(2024) Feuer Frei, Noah! – Wer nach Rammstein noch weiß, wie er ins Bett kam, hat nicht richtig gefeiert
Kein Strand. Kein Campingplatz mit Meerblick. Keine Postkarten-Altstadt. Aber der Camper ist dabei – also gilt das offiziell als Reise. Das ist unser ungeschriebenes Hausgesetz, und wir halten daran fest.
Seit Oktober letzten Jahres tanzen wir auf Wolke sieben. Denn damals ist mir das scheinbar Unmögliche gelungen: vier Tickets für Rammstein. Wer das jemals versucht hat, weiß, dass das keine entspannte Online-Bestellung ist, sondern ein echter Gladiatorenkampf gegen überlastete Server, zusammenbrechende Ticketportale und zehntausende Gleichgesinnte, die alle genau dasselbe wollen – nur eine Millisekunde schneller sind als du. Sekundengenau nach Verkaufsstart: Server tot. Minuten später: ausverkauft. Außer für mich.
Ich habe es geschafft. Und das nicht zum ersten Mal – mittlerweile bin ich sowas wie ein Schwarzgurt im Rammstein-Ticketkauf. Eine Disziplin, die man nicht lernt, sondern entwickelt. Unter Druck. Mit Schweißperlen auf der Stirn und mehreren Browser-Tabs gleichzeitig.
Dieses Mal: Gelsenkirchen. Stuttgart? München? Fehlanzeige. Aber was soll’s – wir machen ein verlängertes Wochenende draus. Der Camper wird beladen, die Playlist eingeschaltet, und Böhms rollen gen Norden.
Das absolute Highlight aber – das eigentliche Herzstück dieser ganzen Geschichte – ist nicht die Musik, nicht die Pyrotechnik, nicht mal der Knastzimmer-Anruf beim Schullehrer, den wir noch kommen sehen: Noah darf mit. Sieben Jahre alt. Die magische Grenze. Sein allererstes Konzert. Seine allererste große Show. Der Kleine hat Rammstein bereits seit Jahren auf dem Schirm – ihre Musik läuft bei uns im Haus, im Auto, überall. Er kennt die Texte, er kennt die Songs, er hat Videos auf YouTube geschaut, solange wir’s erlaubt haben.
Und Emilia? Emilia – vier Jahre alt, erschreckend textsicher, bereits jetzt in der Lage, „Du hast“ mitzusingen auf eine Weise, die einem gleichzeitig stolz und leicht beunruhigt macht – muss leider noch warten. Sie ist zu jung. Das Konzert ist zu laut, zu spät, zu lang. Diese Erkenntnis hat sie mit der stoischen Würde einer Vierjährigen hingenommen, die weiß, dass es sinnlos ist, dagegen zu argumentieren – und die gleichzeitig sehr gut weiß, dass Noah ihr später ausführlich berichten wird. Worüber sie sich dann auch postwendend und in vollem Umfang informieren lassen wird. Minute für Minute.
Also: Camper beladen. Musik aufdrehen. Feuer Frei. Los.

Die Fahrt nach Gelsenkirchen war ein episches Geduldsspiel, das wir im Nachhinein als „malerisch“ bezeichnen, weil wir nicht mehr zurück können. Stau auf der A3. Dann nochmal Stau. Und zur Abwechslung: Stau. Mal Stillstand, mal Schneckentempo, mal das tröstliche Gefühl, dass wenigstens alle anderen auch nirgendwo hinkommen.
Rammstein dröhnte aus den Boxen, was zumindest akustisch so tat, als würden wir uns irrsinnig schnell fortbewegen. Noah auf dem Rücksitz wechselte zwischen Rammstein-Texte mitsingen, Fußball-Zeitung lesen und „Ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst“ spielen. Spoiler: Es war meistens ein anderes Auto im Stau. Die Disziplin, die ein Siebenjähriger bei stundenlangem Stillstand beweist, verdient ehrlich gesagt eine eigene Auszeichnung.

Dann endlich: Wuppertal, 15 Uhr. Nadine und Noah hatten sich ein Zimmer im Roadstop Motel gegönnt, einem Etablissement, das offensichtlich beschlossen hatte, dass normale Hotelzimmer langweilig sind. Stefan und ich bezogen den Camper auf dem Parkplatz – deutlich günstiger, deutlich unkomplizierter, und ohne die Überraschungen, die im Inneren des Motels auf Nadine und Noah warteten.
