Outlet am Vormittag, Gardasee am Abend
das kann nur Urlaub sein

Wir wachen irgendwo südwestlich von Mailand auf. Auf einem Platz, der schon bei Dunkelheit den Charme eines gescheiterten Parkplatzprojekts verströmte – und bei Tageslicht genau das bestätigt. Kein Baum, kein Blick, kein “Ahhh” beim Rausgucken – eher so ein trockenes “Aha”.

Aber: Wir standen. Und das zählt. Denn wer schon mal nach einer langen Fahrt im Camper krampfhaft versucht hat, halbwegs gerade zu parken, ohne sich beim Aufstehen den Kaffee über den Schoß zu kippen, weiß: Schönheit ist relativ. Gerader Boden schlägt Seeblick.

Unser heutiges Ziel: nur 30 Minuten entfernt – das Scalo Milano Outlet. Für andere ist Urlaub Wandern in den Dolomiten. Für uns? Wandern durch Läden mit Preisnachlass. Was für manche die Trekkingstöcke, ist für uns der Einkaufswagen. Doch bevor wir uns in dieses Abenteuer stürzen, fehlte noch etwas Grundlegendes: Frühstück. Auf dem Platz? Fehlanzeige. Kein Espresso, kein Cornetto, kein ranziger Automat, der müde Plörre in einen Plastikbecher sabbert. Also Plan B: Supermarkt suchen. Und zwar schnell.

Ein paar Minuten später: COOP. Und was für einer! Nicht nur Käsetheke und Frischware – sondern auch ein kleiner Kaffeebereich mit Barista und allem Pipapo. Zwei Cappuccino, zwei Croissants – für sagenhafte 5,80 Euro. Ich wiederhole: FÜNFACHTZIG. Dafür kriegst du in Deutschland nicht mal den Parkplatz vorm Bäcker, geschweige denn Schaum auf der Oberlippe und ein buttriges Croissant mit emotionalem Tiefgang. Wir also: glücklich, wach und krümelbeworfen.

Dann Einkauf. Wasser, Saft, ein bisschen frisches Obst, der übliche Mortadella (weil das einfach unser Camper-Grundnahrungsmittel ist) – und natürlich: ein T-Bone-Steak in der Größe eines italienischen Straßenschilds.

Man weiß ja nie, wann die nächste Grillgelegenheit kommt – und Vorratshaltung hat bei uns Tradition. Dann ging’s wirklich nur noch zehn Minuten weiter – und wir standen auf dem Parkplatz vom Scalo Milano Outlet.

Scalo Milano

Scalo Milano – klingt wie ein kleiner Vorstadtbahnhof, ist aber eher ein Mode-Express mit eingebauter Kreditkartenbelastung. Schon beim Betreten weht einem der Duft von Sonderangeboten und subtiler Verführung entgegen. Und wir mittendrin – mit festen Vorsätzen und weichen Knien.

Denn wie das halt so ist, wenn man Enkelkinder hat: Man geht rein mit dem Satz „Wir schauen nur mal…“ und kommt raus mit Tüten, die aussehen, als hätten wir einen Kindergeburtstag geplündert. Noah und Emilia dürfen sich über neue Outfits freuen, und zwar nicht zu knapp – schließlich wachsen die zwei ja schneller als man „Rabattaktion“ sagen kann.

Damit der Look familienweit harmonisch bleibt, wandert auch ein schickes Hemd für Stefan in die Tasche – und ein paar Teile für mich. Wobei – „ein paar“ klingt fast zu bescheiden. Sagen wir: praktisch, hübsch, vielseitig einsetzbar und natürlich absolut notwendig. Punkt.

Was am Scalo Milano besonders positiv auffällt: Es ist nicht dieses typische Outlet-Massaker mit Gedränge und Neonlicht. Die Atmosphäre ist entspannt, die Gänge breit, die Shops stilvoll – und der Food Court ein echtes Highlight.

Kein zusammengewürfelter Fast-Food-Zoo, sondern wirklich für jeden Geschmack was dabei. Für uns? Ganz klar: Roadhouse Grill. Ein kulinarischer Dauerbrenner in Italien – schnell, zuverlässig und mit Fleischportionen, die man nicht mit einem Beilagenmesser bewältigt.

Ich gönne mir ein saftiges Ribeye, Stefan stürzt sich auf die Spare Ribs wie ein Cowboy, der nach drei Tagen im Sattel endlich was anderes als Bohnen serviert bekommt. Dazu Pommes, Saucen, Cola – die große Kombination aus Kalorien, Glück und Gabel-Kampf. Saulecker. Und ehrlich verdient.

Roadhouse Restaurant

Gegen 14 Uhr verlassen wir das Outlet – satt, beladen und rundum glücklich. Die Kreditkarte leicht erhitzt, der Bauch schwer vom Roadhouse-Ribeye, das Auto voller Tüten und der Kopf voller „Ach, das war aber doch ganz schön!“.

Nach unserem Outlet-Abenteuer setzen wir uns wieder in Bewegung – Richtung Gardasee. Das Navi zeigt knapp eineinhalb Stunden, wir aber wissen: Mit uns wird das eher so Zwei. Nicht, weil wir trödeln, sondern weil Camperfahren eben kein Formel-1-Rennen ist – sondern eher eine Mischung aus Sightseeing und gutem Willen. Wir gleiten über Landstraßen, vorbei an Industriegebieten, Zypressenalleen, Kreisverkehren in allen Stilrichtungen und gelegentlichen Traktoren, die mit stoischer Ruhe die linke Spur blockieren.

