhabenheit aus, die fast vergessen ließ, dass sie ursprünglich nur aus Holz war – bis ein paar Brände und Zusammenbrüche die Venezianer irgendwann zur Einsicht brachten: „Vielleicht doch lieber aus Stein.“
Wir verließen unser schwimmendes Taxi und machten uns auf den Weg hinauf auf die Brücke. Ein Spaziergang durch Geschichte, flankiert von kleinen Geschäften, die sich wie Perlen aneinanderreihten. Schmuck, Lederwaren, Souvenirs – ein bisschen von allem, aber immer mit dieser besonderen Rialto-Atmosphäre.

Oben angekommen, bot sich uns ein Anblick, der selbst die geschäftigste Touristenkamera für einen Moment innehalten ließ. Der Canal Grande unter uns – eine Bühne des täglichen venezianischen Chaos. Händler, Touristen, Gondolieri, Vaporetti – alle in einer perfekten, wenn auch scheinbar ungeplanten Choreografie, die nur Venedig so hinbekommt.
Die Rialto war mehr als nur eine Brücke. Sie war eine Bühne, ein Aussichtspunkt, ein Wahrzeichen – und vor allem ein Symbol für das pulsierende Herz dieser Stadt.
BILDERGALERIE: Canal Grande
Bevor es weiterging, stand noch eine kleine Mission auf dem Plan – für Nadine. Sie sammelt leidenschaftlich die „Been There“-Tassen von Starbucks, und ausgerechnet hier, in der Lagunenstadt des perfekten Espressos, hatte vor kurzem der erste Starbucks in Venedig eröffnet. Eine amerikanische Kaffeehauskette inmitten von jahrhundertealter Kaffeekultur? Der Gedanke fühlte sich zunächst an wie Ananas auf Pizza – aber für Nadines Sammlung musste es sein.
Und so machten wir uns auf den Weg. Es war ein kurioser Anblick: Während draußen italienische Baristas mit stoischer Perfektion kunstvolle Cappuccino-Kreationen zauberten, saßen drinnen Menschen mit Pumpkin-Spice-Lattes und überdimensionalen Frappuccinos, als wären wir mitten in New York. Venedig trifft Seattle – mit einer ordentlichen Prise Koffein.
Aber wenn Nadine zu Hause dann die heiß begehrte Tasse in den Händen hielt, wird sie über das ganze Gesicht strahlen. Und genau das machte den kleinen Abstecher lohnenswert. Manchmal sind es eben genau diese Kontraste, die das Reisen so spannend machen: Tradition und Moderne, Espresso und Sirup-Kreationen – irgendwie hatte beides seinen Platz.
Doch nun zurück zum eigentlichen Plan: Nach unserer kleinen Starbucks-Exkursion enterten wir wieder ein Vaporetto und fuhren in Richtung Piazzale Roma. Ein Ort, der in Venedig eine absolute Ausnahme darstellt – denn hier, und nur hier, dürfen Autos noch fahren. Die letzte Bastion der Straßenverkehrswelt, bevor Venedig endgültig ins Wasser übergeht.
Diese 1933 errichtete Esplanade ist der Scheidepunkt zwischen zwei Welten: Für Autofahrer endet hier die Reise – oder beginnt sie, je nachdem aus welcher Richtung man kommt. Ein skurriler Kontrast. Auf der einen Seite hupende Taxis, Roller und Busse, auf der anderen Seite schaukelnde Boote und gemächlich dahinziehende Gondeln. Als würde Venedig den modernen Verkehr mit einem letzten, müden Blick verabschieden, bevor es sich wieder ganz seiner Lagunen-Romantik hingibt.

Im Hintergrund spannte sich die Ponte della Libertà – die einzige Straße, die Venedig mit dem Festland verbindet.Majestätisch und doch schlicht überspannt sie die Lagune, als wollte sie uns ermutigen: „Glückwunsch, ihr habt den Sprung von der Realität in die venezianische Märchenwelt geschafft.“
Ein moderner Knotenpunkt in einer Stadt, die sich ansonsten beharrlich gegen den Lauf der Zeit zu wehren scheint.Hier trifft Beton auf Geschichte, Autos auf Gondeln – ein Anblick, der Venedigs Sonderstatus noch einmal eindrucksvoll unterstreicht.