Denn als die beiden ihr Zimmer betraten, standen sie vor einer originalgetreu nachgebauten Knastzelle.
Ja. Richtig gelesen. Themenzimmer. Das Motel hatte Themenzimmer. Und ihres war ein Gefängnis. Kühler Stein. Massive Gitterstäbe. Ein Bett, das definitiv nicht von einer Hotelkette gesponsert wurde. Kahle Wände, die Atmosphäre einer Zelle, in der man über seine Lebensentscheidungen nachdenkt.
Noahs Augen wurden groß. Sehr groß. Dann weit. Dann so weit, dass man fast Sorgen bekommen hätte. Und dann leuchteten sie.
„Mama – wir schlafen im KNAST!“
Man muss sich kurz vorstellen, was das für Konsequenzen haben wird. Irgendwann im Herbst, in einem ganz normalen Schultag, wird Noah seiner Lehrerin beim Aufsatzschreiben berichten: „In den Sommerferien war ich mit Mama bei Rammstein – und dann haben wir eine Nacht im Knast geschlafen!“ Die Lehrerin wird die Eltern anrufen. Das Gespräch wird kurz, aber einprägsam sein. Wir freuen uns bereits drauf.
Das Abendessen im hauseigenen Restaurant des Motels war – und das muss man sagen – eine echte Überraschung. Eine Motel-Angestellte mit dem überzeugenden Lächeln einer Großmutter, die einem die dritte Portion aufdrängt, hatte uns bereits beim Einchecken von den legendären Spareribs des Hauses überzeugt. „In zwanzig Minuten öffnen wir – und die Ribs sind der Wahnsinn!“ Das klang nicht nach Werbung. Das klang nach einer Prophezeiung. Gegen so eine kulinarische Ansage ist selbst McDonald’s machtlos.
Also: Planänderung. Biergarten. Rustikale Holzbänke. Ein Hauch von Route 66 im Innenraum, Kuhfell-Optik, eine Bar so groß, dass man dort problemlos übernachten könnte. Nadine und Stefan entschieden sich für saftige Burger, bei denen der Speck so verführerisch glänzte, dass selbst überzeugte Vegetarier kurz ins Wanken geraten wären. Ich orderte die Spareribs. Das Fleisch fiel vom Knochen, die Sauce hatte genau die richtige Mischung aus süß, rauchig und „noch eine Runde bitte“. Ein Gedicht.
Noah? Noah blieb seiner kulinarischen Überzeugung treu. Chicken Nuggets, Familienpackung. Außen knusprig, innen zart. Genau so, wie sie sein müssen. Kein Experiment, kein Risiko, pure Verlässlichkeit. Der kleine Mann weiß, was er will.
Satt, zufrieden und mit einem angenehmen Fleischkoma im Gepäck: Weiterfahrt nach Gelsenkirchen.
Rammstein – Deutschlands lautester Exportschlager
Es gibt Bands, die man hört – und dann gibt es Rammstein. Die hört man nicht nur, die fühlt man, die erlebt man, die überrollen einen wie ein brennender Güterzug. Seit 1994 prägen Till Lindemann, Richard Kruspe, Paul Landers, Oliver Riedel, Christoph Schneider und Flake Lorenz mit ihrer brachialen Mischung aus Industrial, Metal und Theatralik die Musikwelt – und sie tun es auf eine Weise, die keiner sonst hinkriegt.
Der Sound – Wenn Musik zu einem Orkan wird
Wer Rammstein einmal gehört hat, vergisst sie nie. Diese stampfenden Rhythmen, Gitarrenriffs wie Abrissbirnen und Lindemanns tief rollende Stimme, die jede einzelne Silbe mit einer Präzision herausmeißelt, als wäre sie in Stein gemeißelt – einfach unverkennbar. Und dann diese Texte: doppelbödig, provokant, poetisch, verstörend und wunderschön zugleich. Kein simples „Laut für laut“ – hier steckt viel mehr drin, und wer glaubt, dass Rammstein nur Krach macht, hat sie nicht verstanden.
„Du hast“, „Sonne“, „Ich will“, „Engel“ – diese Songs haben sich längst in die DNA der Rockmusik eingebrannt. Und dann kommt ein Album wie „Deutschland“ und zeigt: Diese Band kann sich immer wieder neu erfinden, immer wieder Grenzen verschieben – und dabei trotzdem Rammstein bleiben.
