Zwischen Fernpass-Kolonne, Brenner-Outlet und Vino della Casa
Irgendwo zwischen dem dritten Kaffee und der endgültigen Entscheidung, dass der Camper jetzt wirklich fertig gepackt ist, wurde es neun Uhr. Diesmal waren nur Stefan und ich unterwegs. Kein Familienkonvoi, keine Kinder, keine Trödelrunden, kein kollektives Warten auf jemanden, der noch schnell sein Handy, seine Jacke oder irgendeinen lebenswichtigen Gegenstand sucht, der seit einer Stunde direkt vor seiner Nase liegt.
Das klingt erst einmal herrlich unkompliziert. Und ja, das ist es auch. Tür zu, Motor an, los. Kein logistisches Großprojekt, keine Abstimmung über Snacks, Pausen und Sitzplätze, keine Diskussion, wer jetzt wirklich nochmal aufs Klo muss. Aber kaum rollten wir vom Hof, fehlte schon etwas. Dieses wuselige Durcheinander, das bei Familienreisen manchmal Nerven kostet und gleichzeitig genau das ist, was sie so besonders macht. Noahs Kommentare von hinten. Emilias Begeisterung für Dinge, die Erwachsene vermutlich übersehen hätten. Nadine und Oli irgendwo im zweiten Camper, mit denen man sich unterwegs kurz abstimmt, wieder verliert, wiederfindet und am Ende gemeinsam irgendwo ankommt.
Diesmal also nur wir zwei. Ruhiger, einfacher, schneller. Beides ist schön. Das große Familienabenteuer mit allem Drum und Dran – und diese kleinen Reisen zu zweit, bei denen man plötzlich merkt, wie leise ein Camper sein kann, wenn hinten niemand fragt, wann wir endlich da sind.
Die A8 lag frei vor uns, über den Feldern zogen langsam Wolken auf, und das Radio spielte genau die Sorte Musik, die man fünf Minuten später schon wieder vergessen hat. Also eigentlich die perfekte Reisebegleitung. Für einen Sommersonntag zeigten sich die deutschen Autobahnen von ihrer ungewohnt freundlichen Seite. Kein Stau, keine spontanen Vollbremsungen ohne erkennbaren Grund, keine selbsternannten Verkehrspädagogen auf der linken Spur, die mit 120 km/h die Welt retten wollen. Es lief einfach. Das macht einen auf deutschen Autobahnen inzwischen fast misstrauisch.

Stefan übernahm das Steuer, während ich mich auf meine wichtigste Aufgabe konzentrierte: aus dem Fenster schauen, Landschaft genießen, gedanklich schon halb am Gardasee sein und in regelmäßigen Abständen kontrollieren, ob das Navi immer noch dieselbe Ankunftszeit anzeigt. Eine Tätigkeit, die objektiv nichts bringt, sich aber wichtig anfühlt. Merklingen zog vorbei, dann Ulm, wenig später tauchte schon der erste Zipfel Österreich auf.
Der Fernpass bleibt eine Kategorie für sich. Nicht wegen der Landschaft – die ist tatsächlich spektakulär. Enge Täler, türkisfarbenes Wasser, schroffe Berge, die so nah an der Straße stehen, als würden sie jeden Moment beschließen, sich ihr Gebiet zurückzuholen. Nein, das Besondere am Fernpass sind die Urlauber. Hier verschmelzen Fahrzeuge aus halb Europa zu einer einzigen langen Karawane, die sich ungefähr mit der Geschwindigkeit einer ambitionierten Wanderdüne durch die Berge bewegt.
Wohnmobile, Motorräder, Autos mit Dachboxen, Gespanne, Camper, die aussehen, als hätten sie für drei Monate Skandinavien und zwei Wochen Toskana gleichzeitig gepackt. Dazwischen Menschen, die alle dasselbe wollen: endlich ankommen. Der Fernpass selbst scheint das eher als höfliche Empfehlung zu betrachten.

