Operation Weihnachts-Elfen – Wie ich jedes Jahr heimlich den Verstand verliere
Eigentlich halte ich mich für einen ziemlich vernünftigen Menschen. Ich fahre Züge, plane Urlaubsrouten Monate im Voraus, vergleiche Mautsysteme in vier Ländern und kann über Bremsgewichte vermutlich länger diskutieren als über das Wetter. Kurz gesagt: Ich bin organisiert. Strukturiert. Erwachsen. Zumindest elf Monate im Jahr.
Dann kommt irgendwann Ende August oder Anfang September dieser eine Satz von Noah und Emilia – ausgesprochen mit der Selbstverständlichkeit eines Menschen, der überhaupt nicht ahnt, welche Kettenreaktion er damit auslöst: “Oma … kommen die Elfen dieses Jahr wieder?”
In diesem Moment weiß ich, dass der Rest des Jahres gelaufen ist. Nach außen nicke ich gelassen und antworte irgendetwas wie: „Mal schauen, ob sie Zeit haben.“ Innerlich beginnt jedoch bereits die Einsatzplanung. Andere Menschen freuen sich auf den Herbst. Ich beginne unauffällig damit, Weihnachtsdeko zu scannen, Wackelaugen zu horten und sämtliche Supermärkte der Umgebung nach brauchbarem Tatort-Material abzusuchen.
Spätestens Ende November ist aus der ganz normalen Oma endgültig eine Einsatzleiterin geworden. Während andere abends gemütlich Serien schauen, beginnt für mich irgendwann nach Mitternacht die Nachtschicht. Ich schleiche durchs dunkle Haus wie jemand, der auf keinen Fall erwischt werden darf. Der einzige Unterschied zu einem Einbrecher: Ich bin bewaffnet mit Nutella, Mehl, Filzstiften, Mini-Marshmallows, Schokolinsen und einer erschreckend großen Menge Wackelaugen.
Irgendwann habe ich aufgehört, mich zu fragen, ob das eigentlich noch normal ist.

Das Faszinierende ist nämlich, dass diese kleinen Filzkerle jedes Jahr hemmungsloser werden. Kaum schlafen alle, übernehmen sie offensichtlich das Kommando. Plötzlich hängt einer kopfüber am Küchenschrank wie Tom Cruise in Mission: Impossible, während sein Komplize bis zum Bauch in einem Nutellaglas steckt. Im Waschbecken wird Wellness mit Quietscheenten betrieben, Eier bekommen Gesichter, Kartoffeln entwickeln erstaunlich lebendige Persönlichkeiten und Bananen verwandeln sich über Nacht in Minions.
Wer morgens unsere Küche betritt, könnte meinen, nachts hätten sich ein Kindergarten, ein Zirkus und die Spurensicherung gemeinsam ausgetobt. Und das eigentliche Problem ist: Irgendwann bleibt dieses Denken nicht mehr auf die Adventszeit beschränkt. Mein Gehirn schaltet inzwischen dauerhaft auf Wichtelmodus.
Ich kann keinen Supermarkt mehr betreten, ohne automatisch neue Ideen zu sammeln. Andere Kunden kaufen Kartoffeln fürs Abendessen. Ich überlege, welche davon das überzeugendste erschrockene Gesicht bekommen könnte. Vor einem Glas Nutella denke ich längst nicht mehr an Frühstück, sondern daran, wie ein Elf aussehen würde, wenn er kopfüber darin feststeckt. Ich fürchte, irgendwo zwischen Schokolinsen und Wackelaugen hat mein Gehirn beschlossen, dauerhaft kreativ zu eskalieren.
Und dann kommt dieser eine Morgen. Ich höre kleine Füße über den Flur rennen. Eine Tür fliegt auf. Für zwei Sekunden ist es vollkommen still. Dann folgt dieses laute: “Omaaaa! Schau mal, was die Elfen heute Nacht gemacht haben!” Und genau in diesem Augenblick lohnt sich jede einzelne Minute. Nicht, weil der Tatort besonders perfekt geworden wäre. Sondern weil zwei Kinder mit einer Überzeugung staunen, die Erwachsene irgendwann verlieren. Für sie gibt es keinen Zweifel daran, dass nachts tatsächlich kleine Elfen durchs Haus ziehen und den größten Unsinn veranstalten. Genau deshalb werde ich jedes Jahr freiwillig zur Produktionsleiterin einer ziemlich verrückten Weihnachtsorganisation.

