
Salt Lake City – Ein Tag zwischen Capitol, Temple Square und Shoppingrausch
Neuer Tag, neues Mückendrama.
Der Camper musste entsorgt werden – und nein, damit ist nicht der Verkauf bei eBay gemeint, sondern das, was man am Ende jedes Campingtages tun muss, wenn man wieder unbeschwert durchatmen will: Abwasser raus, Frischwasser rein – das volle Camper-Wellnesspaket.
Klingt eigentlich harmlos. Wäre da nicht die Stechmücken-Armee vom Vortag, die offenbar Verstärkung geholt hatte. Sobald Oli und Stefan die Tür öffneten, war klar: Das ist keine Serviceaufgabe. Das ist ein Himmelfahrtskommando.
Todesmutig stiegen sie aus, bewaffnet mit dumpfem Optimismus, festen Handgriffen – und vielleicht ein bisschen Verzweiflung. Der Rest von uns harrte drinnen aus, mit angespannten Blicken zur Tür und dem festen Entschluss: „Wenn da jetzt einer reinkommt, wird nicht mehr rausfliegen.“ Aber es ging gut. Camper leer, Männer lebendig, nur leicht perforiert.
Dann Frühstück. Also… für uns. Wir waren ja schon das Frühstück der Mücken gewesen. Brot, Kaffee, ein paar flüchtige Blicke nach draußen – und innerlich schon bereit für den nächsten Tapetenwechsel.
9:00 Uhr, Abfahrt nach Salt Lake City. Schon beim ersten Blick wird klar: Diese Stadt wurde von jemandem geplant, der entweder ein sehr geordnetes Gehirn oder ein Lineal-Fetischproblem hat.
Avenues, Streets, alles nummeriert, alles logisch – selbst Google Maps hatte gute Laune. Keine verschnörkelten Altstadtgassen, kein „Fahr einfach, ich sag dir dann Bescheid“. Nein, Salt Lake City ist der aufgeräumte Schreibtisch unter den Städten.
Und trotzdem – oder gerade deswegen – hat sie was. Ordnung kann ja auch beruhigend sein, vor allem nach Tagen in Mückenland und Vulkangeysirgebiet.
Unser erster Stopp: das State Capitol. Ein Granit-Koloss mit 52 korinthischen Säulen und einer Kuppel, die selbst Washington D.C. ein anerkennendes Nicken abringen würde.
Hier wird nicht mit kleinen Brötchen gebacken, hier wird architektonisch geprotzt – aber stilvoll. Und die Aussicht? Grandios.
Die Stadt lag uns zu Füßen, dahinter die schneebedeckten Wasatch Mountains – eine Kulisse wie bestellt. Der perfekte Moment für ein Familienfoto mit dramatischem Hintergrund und etwas zu viel Gegenlicht. Aber egal. Man spürte, dass dieser Ort Geschichte hat – und einen seltsamen Mix aus Pioniergeist, Mormonenästhetik und Rocky-Mountain-Coolness.
Salt Lake City: überraschend charmant für einen Ort, der aussieht, als hätte man ihn mit dem Geodreieck gezeichnet.

Nach unserem Besuch des majestätischen Utah State Capitols, das mit seinen 52 korinthischen Säulen und der imposanten Kuppel beeindruckt, betraten wir das Innere des Gebäudes und wurden von der prächtigen Rotunde empfangen. Der Blick nach oben offenbarte die kunstvoll gestaltete Kuppel, deren detailreiche Fresken Szenen aus der Geschichte Utahs darstellen. Die Wände zierten beeindruckende Wandgemälde, die bedeutende Ereignisse und Persönlichkeiten des Staates würdigen.
Da an diesem Tag keine Sitzungen stattfanden, hatten wir die Gelegenheit, einige der normalerweise belebten Räume zu besichtigen. Besonders beeindruckend war der Oberste Gerichtssaal mit seiner eleganten Einrichtung und der Aura von Recht und Ordnung. Auch der Senatssaal stand uns offen, und wir konnten die sorgfältig arrangierten Sitzreihen und das Podium betrachten, von dem aus wichtige Entscheidungen getroffen werden.
