Garda, Bardolino, Lazise – und irgendwo dazwischen eskalierte der Einkauf
Um zehn nach sieben hatte der Campingplatz-Bäcker bereits geöffnet, und ich gehörte zu den ersten Kunden des Tages. Das klingt nach Disziplin, war aber in Wahrheit hauptsächlich dem Umstand geschuldet, dass ich im Urlaub erstaunlich früh wach bin, sobald irgendwo Croissants in Reichweite liegen. Zurück kam ich mit Croissants, ein paar Brötchen und zwei Cannoli. Die hatten mich im Regal so unschuldig angeschaut, dass Widerstand völlig zwecklos war. Manche Entscheidungen werden einem abgenommen. Von Gebäck zum Beispiel.
Stefan übernahm anschließend wie immer den Rest. Alles auf den Tisch, Wurst und Käse richten, Brötchen aufschneiden, Kaffee einschenken. Keine großen Ansagen, keine Hektik, einfach machen. Nach all den Jahren bewundere ich das immer noch. Ich werde vermutlich nie verstehen, wie jemand morgens so geräuschlos funktionieren kann. Ich brauche erst Kaffee, Orientierung und ungefähr drei innere Neustarts. Stefan dagegen wirkt, als hätte ihn jemand über Nacht vollständig geladen und korrekt hochgefahren.
Wir saßen unter der Markise und frühstückten mit Seeblick. Wobei „Seeblick“ eigentlich die falsche Beschreibung ist. Der Gardasee lag nicht irgendwo dekorativ in der Ferne, sondern direkt hinter dem Campingplatzzaun. Tür auf, ein paar Schritte laufen und schon steht man am Wasser. Mit so einem Frühstücksplatz verzeiht man einem Tag schon eine Menge, bevor er überhaupt die Gelegenheit hatte, etwas falsch zu machen. Der Tag hatte also einen klaren Startvorteil. Kaffee, Croissants, Cannoli und Gardasee – mehr Rückenwind bekommt ein Montag kaum.

Nach dem Frühstück hieß es: Fahrräder raus und los. Rund sechzehn Kilometer lagen vor uns. Immer am See entlang, auf der Promenade zwischen Peschiera und Garda. Kein Stau, kein Fernpass, keine Baustellen, keine Diskussion mit einem Navi, das auf einer italienischen Nebenstraße plötzlich eine persönliche Krise bekommt. Nach dem Vortag kam mir das fast schon verdächtig entspannt vor.
Die Luft war noch angenehm frisch und hatte nichts von der Hitze, die später am Tag zuverlässig jede körperliche Aktivität in eine schweißtreibende Angelegenheit verwandelt. Es sind diese Strecken, bei denen man irgendwann aufhört, auf den Kilometerzähler zu schauen. Rechts glitzerte der See in der Morgensonne, links zogen Palmen, Blumenbeete und gepflegte Gärten vorbei. Warum also ständig aufs Display starren? Das Leben zeigt einem gerade den Gardasee in Breitbild, da muss man nicht auf eine Zahl mit Komma schauen.
Lazise und Bardolino ließen wir bewusst links liegen. Die beiden Orte waren für den Rückweg vorgesehen. Erst einmal wollten wir nach Garda fahren, ganz ohne Besichtigungsstress. Kilometer zuerst, Sightseeing später – so lautete der Plan. Pläne sind bei uns zwar eher freundliche Vorschläge als verbindliche Konzepte, aber dieser klang zumindest für den Moment erstaunlich vernünftig.
Unterwegs war angenehm wenig los. Ein paar Hundebesitzer waren unterwegs, deren Vierbeiner den Morgen ähnlich entspannt angingen wie ihre Herrchen. Dazu einige Jogger, die aussahen, als würden sie sich auf die Olympischen Spiele vorbereiten. Wir bewegten uns irgendwo dazwischen. Nicht langsam, aber auch nicht mit dem Ehrgeiz, irgendwelche Bestzeiten aufzustellen. Sagen wir einfach: schnell genug, um voranzukommen, und langsam genug, um uns dabei noch problemlos unterhalten zu können. Mehr sportlicher Anspruch hätte die Urlaubsatmosphäre unnötig gefährdet.
