Venedig: Mit dem falschen Vaporetto ins richtige Abenteuer
stand ein Ausflug nach Venedig auf dem Programm. Die Zugtickets hatten wir bereits zu Hause gekauft, was sich später als ausgesprochen kluge Entscheidung herausstellen sollte. Manchmal zahlt es sich eben aus, wenn man vor dem Urlaub nicht nur sinnlos Reisevideos schaut, sondern tatsächlich etwas Organisatorisches erledigt.
Um 8:14 Uhr rollte der Frecciarossa 9705 in Peschiera ein – pünktlich, sauber und mit genau dem Tempo, das einen glauben lässt, Italien hätte das Reisen erfunden. Zumindest solange man nicht gerade mit dem Auto durch eine Altstadt fährt, in der jedes Schild aussieht, als hätte es ein Verkehrsplaner nach dem dritten Espresso aufgestellt.
Während draußen Weinberge, Industriegebiete und Vororte vorbeizogen, lehnte Stefan entspannt am Fenster und beobachtete die Landschaft. Nicht mehr lange, dann würde vor uns wieder eine Stadt auftauchen, die wir inzwischen mehrfach besucht haben und die es trotzdem jedes Mal schafft, Eindruck zu machen. Venedig ist da ziemlich unverschämt. Man denkt, man kennt es schon – und dann steigt man aus dem Zug, sieht den Canal Grande und ist wieder genauso beeindruckt wie beim ersten Mal.
In Venezia Santa Lucia angekommen, standen wir keine fünf Minuten später schon an der Vaporetto-Haltestelle am Canal Grande. Das ist einer der großen Vorteile von Venedig: Man steigt aus dem Zug und ist sofort mittendrin. Keine langen Transferwege, keine Shuttlebusse, kein „Sie haben Ihr Ziel in 43 Minuten erreicht“. Tür auf, Kanal da. In anderen Städten sucht man nach dem Zentrum. In Venedig fällt man praktisch hinein.
Also ab aufs Vaporetto Richtung Rialto. Kaum hatte sich das Boot vom Anleger gelöst, begann links und rechts bereits die übliche Venedig-Kulisse vorbeizuziehen. Palazzi, kleine Brücken, Gondeln, Lieferboote, Wassertaxis und Häuser, die aussehen, als hätten sie seit Jahrhunderten beschlossen, sich keinen Zentimeter mehr zu bewegen. Was in Venedig natürlich mutig ist, denn der Untergrund wirkt stellenweise, als würde er diese Entscheidung nicht vollständig unterstützen. Aber genau das macht den Reiz aus. Diese Stadt sieht aus, als dürfte sie eigentlich gar nicht funktionieren. Und tut es trotzdem. Jeden Tag. Mit erstaunlicher Gelassenheit.
Man kann noch so oft hier sein – der erste Blick auf den Canal Grande funktioniert jedes Mal. Venedig hat da ein Talent. Es wirft einem einfach ein paar Palazzi, ein bisschen Wasser, zwei Gondeln und ein Sonnenlicht hin, und schon steht man wieder da wie ein Tourist im Endstadium.

An der Rialto-Brücke gingen wir an Land und suchten uns zunächst ein kleines Café für das Frühstück. Cappuccino, Croissant und das beruhigende Gefühl, dass ein Urlaubstag in Italien offiziell begonnen hat. Es gibt vermutlich Menschen, die in Venedig sofort losrennen und jede Sehenswürdigkeit abhaken wollen. Wir gehören nicht dazu. Erst Kaffee. Dann Kultur. Ohne Cappuccino ist selbst der Markusdom nur ein sehr großes Gebäude mit Kuppeln.
Anschließend schlenderten wir durch die Gassen Richtung Markusplatz. Auch hier zeigte sich wieder, warum Venedig anders ist als jede andere Stadt. Man läuft nicht einfach von A nach B. Man biegt irgendwo ab, bleibt an einem Kanal stehen, entdeckt eine Brücke, fotografiert eine Gondel, schaut in ein Schaufenster und vergisst kurz, wohin man eigentlich unterwegs war. Die Stadt sabotiert jede Form von Effizienz mit bemerkenswerter Konsequenz. Vermutlich steht irgendwo im venezianischen Grundgesetz: „Der direkte Weg ist untersagt.“
Irgendwann erreichten wir trotzdem den Markusplatz. „Trotzdem“ deshalb, weil man in Venedig nie einfach irgendwo ankommt. Man wird eher langsam dorthin gespült an den berühmtesten Platz der Stadt. Auch wenn wir schon mehrfach hier waren, hat dieser Moment nichts von seiner Wirkung verloren. Venedig kann anstrengend, voll, teuer und völlig unlogisch sein – aber dramatische Auftritte beherrscht diese Stadt wie kaum eine andere.