Vom Piazzale Roma aus führte unser Weg durch den Bahnhof Stazione di Venezia Santa Lucia. Man erwartet vielleicht nur einen nüchternen Zweckbau – stattdessen eine unerwartete Mischung aus Funktionalität und venezianischer Eleganz. Für viele Reisende ist dieser Bahnhof das Tor zur Lagunenstadt, der Moment, in dem sie aus der realen Welt ins venezianische Wunderland eintreten. Für uns? Nur eine Zwischenstation. Unser eigentlicher Plan lag jenseits der Bahngleise – eine Bootsfahrt zur Insel Murano.
Murano – das Herz der Glaskunst. Schon auf der Überfahrt wuchs die Vorfreude auf das, was uns erwartete: Glühende Öfen, jahrhundertealtes Handwerk und eine ganze Insel, die Glasbläserei atmet.
Kaum angekommen, umfing uns der unverwechselbare Charme dieser kleinen Insel. Ruhig, fast idyllisch – aber keineswegs verschlafen. Kleine Kanäle, gesäumt von bunten Häusern, schlängelten sich durch die Straßen, als hätte sich Murano entschieden, eine Miniaturversion von Venedig zu sein – nur entspannter, mit weniger Trubel, aber genauso faszinierend.
Doch Murano ist nicht einfach nur hübsch – hier geht es um echtes Handwerk. Die Schaufenster funkelten mit kunstvollen Glasarbeiten, filigran und farbenprächtig, als hätten sich hier tausend Sonnenstrahlen eingefangen. In den kleinen Werkstätten konnte man den Hauch von Kreativität spüren. Hier wurde nicht einfach nur Glas geblasen – hier wurde Kunst geboren.
Murano-Glas – Die funkelnde Kunst der venezianischen Glasbläser
Nur wenige Orte auf der Welt sind so eng mit der Kunst des Glasblasens verbunden wie Murano, eine kleine Insel nördlich von Venedig. Seit Jahrhunderten steht der Name Murano-Glas für außergewöhnliche Handwerkskunst, brillante Farben und faszinierende Muster – ein Erbe, das bis heute lebendig ist.
Wie eine kleine Insel zur Welthauptstadt des Glases wurde
Die Geschichte von Murano-Glas reicht zurück bis ins 13. Jahrhundert, als die venezianischen Behörden beschlossen, alle Glasbläsereien aus der dicht bebauten Altstadt Venedigs auszulagern – nicht aus Liebe zur Kunst, sondern aus purem Pragmatismus: Die offenen Flammen der Glasöfen waren eine große Brandgefahr für die Holzgebäude der Stadt. Also wurde die Glasproduktion auf die Insel Murano verlegt – ein scheinbar einfacher Schritt, der die Insel zur Welthauptstadt der Glasbläserei machte.
Die geheimen Techniken der „Maestri“
Die Glasbläser von Murano, die „Maestri“ (Meister) genannt werden, entwickelten über Jahrhunderte hinweg raffinierte Techniken, die es sonst nirgendwo gab. Bis heute werden die Geheimnisse nur innerhalb der Familien weitergegeben, und die Kunstfertigkeit der Glasbläser macht jedes Stück zu einem Unikat.
Einige der bekanntesten Techniken sind:
- Millefiori („Tausend Blumen“) – Bunte Glasstäbe werden in feine Scheiben geschnitten und zu kunstvollen, blütenartigen Mustern verschmolzen.
- Sommerso („Eingetaucht“) – Schichten aus farbigem Glas werden in transparentem Glas eingeschlossen, was für einen tiefen, fast schwebenden Farbeffekt sorgt.
- Filigrana – Hier werden dünne Glasfäden zu kunstvollen Mustern verarbeitet, die sich durch das Glas ziehen.
- Cristallo – Eine Technik aus dem 15. Jahrhundert, die für besonders reines, klares Glas sorgt und Murano damals einen technischen Vorsprung gegenüber dem restlichen Europa verschaffte.
Von Vasen bis Kronleuchtern – Muranos Glaskunst im Alltag
Murano-Glas ist heute in unzähligen Formen zu finden:
- Vasen, Schalen und Skulpturen mit faszinierenden Farben und Mustern.
- Filigrane Perlen und Schmuckstücke, die bis heute per Hand gefertigt werden.
- Prunkvolle Kronleuchter, die ganze Säle in ein venezianisches Funkeln tauchen.