In Garda angekommen, hatten wir zunächst eine klare Mission. Kein Bummeln, kein Schaufenstergucken, keine spontanen Umwege. Wir brauchten Nachschub für unser Pasta-Geschirr. Letztes Jahr hatten wir bei Garda Ceramiche ein Set gekauft, das sich inzwischen als fester Bestandteil unseres Alltags etabliert hat. Entsprechend deutlich wurden langsam die Lücken im Schrank. Es war also höchste Zeit für Verstärkung. Man kann schließlich nicht dauerhaft so tun, als würden sechs Teller für ein vollständiges Lebenskonzept reichen.
Den Laden fanden wir ohne jede Suche. Ich wusste noch genau, welches Muster wir hatten, welche Teller fehlten und welche Größe benötigt wurde. Zehn Minuten später war alles erledigt. Ausgesucht, eingepackt, bezahlt. So stelle ich mir Einkaufen vor. Zielgerichtet, effizient und ohne langwierige Grundsatzdiskussionen vor einem Regal. Die Frage, ob wir die Schüssel wirklich brauchen, stellte sich gar nicht erst. Natürlich brauchen wir sie. Sonst würden wir ja nicht hier stehen. Und die daneben auch. Punkt. Manche Anschaffungen erklären sich durch ihre reine Existenz.

Nach der erfolgreich abgeschlossenen Geschirr-Mission hatten wir uns eine Pause verdient. Also suchten wir uns ein kleines Café mitten in den Gassen der Altstadt. Eines von diesen typisch italienischen Lokalen mit winzigen Tischchen, auf denen gerade genug Platz für zwei Cappuccino und etwas Süßes bleibt. Stefan entschied sich für ein kleines Schokoladentörtchen, ich für einen Zitronenkeks. Muss sein. Schließlich wollten wir ja nicht riskieren, unterwegs zu verhungern. Sechzehn Kilometer Fahrrad, Keramikkauf und Entscheidungsfindung vor Süßgebäck – das sind Belastungen, die man ernst nehmen muss.
Dann aber zum eigentlichen Grund, warum dieser Ausflug durchaus strategischen Charakter hatte. Wer sich erinnert: Vor einem Jahr stand hier die große Vespa-Wette im Raum. Die Chancen lagen ungefähr bei 33 zu 33 zu 33. Option A: Die Vespa verstaubt irgendwann genauso wie die Harleys. Option B: Wir kaufen eine zweite. Option C: Ich sitze freiwillig hinten auf. Die ganze Geschichte kann man hier lesen.
Nun ja. Es ist Option B geworden. Was sonst.
Niemand wollte dauerhaft den Hinterkopf des anderen anstarren. Das war nach sechzehn Jahren Harley-Erfahrung eigentlich klar, bevor wir überhaupt darüber gesprochen hatten. Die Wette ist damit offiziell entschieden, das versprochene Tiramisu kann ausgezahlt werden, und wir besitzen jetzt tatsächlich zwei Vespas. Nur leider auch ein Farbproblem. Und wer glaubt, ein Farbproblem sei kein echtes Problem, hat vermutlich noch nie versucht, eine weiße Vespa mit einem roten Helm innerlich zu akzeptieren.
Die erste Vespa ist rot. Mein Helm ebenfalls. Die neue Vespa ist weiß. Einen roten Helm auf einer weißen Vespa zu fahren ist zwar nicht verboten, fühlt sich aber ungefähr so richtig an wie Tennissocken in Sandalen. Man kann es machen. Man kommt damit durchs Leben. Aber man weiß selbst, dass es nicht optimal ist. Also musste ein weißer Helm her, und Motor Jolly in Garda hatte genau das richtige Modell im Schaufenster stehen. Manchmal stellt das Universum Lösungen bereit. Leider nicht immer zu den angegebenen Öffnungszeiten.
Denn Motor Jolly hatte geschlossen. Um elf Uhr. Obwohl auf der Tür ziemlich eindeutig 10:30 Uhr als Öffnungszeit stand. Italienische Öffnungszeiten haben manchmal etwas Poetisches. Sie geben eine Richtung vor, aber keine Garantie. Wir beschlossen daher, die Wartezeit sinnvoll zu nutzen und drehten eine Runde durch die Altstadt. Dann noch eine. Und noch bevor der Laden geöffnet hatte, war ich bereits Besitzerin von zwei T-Shirts geworden, die ich weder gesucht noch gebraucht hatte. Zwanzig Euro später war mir klar: Zeit totschlagen am Gardasee ist offenbar ebenfalls eine anerkannte Urlaubsaktivität.
