Zwischen Florenz und Fernweh: Warum eine Rührschüssel niemals ein Sportwagen sein kann
Es gibt Anschaffungen, die plant man mit der Akribie eines NASA-Ingenieurs. Und es gibt Anschaffungen, die passieren einfach – wie der Moment, in dem man eigentlich nur nach einer Tischdecke sucht und plötzlich mit einer neuen Esszimmer Einrichtung nach Hause kommt, ohne genau zu wissen, wie das passieren konnte (tatsächlich passiert!). Und ebenfalls so geschehen mit unserer Musso Lussino Mini 4080.
Eigentlich fing alles harmlos an. Mit dieser völlig vernünftigen, fast schon rührend naiven Idee: „Ach komm, für den schnellen Eishunger zwischendurch reicht doch so eine Rührschüssel für die KitchenAid.“ Ja, sicher. Rein theoretisch reicht auch ein Klappstuhl als Wohnzimmermöbel und ein Tretroller für die Alpenüberquerung. Aber wir reden hier nicht über Fortbewegung, wir reden über eine Lebenseinstellung.
Denn die nackte Wahrheit ist: Wir lieben italienisches Eis nicht einfach nur. Wir zelebrieren es mit einer Hingabe, die Stefan und die Enkel bei 35 Grad im Schatten dazu bringen würde, einen Marathon zu laufen, nur um am Ziel eine Kugel in Empfang zu nehmen.
Ich selbst bin da keinen Deut besser. Meine kulinarische Sozialisierung wurde von zwei Institutionen geprägt, gegen die jedes Zeugenschutzprogramm machtlos wäre: Bertazzoni in Esslingen – die unangefochtene Zentrale des Glücks – und La Carraia in Florenz. Letzteres ist für den spontanen Heißhunger etwa so praktisch wie ein Kurztrip zum Mond, um nachzusehen, ob der Käse dort wirklich besser schmeckt.
Das eine hinterlässt Leere im Geldbeutel, das andere eine sehr deutliche Spur im Navi und die Gewissheit, dass man in Florenz eher einen Lottogewinn macht, als einen Parkplatz für ein Sechs-Meter-Mobil zu finden um mal eben Eisessen zugehen. Also musste eine Lösung her. Spoiler: Es wurde keine Rührschüssel. Es wurde eine Eismaschine, die klingt wie ein Zwölfzylinder aus Maranello und auch genauso ernst genommen werden will.
Meine Karriere als Gelato-Fan begann dort schon an der Ladentheke von Bertazzoni in Esslingen, als ich noch kaum drüber schauen konnte. Frau Bertazzoni hat mich schon als kleines Mädchen bedient – und heute stehen meine Enkel bei ihr. Es ist ein herrlicher Kreislauf. Bei Bertazzoni heißt Stracciatella übrigens nicht Stracciatella (was ja ohnehin die meisten falsch aussprechen), sondern seit jeher schlicht: Pinguin. Für mich ist das nicht nur Eis, das ist das Geräusch von knackender Schokolade, die genau im richtigen Moment kapituliert. Dazu Haselnuss. Immer. Ohne jede Diskussion. Das war mein persönlicher Michelin-Guide mit sieben Jahren – und er gilt heute noch.

Heute stehe ich in der Küche vor diesem glänzenden Monolithen aus Edelstahl und vollführe Dinge, die mein siebenjähriges Ich für dunkle Magie gehalten hätte. Und meine Familie? Diese gnadenlose Jury, deren Geschmackssinn schärfer ist als das Urteil eines italienischen Grenzbeamten bei einer Passkontrolle? Sie sagt eiskalt: „Bertazzoni kann einpacken.“
Ich schwanke noch, ob ich darauf stolz sein soll oder ob ich eine förmliche Entschuldigung mitsamt Blumenstrauß nach Esslingen schicken muss, um das diplomatische Gleichgewicht zu wahren.
Natürlich blieb es nicht beim Klassiker-Duo. Sobald man ein Gerät besitzt, das mehr wiegt als ein durchschnittlicher Kleinwagen, verfällt man dem kulinarischen Größenwahn. Ich habe „Coffee, Coffee BuzzBuzzBuzz!“ von Ben & Jerry’s nachgebaut. Sagen wir so: Das Ergebnis war eine Barista-Explosion mit einer Koffein-Überdosis, nach der man wahrscheinlich die gesamte Garagenauffahrt mit einer Zahnbürste geschrubbt hätte. Dann kam „Berry, Berry Extraordinary“.
Aber der wahre Gipfel des Wahnsinns – war der Moment, als ich tatsächlich eine komplette 10er-Packung Duplo geschreddert habe. Einfach so. Aus einer Laune heraus. Ich musste einfach wissen, wie diese Waffel-Schoko-Knusper-Krümel in cremigem Vollmilchschokoladen-Eis schmecken. Und was soll ich sagen? Genial! Einfach nur genial. Da vergisst man glatt, dass man nachts um halb elf vor dem Gerät steht und sich eigentlich fragt: „Was passiert wohl, wenn ich jetzt Pistazie, Amarena und Rum-Rosinen gleichzeitig in den Ring schicke?“
Man entdeckt eine völlig neue Seite an sich. Die Seite, die nachts im Pyjama feststellt, dass eine Portion Gelato im Grunde ein Grundnahrungsmittel ist. Die Musso steht jetzt da. Schwer. Massiv. Selbstbewusst. Wie ein italienischer Familienzuwachs mit Edelstahl-Ego, der keinen Widerspruch duldet. Jedes Mal, wenn sie anspringt, fühlt es sich ein bisschen an wie Urlaub. Nur eben ohne Kofferpacken, ohne Mautstellen-Chaos und definitiv ohne die aussichtslose Parkplatzsuche in den Gassen von Florenz.
Und ganz ehrlich: Für den schnellen Hunger zwischendurch ist der Weg in die Küche immer noch kürzer als der Trip über den Brenner.

Warum es (noch) kein Foto gibt
Eigentlich sollte hier jetzt ein heroisches Foto meiner funkelnden Musso stehen, wie sie majestätisch in der Küche thront, umringt von perfekt portionierten Eiskugeln. Die Beleuchtung stimmte, der Fokus saß – aber ich hatte die Rechnung ohne das „Phänomen Hannes“ gemacht.
Hannes, der Freund meiner Tochter, verfügt über eine kulinarische Superkraft, die jede Planung zunichtemacht. Wenn der Rest der Familie bereits selig lächelnd und „eis-satt“ in den Seilen hängt, schlägt seine Stunde. Wo normale Menschen ein Sättigungsgefühl verspüren, sieht Hannes erst die Zielgerade. Es ist eine physikalische Gesetzmäßigkeit: In dem Moment, in dem ich die Kamera zücke, taucht er auf und sichert sich im Vorbeigehen noch mal eben zwei stattliche Portionen „für den hohlen Zahn“.
Gegen diesen Appetit kommt keine Verschlusszeit der Welt an. Das Eis verschwindet schneller, als die Musso „Gelato“ sagen kann.
Ich schwöre hoch und heilig: Ich werde dieses Foto nachreichen! Entweder ich schlage nachts um drei zu, oder ich muss Hannes mit einer sehr geschickt platzierten Ablenkung weg locken. Bis dahin müsst ihr euch mit dieser Illustration begnügen. Sie zeigt den Edelstahl-Paten in seiner vollen Pracht – also genau so, wie er aussieht, bevor Hannes das Schlachtfeld betritt.