Besonders begehrt sind die kunstvollen Glasfiguren, die mit unglaublicher Präzision aus flüssigem Glas geformt werden – vom winzigen Seepferdchen bis zum majestätischen Löwen.
Murano erleben – ein Blick hinter die Kulissen
Wer Murano besucht, kann den Meistern hautnah bei der Arbeit zusehen. Viele Glaswerkstätten öffnen ihre Türen für Besucher, die live miterleben können, wie aus glühender, formbarer Masse kunstvolle Glasobjekte entstehen – ein magischer Moment, in dem sich Jahrhunderte alte Tradition und kunstvolles Handwerk vereinen.
Die Insel selbst ist ein einziges lebendiges Museum
Überall finden sich Werkstätten, Museen, die die Geschichte der Glaskunst erzählen, und kleine Boutiquen, die authentische Murano-Stücke verkaufen.
Murano-Glas – eine Kunst, die überdauert
Auch wenn heute billige Nachahmungen aus China die Märkte fluten, bleibt Murano-Glas ein Synonym für Qualität, Tradition und handwerkliche Perfektion. Wer ein echtes Stück aus Murano in Händen hält, hält nicht nur ein Kunstwerk, sondern ein Stück Geschichte.
Kaum hatten wir uns umgesehen, winkte uns ein freundlicher Herr mit der vielversprechenden Einladung: „Wollt ihr eine echte Glasbläser-Vorführung sehen?“ Nun, wer kann zu Feuer, flüssigem Glas und venezianischer Handwerkskunst schon nein sagen? Für 5 Euro Eintritt? Ein echtes Schnäppchen – wenn man bedenkt, dass man in Venedig sonst für ein winziges Espressotässchen schon ähnlich tief in die Tasche greift.
Und dann ging die Show los.
Der Glasbläser, ein Mann mit der lässigen Gelassenheit eines Meisters, der wahrscheinlich im Schlaf Weingläser formen könnte, griff sich einen glühenden Klumpen Glas und begann sein Werk. Er drehte, pustete, zupfte – alles mit der Routine eines Künstlers, der genau weiß, dass wir staunen würden.
Erstes Kunststück: Ein buntes Trinkglas. Eleganz in Glasform, perfekt geformt, als wäre es vom Murano-Göttervater persönlich abgesegnet worden. Wir nickten beeindruckt, klatschten höflich – und dachten, das wäre es gewesen. Weit gefehlt.
Denn dann kam die wahre Magie.
Plötzlich verwandelte sich ein neuer glühend heißer Glasklumpen in ein filigranes Pferd. Ja, ein Pferd! Mit Beinen, Mähne und Haltung, als hätte es sich gerade für eine venezianische Karnevalsparade aufgestellt. Und das in einer Geschwindigkeit, die vermuten ließ, dass der Mann das locker auch auf Zeit macht.
Fazit: 5 Euro für eine kunstvolle Feuershow, einen Meister bei der Arbeit und die Erkenntnis, dass wir alle vermutlich kläglich daran scheitern würden, auch nur eine anständige Glaskugel hinzubekommen. Jeder Cent war es wert.
BILDERGALERIE: Xe Vero Murano
Nun ging es durch den Souvenirshop zurück nach draußen – eine clevere kleine Einbahnstraße, die sicherstellt, dass man sich nach der Vorführung noch einmal intensiv mit der Kunst des Kaufens beschäftigt. Aber hey, unser 5-Euro-Eintritt konnte auf ein Souvenir angerechnet werden! Ein Marketing-Trick? Vielleicht. Aber immerhin konnte ich mir jetzt einreden, ein echtes Schnäppchen zu machen.
Und so stand ich vor den Regalen voller kunstvoller Glasfiguren, funkelnder Schalen und filigraner Tierchen,während mein Gehirn mir zuflüsterte: „Komm schon, du hast den Entstehungsprozess gesehen, das ist quasi eine persönliche Verbindung!“
Ergebnis: Ein kleines Glas-Pferdchen landete in meiner Tasche. Symbol für Muranos Glaskunst, emotional aufgeladen und – wie ich mir einredete – ein kluger Kauf. Stolz erklärte ich Stefan, wie unfassbar clever ich beim Sparen gewesen war.