Als der Laden dann endlich öffnete, war die ganze Warterei sofort vergessen. Der Helm war weiß, trug ein Vespa-Logo, passte perfekt und sah genau so aus, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Fünf Minuten später war er bezahlt, eingepackt und das Problem gelöst. Die neue Vespa hat jetzt den passenden Helm. Die Farb-Koordination ist wiederhergestellt. Die Welt war für einen kurzen Moment wieder in Ordnung. Und über die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwann noch eine dritte Vespa auftaucht, reden wir besser ein anderes Mal. Manche Gedanken sollte man nicht zu früh laut aussprechen.

Mit dem neuen Helm unter dem Arm und dem Porzellan im Rucksack – eine Kombination, die vermutlich nur im Urlaub völlig normal wirkt – machten wir uns auf den Rückweg Richtung Bardolino. Die Fahrräder kamen dort erst einmal zum Stehen, und wir schlenderten ohne jeden Plan durch die hübsche Altstadt. Erfahrungsgemäß sind genau das die Spaziergänge, bei denen man die besten Entdeckungen macht. Oder zumindest die gefährlichsten für den Geldbeutel.
Dabei kamen wir an einem Olivenöl-Laden vorbei, der auf den ersten Blick exakt so aussah, wie man sich einen Olivenöl-Laden am Gardasee vorstellt. Viel Holz, viele Flaschen, geschmackvolle Dekoration und die leise Befürchtung, dass hier vielleicht die Touristen wichtiger waren als die Oliven. Wir waren deshalb zunächst etwas skeptisch. Schließlich kennt man das. Je schöner die Auslage, desto größer manchmal die Wahrscheinlichkeit, dass man am Ende hauptsächlich das Etikett bezahlt.
Bevor wir jedoch vorschnell urteilten, probierte ich ein kleines Gläschen des angebotenen Olivenöls. Pur. So wie man normalerweise einen Schnaps probiert, nur mit deutlich weniger gesellschaftlicher Anerkennung. Ob das nun besonders fruchtig, grasig oder sonst irgendwie fachmännisch war, kann ich nicht beurteilen. Dafür fehlt mir schlicht die Ausbildung. Ich konnte lediglich feststellen: Es schmeckte gut, und ich habe spontan nicht das Gesicht verzogen. Das werte ich als positives Zeichen. Trotzdem bestätigte der Selbstversuch auch eine andere Erkenntnis: Olivenöl pur trinken wird vermutlich nicht zu meinem neuen Hobby werden. Kann man machen. Muss man aber nicht. Für solche Gelegenheiten bleibe ich lieber beim Limoncello.
Inzwischen zeigte die Uhr zwölf, die Sonne hatte ihre Arbeit aufgenommen, und der Hunger meldete sich langsam, aber bestimmt zu Wort. In einer kleinen Seitengasse entdeckten wir das San Martino, in dem wir schon einmal gegessen hatten. Damals war es gut gewesen, also kehrten wir wieder ein. Man muss das Rad schließlich nicht jeden Tag neu erfinden. Manchmal reicht es völlig, sich an die eigenen guten Entscheidungen zu erinnern.
Die Bestellung war entsprechend schnell erledigt. Stefan nahm Spaghetti – was auch sonst. Ich bin inzwischen ziemlich sicher, dass man ihm in Italien eine Speisekarte auch direkt durch einen Teller Spaghetti ersetzen könnte. Die Erfolgsaussichten wären identisch. Für mich gab es Lasagne, dazu einen Bardolino. Schließlich bestellt man in Bardolino keinen anderen Wein. Das wäre ungefähr so, als würde man in München demonstrativ ein Kölsch verlangen. Möglich, aber man muss nicht jede kulturelle Provokation ausleben.
Während des Essens stöberten wir noch ein wenig im Internet, wo man in der Gegend wirklich gutes Olivenöl kaufen kann. Öl nehmen wir eigentlich bei jedem Italienurlaub mit nach Hause. Bisher landete allerdings meist eine gute Flasche aus dem Supermarkt im Einkaufswagen. Diesmal wollten wir etwas Hochwertigeres finden. Etwas, das zuhause nicht nur auf dem Teller landet, sondern beim Öffnen der Flasche leise „Urlaub“ sagt.
