Bye bye Harley, hallo Vespa – WROARR war gestern, heute heißt es brr-brr-brrr
Es gibt Entscheidungen, die man lange mit sich herumträgt. Die man abends beim Glas Wein diskutiert, morgens beim Kaffee wieder von der Tagesordnung nimmt, bei jedem sonnigen Wochenende innerlich bereut – und bei jedem verregneten Sonntag wieder ernsthaft erwägt. Entscheidungen, die man durch alle Jahreszeiten schleppt, bis man irgendwann merkt: Die Entscheidung ist schon längst gefallen. Man hat sie nur noch nicht unterschrieben.
Unsere lautete: Die Harleys gehen.
Aber fangen wir von vorne an.

2009. Ein Traum, der seit meinem sechzehnten Lebensjahr in mir brummte wie ein ungedrosselter V2-Motor, wurde endlich Wirklichkeit. Wir kauften unsere erste Harley-Davidson – eine Sportster XL883 Custom, gebraucht, tiefschwarz, glänzend, ein echtes Schmuckstück auf zwei Rädern. Man stand davor und wusste: Das ist keine Maschine. Das ist ein Lebensabschnittsgefährt. Eine rollende Willenserklärung.
Damals hatte ich nur den alten 1B-Führerschein – gut für Mopeds, schlecht für große Maschinen, und damit ungefähr so nützlich wie ein Regenschirm in der Sahara. Ich saß also anfangs auf dem Sozius. Hinten. Als Beifahrerin. Das klingt entspannter, als es sich anfühlt, wenn man selbst am liebsten fährt.
Es dauerte keine vier Wochen, da hatte ich genug vom Hinten-Sitzen. Nicht wegen Stefan. Stefan fährt gut. Stefan fährt gerne. Aber wenn man selbst seit dem sechzehnten Lebensjahr von einer eigenen Harley träumt, ist „hinten sitzen“ auf Dauer ungefähr so befriedigend wie Skifahren von der Hütte aus zuzuschauen. Schön anzusehen. Aber nicht dasselbe.
Also: Führerschein gemacht. Helm aufgesetzt. Harley gesattelt. Und Stefan mit einem Blick angeschaut, der alles sagte, was gesagt werden musste: „Wenn du selbst fahren willst, kauf dir ein eigenes Motorrad. Diese hier gehört jetzt mir.“
Stefan schaute mich an. Dann schaute er die Harley an. Dann dachte er kurz nach.
2011 kam die Dyna Super Glide Custom FXDC. Jetzt waren wir ein echtes Harley-Pärchen.

Was folgte, war eine wunderbare Zeit. Wochenendtour zum Bodensee, spontane Abendausfahrten auf die Alb, Sonntagmorgenrunden nach dem Frühstück. Zwei Harleys, zwei Helme und Lederjacken, die jedes Jahr ein kleines bisschen mehr nach Geschichte rochen. Wind im Gesicht. Kurven. Das Gefühl, dass die Welt genau die richtige Größe hat, wenn man sie auf zwei Rädern betrachtet.
Dann kamen die Enkel. Und seien wir ehrlich: Kinderwagen lassen sich nur schwer auf einem Chopper verzurren. Autokindersitze ebenfalls nicht. Das Konzept „mal eben mit dem Motorrad zum Spielplatz“ scheitert leider an der Physik. Als stolze Oma und Opa rückten die Harleys ein Stück nach hinten im Lebenskarussell – nicht weil die Liebe schwindet, sondern weil das Leben andere Kapitel aufschlug.
Als dann noch mein Job als Lokführerin dazukam, wurden auch die Sonn(en)tage spärlicher. Im doppelten Wortsinn: Wer Wochenenddienste schiebt, hat wenige freie Samstage, und die wenigen, die man hat, sind begehrt von allem gleichzeitig – Familie, Erholung, und gelegentlich einfach verregnet. Stefan fuhr zwar tapfer weiter, mal mit seiner Dyna, mal mit meiner Sporty, einfach damit die Maschinen nicht vor lauter Standzeit beleidigt den Vergaser zusetzten. Aber wir beide wussten es. Man sagt es nicht laut, aber man weiß es.
