Die zweite Vespa – oder wie aus einer spontanen Idee plötzlich ein italienischer Fuhrpark wurde
Es gibt Geschichten, die schreiben sich nicht neu. Sie setzen sich einfach ein Jahr später wieder an denselben Tisch, mit einem Espresso und tun so, als wäre nie etwas gewesen.
Vor ziemlich genau einem Jahr standen Stefan und ich beim Vespa-Händler und kauften spontan eine knallrote Vespa GTS 310. An einem Samstagvormittag. Mit Espresso. Ohne Plan. Also mit genau jener gefährlichen Mischung, aus der bei uns regelmäßig Entscheidungen entstehen, die man später als „irgendwie logisch“ bezeichnet, obwohl sie in Wahrheit eher aus dem Bauch heraus kommen und anschließend vom Kopf mühsam schönargumentiert werden müssen.
Wer den damaligen Beitrag gelesen hat, weiß noch, wie das endete. Die Harleys gingen, die Vespa kam, und wir stellten am Schluss sehr erwachsen drei mögliche Zukunftsszenarien auf. Entweder die Vespa steht irgendwann traurig in der Garage wie einst die Harleys. Oder wir kaufen eine zweite. Oder – und das war schon damals die kühnste Variante – wir teilen sie friedlich, inklusive der ernsthaften Möglichkeit, dass ich freiwillig hinten sitze. (Diese Geschichte gibt es hier)
Rückblickend war das natürlich ein schöner Moment menschlicher Selbstüberschätzung. Heute ist der 30. Mai 2026. Genau ein Jahr später. Und wir haben eine zweite Vespa gekauft. Eine schneeweiße Primavera 125.
Man könnte jetzt sagen, dass Option B eingetreten ist. Man könnte aber auch sagen, dass wir uns selbst erstaunlich gut kennen und trotzdem immer wieder so tun, als wären wir völlig überrascht von unserem eigenen Verhalten. Das ist vermutlich die ehrlichere Variante.

Eigentlich fing alles wieder harmlos an. Das tut es bei uns fast immer. Normalerweise stehen wir nicht morgens auf und sagen: „Heute bauen wir unseren Fuhrpark aus.“ Nein, man fährt irgendwo vorbei, schaut kurz rein, sieht etwas Hübsches und plötzlich steht ein neues Kapitel im Raum. In unserem Fall stand dieses Kapitel mitten im Showroom. Schneeweiß, glänzend, klein und so unverschämt niedlich, dass man ihr kaum böse sein konnte, obwohl sie gerade dabei war, unser ohnehin schon leicht ausuferndes Fahrzeugkonzept endgültig ins Italienische zu kippen.
Die Primavera stand da, als hätte sie jemand in Sahne getaucht.
„Die ist schön“, sagte Stefan irgendwann.
Ich nickte. „Ja“, sagte ich. „Die ist wirklich schön.“
Und damit war eigentlich alles gesagt. Natürlich hätten wir jetzt vernünftig sein können. Wir hätten über Bedarf, Kosten, Stellplatz, Versicherung und Nutzungswahrscheinlichkeit sprechen können. Stattdessen beschlossen, dass dieses hübsche Ding ab sofort dringend zu uns gehört. Vernunft war in Sachen Fahrzeugen noch nie unsere Kernkompetenz.
Unsere rote GTS 310 ist objektiv die überlegene Maschine. Mehr Hubraum, mehr Leistung, mehr Souveränität. Sie ist die Erwachsene im Raum. Diejenige, die beim Losfahren nicht fragt, ob sie darf, sondern einfach macht. Eine Vespa mit breiten Schultern, wenn man das bei einer Vespa so sagen kann. Sie fährt sich wunderbar, sieht großartig aus und hat genau diesen Auftritt, bei dem man denkt: Ja, so geht Dolce Vita mit etwas mehr Nachdruck.
Aber die Primavera? Die ist anders. Sie ist klein, leicht, elegant und wirkt, als wäre sie ausschließlich dafür gebaut worden, durch italienische Altstädte zu rollen, während irgendwo jemand Espresso trinkt und ein Kellner mit Sonnenbrille so tut, als hätte Stress noch nie existiert. Sie ist keine Maschine, die beeindrucken will. Sie steht einfach da und macht genau dadurch alles richtig.
Und vielleicht liegt genau darin mein Problem. Ich hatte ja erst kürzlich offiziell festgestellt, dass ich „Groß“ eigentlich durchgespielt habe. Vom Ford Ranger, der aussah, als könnte er im Vorbeigehen ein Gartenhaus transportieren, zum Fiat 500x in Venezia Blau, der vorm Haus steht und vermutlich nachts mit der Vespa auf Italienisch tuschelt (Diese Geschichte gibt es hier). Klein war plötzlich nicht mehr Verzicht, sondern Charakter. Und jetzt stand da diese Primavera, schneeweiß, kompakt und charmant wie die zweirädrige Schwester unseres kleinen Italieners. Neben der GTS wirkt sie nicht schwächer, sondern charmanter. So wie ein Fiat 500 neben einem Pickup nicht verliert, sondern heimlich die bessere Geschichte erzählt.