Live – Eine Show, die alles andere in den Schatten stellt
Rammstein live ist keine einfache Konzert-Erfahrung – es ist eine Wucht, ein Theaterstück, ein Spektakel, das dich in den Sitz drückt und dir gleichzeitig einen Adrenalinkick verpasst. Kein Konzert ohne Feuerfontänen, kein Song ohne massive Inszenierung. Till Lindemann mit Flammenwerfer-Maske, Flake, der in einem riesigen Kochtopf gekocht wird, Pyro-Explosionen, die den Himmel erhellen – Rammstein geht nicht auf die Bühne, sie erobern sie.
Und dann steht man da, in einem Stadion mit zigtausend anderen Fans, spürt die Hitze der Flammen, den Bass, der in der Brust vibriert, und singt jede Zeile mit, selbst wenn es nur ein einziges Wort ist: „DU… HAST…“.
Provokation? Ja, aber nie ohne Kunst.
Rammstein wären nicht Rammstein ohne Skandale, Diskussionen und Kopfschütteln. Doch wer glaubt, es gehe nur um Provokation, verkennt das Konzept. Hinter jedem Text, jedem Video steckt eine tiefere Ebene. Sie zwingen dich zum Nachdenken, sie reizen aus, sie schocken – und doch ist es immer Kunst, nie plump, nie belanglos.
Eine deutsche Band, die die Welt erobert hat
Während andere Bands irgendwann ihren Zenith überschreiten, werden Rammstein mit jedem Album, jeder Tour nur noch größer, noch epischer. Sie haben es geschafft, in den USA, Südamerika, Japan, Australien – überall – Stadien zu füllen. Eine deutsche Band, die weltweit nicht nur akzeptiert, sondern gefeiert wird. Das schaffen nicht viele.
Rammstein ist eine Naturgewalt. Punkt.
Es gibt Rockbands, Metalbands, gute Bands – und dann gibt es Rammstein. Sie stehen für eine Einzigartigkeit, die es so kein zweites Mal gibt. Wer einmal in einem ihrer Konzerte stand, weiß: Das ist nicht einfach nur Musik, das ist eine Erfahrung.
Rammstein ist nicht nur laut. Rammstein ist Kunst. Rammstein ist brachial. Rammstein ist pures Adrenalin. Rammstein ist… einfach Rammstein.
Dank perfektem Timing und einem Parkplatz, der auf uns gewartet zu haben schien – zehn Minuten zu Fuß von der Veltins-Arena –, standen wir plötzlich vor dem Ort des Geschehens. Die Arena, sonst das Reich von Schalke 04, hatte sich für die nächsten Tage zur Kathedrale des Rock verwandelt. Überall Schwarz, überall Rammstein-Shirts, überall Menschen, die denselben Blick hatten: Vorfreude auf Höchststufe.
Und Noah?
Noah stand da. Mund offen. Augen so groß wie die Stadionflutlichter. Er hatte Menschen in Massen bisher nur im Fernsehen gesehen – und plötzlich war er mittendrin, umgeben von Zehntausenden, die alle auf dasselbe warteten. Sein Gehirn versuchte sichtlich, eine neue Kategorie anzulegen: „gigantisch“. Das dauerte einen Moment. Dann flitzte er los.
Zunächst: Erfrischungen. Noah bekam sein Wasser – aber nicht einfach so, sondern in einem Rammstein-Becher, den er ehrfürchtig in beiden Händen hielt wie ein kostbares Artefakt. Die Erwachsenen: Cola. Solide. Funktional. Bereit.
Dann: der Merchandise-Stand. Oh. Mein. Gott.
Dort herrschte ein Gedränge, als würde es Freibier geben. T-Shirts, Poster, Becher, Schlüsselbänder, Caps, Rucksäcke – ein Paradies für Fans, ein Alptraum für jedes Haushaltsbudget. Noah hatte sofort zwei Schätze im Visier: das aktuelle Tour-Shirt und ein Schlüsselband. Widerstand? Zwecklos. Man sieht diesen Blick, und man ist erledigt.