Vor uns ragte der fast hundert Meter hohe Campanile in den Himmel, daneben die gewaltige Fassade des Markusdoms mit ihren Kuppeln, Bögen, Mosaiken und unzähligen Details, die man selbst nach zehn Minuten Betrachten noch nicht vollständig erfasst hat. Der Himmel spielte mit und schickte weiße Wolken über den Platz, durch die immer wieder Sonnenstrahlen brachen und die Fassaden in wechselndes Licht tauchten. Mal wirkte alles hell und freundlich, dann wieder fast dramatisch wie eine Filmkulisse. Man hätte nur noch erwartet, dass irgendwo Indiana Jones um die Ecke biegt und behauptet, er müsse dringend in eine Bibliothek.
Auf dem Platz selbst herrschte das übliche kontrollierte Chaos. Reisegruppen folgten Fähnchen, Selfie-Sticks ragten in alle Himmelsrichtungen, Tauben suchten nach Touristen mit mangelnder Aufmerksamkeit und irgendwo versuchte jemand, mit bemerkenswerter Geduld seine Familie für ein gemeinsames Foto zu sortieren. Ein Vorhaben, das ungefähr so einfach aussah wie das Hüten eines Sackes voller Flöhe. Einer schaut weg, einer macht die Augen zu, einer steht halb im Bild und einer fragt, ob man das Foto auch nochmal mit seinem Handy machen kann. Familienfotos auf dem Markusplatz sind keine Erinnerung. Sie sind eine Prüfung.

Wir ließen uns Zeit. Der Dogenpalast präsentierte sich wie immer beeindruckend mit seinen filigranen Arkaden und der fast unwirklichen Leichtigkeit für ein Gebäude dieser Größe. Von dort ging unser Blick zur Seufzerbrücke, die sich über den schmalen Kanal spannt. Der Name klingt romantischer, als die Geschichte tatsächlich ist. Früher war sie der letzte Blick der Gefangenen auf die Freiheit, bevor es in die Gefängniszellen ging. Heute stehen davor Menschen mit Gelato in der Hand und versuchen, das perfekte Urlaubsfoto zu machen. So ändern sich die Zeiten. Früher Existenzkrise, heute Instagram-Problem.
Wir schlenderten einmal über den Platz, fotografierten den Markusdom aus verschiedenen Perspektiven und verfielen anschließend dem gleichen Reflex wie praktisch jeder Besucher vor uns. Noch ein Foto vom Campanile. Noch eins vom Dom. Noch eins vom Dogenpalast. Und noch eins, weil die Wolken jetzt anders aussehen als vor zwei Minuten. Venedig ist eine Stadt, die selbst vernünftige Menschen dazu bringt, hunderte Fotos von Dingen zu machen, die sie eigentlich schon fotografiert haben. Man weiß genau: Zuhause wird man später 17 nahezu identische Bilder vom Markusdom haben. Und trotzdem löscht man keines. Weil auf einem davon die Wolke besser sitzt.
Danach wollten wir uns die Building Bridges ansehen. Klingt einfach. War es natürlich nicht. Ein Satz, der in Venedig vermutlich auf fast alles zutrifft, was mit Fortbewegung zu tun hat. Wir studierten den Vaporetto-Plan, waren überzeugt, alles richtig verstanden zu haben, und stiegen voller Selbstvertrauen auf das nächste Boot. Rückblickend war genau dieser Moment vermutlich unser Fehler. Selbstvertrauen ist bei venezianischen Linienplänen ein gefährliches Gefühl.