Am Ende kostete uns das Ganze etwa eine Stunde mehr. Eine Stunde, in der ich genügend Zeit hatte, den Blindsee zu fotografieren, die Aussicht zu genießen und Stefan bei seiner Spezialdisziplin zuzuschauen: stoisches Kolonnenfahren. Blick nach vorne, kurzer Kontrollblick in den Rückspiegel, wieder nach vorne. Keine Aufregung, kein Gemecker, einfach die stille Hoffnung, dass der Berg irgendwann überquert ist. Ich dagegen hätte innerlich längst drei alternative Routen, zwei Verschwörungstheorien und einen kleinen Monolog über Verkehrsplanung entwickelt. Stefan fährt. Ich kommentiere innerlich. So ergänzen wir uns.
Dafür lief es am Brenner deutlich besser als erwartet. Eine Baustelle gibt es dort inzwischen ungefähr so zuverlässig wie die Mautstationen und das leicht mulmige Gefühl, wenn man über die Europabrücke rollt und lieber nicht darüber nachdenkt, wie viele Meter Luft sich gerade unter uns befinden. Kräne ragten überall über die Fahrbahn, wirkten vor der Bergkulisse aber fast wie Teil der Landschaft. Und zu unserer Überraschung floss der Verkehr völlig entspannt dahin. Kein Stop-and-Go, kein nervöses Bremslicht-Ballett, einfach fahren. Der Brenner hatte offenbar einen guten Tag. Muss man auch mal loben.
Irgendwann passierten wir die Grenze. Kein großes Spektakel, kein Trommelwirbel, nur dieses kurze, fast unbemerkte Nicken zweier Länder aneinander. Und plötzlich war sie wieder da, diese typische Südtirol-Stimmung. Die Schilder zweisprachig, die Berge zum Greifen nah und auf den Wegweisern tauchten die ersten vertrauten Namen auf: Bozen, Meran, Brixen. Spätestens hier fühlt es sich jedes Mal ein bisschen so an, als würde der Urlaub offiziell beginnen. Deutschland ist dann im Rückspiegel, Italien vor der Nase und irgendwo im Kopf klappt ein kleiner Liegestuhl auf.
Ein fester Programmpunkt auf dieser Strecke ist für uns das Outlet am Brenner. Nicht nur wegen der Geschäfte, sondern inzwischen auch wegen des neuen Food Courts, der das ohnehin schon gute Angebot noch einmal deutlich aufgewertet hat. Früher war ein Stopp an der Autobahn meist ein trauriges Dreieck aus Tankstelle, belegtem Brötchen und der Frage, warum Kaffee aus Automaten immer nach Verwaltung schmeckt. Heute sitzt man dort plötzlich bei Pasta, Antipasti und Blumen-Deko und denkt: Gut, dann bleiben wir halt kurz.
Für die Mittagspause landeten wir diesmal im Farinella – und das erwies sich als ausgezeichnete Entscheidung. Stefan bestellte Spaghetti. Damit war der kulinarische Grundton dieser Reise bereits gesetzt. Ich entschied mich für eine Wurst- und Käseplatte, die sich später als ausgesprochen ernst gemeinte Angelegenheit herausstellte. Prosciutto, gekochter Schinken, zwei Bruschetta, Rucola, zwei verschiedene Käsesorten und mittendrin ein kleines Schälchen Birnen-Chutney.
Auf der Karte wirkte das alles deutlich überschaubarer. In Wirklichkeit hätte die Platte problemlos als Vorspeise für eine vierköpfige Reisegruppe durchgehen können. Ich kommentierte die Portionsgröße nicht weiter und arbeitete mich tapfer durch den Berg aus italienischen Köstlichkeiten. Stefan sagte ebenfalls nichts und löffelte seine Pasta. Manchmal braucht eine Ehe keine Worte. Nur zwei Teller und die stille Akzeptanz, dass jeder seine eigenen Entscheidungen getroffen hat.