Und dann kam der Camper. Erst war er nur ein neues Kapitel – dann wurde er zum Lieblingsbuch. Kurz mal nach Paris, ein paar Tage an den Gardasee, eine Woche Schweden, Florenz, Rom, Venedig. Die Abenteuer wurden nicht weniger, sie rollten nur auf vier Rädern statt auf zwei. Und mit dem Camper kam auch der erste ernsthafte Gedanke: Was wäre, wenn wir die Harleys verkaufen und das Geld in den Camper stecken? Klingt vernünftig. Klingt logisch. Klingt nach einem Plan, den erwachsene Menschen mit erwachsener Haushaltsführung machen. Haben wir dann aber nicht gemacht.
Stattdessen kam Idee Nummer zwei – und die hatte deutlich mehr Charme. Was wäre, wenn wir einen Anhänger an den Camper hängen und die Harleys einfach mitnehmen? Drei Wochen Skandinavien mit Harley im Gepäck. Gardasee mit Motorradausflügen. Der Camper fährt voraus, die Harleys hängen hinten dran wie zwei stolze, chromglänzende Anhängsel. Das klang nach einem Abenteuer innerhalb des Abenteuers – und für ungefähr zwei Wochen war es ein echter Plan. Dann haben wir auch das nicht weiter verfolgt.
Also blieb es, wie es war. Die Harleys standen in der Garage, die Camper-Reisen wurden mehr, die Ausfahrten weniger – und irgendwo zwischen diesen beiden Zuständen lebten wir ganz gut. Hin und wieder ein kurzes Schuldgefühl beim Vorbeigehen an der Garage. Ein prüfender Blick auf die Reifen. Ein stilles Nicken in Richtung Ledersattel. „Bald“, sagte man sich. Ohne genau zu wissen, wann bald war.
Das Problem mit Harleys ist nämlich folgendes: Sie sind Diven. Wunderschöne, charakterstarke, völlig unentschuldigt anspruchsvolle Diven. Man geht nicht einfach raus, dreht den Schlüssel um und fährt los. Erst wird gestreichelt. Dann schaut man, ob die Batterie noch was zu sagen hat – und sie hat fast immer was zu sagen, meistens nach zwei Wochen Standzeit. Dann Reifendruck. Dann nochmal die Batterie. Eine Harley spontan zu fahren ist so ähnlich wie spontan ein Fünf-Gänge-Menü zu kochen: theoretisch möglich, praktisch eher ein Projekt mit Vorlaufzeit.
Und dann kam dieser Samstag. Ein völlig normaler Samstagvormittag. Kaffee. Sonnenschein. Keine konkreten Pläne. Und irgendwie – wirklich ohne großen Anlauf, ohne wochenlange Diskussion, ohne eine einzige Excel-Tabelle mit Vor- und Nachteilen – kam die Idee einfach so in den Raum: Was wäre mit einer Vespa? Einer, die einfach vor dem Haus steht. Keine Batterie-Seelsorge, kein Vergaser-Check, kein zehnminütiges Streicheln vor der ersten Ausfahrt. Einfach Schlüssel rein, losfahren, Gelato holen, zurückkommen. Spontan. Unkompliziert. Das genaue Gegenteil von allem, was eine Harley ist – und plötzlich war genau das der Reiz.
Wir fuhren zum Vespa-Händler. Eigentlich nur gucken. Man fährt ja nie wirklich nur gucken, wenn man eigentlich schon weiß – aber man sagt es trotzdem, weil es die Schwelle senkt und man hinterher sagen kann: Es hat sich so ergeben. Der Vespa-Händler kannte zufällig einen anderen Händler, der Harleys ankauft. Man tauschte Nummern aus. Man nickte sich bedeutsam zu, wie das Händler in solchen Momenten tun.
Und plötzlich war ein sechzehnjähriges Kapitel dabei, sich aufzulösen – und ein neues, knallrotes aufzuschlagen. Elegant wie ein Aperol bei Sonnenuntergang. Spritzig wie eine Verfolgungsjagd im Innenhof von Rom. Und auf ihre ganz eigene, mediterran-verschmitzte Art: absolut sexy.