Je näher wir dem See kommen, desto mediterraner wird die Landschaft – und unser Puls. Die Straßen werden enger, die Kurven kurviger, der Verkehr… sagen wir: engagierter. Aber das Ziel ist klar – und spätestens als der erste Blick auf den Gardasee durchs Grün blitzt, sind wir beide kurz still. Da ist er wieder, dieser Moment. Wenn man merkt: Jetzt beginnt Urlaub. Richtig.

Zwei Stunden später rollen wir auf den Campingplatz LaCà – und zack: verliebt. Achtung Spoiler – Liebe auf den ersten Blick. Was für ein schöner Platz! Direkt am Wasser, kleine Palmen wie zufällig perfekt platziert, gepflegte Wege, bunte Blüten am Straßenrand, alles wirkt aufgeräumt, aber nicht steril – einfach sympathisch.

Die Aussicht? Wie aus einem Werbeprospekt, bei dem man denkt: Jaja, so sieht’s doch nie wirklich aus. Doch, tut es. Genau hier. Ordentlich, ruhig, charmant – ein Ort zum Durchatmen. Und genau das tun wir jetzt erst mal. Tief. Und mit einem kleinen inneren „Yes!“.

Stefan übernimmt den Aufbau – wie immer mit System: Tisch raus, Stühle raus, Fahrräder raus, Markise raus – Camperleben in Reinform, abgewickelt in unter 20 Minuten. Ich beobachte das mit einer eiskalten Cola in der Hand und einer Haltung irgendwo zwischen Bewunderung und “Ich helf gleich, ganz bestimmt”. Spoiler: Ich hab nicht geholfen.

Camping LaCà

Als alles steht – Tisch, Stühle, Markise, Fahrräder in Position, Camper in Urlaubsmodus – schwingen wir uns nochmal auf unsere E-Bikes. Es geht zum Supermarkt um die Ecke. Und ja, „um die Ecke“ klingt nach einem kurzen, netten Ausflug für zwischendurch. In Wahrheit sind’s knapp 500 Meter – aber mit Steigung. Ordentlicher Steigung. So eine, bei der selbst unsere E-Bikes kurz ins Grübeln kommen.

Turbo-Modus rein, Gang runter, und trotzdem fühlt es sich an wie Tour de France mit Einkaufsliste. Wir schnaufen. Die Räder schnaufen. Stefan flucht leise. Ich tue so, als sei das alles ganz normal. Im Supermarkt holen wir ein paar Getränke für später, werfen noch einen prüfenden Blick auf die Käsetheke (man weiß ja nie, was der Abend bringt) und rollen dann – bergab diesmal deutlich entspannter – zurück Richtung Campingplatz.

Und dann geht’s direkt weiter zum Campingplatz-Restaurant. Ohne Umwege. Ohne Diskussion. Denn: Wir haben Hunger. Und Erwartungen. Und beide werden erfüllt. Das Restaurant? Ein Volltreffer mit Ansage.

Ristorante Pizzeria da Patrick

Keine Touristenfalle mit Aufpreis für Seeblick – sondern eine richtig gute Küche mit Liebe zum Detail. Es gibt:

👉 Spaghetti, wie sie sein sollen – al dente, heiß, perfekt.
👉 Einen knackigen Salat mit Walnüssen, Apfelstücken und einem Dressing, das nicht aus der Flasche kommt.
👉 Ein sündiges Tiramisu, bei dem der Löffel freiwillig zweimal abbiegt.
👉 Und als Krönung: Ein Erdbeerbecher, der aussieht wie ein Architekturprojekt in Sahne. Hoch, imposant, mit Turm aus Sahne und Dekofrucht auf der Spitze.

Dazu zwei Gläser Wein – goldgelb, gut gekühlt – und das Ganze mit Logenplatzblick auf den Gardasee.

Camping LaCà

Das Wasser glitzert. Die Sonne geht langsam in den Abendmodus. Und wir sitzen da, schieben Pasta, Eis und Urlaubsglück über den Tisch – und sagen nicht viel. Weil’s genau so gerade perfekt ist. Wenn das kein Urlaub ist, dann weiß ich auch nicht.

Nach dem Essen drehen wir noch eine Runde am See entlang. Erst in die eine Richtung. Dann in die andere. Einfach, weil’s schön ist. Und weil man nach Tiramisu und Erdbeerbecher besser nicht sofort in die Waagerechte geht. Die Sonne steht tief, das Licht ist weich, der See glitzert entspannt vor sich hin. Ein bisschen Wind, ein paar Enten, kaum Leute unterwegs – genau die richtige Mischung aus nichts und Ruhe.

Lago Di Garda

Zurück am Camper: Duschen. Dann Zitronenkerzen gegen die üblichen Verdächtigen mit Flügeln, ein bisschen draußen sitzen, Füße hoch. Einfach den Abend vorbeiziehen lassen. Und irgendwann verschwinden wir ins Bett. Ohne großes Tamtam. Einfach, weil der Tag genug war – und genau richtig so.

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