Zunächst lief alles nach Plan. Das Vaporetto legte ab, glitt durch die Lagune und wir warteten auf die angekündigten Haltestellen. Die kamen allerdings nicht. Stattdessen fuhr das Boot einfach weiter. Und weiter. Irgendwann wurden die Palazzi weniger, die Wasserflächen größer und unser Vertrauen in die eigene Navigationsfähigkeit deutlich kleiner. Man sitzt dann da und versucht, äußerlich entspannt zu wirken, während innerlich bereits ein kleiner Krisenstab tagt.
Wenig später war klar: Wir hatten zwar das richtige Verkehrsmittel erwischt, aber leider die falsche Linie. Statt zu den Building Bridges fuhren wir ohne Zwischenhalt direkt nach Murano. Das ist ungefähr so, als wollte man im Supermarkt nur schnell Milch holen und steht plötzlich in der Gartenabteilung mit einem Hochdruckreiniger im Arm. Nicht geplant, aber offenbar jetzt Teil des Tages.
Immerhin hatte die ungeplante Kreuzfahrt einen kleinen Trostpreis. Während wir über die Lagune schipperten, tauchte plötzlich in der Ferne das auf, was wir eigentlich besuchen wollten. Die riesigen weißen Hände der Installation Building Bridges ragten am Ufer empor und waren selbst aus einiger Entfernung nicht zu übersehen. Sie wirkten fast surreal, als würden mehrere Riesenarme direkt aus dem Wasser wachsen und sich gegenseitig stützen. Venedig kann eben sogar Umwege dekorativ gestalten.
Ganz nah kamen wir zwar nicht heran, aber gesehen haben wir sie immerhin. Man könnte also sagen: Das Ziel wurde erreicht. Nur etwas kreativer als ursprünglich vorgesehen. Das Foto entstand entsprechend nicht vom geplanten Aussichtspunkt aus, sondern von einem Vaporetto, das uns gerade mit bemerkenswerter Entschlossenheit in die falsche Richtung transportierte. Typisch Venedig. Oder typisch wir. Wahrscheinlich beides. Bei uns reisen die Pläne offenbar nicht mit. Sie winken höchstens noch vom Anleger.

Als wir in Murano aus dem Vaporetto stiegen, erinnerte ich mich daran, dass wir bei unserem letzten Besuch viel Zeit für Murano genommen hatten, während Burano am Ende etwas zu kurz gekommen war. Nun standen wir also ungeplant auf Murano, und ich dachte mir: Wenn das Universum uns schon in die falsche Richtung schickt, können wir wenigstens das Beste daraus machen. „Wenn wir schon hier sind, können wir auch gleich nach Burano weiterfahren.“
Stefan war erstaunlich schnell überzeugt. Vermutlich weil die Alternative darin bestanden hätte, erst einmal herauszufinden, wie wir unseren ursprünglichen Plan noch retten könnten. Und manchmal ist es deutlich einfacher, den Plan einfach offiziell für gescheitert zu erklären und ihm rückwirkend den Titel „spontane Entdeckungstour“ zu geben. Das klingt viel besser und erspart Diskussionen.
Das nächste Vaporetto ließ nicht lange auf sich warten. Kaum waren wir ausgestiegen, standen wir praktisch schon wieder auf dem nächsten Boot. Wenig später tauchten die ersten bunten Häuser von Burano am Horizont auf – und egal, wie oft man Fotos davon gesehen hat, in Wirklichkeit wirkt die Insel noch ein Stück verrückter. Als hätte jemand die Sättigung am Leben selbst hochgedreht.
Die meisten Besucher strömen nach dem Aussteigen direkt zur bekannten Hauptstraße entlang des Kanals. Wir machten es anders. Statt den Menschenmassen hinterherzulaufen, bogen wir schon nach wenigen Metern in die kleinen Seitengassen ab. Und genau dort beginnt das eigentliche Burano. Plötzlich wurde es ruhiger. Die bunten Fassaden standen dicht nebeneinander, als hätten sich sämtliche Farbtöpfe Italiens hier zu einer großen Party getroffen. Türkis neben Pink. Gelb neben Grün. Rot neben Blau. Jede Ecke sah aus, als hätte jemand sie absichtlich für Postkarten entworfen und anschließend vergessen, irgendwo ein neutrales Haus dazwischenzustellen, damit sich das Auge erholen kann.