Das Farinella selbst ist überraschend gemütlich gestaltet. Über dem Eingang ranken pink blühende Drillingsblumen, die zwar aus Kunststoff sind, aber ihre Rolle überzeugend spielen. Dazu gelbe Stühle, viel Licht und eine Atmosphäre, die einen für einen Moment vergessen lässt, dass man sich eigentlich direkt an einer der wichtigsten Transitstrecken Europas befindet. Man sitzt da mit Schinken, Käse und Chutney und denkt kurz: Könnte schlimmer sein. Viel schlimmer. Zum Beispiel mit einem labbrigen Raststätten-Sandwich auf dem Schoß.
Nach dem Essen machten wir – rein zufällig natürlich – noch einen kurzen Abstecher zu Benetton. Für Noah und Emilia finden wir dort fast immer etwas. Bei Noah besteht die Herausforderung inzwischen darin, Kleidung zu finden, die seinem durchaus anspruchsvollen Modeurteil standhält, ohne gleichzeitig einen kleinen Kredit aufnehmen zu müssen. Benetton schlägt sich dabei erstaunlich gut. Modisch genug, aber noch nicht in der Preisklasse, bei der man an der Kasse kurz über Erziehungsfragen nachdenkt.
Emilia macht es uns deutlich leichter. Solange etwas glitzert, funkelt oder in einer Farbe gehalten ist, die man irgendwo zwischen Rosa, Pink und „noch pinker“ einordnen würde, steigen die Erfolgschancen schlagartig. Wenig später standen wir mit ein paar Tüten wieder vor dem Geschäft. Stefan nahm sie entgegen und trug sie zum Auto. Manche Aufgaben verteilen sich auf Reisen ganz von selbst. Ich kaufe Dinge. Stefan transportiert Dinge. Ein System, das seit Jahren erstaunlich zuverlässig funktioniert.
Dann noch zwei Stunden und ein bisschen. Durch Trient, an Rovereto vorbei und schließlich nach Peschiera del Garda. Campingplatz anfahren, einchecken, Markise raus, Fahrräder abladen, einmal tief durchatmen. Der Campeggio del Garda empfing uns mit viel Grün, angenehmem Schatten und einem Abend, der ganz ohne Hektik begann. Stefan fand einen Stuhl. Ich fand meinMacBook um schonmal ein paar Notizen für meinen Blog zu machen. Und damit war der Anreisetag offiziell für beendet erklärt. Genau das ist seit Jahren der Moment, an dem Stefan und ich uns völlig wortlos einig sind: Jetzt geht der Urlaub erst richtig los.

Aber der Tag war noch nicht zu Ende. Also rauf auf die E-Bikes und hinein in die Altstadt von Peschiera del Garda. Eigentlich könnte man die Strecke vom Campingplatz aus problemlos zu Fuß zurücklegen. Aber erstens geht es mit dem Fahrrad deutlich schneller. Und zweitens haben wir die Räder schließlich nicht dabei, damit sie dekorativ neben dem Camper herumstehen. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus Bequemlichkeit und Effizienz. Jedenfalls saßen wir wenige Minuten später schon auf dem Sattel und rollten Richtung Altstadt.
Peschiera gehört zu diesen Orten, die erstaunlich oft übersehen werden. Jeder spricht von Sirmione, Bardolino oder Lazise, während Peschiera ziemlich entspannt hinter seinen venezianischen Festungsmauern sitzt und darauf wartet, dass jemand genauer hinschaut. Dabei lohnt sich das durchaus. Vor den mächtigen Mauern aus dem 16. Jahrhundert glitzert der Wassergraben in einem Farbton irgendwo zwischen Türkis und Smaragd. Schwalben schießen in engen Kurven über das Wasser, so tief, dass man automatisch den Kopf einzieht, obwohl sie einen vermutlich längst eingeplant haben.