Seine trockene Antwort? „Ja, genau so funktioniert das.“
Aber ganz ehrlich? Das war mir egal. Dieses kleine Pferd war für mich mehr als nur ein Souvenir. Es war Murano, eingefangen in Glas.
Mit unserer funkelnden Neuerwerbung – kitschig, aber unwiderstehlich – verließen wir die Fabrik und ließen uns entspannt durch die Gassen und entlang der kleinen Kanäle treiben. Murano hatte uns längst in seinen Bann gezogen.
BILDERGALERIE: Murano
Irgendwann meldete sich der Hunger – wie immer mit der subtilen Eleganz eines Nebelhorns. Unsere Wahl fiel auf das charmante Art Café & Food, direkt am Rio dei Vetrai, dem Hauptkanal der Insel. Perfekte Lage, entspannte Atmosphäre, und das leise Plätschern des Wassers als Soundtrack – Venedig hätte es nicht besser inszenieren können.
Stefan – verlässlich wie eine italienische Nonna – bestellte natürlich Spaghetti. Ich hingegen entschied mich für eine knusprige, duftende Pizza, frisch aus dem Ofen, genau auf den Punkt.
Während wir dort saßen, mit Blick auf die vorbeiziehenden Boote und die bunten Häuser, wurde mir wieder klar: Es sind genau diese Momente, für die man reist. Einfach mal durchatmen, genießen und sich für einen Augenblick völlig im Hier und Jetzt verlieren.



Nach dem Essen schlenderten wir noch ein wenig entlang des Kanals – rein zufällig natürlich direkt an den schönsten Schaufenstern vorbei. Murano-Glas in all seinen schillernden Facetten, von filigranen Schmuckstücken bis hin zu kunstvoll gearbeiteten Skulpturen, die so fein gearbeitet waren, dass man sich fragte, ob hier wirklich nur Glas oder doch ein Hauch Magie im Spiel war.
Jedes Stück schien eine eigene Geschichte zu erzählen. Manche flüsterten von Jahrhunderten alter Handwerkstradition, andere waren futuristisch und frech – als hätten venezianische Meister mit modernen Designern eine geheime Liaison gehabt. Es war schwer, die Augen von diesen funkelnden Schätzen abzuwenden – oder die Kreditkarte nicht doch noch einmal zu zücken.
Doch wir blieben stark. Gestärkt und voller Vorfreude stiegen wir ins nächste Vaporetto – bereit für die nächste Perle unseres „Insel-Hopping“-Tages: Burano.
Schon vom Boot aus war klar: Hier wartet eine völlig neue Dimension von Bilderbuch-Kulisse.
Die bunten Häuser der Insel strahlten uns entgegen, als hätten sie sich heimlich mit einem Malkasten ausgetobt. Kräftiges Blau, sattes Gelb, leuchtendes Pink – jedes Haus in einer anderen Nuance, jedes ein kleines Kunstwerk für sich.
Die Legende besagt, dass die Fischer ihre Häuser in diesen leuchtenden Farben bemalten, damit sie sie auch bei dichtem Nebel wiederfinden konnten. Eine pragmatische Idee – und nebenbei eine Marketingstrategie, von der heutige Tourismusbüros nur träumen können.
Burano sah aus wie ein lebendig gewordenes Märchenbuch. Eine Insel, die sich weigert, graue Tage zu akzeptieren, und stattdessen einfach die eigene Farbpalette aufdreht. Und genau das machte sie so einzigartig.

Wir schlenderten durch die engen Gassen, die so präzise zwischen den bunten Häusern verlaufen, als hätte ein besonders ordnungsliebender Architekt sie mit dem Lineal gezogen. Dazwischen kleine Brücken, die die Kanäle verbinden – Burano in seiner vollen Postkarten-Pracht.
Der zentrale Kanal, das pulsierende Herz der Insel, war eingerahmt von dieser schier unglaublichen Farbenvielfalt. Egal, wohin man schaute, es war ein einziges leuchtendes Gemälde. Und dann, als die Sonne langsam unterging, legte sich ein warmes, goldenes Licht über die Insel – als hätte jemand noch schnell einen Instagram-Filter auf die Realität gelegt.
Die Fassaden der Häuser glühten, spiegelten sich im glasklaren Wasser, und für einen Moment war es, als hätte die Zeit beschlossen, ein wenig langsamer zu laufen.
Und dann – der Il Campanile Storto.