Zwischen den Häusern spannten sich Wäscheleinen über die Gassen. Hemden, Handtücher und Bettlaken flatterten im Wind, während Katzen in Hauseingängen dösten und sich hinter den kleinen Brücken immer neue Farbkombinationen auftaten. Manche Gassen waren so schmal, dass zwei Menschen mit geöffneten Regenschirmen vermutlich diplomatische Verhandlungen hätten führen müssen, um aneinander vorbeizukommen. Burano ist klein, bunt und völlig uneinsichtig darin, sich fotografisch irgendwann zu wiederholen.
Wir ließen uns einfach treiben. Mal rechts, mal links, dann wieder durch einen kleinen Durchgang, nur weil dahinter eine besonders schöne Hauswand zu sehen war. Burano ist einer dieser Orte, an denen man keine Sehenswürdigkeiten braucht. Der Ort selbst ist die Sehenswürdigkeit. Man läuft einfach durch ein bewohntes Farbmuster und versucht dabei, nicht alle fünf Sekunden stehen zu bleiben. Scheitert natürlich.

Irgendwann erreichten wir dann doch die bekannte Hauptstraße entlang des Kanals. Dort war deutlich mehr los. Restaurants stellten ihre Tische ans Wasser, Boote schaukelten an den Kaimauern und die bunten Häuser spiegelten sich in den schmalen Kanälen. Natürlich machten wir Fotos. Viele Fotos. Sehr viele Fotos. Und dann noch ein paar mehr. Es war keine Fototour mehr, es war eine Datensicherung der Insel.
Denn Burano hat die besondere Eigenschaft, dass man nach jedem Foto überzeugt ist, jetzt wirklich das schönste Motiv gefunden zu haben. Fünf Meter später stellt man fest, dass das nächste Haus noch bunter, die nächste Brücke noch fotogener und der nächste Kanal noch hübscher ist. Am Ende fotografiert man praktisch die komplette Insel. Und hat trotzdem das Gefühl, nicht alles erwischt zu haben. Burano ist einfach wunderschön. Und gnadenlos. Es zwingt einen zum Fotografieren wie andere Orte zum Souvenirkauf.
Irgendwann meldete sich dann der Hunger. Burano mag zwar klein sein, aber an Restaurants mangelt es dort definitiv nicht. Also suchten wir uns einen Tisch auf einem kleinen Platz mitten zwischen den bunten Häusern und beobachteten das Treiben um uns herum. Während andere Touristen noch diskutierten, welches Lokal nun das authentischste sei, waren wir längst bei der wichtigen Frage angekommen: Was essen wir? Authentizität ist schön, aber Hunger ist konkreter.
Diesmal sorgte Stefan sogar für eine kleine Überraschung. Während ich mich für Spaghetti al Ragù entschied, bestellte er tatsächlich Spaghetti Aglio e Olio. Nach den vergangenen Tagen war das beinahe schon mutig. Wobei man fairerweise sagen muss: Die Entscheidung bewegte sich immer noch innerhalb seiner persönlichen Komfortzone. Statt Spaghetti mit Tomatensoße gab es eben Spaghetti ohne Tomatensoße. Kulinarische Revolutionen sehen anders aus. Aber irgendwo muss Fortschritt ja anfangen.
Das Essen war herrlich unkompliziert, genau so wie ein Mittagessen in Italien sein soll. Die Sonne schien, rund um uns leuchteten die bunten Fassaden von Burano um die Wette, und während wir unsere Pasta genossen, spazierten immer wieder Menschen mit Kameras vorbei, auf der Jagd nach dem nächsten perfekten Fotomotiv. Dabei saßen wir eigentlich schon mittendrin. Manchmal braucht es gar keine Sehenswürdigkeit. Ein Teller Pasta, ein Platz in der Sonne und ein Blick auf Buranos Farbenpracht reichen völlig aus. Mehr Programm hätte den Moment nur gestört.
Wir waren satt, hatten genug Fotos gemacht – wobei „genug Fotos“ auf Burano natürlich ein sehr dehnbarer Begriff ist –, genug bunte Häuser bewundert und genug kleine Gassen entdeckt, um einzusehen, dass Burano auch ohne uns weiterhin hübsch bleiben würde. Also ging es mit dem Vaporetto wieder zurück nach Murano. Natürlich nicht, ohne dort noch eine ordentliche Runde über die Insel zu drehen. Wenn der Tag schon ungeplant war, dann bitte konsequent.