Nadine und ich gingen hin mit dem felsenfesten Vorsatz, „nur mal zu schauen“. Tja. Wir schauten – und kauften. Ein paar Minuten und einen mittleren Geldbeutelschock später standen wir draußen, beladen mit einem brandneuen Rammstein-Rucksack voller Schätze, und jeder hatte das Gesicht von jemandem, der genau weiß, was er getan hat – und es keinen Moment bereut.
Als wir Noah mit seinen neuen Errungenschaften strahlen sahen – dieses pure, bedingungslose Glück, diese aufgeregte Vorfreude – da war klar: Unbezahlbar. Jeder Cent.

Stellt euch vor: Ihr seid umgeben von Zehntausenden, die Luft knistert vor Spannung, gleich könnte alles losgehen – und dann passiert etwas, mit dem niemand gerechnet hat. (Also wir schon – es ist ja bereits unser drittes Rammstein-Konzert)
Punkt 19:30 Uhr betreten zwei elegante Frauen die Bühne. Setzen sich an zwei Flügel. Und dann füllt sich das Stadion mit etwas, das man dort nicht erwartet: sanften, gefühlvollen Piano-Versionen von Rammstein-Hits. „Du Hast“ – zart und zerbrechlich. „Sonne“ – fast meditatisch. „Engel“ – so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können.
Abélard. Zwei Pianistinnen, die Rammstein in eine vollkommen andere Welt überführten – und damit ein ganzes Stadion zum Schweigen brachten. Keine Flammen. Keine Explosionen. Nur Musik, in ihrer reinsten Form.

Und Noah? Noah stand da mit dem Gesichtsausdruck purer Erhabenheit. Während wir Erwachsenen erst nach den ersten Takten ahnungsvoll nickten, hatte er längst triumphierend identifiziert, welcher Song gerade neu interpretiert wurde. Jeden. Sofort. Fehlerfrei. Mit einem Blick, der sagte: „Ich bin der größte Rammstein-Fan dieses Planeten – und ihr seid meine bescheidene Begleitung.“
Nach 45 Minuten verklangen die letzten Pianoklänge. Und dann – dieses Knistern. Das Stadion bis auf den letzten Platz gefüllt, die Stimmung auf dem absoluten Siedepunkt, La-Ola-Wellen rollten durch die Ränge. Und dann begann das Dach der Veltins-Arena, sich langsam zu öffnen. Der Nachthimmel über Gelsenkirchen – sichtbar, real, gigantisch.
Noah sprang auf und ab. Nicht weil wir es erlaubt hätten. Weil sein Körper einfach keine andere Möglichkeit mehr kannte.
20:40 Uhr. Ein gewaltiger Knall, der einem kurz das Herz stehen ließ.
Zu epischen Fanfarenklängen schwebt die Band in einem offenen Lastenzug den stählernen Turm in der Bühnenmitte hinab. Fünf Männer. Aber einer fehlt.

Und dann – BÄHM.
Till Lindemann schießt aus dem Boden. Eingehüllt in Licht und Flammen. Die ersten Töne von „Ramm4″ explodieren durch das Stadion. 70.000 Menschen rasten aus. Noahs Augen sind so groß wie die Feuersäulen auf der Bühne – und in diesem Moment ist er kein Siebenjähriger mehr, der von seiner Oma mitgenommen wurde. In diesem Moment ist er einfach einer von uns. Ein Rammstein-Fan. Vollständig, restlos, ohne Vorbehalt.
„Links 2-3-4″ – die Tribünen wackeln. Der Sound ist brutal laut, aber kristallklar – eine Wand aus Klang, die einen von allen Seiten umschließt. „Keine Lust“ – Flammen, Explosionen, Funkenregen. „Puppe“ – ein überdimensionaler Kinderwagen geht in Flammen auf, während Till ihn mit einer Gleichgültigkeit beäugt, die ihn noch beunruhigender macht. „Mein Teil“ – Till als wahnsinniger Metzger, Flake in einem riesigen Kochtopf, ein Flammenwerfer. Die Hitze erreicht uns, obwohl wir weit hinten sitzen. Wirklich. Man spürt sie im Gesicht.
„Du Hast“ – das Stadion singt. Alle. Jeder einzelne Mensch in diesem Rund. Noah singt mit. Laut, textsicher, ohne eine Silbe auszulassen. Das ist der Moment, in dem man als Oma denkt: Ich habe alles richtig gemacht.