Der schiefe Glockenturm von Burano ragte in den Himmel wie ein fröhlicher, leicht angetrunkener Onkel auf einer Hochzeit. Seine Neigung? Beeindruckend. Sein Charme? Unbestreitbar. Stefan konnte nicht widerstehen, den Vergleich mit Pisa zu ziehen. „Nur bunter“, stellte er fest – und ehrlich gesagt, hatte er damit nicht ganz unrecht.
Die friedliche Stimmung auf Burano war fast greifbar. Hier gab es kein hektisches Treiben, kein Gedränge – nur Farben, Licht und eine Gelassenheit, die sich anfühlte wie eine warme Umarmung. Also taten wir das einzig Richtige: Wir ließen uns treiben. Über Brücken, durch Gassen, entlang der Kanäle – ohne Plan, ohne Ziel. Denn Burano war kein Ort, den man „abarbeitet“. Burano war ein Ort, den man einfach nur fühlen musste.
BILDERGALERIE: Burano
Es war einer dieser seltenen Momente, in denen man alles um sich herum vergisst. Burano hatte uns völlig in seinen Bann gezogen – eine Insel, die sich so charmant in Szene setzte, dass man sich fast fragte, ob sie einen geheimen Sponsoring-Deal mit der Tourismusbehörde hatte.
Doch so sehr wir uns auch in dieser farbenfrohen Idylle verlieren wollten, das nächste Abenteuer wartete. Schweren Herzens verabschiedeten wir uns von Burano – nicht ohne einen letzten wehmütigen Blick zurückzuwerfen, wie zwei Touristen, die eigentlich schon den Koffer in den Händen haben, aber noch schnell ein weiteres Foto schießen müssen.
Die Rückfahrt von Burano über Murano nach Fondamente Nove? Ein perfekt inszenierter Abschied. Während unser Vaporetto leise über das glitzernde Wasser glitt, setzte die Lagune noch einmal alles daran, uns einen letzten Gänsehautmoment zu bescheren. Zuerst ein sanftes Orange am Himmel, dann ein allmählich intensiver werdendes Rot, bis sich der Horizont schließlich in ein sattes Purpur verwandelte. Die Spiegelungen auf dem Wasser verdoppelten das Spektakel – als würde Venedig das Licht mit aller Kraft festhalten, bevor es endgültig der Nacht überlassen wurde.
Es war, als hätte die Stadt einen Sinn für großes Drama – ein Abschied in Technicolor, mit sanften Wellen als Soundtrack und einem Farbverlauf, den kein Instagram-Filter der Welt besser hinbekommen hätte.

Auf dem Rückweg passierten wir erneut die Insel Murano, deren Leuchtturm im goldenen Licht der untergehenden Sonne fast mystisch wirkte – als hätte er eine geheime Absprache mit dem Wettergott getroffen, um sich heute besonders fotogen zu präsentieren.
Der Himmel? Eine sich ständig wandelnde Farbpalette. Erst warmes Orange, dann tiefes Rot, bis schließlich ein sattes Purpur den Horizont einnahm. Es war, als hätte die Natur beschlossen, uns mit einer Farbexplosion zu verabschieden, die selbst Venedigs prachtvolle Palazzi in den Schatten stellte.
Aber halt, es kam noch besser: Während auf der einen Seite die Sonne dramatisch hinter dem Horizont versank, tat sich auf der anderen Seite die nächste Inszenierung auf: Ein voller, orangefarbener Mond stieg über der Lagune auf – mit einer Grandezza, die jedem Opernfinale Konkurrenz machte. Es war der Moment, in dem man sich fragte: Hat jemand das bestellt?
Tag und Nacht, Licht und Schatten – eine perfekte Symbiose, als ob sich die Lagune selbst nicht entscheiden konnte, welche Show sie mehr bewundern sollte. Stefan, der normalerweise für Romantik etwa so empfänglich ist wie eine Marmorstatue, konnte sich ein trockenes Fazit nicht verkneifen:
„Was für ein perfekter, wenn auch ein wenig übertrieben kitschig schöner Abschluss eines unvergesslichen Tages.“
Und damit hatte er recht. Wenn die Lagune an diesem Abend eines bewiesen hatte, dann, dass sie genau wusste, wie man eine Geschichte mit einem Knall beendet.