Murano wirkt völlig anders als Burano. Weniger bunt, weniger verspielt, dafür etwas eleganter und erwachsener. Burano ist die Freundin, die im knallpinken Kleid zur Gartenparty kommt. Murano ist die, die Leinen trägt, Espresso bestellt und beiläufig erwähnt, dass dieser Kronleuchter handgefertigt ist. Entlang der Kanäle reiht sich eine Glaswerkstatt an die nächste, in den Schaufenstern funkelt und glitzert es in allen Farben, und selbst wer eigentlich nichts kaufen möchte, bleibt irgendwann vor irgendeiner Auslage stehen. Wir natürlich auch. Wir sind schließlich keine Maschinen.
Besonders beeindruckend waren die großen Glasleuchter, die von den Decken der Geschäfte hingen. Wahre Kunstwerke aus Glas. Überall geschwungene Arme, bunte Glaselemente und filigrane Verzierungen, bei denen man sich unweigerlich fragt, wie jemand so etwas herstellen kann, ohne dabei einen Nervenzusammenbruch zu bekommen. Ich bekomme ja schon schlechte Laune, wenn beim Einpacken zuhause ein Weinglas klirrt.

Wir schlenderten gemütlich am Kanal entlang, schauten in die Werkstätten und fanden schließlich auch ein paar Kleinigkeiten für zu Hause. Ein wenig Schmuck für die Kinder, ein paar Souvenirs aus Murano-Glas – schließlich gehört es zu den Grundregeln eines Italienurlaubs, dass man nicht mit leeren Händen heimkehrt. Irgendetwas muss später zuhause auf dem Tisch liegen und sagen: „Ja, wir waren dort. Und ja, wir konnten uns nicht beherrschen.“
Zwischendurch legten wir noch eine Pause in einem kleinen Café direkt am Wasser ein. Zwei Espresso landeten auf dem Tisch, dazu zwei Gläser Tiramisu. Die Italiener haben eine bemerkenswerte Fähigkeit, selbst die einfachsten Dinge gut aussehen zu lassen. Ein Espresso, ein Dessert und ein Platz am Kanal – mehr braucht es manchmal nicht. In Deutschland wäre es vermutlich ein Stehtisch neben einem Mülleimer gewesen. In Italien wird daraus ein Urlaubsmoment.
Während die Boote gemächlich vorbeizogen und sich das Leben auf dem Wasser genauso entspannt anfühlte wie alles andere an diesem Tag, wurde uns bewusst, wie gut dieser ungeplante Abstecher eigentlich gewesen war. Ursprünglich hatten wir die Building Bridges sehen wollen. Stattdessen waren wir versehentlich nach Murano gefahren, hatten spontan Burano besucht und saßen nun mit Espresso und Tiramisu am Kanal. Manchmal sind die besten Reisepläne eben die, die man nie gemacht hat. Vor allem, wenn man hinterher so tut, als wäre alles Absicht gewesen.
Irgendwann machten wir uns schließlich wieder auf den Weg zum Vaporetto-Anleger. Venedig wartete noch auf uns, und so ließen wir Murano langsam hinter uns zurück. Die Glasinsel verschwand allmählich am Horizont, während wir wieder Kurs auf die Lagunenstadt nahmen – mit ein paar Souvenirs mehr im Gepäck und deutlich mehr Erlebnissen als ursprünglich geplant. Unser ursprünglicher Tagesplan lag inzwischen irgendwo innerlich zusammengefaltet in der Ecke und murmelte leise vor sich hin.
Mit dem Vaporetto machten wir uns also wieder auf den Weg Richtung Venedig. Bis ungefähr zur Hälfte der Strecke verlief alles völlig unspektakulär. Dann wurde der Himmel plötzlich dunkel. Und zwar nicht dieses harmlose „da kommt vielleicht ein Schauer“-Dunkel. Sondern dieses „hoffentlich sitzt man gerade irgendwo im Trockenen“-Dunkel. Der Himmel sah aus, als hätte jemand in der Wetter-App aus Versehen den Katastrophenmodus aktiviert.