Sie macht nicht „WROARR“. Sie macht eher so ein charmantes „brr-brr-brrr“, das klingt wie ein kleines Versprechen. Kein Chrom, keine Satteltaschen, kein V-Twin. Stattdessen: Kurvenhandling, das nach Straßencafé riecht. Ein Design, das seit 1946 beweist, dass manche Ideen zeitlos sind. Und eine knallrote Lackierung, die einem beim Anblick das Wort „la dolce vita“ in den Kopf singt, ob man will oder nicht.
Sie ist das Gelato unter den Zweirädern. Und sie tröstet. Wirklich. Mehr als erwartet. Schneller als erwartet. Bereits auf der ersten Fahrt zur Arbeit war klar: Das hier wird eine schöne Geschichte. Eine andere Geschichte als die Harley-Geschichte – leiser, wendiger, weniger Leder, mehr Leinen. Aber mit demselben Grundprinzip: Zwei Räder, Wind im Gesicht, und das Gefühl, dass die Welt sich von diesem Sitzwinkel aus einfach besser anfühlt.

Und jetzt die große Frage. Die, auf die wir selbst keine gesicherte Antwort haben. Die Frage nach den drei möglichen Szenarien – alle realistisch, alle mit einer gewissen inneren Logik, und alle mit dem Potenzial, diesen Blog in einem Jahr mit einem sehr unterschiedlichen Folgebeitrag zu füllen.
Option A – Die Wiederholung: In einem Jahr stehen wir in der Garage, schauen die knallrote Vespa an – und stellen fest, dass sie da genauso traurig herumsteht wie einst die Harleys. Der Reifendruck ist mies, die Batterie ist beleidigt, die letzte Ausfahrt datiert irgendwo auf „ich glaube September“. Wir schauen uns an mit dem Blick von Menschen, die dieses Skript schon auswendig kennen, es trotzdem nochmal gelesen haben und jetzt überlegen, ob man auch eine Vespa auf einen Anhänger laden kann. Der Kreis schließt sich. Was dann das Trostpflaster wird? Ein Rasenmähroboter? Ein E-Bike mit Beiwagen? Man kann sich das gar nicht richtig vorstellen – und genau das ist das Problem.
Option B – Die Eskalation: Wir kaufen eine zweite Vespa. Weil dieses „Hinten-Sitzen“ spätestens nach der dritten Ausfahrt zu einer stillen, aber hartnäckigen Verstimmung führt, die niemand laut anspricht und die trotzdem bei jeder Kurve mitfährt. Niemand will den Hinterkopf des anderen anstarren, wenn die Sonne über der Alb untergeht. Niemand will bei jedem Bremsvorgang unfreiwillig Körperkontakt herstellen. Hinten ist keine Option. Hinten ist Charakter-Aufbau durch Leidenserfahrung. Das haben wir in sechzehn Jahren Harley-Geschichte gelernt, und eine Vespa ändert nichts an der Grundkonstellation. Wir wissen das bereits. Die Frage ist nur, wie viele Ausfahrten es braucht, bis wir es auch zugeben.
Option C – Das Wunder: Wir bleiben bei dieser einen Vespa. Fahren sie regelmäßig, teilen sie friedlich, entwickeln ein eingespieltes Rotationssystem das weder besprochen noch je in Frage gestellt wird. Und vielleicht – das gewagteste aller Szenarien, das kühnste Gedankenexperiment dieser ganzen Geschichte – sitze ich manchmal sogar hinten. Freiwillig. Und finde es schön. Man wird ja älter. Weiser. Bereit für die Kunst des Loslassens, auch wenn es nur der Lenker ist.
Das klingt sehr unwahrscheinlich. Aber das Leben überrascht einen manchmal.
Die Wette steht. 33 zu 33 zu 33. Einsätze in Aperol, Tiramisu oder einer extragroßen Portion Gelato sind willkommen. Wir halten euch auf dem Laufenden – je nachdem, welches Szenario sich durchsetzt, wird es entweder einen Beitrag über den Vespa-Verkauf, einen über den zweiten Vespa-Kauf, oder einen überraschend poetischen Text über die Schönheit des Beifahrersitzes geben.
Und falls es doch aufs Sozius-Bänkchen hinausläuft – dann mit Stil, Würde und einem verdammt bequemen Rückenpolster. Das haben wir bereits mit bestellt. Vorsorglich. Man kennt sich.





