Die Abholung ist dann in zwei Wochen. Die Primavera bleibt also noch beim Händler. Man nimmt so etwas offenbar nicht einfach direkt mit. Man lässt es ein bisschen ziehen, wie einen guten Rotwein. Oder das Nummernschild ist noch nicht fertig. Eins von beidem.
Bis dahin haben wir Zeit, uns einzureden, dass alles ganz logisch ist. Und das ist es ja auch. Irgendwie. Denn die zweite Vespa ist nicht einfach maßloser Konsum mit italienischem Akzent. Nein, nein. Sie ist Teil eines größeren Plans. Ein Baustein. Eine Entwicklung. Fast schon Infrastruktur.
Der Anhänger-Plan kommt wieder aus der Schublade
Wer den alten Beitrag gelesen hat, erinnert sich vielleicht: Als die Harleys noch in der Garage standen und der Camper gerade neu war, hatten wir schon einmal diese Idee. Anhänger an den Camper, Harleys hinten drauf und dann los. Skandinavien, Gardasee, Italien. Das klang in der Theorie großartig. In der Praxis sah man vor dem inneren Auge allerdings sehr schnell zwei schwere Harleys, einen Camper, einen Anhänger, enge Campingplatzeinfahrten. Also blieb der Plan damals in der Schublade. Nicht vergessen, nur sauber abgelegt. Neben anderen Ideen, die bei uns gelegentlich wieder auftauchen, wenn niemand damit rechnet.
Mit zwei Vespas sieht die Sache plötzlich anders aus. Eine GTS 310 und eine Primavera 125 nebeneinander auf einem Anhänger – das klingt nicht nach Wahnsinn. Das klingt nach Lösung. Camper vorne, Vespas hinten, Italien vor uns. Gardasee mit kleinen Ausfahrten nach Sirmione. Toskana mit Zypressenalleen. Amalfitana, wo man sowieso spätestens nach der dritten engen Kurve versteht, warum große Fahrzeuge dort nichts verloren haben. Zwei Vespas wirken dort nicht übertrieben. Sie wirken fast vernünftig. Und sobald etwas bei uns „fast vernünftig“ klingt, ist der nächste Schritt auch schon erledigt. Der Termin für die Montage der Anhängerkupplung ist am 16. Juni.
Wer fährt welche?
Die einfache Antwort wäre: Ich fahre die Kleine, Stefan die Große. Ich bin kleiner, die Primavera ist kleiner, das klingt logisch. So logisch, dass man es eigentlich direkt notariell festhalten könnte. Aber das Leben ist selten so einfach. Denn Stefan findet die Kleine auch schön. Sehr schön sogar. Und ich finde die Große natürlich auch schön. Aber eben auch die Kleine. Das ist wie bei Dessertkarten. Man sagt, der Apfelkuchen klingt auch gut. Aber eigentlich schaut man seit fünf Minuten auf das Tiramisu.
Vielleicht wechseln wir uns ab. Vielleicht gibt es ein stilles System, das niemand erklärt und jeder nach Bedarf auslegt. Vielleicht fahren wir irgendwann einfach los und stellen erst am Ende der Straße fest, wer sich welche geschnappt hat. Ich halte inzwischen alles für möglich.
Ich finde ja, es hat eine gewisse Eleganz, wie sich diese Geschichte entwickelt hat. Erst die Harleys. Dann der Camper. Dann die rote Vespa als vermeintlich kleine, unkomplizierte Lösung. Dann die Erkenntnis, dass eine Lösung bei uns selten lange allein bleibt. Und jetzt steht da eine weiße Primavera und tut so, als wäre sie schon immer Teil des Plans gewesen. Vielleicht war sie das sogar. Nur wussten wir es noch nicht.
Manchmal laufen Entscheidungen nicht geradeaus. Sie machen Umwege, nehmen eine Ausfahrt zu früh, schauen kurz beim Händler vorbei und kommen mit einem Kaufvertrag zurück. Bei uns jedenfalls scheint genau das ein wiederkehrendes Muster zu sein. Andere Menschen haben Hobbys. Wir entwickeln Mobilitätskonzepte mit mediterranem Einschlag.
Die Wette vom letzten Jahr ist jedenfalls entschieden. Option B hat gewonnen. Ziemlich eindeutig sogar. Und wenn ich im Juli hier sitze und ich schreibe, dass inzwischen auch der Anhänger gekauft ist, die Anhängerkupplung montiert wurde und die Vespas mit nach Italien durften, dann tut bitte alle überrascht.
Wir werden es auch tun.