Wenige Minuten später fing es an zu regnen. Wobei „regnen“ die Situation nur sehr unzureichend beschreibt. Es schüttete. Nicht ein bisschen. Nicht kräftig. Sondern so, als hätte jemand beschlossen, die komplette Lagune auf einmal wieder aufzufüllen. Die Tropfen prasselten auf das Wasser, der Wind frischte auf und unser Vaporetto schaukelte sich tapfer durch die Wellen. Rundherum verschwammen die Konturen der Inseln im grauen Vorhang aus Regen. Die Lagune, die kurz zuvor noch friedlich und fast spiegelglatt gewesen war, sah plötzlich aus, als hätte sie schlechte Laune bekommen. Und zwar nicht so ein bisschen montagmorgens. Eher Steuerbescheid-schlechte-Laune.
Als wir schließlich an der Haltestelle Fondamente Nove ankamen, dachte niemand ernsthaft daran, auszusteigen und sofort weiterzulaufen. Stattdessen sammelten wir uns mit einer ganzen Reihe anderer Gestrandeter unter dem Dach des Haltestellenhäuschens und beobachteten das Naturschauspiel. Es regnete wirklich wie aus Eimern. Die Sicht war zeitweise so schlecht, dass die gegenüberliegenden Inseln nur noch schemenhaft zu erkennen waren. Die wenigen Menschen, die sich trotzdem nach draußen wagten, sahen innerhalb kürzester Zeit aus, als hätten sie beschlossen, bekleidet schwimmen zu gehen.
Und dann passierte etwas, das Italien erstaunlich gut beherrscht. Keine zehn Minuten später war der Spuk vorbei. Einfach so. Als hätte jemand hinter den Kulissen gerufen: „Okay, genug Drama, jetzt wieder Schönheit.“
Der Regen hörte auf, die Wolken rissen auf und über der Lagune erschien plötzlich ein Regenbogen. Eben noch Weltuntergangsstimmung, jetzt Postkartenmotiv. Als wäre nichts gewesen. Wir schauten uns an, zuckten mit den Schultern und gingen weiter. Venedig hatte offenbar beschlossen, uns an diesem Tag noch ein paar zusätzliche Spezialeffekte zu gönnen. Fehlte nur noch ein Abspann mit Musik.

Nachdem der Regen so plötzlich verschwunden war, wie er gekommen war, machten wir genau das, was man in Venedig am besten machen kann, wenn man keinen festen Plan mehr hat: Wir liefen einfach los. Von Fondamente Nove aus schlenderten wir durch Cannaregio, immer grob in Richtung Bahnhof, denn irgendwann würde unser Zug zurück zum Gardasee fahren. Bis dahin hatten wir Zeit. Genügend Zeit. Und in Venedig bedeutet „genügend Zeit“ vor allem: Man kann sich verlaufen und es trotzdem als Spaziergang verkaufen.
Der kurze Wolkenbruch hatte die Stadt komplett verändert. Die meisten Touristen waren verschwunden, die Pflastersteine glänzten noch nass und in den Pfützen spiegelten sich Häuser, Brücken und Kirchtürme. Immer wieder bogen wir in kleine Gassen ab, liefen durch Torbögen und über Brücken, ohne genau zu wissen, wo wir eigentlich herauskommen würden. Genau das machte den Reiz aus. Während sich rund um den Markusplatz die Besucher gegenseitig auf die Füße treten, waren wir hier fast allein unterwegs. Nur ein paar Einheimische, ein vorbeifahrendes Boot und das leise Plätschern des Wassers begleiteten uns.
Das Licht nach dem Regen war fantastisch. Fast jedes Motiv sah aus, als hätte Venedig sich für ein Fotoshooting herausgeputzt. Entsprechend oft blieb ich stehen. Und entsprechend oft musste Stefan warten. Nach all den Jahren nimmt er das allerdings mit bemerkenswerter Gelassenheit hin. Vermutlich hat er innerlich längst ein eigenes Warteprogramm entwickelt. Stufe eins: stehen. Stufe zwei: Blick in die Ferne. Stufe drei: fragen, ob ich jetzt fertig bin, obwohl er die Antwort kennt.
Nach Tagen voller Pomodoro, Tagliatelle als Notlösung und einer bemerkenswerten Treue zur italienischen Nudelwelt entschied er sich tatsächlich für eine Antipasti-Platte. Ich gebe zu, ich beobachtete die Situation eine Weile aufmerksam. Vielleicht war es die Seeluft. Vielleicht die ungeplante Vaporetto-Fahrt nach Murano. Vielleicht einfach ein Wunder. Jedenfalls schien es ihm gutzugehen.