Wir stellten die Räder am Hafen ab und ließen uns einfach treiben. Ein bisschen durch die Gassen schlendern, in Schaufenster schauen, Dinge entdecken, die man eigentlich nicht braucht und dann trotzdem kaufen. Ein Prinzip, das seit Jahren erstaunlich zuverlässig funktioniert. Besonders gefährlich sind dabei diese italienischen Spezialitätengeschäfte. Zum Beispiel der Limoncello-Laden, der aussah, als hätte jemand die komplette Zitronenernte Süditaliens dekorativ in einem Raum verteilt. Gelb wohin man blickte. Zitronenduft überall. Die Art von Geschäft, in die man nur kurz hineinschauen möchte und zehn Minuten später mit einer Tüte wieder herauskommt. Was natürlich reine Höflichkeit ist. Man will ja die lokale Wirtschaft nicht enttäuschen.
Während wir weiter durch die Altstadt bummelten, wurde das Licht mit jeder Viertelstunde schöner. Als wir schließlich wieder am kleinen Hafen standen, begann der Himmel seine tägliche Abendvorstellung. Erst Gold, dann Orange und schließlich dieses tiefe Rot, das immer nur für wenige Minuten auftaucht, bevor die Sonne hinter dem Horizont verschwindet. Der See lag ruhig da, die Boote schaukelten im Wasser, und Peschiera machte ziemlich deutlich, dass es keine Lust hatte, nur der praktische Ausgangspunkt für andere Gardasee-Orte zu sein.
Ich stand natürlich mit der Handykamera und machte viel zu viele Fotos. Stefan stand daneben und schaute einfach nur zu. Keine Kamera. Kein Handy. Keine Einstellungen, die überprüft werden mussten. Einfach schauen. Das kann er. Ich dagegen sehe Abendlicht und verfalle sofort in fotografischen Sicherungsmodus. Man weiß ja nie, ob die Sonne morgen wieder so schön untergeht. Spoiler: tut sie. Aber anders. Also muss man es dokumentieren. Auch morgen.
Zurück auf dem Campingplatz meldete sich dann doch der Hunger. „Ach komm, wir probieren das Campingrestaurant aus. Danach haben wir es schließlich nicht weit nach Hause.“ Ein überzeugendes Argument. Wenn der Rückweg aus ein paar Schritten über den Platz besteht, steigt die Risikobereitschaft bei der Restaurantwahl deutlich.
Stefan bestellte Spaghetti. Wen das überrascht, der kennt Stefan nicht. Spaghetti sind bei ihm ungefähr das, was Benzin für ein Auto ist – die zuverlässige Standardlösung. Tatsächlich war es an diesem Tag bereits die zweite Portion. Mittags im Brenner-Outlet, abends auf dem Campingplatz. Andere Menschen probieren sich durch die Speisekarte, Stefan hat seinen Favoriten längst gefunden und sieht keinen Grund, daran etwas zu ändern. Konsequenz kann man auch essen.
Ich entschied mich für ein Tagliata. Dazu gab es den Vino della Casa, serviert in diesen großzügigen Weingläsern, bei denen man spätestens nach dem zweiten Glas aufhört, den Füllstand zu kontrollieren. Das Essen war überraschend gut, die Preise überraschend fair. So fair sogar, dass ich die Rechnung vorsichtshalber noch ein zweites Mal angesehen habe. Man ist ja misstrauisch geworden. Gerade auf Campingplätzen erwartet man manchmal Preise, bei denen man denkt, das Besteck sei vermutlich mitfinanziert worden.
Irgendwann verschwand die Sonne endgültig hinter dem Horizont, der See färbte sich orange und spiegelglatt, und ich fotografierte natürlich immer noch alles, was nicht schnell genug weglief. Stefan saß entspannt da und trank seinen Wein. Kann er ja machen. Für die schönen Fotos bin schließlich ich zuständig.
So endete unser Anreisetag: ohne Drama, ohne Staukatastrophe, ohne vergessene Jacken, aber mit Fernpass-Karawane, Brenner-Pasta, Benetton-Tüten, Limoncello-Versuchung, Sonnenuntergang und Spaghetti Nummer zwei. Für einen Tag, der eigentlich nur aus „hinfahren und ankommen“ bestehen sollte, hatte er sich erstaunlich viel Mühe gegeben.
Gute Nacht, Peschiera. Wir sind da. Und der Gardasee darf jetzt gern übernehmen.





