Und dann kommt der Chef persönlich
Vier Wochen lang veranstalten die Elfen nachts völligen Unsinn. Sie hinterlassen Nutella-Tatorte, verwandeln Bananen in Minions, gehen im Waschbecken baden, bauen Kartoffel-Familien und produzieren jeden Morgen zuverlässig neue Fragezeichen in den Köpfen der Kinder. Aber irgendwann kommt der Tag, an dem selbst diese kleinen Chaoten plötzlich ganz brav werden.
Denn sie wissen genau wie alle anderen: Heute kommt der Chef.
Und zwar nicht irgendein Nachbar mit angeklebtem Bart und roten Turnschuhen unter der Hose. Nicht der Weihnachtsmann aus dem Einkaufszentrum, der zwischen Bratwurststand und Karussell schnell noch ein paar Fotos macht. Nein. Der Weihnachtsmann.
Jedenfalls derjenige, den ich von Weihnachtsmannbüro.de engagierte. Und ich muss ehrlich sagen: Selbst ich ertappe mich jedes Mal dabei, wie ich für einen kurzen Moment denke: “Moment mal… was, wenn…er echt ist?“

Dieser Mann spielt seine Rolle so überzeugend, dass man irgendwann vergisst, dass sie gespielt ist. Wenn er durch die Tür kommt, wird es schlagartig still. Noah und Emilia stehen da, als hätte gerade jemand die Zeit angehalten. Eben war noch das übliche Weihnachtsgewusel, im nächsten Moment hört man nur noch dieses ehrfürchtige Flüstern: „Der Weihnachtsmann…”
Und ich? Ich stehe meistens irgendwo daneben und muss höllisch aufpassen, dass ich nicht genauso sprachlos dreinschaue wie die Kinder. In diesem Augenblick fällt die ganze Anspannung der letzten Wochen von mir ab. Die nächtlichen Geheimmissionen. Das ständige Überlegen, was die Elfen als Nächstes anstellen könnten. Das Basteln bis nach Mitternacht. Das heimliche Schleichen durch die Wohnung. Plötzlich ergibt das alles Sinn.
Nicht wegen der Geschenke. Nicht wegen Weihnachten an sich. Sondern wegen dieser zwei Gesichter, in denen sich für ein paar Minuten eine Welt widerspiegelt, in der Elfen wirklich nachts Unsinn machen und der Weihnachtsmann tatsächlich persönlich vorbeikommt. Genau deshalb mache ich das. Jedes. Verdammte. Jahr.
Natürlich kostet mich das Zeit. Schlaf sowieso. Und manchmal kostet es mich auch mein Gedächtnis. Denn so perfekt organisiert, wie ich hier vielleicht wirke, bin ich nämlich gar nicht. Es gab tatsächlich Morgende, an denen Stefan um fünf Uhr auf dem Weg zur Arbeit plötzlich wieder im Schlafzimmer stand und trocken sagte: „Ähm… du hast die Elfen vergessen.“ In diesem Moment schießt mein Puls schlagartig auf Weihnachtsmarkt-Niveau. Ich stolpere halb schlafend aus dem Bett, werfe mir irgendeinen Bademantel über und improvisiere innerhalb von drei Minuten einen neuen Elfen-Tatort. Ich bin inzwischen ziemlich sicher, dass einige der besten Ideen nur deshalb entstanden sind, weil ich sie mit halb geöffneten Augen und ungefähr zwei Minuten Vorwarnzeit entwickeln musste.
Und trotzdem würde ich keine einzige dieser Nächte missen wollen. Denn irgendwann wird der letzte Elf seine letzte Schokolinse geklaut haben. Irgendwann wird morgens niemand mehr aufgeregt in die Küche rennen, um zu schauen, welchen Unsinn die kleinen Filzchaoten diesmal angestellt haben. Und irgendwann wird auch der Weihnachtsmann zum letzten Mal vor unserer Tür stehen. Bis dahin genieße ich diesen herrlich verrückten Ausnahmezustand mit allem, was dazugehört – selbst dann, wenn der Einsatz erst um fünf Uhr morgens beginnt.
Und falls du diese Geschichte gerade mitten im Hochsommer liest, während draußen 32 Grad sind und du mit einem Eis in der Hand auf der Terrasse sitzt, dann denk daran: Irgendwo läuft vermutlich gerade eine Oma durch einen Supermarkt, bleibt vor einem Glas Essiggurken stehen und denkt sich: “Das könnte man mit zwei Elfen eigentlich ziemlich lustig eskalieren lassen…”
Ich kenne da zufällig eine.
PS: Noah ist inzwischen neun Jahre alt. Eigentlich wäre das Alter erreicht, in dem man langsam anfängt, kritische Fragen zu stellen. Stattdessen glaubt er felsenfest weiter an seine Elfen – und an den Weihnachtsmann. Das darf gerne noch eine Weile so bleiben. Sollte er diese Geschichte allerdings irgendwann lesen, habe ich ein echtes Problem. Wobei … dann werde ich natürlich alles abstreiten. Die Elfen schreiben schließlich nachts auch Blogartikel. Wer denn sonst?