Ich selbst blieb auf vertrauterem Terrain und bestellte eine fantastische Pizza mit hauchdünner Bresaola, Rucola und frisch gehobeltem Parmesan. Während die Boote gemächlich durch den Kanal glitten und die letzten Sonnenstrahlen die Fassaden vergoldeten, wurde uns bewusst, wie verrückt auch dieser Tag eigentlich verlaufen war.
Nach dem Essen machten wir uns schließlich auf den Weg zurück zum Bahnhof. Der Tag war inzwischen lang geworden, die Füße meldeten sich langsam zu Wort und wir waren froh, dass uns diesmal kein Vaporetto mehr in die falsche Richtung transportieren konnte. Um 20:10 Uhr stiegen wir in den Regionale Veloce 3574 nach Peschiera del Garda. Während draußen die Dämmerung langsam in Dunkelheit überging, ließen wir den Tag noch einmal Revue passieren. Venedig, Murano, Burano, Regen, Regenbogen, Pizza, Antipasti statt Spaghetti – allein diese letzte Überraschung hätte eigentlich schon für einen eigenen Blogeintrag gereicht.

Als wir kurz nach zehn wieder in Peschiera ankamen und mit unseren Fahrrädern zum Campingplatz fuhren, wartete allerdings noch eine kleine Überraschung auf uns. Schon von Weitem sahen wir, dass mit unserer Markise irgendetwas nicht stimmte. Sie hing schräg vor dem Camper, und im ersten Moment schossen einem natürlich sofort die schönsten Katastrophenszenarien durch den Kopf. Verbogene Gelenke, abgerissene Halterungen, teure Ersatzteile – Camperbesitzer entwickeln für solche Gedanken erstaunlich viel Fantasie. Man sieht eine schiefe Markise und hört innerlich schon den Händler sagen: „Das wird schwierig.“
Zum Glück erwies sich die Realität als deutlich freundlicher. Stefan konnte die Markise problemlos einfahren, und auf den ersten Blick war keinerlei Schaden zu erkennen. Am nächsten Morgen erfuhren wir dann, was während unserer Abwesenheit passiert war. Über den Campingplatz war ein heftiges Unwetter gezogen, begleitet von einem Hagelschauer, der offenbar ordentlich Eindruck hinterlassen hatte. Als wir die Geschichten hörten und die Spuren des Gewitters sahen, wurde uns erst bewusst, wie viel Glück wir gehabt hatten. Der Camper war unversehrt geblieben und die Markise hatte ebenfalls nichts abbekommen. Sie hing zwar da wie nach einer durchzechten Nacht, aber sie hatte überlebt.
Mindestens genauso erleichtert waren allerdings unsere Campingnachbarn. Während wir entspannt durch Venedig spazierten, hatten sie sich zunehmend Sorgen gemacht. Es war inzwischen dunkel geworden, das Unwetter tobte über dem Platz und wir waren mit den Fahrrädern verschwunden. Offenbar hatten sich manche schon gefragt, wo wir abgeblieben waren und ob uns unterwegs irgendetwas passiert sei.
Stattdessen kamen wir völlig ahnungslos von unserem Venedig-Abenteuer zurück, schoben die Fahrräder über den Platz und wunderten uns eher über die schiefe Markise als über das Wetter. Das ist auch eine spezielle Form von Urlaubsrealität: Während andere bereits innerlich eine Suchmeldung formulieren, kommt man selbst zurück und denkt nur: „Warum hängt das Ding denn so komisch?“
So endete ein Tag, der mit einem pünktlichen Frecciarossa begonnen hatte, uns versehentlich nach Murano brachte, spontan nach Burano führte, mit einem Wolkenbruch über der Lagune überraschte und schließlich mit besorgten Campingnachbarn und einer erstaunlich robusten Markise ausklang. Manchmal schreibt ein Urlaub eben die besseren Geschichten, wenn man ihn einfach machen lässt. Unsere Tagesplanung hatte an diesem Abend zwar offiziell verloren, aber die Geschichte hatte gewonnen.
Venedig: Eine Stadt ohne Straßen – oder: Wer liefert eigentlich die Pizza?