BILDERGALERIE: Utah State Capitol
Während unseres Rundgangs stießen wir auf die Hall of Governors, in der Porträts aller bisherigen Gouverneure Utahs ausgestellt sind. Diese Galerie bot einen faszinierenden Einblick in die politische Geschichte des Staates. Die informativen Tafeln und Ausstellungen entlang unseres Weges vermittelten zusätzliches Wissen über die Architektur und die historischen Ereignisse, die mit dem Capitol verbunden sind.
Unser Besuch im Utah State Capitol war nicht nur eine Reise durch ein beeindruckendes Gebäude, sondern auch eine lebendige Geschichtsstunde, die uns die kulturelle und politische Entwicklung Utahs näherbrachte.

Nächster Stopp Temple Square. Eigentlich hatten wir gehofft, durch gepflegte Gärten zu flanieren und dabei ehrfürchtig auf die makellose Fassade des Tempels zu blicken. Aber wir wurden von Realität und Baulärm sanft, aber bestimmt auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Statt Blumenbeeten gab’s Schotterflächen, statt Fotospots Bauzäune.
Trotzdem spazierten wir eine Runde um das Gelände – in der Hoffnung, vielleicht doch noch einen Blick auf irgendetwas Heiliges zu erhaschen, das nicht von einem Bauhelm verdeckt war. Die beeindruckende Fassade des Tabernacle war zumindest teilweise sichtbar, und ein paar der historischen Gebäude drumherum standen tapfer und unverbaut zwischen den Kränen, als wollten sie sagen: „Wir waren zuerst da.“
Ein paar Schautafeln erklärten geduldig, was hier mal entstehen soll: Mehr Platz für Besucher, bessere Infrastruktur, ein erdbebensicherer Tempel. Alles verständlich – aber eben auch nicht besonders fotogen. Trotzdem hielten wir das Ganze natürlich fest. Man will ja später erzählen können: „Hier, das war der Tempel… na ja, fast.“
Am Ende blieb uns immerhin ein bisschen Mormonen-Feeling – wenn auch eher in der Variante „Baustellenrundgang“ statt spiritueller Erleuchtung. Aber wer weiß: Vielleicht kommen wir irgendwann zurück – und stehen dann tatsächlich vor einem fertig restaurierten Tempel. Mit Blumen. Und ohne Bagger.
Stefan und ich mussten jedenfalls ein bisschen schmunzeln – wir waren 2014 schon einmal hier, damals noch ohne Bauzäune und Bagger, dafür mit perfektem Blick auf den Tempel. Von innen besichtigen kann man ihn übrigens nicht, zumindest nicht, wenn man kein Mitglied der Kirche ist – der Salt Lake Temple ist ausschließlich Gläubigen vorbehalten, was ihn wohl auch zu einem der meistfotografierten Gebäude mit unbegehbarer Türschwelle macht. Damals hatten wir ihn also nur von außen bewundert – und genau das wollten wir jetzt eigentlich auch wieder tun. Nur diesmal eben mit Baustellen-Flair statt Postkartenmotiv.
BILDERGALERIE: Salt lake City
Nach all den ehrwürdigen Hallen, Marmortreppen und Tempelansichten wurde es höchste Zeit für einen Stimmungswechsel – Shopping als Kontrastprogramm. Also steuerten wir das City Creek Center an – ein Einkaufszentrum, das so aufgeräumt, durchgestylt und edel wirkte, dass man beim Betreten kurz überlegte, ob man vielleicht vorher seine Schuhe hätte polieren sollen.
Das Konzept: Urbaner Luxus trifft auf offene Architektur – inklusive Glasdach, Bächlein mit Brückchen und blitzenden Böden, auf denen man sich selbst spiegeln konnte, wenn man wollte. Oder ungewollt. Die Kinder waren natürlich sofort im Spielzeugladen verschwunden, während wir Erwachsenen uns nach Interessengebieten aufteilten: Food Court für den schnellen Snack, Apple Store für technikaffine Familienmitglieder, GAP Kids für stylische Mini-Reisende.