Das Internet lieferte zwei Kandidaten: einen in Bardolino und einen in Lazise. Also beschlossen wir, mit Bardolino anzufangen. Schließlich waren wir ja schon da. Und wenn man schon mit Fahrrädern, Helm und Keramik durch den Ort unterwegs ist, kann man auch noch ein bisschen Olivenöl-Recherche betreiben. Andere machen Yoga zur Entspannung. Wir suchen regionale Produkte mit Transportproblem.
Auf dem Weg zurück zu den Fahrrädern stand plötzlich ein alter Bekannter vor uns: der Trenino della città di Bardolino. Knallrot, auf Gummireifen unterwegs, bunt beklebt und vorne ein Schaffner, der Tickets verkaufte. Drei Euro pro Person. Ich kannte diesen Zug sehr gut. Stefan und ich hatten ihn vor zwei Jahren ausprobiert – in der Erwartung einer netten kleinen Stadtrundfahrt. Stattdessen wurden wir auf eine zwanzigminütige Entdeckungsreise durch Bardolinos verborgenste Schätze mitgenommen. Hotelparkplätze. Lieferanteneingänge. Eine Betonmauer mit Graffiti. Eine Betonmauer ohne Graffiti. Altglascontainer in verschiedenen Befüllungsständen. Die Altstadt lag meistens irgendwo daneben. Sehenswürdigkeiten waren eher Glückssache.

Letztes Jahr nutzte ich dieses Wissen dann schamlos zu meinem Vorteil. Nadine, Oli und die Kinder standen neugierig vor dem Züglein, also spendierte ich großzügig die Tickets. Mit der warmherzigen Großzügigkeit einer Oma, die ihren Lieben unbedingt etwas Schönes ermöglichen möchte. „Ciao ragazzi, viel Spaß!“ Und weg waren sie.
Ich suchte mir derweil eine Bank direkt am See. Genau in diesem Moment kam die Sonne heraus, das Wasser glitzerte, und ich genoss zwanzig Minuten absolute Ruhe. Keine Fragen, keine Diskussionen, keine Entscheidungen. Einfach sitzen und den Gardasee anschauen. Es ist erstaunlich entspannend, wenn man ganz genau weiß, was die anderen gerade erleben: Hotelparkplätze. Lieferanteneingänge. Eine Betonmauer mit Graffiti. Eine Betonmauer ohne Graffiti. Altglascontainer. Pädagogisch wertvoll war es vermutlich auch. Irgendwie.
Während die Familie also Bardolino „entdeckte“, saß ich in der Sonne und genoss mein vermutlich bestinvestiertes Geld des gesamten Urlaubs. Gemein? Vielleicht. Aber zwanzig Minuten Ruhe am Gardasee bekommt man heutzutage auch nicht mehr geschenkt. Und drei Euro pro Person sind, nüchtern betrachtet, ein erstaunlich fairer Preis für betreute Stadtrandlogistik.
Natürlich musste ich beim Wiedersehen mit dem Züglein sofort ein Foto machen und an Nadine schicken. Ihre Antwort kam prompt: Sie würde uns diesmal die Fahrt spendieren. Wirklich nett gemeint. Aber wir kennen die Route inzwischen. Danke, Nadine. Aber nein, danke. Manche Erfahrungen muss man im Leben nur einmal machen. Andere zweimal. Den Trenino von Bardolino definitiv nicht dreimal.
Also weiter zu den Fahrrädern und zurück zur Mission Olivenöl. Die erste Adresse in Bardolino lag etwas außerhalb. Wir radelten hin, stellten die Räder ab und standen vor einer geschlossenen Tür. Natürlich. Nach dem Motorradladen am Vormittag wäre alles andere auch irgendwie verdächtig gewesen. Italien hatte offenbar beschlossen, uns an diesem Tag Öffnungszeiten als philosophisches Konzept näherzubringen. Also wieder zurück auf die Räder und weiter nach Lazise zu Option Nummer zwei.