Was mich an Venedig jedes Mal aufs Neue fasziniert, sind gar nicht nur die berühmten Sehenswürdigkeiten. Nicht der Markusplatz, nicht die Rialtobrücke und auch nicht die Gondeln, die mit würdevoller Langsamkeit durch die Kanäle gleiten, während hinten jemand versucht, auf dem Handy unauffällig den Kontostand zu ignorieren. Es ist die Logistik dieser Stadt.
Während wir gemütlich durch die Gassen schlendern und Fotos machen, läuft im Hintergrund ein System, das eigentlich völlig verrückt klingt und trotzdem erstaunlich gut funktioniert. Denn alles, wirklich alles, muss hier über das Wasser transportiert werden. Venedig ist im Grunde eine Stadt, die jeden Morgen aufsteht und sagt: „Straßen? Brauchen wir nicht. Wird schon.“
Schon morgens sieht man die ersten Lieferboote geschäftig durch die Kanäle fahren. Restaurants bekommen ihre Lebensmittel, Hotels ihre Wäsche, Geschäfte ihre Waren. Getränkekisten, Gemüse, Fleisch, Möbel, Baumaterial – alles kommt mit dem Boot. Die Müllabfuhr fährt Boot. Die Post kommt mit dem Boot. Krankenwagen sind Boote. Polizeiautos sind Boote. Selbst die Bestatter haben Boote. Während bei uns ein Lieferwagen vor dem Restaurant hält und den Gehweg blockiert, legt in Venedig ein Lastkahn am Hintereingang an, als wäre das völlig normal. Und für die Menschen dort ist es das ja auch.
Besonders beeindruckend finde ich die Dinge, über die man normalerweise gar nicht nachdenkt. Irgendwann sieht man plötzlich einen Bagger auf einem Lastkahn vorbeifahren oder ein Arbeitsboot, das Baumaterial transportiert. Da wird gebaut, renoviert und repariert wie überall sonst auch – nur eben ohne Straßen. Alles schwimmt. Die komplette Infrastruktur einer Großstadt spielt sich auf dem Wasser ab. Eine Baustelle in Venedig ist nicht einfach eine Baustelle. Es ist eine schwimmende logistische Denksportaufgabe.
Und dann frage ich mich immer, wie das Leben der Menschen hier eigentlich aussieht. Haben die Venezianer Autos? Natürlich haben sie welche. Aber wo stehen die? Wenn jemand seine Tante irgendwo in der Toskana besuchen möchte oder am Wochenende an den Gardasee fährt, muss er ja irgendwann aus seiner Haustür, aufs Boot, zum Festland und erst dann ins Auto steigen. Für uns ist das Auto meist direkt vor der Tür. Für die Menschen hier beginnt jede Autofahrt vermutlich mit einer kleinen Schiffspassage. Mal eben schnell zum Baumarkt klingt in Venedig nicht nach Samstagvormittag, sondern nach Projektmanagement.
Je länger man darüber nachdenkt, desto erstaunlicher wird diese Stadt. Venedig ist nämlich nicht nur eine wunderschöne Kulisse für Millionen Touristen. Es ist eine ganz normale Stadt mit Müllabfuhr, Handwerkern, Paketdiensten, Rettungswagen, Baustellen und Menschen, die morgens zur Arbeit müssen. Nur dass all das auf Kanälen stattfindet. Während wir noch romantisch auf eine Gondel starren, fährt daneben wahrscheinlich jemand mit zwölf Kisten Mineralwasser und einer Rechnung im Kopf vorbei.
Manchmal sitze ich am Canal Grande und beobachte dieses geschäftige Treiben fast lieber als die Sehenswürdigkeiten. Zwischen Gondeln voller Touristen, Vaporetti voller Pendler und Lieferbooten voller Getränkekisten läuft hier jeden Tag ein logistisches Meisterwerk ab. Und das vermutlich schon so lange, dass die Venezianer gar nicht mehr merken, wie außergewöhnlich das eigentlich ist. Für sie ist es Alltag. Für uns ist es die Frage: Wer liefert hier eigentlich die Pizza – und kommt sie dann noch warm an?

































