Und dann natürlich: Starbucks. Aber diesmal nicht nur wegen Kaffee – Nadine hatte eine klare Mission. Ihre Sammlung an „Been There“-Tassen sollte schließlich um Salt Lake City erweitert werden. Also wurde zielstrebig die Filiale aufgespürt, der Tassenständer lokalisiert – und die Beute stolz zur Kasse getragen. Mission erfolgreich abgeschlossen. Die Tasse trat gut verpackt die Weiterreise im Camper an – zwischen Powerbanks, Kekskrümeln und kindlicher Begeisterung über neue Mitbringsel.
BILDERGALERIE: City Creek Center
Nach all dem Laufen, Erkunden und Shoppen war es eindeutig Zeit für eine Belohnung – und zwar in flüssiger Form mit Beilage. Unser Ziel: die Squatters Brewery, eine feste Institution in Salt Lake City, wenn es um gutes Bier und noch besseres Essen geht.
Schon beim Eintreten spürte man diese entspannte Stimmung: ein bisschen urban, ein bisschen rustikal, angenehm bodenständig. Der perfekte Ort, um nach einem Tag voller Geschichte, Tempel-Baustellen, blitzsauberer Shopping-Malls und kindlicher Mitbringselverhandlungen einfach mal durchzuatmen. Die Getränkekarte? Vielversprechend. Das Bier kam kalt und charakterstark, mit Namen wie “Hop Rising” oder “Polygamy Porter”, die klangen, als hätten sie Humor mit Hopfen gebraut.

Das Essen? Deftig, sättigend, genau das, was man nach einem Kilometer-Marathon durch die Innenstadt braucht.Burger, Sandwiches, Fries, Salate – mit dem gewissen Etwas. Noah und Emilia bekamen ihre Nuggets und Pommes, wir Erwachsenen unsere verdiente Auszeit auf dem Teller.
Es war einer dieser Abende, die sich nach einem guten Abschluss anfühlen. Nicht spektakulär, nicht dramatisch – aber genau richtig. Ein bisschen müde, ein bisschen zufrieden, ein bisschen stolz auf das, was man heute alles gesehen, entdeckt und erledigt hat. Mit einem letzten Blick auf die untergehende Sonne über Salt Lake City prosteten wir uns zu – auf diesen Tag, auf unsere Reise, auf den nächsten Morgen.
BILDERGALERIE: Squatters Pub Brewery
Nach dem Essen entschieden wir, noch ein paar Meilen gutzumachen – ein kleiner Kilometer-Vorsprung für den nächsten Tag, damit das Frühstück nicht gleich in Stress ausartet. Und so rollten wir mit unserem monströsen Camper, der auf jedem Highway aussieht wie ein fahrendes Einfamilienhaus, Richtung Süden. Ziel: Ephraim, ein charmantes Nichts von einem Ort, rund 100 Meilen von Salt Lake City entfernt, irgendwo zwischen Rocky Mountain Idylle und staubiger Weite.
Und was wäre ein echter Roadtrip ohne eine Nacht auf einem Walmart-Parkplatz? Willkommen beim „Wally-Docking“ – der inoffiziellen, aber äußerst beliebten Kunstform des kostenlosen Campens zwischen Einkaufswagen-Rückgabestationen und Discount-Outdoorjacken. Es hat etwas wunderbar Prag-matisches: kein Schnickschnack, keine Gebühren, aber alles, was man braucht.

Die Vorteile? Toiletten rund um die Uhr, ein Supermarkt voller Snacks und Zahncreme für Notfälle – und man kann zur Not noch schnell ein Set Kissen oder einen Generator kaufen, sollte die Nacht mal wieder zu „authentisch“ werden.
Die Nachteile? Nun ja – wenn man es genau nimmt: keine Aussicht, kein Lagerfeuer, und die leise Angst, dass man am Morgen zwischen SUV und Einkaufswagen als Statist in einer Doku über „Amerikas alternative Wohnformen“ auftaucht.
Aber für uns war’s genau richtig: Ein bisschen improvisiert, ein bisschen kurios – aber mit genügend Parkfläche für unseren rollenden Koloss. Und ganz ehrlich: Wo sonst kann man mitten in der Nacht noch ein Eis holen und dabei in Hausschuhen durch die Haushaltswaren-Abteilung schlendern?