Dort hatten wir mehr Glück. Der Frantoio Veronesi war geöffnet. Eine echte Ölmühle mit altem Mühlstein in der Ecke, Regalen voller Flaschen und genau der Atmosphäre, die einem sofort das Gefühl gibt, hier könnte es tatsächlich gutes Olivenöl geben. Allerdings waren wir mit dieser Idee nicht allein. Der Laden war voller Menschen, und gefühlt sprachen neun von zehn Deutsch. Genauer gesagt die Art von Deutsch, die man hört, wenn unsere Landsleute glauben, gerade einen Geheimtipp entdeckt zu haben. Also ziemlich laut und mit dem Unterton: „Das nehmen wir mit, das gibt es daheim so nicht.“
Die Einkaufswagen der anderen Besucher quollen über vor Olivenöl, Essig, Gewürzen, Pasta, Aufstrichen und allem, was sich irgendwie nach Italien anfühlt. Manche kauften mit einer Entschlossenheit ein, als würde der Gardasee morgen schließen und nie wieder öffnen. Besonders in Erinnerung blieb mir ein Herr, der eine Flasche Aceto Balsamico betrachtete, als hätte er gerade die Geburtsurkunde seines Erstgeborenen erhalten. Wir dagegen hatten einen ganz einfachen Plan. Wir wollten eigentlich nur Olivenöl kaufen. Ein Satz, der bei uns inzwischen ungefähr so belastbar ist wie „Wir schauen nur kurz.“
Aber zuerst wurde probiert. In kleinen Schnapsgläsern standen verschiedene Olivenöle bereit, dazu ein paar Stückchen Brot. Wir prosteten uns zu, als würden wir an einer Weinprobe teilnehmen, und arbeiteten uns durch unterschiedliche Intensitäten und Geschmacksrichtungen. Der Verkäufer erklärte geduldig die Unterschiede zwischen früher und später Ernte, sprach von Fruchtigkeit, Schärfe und Aromen, und irgendwann lernte ich auch, dass ein gutes Olivenöl im Hals leicht kratzt. Kein Fehler, kein Warnsignal, sondern ausdrücklich erwünscht. Eine interessante Erkenntnis. Mein bisheriges Qualitätskriterium für Olivenöl lautete nämlich ungefähr: „Schmeckt nach Olivenöl.“
Ich hörte aufmerksam zu, probierte, nickte fachmännisch und tat so, als könnte ich die feinen Unterschiede zwischen den einzelnen Sorten problemlos herausschmecken. Am Ende kaufte ich genau das Öl, das mir der Verkäufer empfohlen hatte. Es kratzte ordentlich im Hals – also musste es hervorragend sein. Dann kam die wirklich schwierige Entscheidung. Welche Größe nehmen wir?

Vor uns standen die Flaschen und Kanister, und sofort begann das vertraute Schwaben-Kopfkino. Die 0,75-Liter-Flasche war pro Liter deutlich teurer als der Drei-Liter-Kanister. Der Fünf-Liter-Kanister wiederum war kaum teurer pro Liter als der Dreier. Rein mathematisch hätte man also den Fünf-Liter-Kanister kaufen müssen. Eigentlich sogar zwei. Wer Loriots Papa ante portas kennt, erinnert sich vielleicht an die legendäre Geschichte mit den Radiergummis und dem Druckerpapier. Genau in dieser geistigen Region bewegten wir uns gerade. Nur eben mit Olivenöl. Und Fahrrädern. Also komplett vernünftig.
Am Ende siegte die Vernunft ganz knapp über die Schwabenlogik, und wir entschieden uns für drei Liter. Dann fiel mir ein, dass Bianca uns gebeten hatte, ihr ebenfalls Öl mitzubringen. Also standen wir wenige Minuten später mit zwei Drei-Liter-Kanistern an der Kasse. Sechs Liter Premium-Olivenöl. Weil Vernunft eben auch ihre Grenzen hat. Und weil man mit sechs Litern Olivenöl zumindest rechnerisch eine sehr gute Entscheidung getroffen hat, wenn man die Rückfahrt konsequent ignoriert.
Als wir schließlich vor dem Laden standen, hatten wir zwei Drei-Liter-Kanister Olivenöl, einen neuen Vespa-Helm, frisch gekauftes Pasta-Geschirr und zwei Falträder. Spätestens an diesem Punkt begann unser Einkauf langsam die Dimensionen einer kleinen Spedition anzunehmen. Uns fehlten eigentlich nur noch Warnwesten, ein Lieferschein und jemand, der fragt, ob wir die Ware auf Palette abholen.