Während der Rückfahrt nach Venedig begannen wir eine tiefgründige philosophische Debatte: Was tun mit einer verbleibenden Stunde?
Option A: Gemütlich mit einem Glas Wein an der Haltestelle Zattere sitzen und entspannt auf unser Shuttle-Boot zum Campingplatz warten.
Option B: Irgendwas völlig Ungeplantes tun und riskieren, in ein absurdes Abenteuer zu stolpern.
Spoiler: Wir wollten eigentlich Option A.
Der Plan war simpel: Mit der Linie 4.1 von Fondamente Nove nach Zattere fahren, dort entspannt auf unser Boot nach Fusina warten – und vielleicht noch ein bisschen Venedig-Romantik mit einem Glas Wein genießen. So weit, so logisch.
Also standen wir brav an der Haltestelle Fondamente Nove, wo unser Anschluss-Vaporetto uns aufsammeln sollte. Und dann begann das Chaos.
Ein Boot legte an. Sah ganz vielversprechend aus – nur trug es die Nummer 5.1. Neben uns hielt eine Frau ihren Mann noch gerade davon ab, in die falsche Linie zu steigen. „Nein, Schatz, das ist die 5.1, wir brauchen die 4.1!“
Stefan hingegen ließ sich von solchen Zahlen nicht beeindrucken. Mit einer Mischung aus unerschütterlichem Selbstbewusstsein und abenteuerlicher Risikobereitschaft zog er mich kurzerhand an Bord. „Ich hab gesehen, das fährt auch dorthin, wo wir hinmüssen. Kein Problem.“
Oh, Stefan. Meister der improvisierten Navigation.
Ich hätte wohl energischer protestieren sollen, aber ehe ich mich versah, saßen wir bereits im Boot. Zunächst schien alles bestens. Venedigs Lichter verschwanden hinter uns, das Wasser glitzerte – fast romantisch. Ich begann mich zu entspannen. Doch dann bemerkten wir, dass wir… nun ja… immer weiter von unserer eigentlichen Route abkamen.
Willkommen auf Lido – Ihrem ungeplanten Reiseziel
„Unsere Haltestelle stand definitiv auf der Tafel!“, beteuerte Stefan, während wir uns mit zunehmender Skepsis auf der Karte orientierten. Ein kurzer Blick auf die Uhr machte die Situation nicht besser:
- Aktuelle Zeit: 17:45 Uhr.
- Letztes Boot zum Campingplatz: 18:30 Uhr.
- Aktuelles Vaporetto: Legt gerade am Lido an. Und macht keinerlei Anstalten, sofort weiterzufahren. Fantastisch.
Ein erneuter Blick auf die Haltestellentafel brachte immerhin einen Hoffnungsschimmer: Dieses Boot würde tatsächlich auf dem Rückweg bei Zattere anhalten. Der Haken? Es musste erst einmal wieder ablegen. Und das dauerte. Eine. Ewigkeit.
Endlich, nach gefühlt drei Jahrhunderten, setzte sich das Vaporetto wieder in Bewegung. Während wir durch die nächtliche Lagune tuckerten, schwankte meine Stimmung irgendwo zwischen „Hahaha, was für ein lustiges Abenteuer!“und „Wie viel kostet eigentlich ein privates Wassertaxi nach Fusina?“
Und dann wurde es ein echtes Rennen gegen die Zeit. Als unser Vaporetto an Zattere anlegte, legte exakt gleichzeitig unser Shuttle-Boot zum Campingplatz ab. Wir sprinteten los. Die pure Dramatik eines Actionfilms – nur mit weniger Explosionen und mehr Touristen im Weg.
Ein Sprung, ein gehetzter Blick zum Kapitän – und wir hatten es tatsächlich an Bord geschafft. Kein entspanntes Glas Wein, kein gemütliches Innehalten – aber ein Adrenalinkick, der uns diesen Abend garantiert in Erinnerung bleiben ließ.
Ich grinste Stefan an und meinte: „So viel zum spontanen Einsteigen in das Boot, das schon da ist.“ Doch Stefan, völlig unbeeindruckt, grinste zurück: „Hey, wir haben’s doch geschafft, oder? Außerdem: Jetzt können wir sagen, dass wir auch Lido gesehen haben!“
Am Ende blieb uns nur ein erleichtertes Lachen – und die Erkenntnis, dass es mit Stefan einfach nie langweilig wird.