Mit dem Öl im Gepäck war die eigentliche Mission zwar erfüllt, aber Lazise wollte natürlich trotzdem noch besichtigt werden. Und das ist auch gut so, denn die Altstadt gehört für uns zu den schönsten am ganzen Gardasee. Wir parkten die Fahrräder am Marktplatz zwischen Kirche und Hafen und gönnten uns erst einmal ein Gelato. Ich nahm Haselnuss und Stracciatella, Stefan Amarena-Kirsche und Zitrone. Über diese Kombination werde ich nicht urteilen. Sie machte ihn glücklich, und das ist letztlich alles, was zählt. Man muss in einer Ehe nicht alles verstehen. Manches reicht, wenn man es akzeptiert.
Mit Öl, Geschirr, Helm und Eis im Bauch machten wir uns schließlich auf den Rückweg zum Campingplatz. Wer uns unterwegs gesehen hat, dürfte sich allerdings gefragt haben, was genau hier eigentlich transportiert wird. Bei mir klapperte vermutlich das Geschirr im Takt der Pedalbewegungen, bei Stefan schaukelten die Ölkanister fröhlich vor sich hin. Zusammen sah das Ganze weniger nach Fahrradausflug und mehr nach einem Umzug mit sehr begrenztem Budget aus. Das Bild unten trifft die Situation übrigens erstaunlich gut. Nur dass wir in Wirklichkeit wahrscheinlich noch etwas beladener aussahen. Schwaben optimieren eben. Immer. Selbst die Zuladung von Falträdern.

Zurück auf dem Campingplatz war die Entscheidung schnell gefallen: Heute Abend gehen wir nochmal ins Restaurant. Warum lange experimentieren, wenn man am Vorabend bereits festgestellt hat, dass Essen, Service und Preise passen? In solchen Momenten sind wir erstaunlich konservativ. Der Tag darf gerne spontan ausufern, aber beim Abendessen wissen wir gern, woran wir sind.
Ich entschied mich diesmal für ein Schnitzel in Weißweinsoße. Stefan hingegen blieb seiner Linie treu und bestellte – Überraschung – Spaghetti Pomodoro. Langsam bin ich überzeugt, dass man ihm in Italien gar keine Speisekarte mehr geben müsste. Es würde am Ergebnis ohnehin nichts ändern. Der Mann pflegt ein bemerkenswert konsequentes Verhältnis zu Spaghetti mit Tomatensoße, das sich inzwischen wie ein roter Faden durch die gesamte Reise zieht. Andere sammeln Erinnerungen. Stefan sammelt Varianten von Pomodoro.
Das Essen war wieder hervorragend, der Wein ebenso, und während wir dort saßen, wurde mir plötzlich bewusst, was wir an diesem Tag eigentlich alles angeschleppt hatten. Sechs Liter Olivenöl, neues Pasta-Geschirr, ein Vespa-Helm und T-Shirts. Irgendwo im Camper war inzwischen alles verstaut worden, vermutlich nach einem ausgeklügelten System, das spätestens morgen niemand mehr versteht. Campingstauraum ist ja ein eigenes physikalisches Phänomen. Dinge verschwinden hinein und tauchen irgendwann an völlig unerwarteter Stelle wieder auf. Meistens, wenn man etwas ganz anderes sucht.
Während die Sonne langsam tiefer sank und die letzten Camper gemütlich über den Platz schlenderten, wurde uns klar, was für ein herrlich verrückter Urlaubstag das eigentlich war. Gestartet waren wir mit einer Fahrradtour nach Garda. Zurückgekommen waren wir mit einem kleinen Hausstand und ausreichend Olivenöl, um eine italienische Großfamilie mehrere Wochen zu versorgen. Und mit einem weißen Helm, der endlich wieder Ordnung in das Vespa-Farbkonzept brachte. Man muss Prioritäten setzen.
Manchmal laufen die besten Urlaubstage eben ganz anders als geplant. Und genau deshalb bleiben sie in Erinnerung. Nicht, weil alles besonders spektakulär war, sondern weil aus einer harmlosen Fahrradtour plötzlich eine Mischung aus Keramik-Nachschub, Vespa-Modeberatung, Olivenöl-Verkostung, schwäbischer Literpreisrechnung und logistischer Grenzerfahrung wurde. Gute Nacht, Gardasee. Heute haben wir dich nicht nur besucht. Wir haben dich teilweise exportiert.



