„Sonne“, „Deutschland“, „Radio“ – Feuerwerk, schwarzes Konfetti, das durch die Luft wirbelt und auf uns herabrieselt. Noah fängt Konfetti mit den Händen, als wären es Schneeflocken.
Die erste Zugabe beginnt: „Engel“. Doch nicht auf der Hauptbühne. Die Band schreitet mitten in den Innenraum, auf eine kleine Bühne zwischen den Menschen. Nur ein Klavier. Und dann singen Zehntausende Menschen mit – leise, gemeinsam, ein einziger, riesiger Chor unter dem offenen Himmel von Gelsenkirchen. Ein Moment, bei dem einem die Nackenhaare aufstehen. Ein Moment, der nicht zu Rammstein zu passen scheint – und der deshalb so unfassbar gut funktioniert.
Danach setzen sich die Bandmitglieder in Schlauchboote und lassen sich vom Publikum auf Händen zurück zur Hauptbühne tragen. Mit dieser Nonchalance, die nur Leute haben, die das seit Jahren machen und trotzdem noch lachen dabei.
Und dann: „Pussy“.
Wer Rammstein kennt, weiß, was das bedeutet. Eine gigantische Schaumkanone. Das Zeug fliegt in riesigen Wellen durch die Luft, hüllt die vorderen Reihen in weißen, klebrigen Nebel. Und hier, in diesem Moment, packt Stefan und mich eine Welle kollektiver Nostalgie – denn 2022, Stuttgart, standen wir dort. Mittendrin. Frontalzone. Voll erwischt. Eingeseift wie ein schlecht geplanter Besuch beim Autowaschsalon. Das Beweisfoto existiert. Es wird nicht kommentiert. Es spricht für sich.
Heute stehen wir sicher im hinteren Bereich und schauen zu. Klüger. Erfahrener. Trockener.

„Ich will“ – die Menge rastet ein letztes Mal aus.
Und dann, ganz am Ende: „Adieu“. Die Bühne in warmem Licht. Die Band verabschiedet sich. Weißes Konfetti rieselt über das Stadion wie ein stiller, glitzernder Schneefall. Und dann: Stille. Kurz. Bevor der Applaus kommt.
Ein Konzert, das alles gibt. Und nichts zurückbehält.
Noch lange nach dem letzten Ton standen wir da. Ohren klingelnd. Füße brennend. Adrenalin langsam abklingend, aber noch nicht weg. Noah? Still. Zum ersten Mal an diesem Abend still. Er schaute auf die leere Bühne, als würde er etwas festhalten wollen, das gerade dabei war, sich aufzulösen.
Dann: der Rückweg. Und hier, auf dem Weg zum Auto, fiel es uns auf. Noah war plötzlich merkwürdig ruhig. Keine Kommentare, keine Fragen, kein Berichten. Kaum saßen wir im Auto, fiel sein Kopf nach vorne. Die Augen klappten zu. Weg.
Ein erschöpfter, glücklicher, kleiner Rocker. Der gerade das Beste seines Lebens erlebt hatte – und dem der Körper nun in Rechnung stellte, was ein solcher Abend kostet.
Zurück im Motel stellte sich die Frage, wie man einen tief schlafenden Siebenjährigen in eine Knastzelle transportiert. Die Antwort: Mit vollem Körpereinsatz. Ich schulterte Noah – der in diesem Zustand gefühlt das Gewicht eines gut gefüllten Kühlschranks hatte – trug ihn ins Zimmer und legte ihn ins Bett. Kein Pyjama. Kein Umziehen. Kein Zähneputzen. Einfach rein, hinlegen, fertig.

Am nächsten Morgen erwachte er verwirrt, blinzelte in das Gitter seiner Knastzelle und fragte lautstark, wie er hierhergekommen war. Die Antwort: Rammstein hat dir das angetan, mein Junge. Willkommen im Club der Konzertgänger. Wer nach Rammstein noch weiß, wie er ins Bett gekommen ist, hat nicht richtig gefeiert.
Stefan und ich hatten die Nacht im Camper verbracht – wie Murmeltiere, ruhig und fest, vollkommen unbeeindruckt von Gitarren und Feuerbällen, die bereits mehrere Stunden Vergangenheit waren. Pünktlich um 8 Uhr: Nadine und ein erschreckend wacher Noah vor unserer Campingtür. Der Junge hatte den Schlaf eines Siebenjährigen – also: vollständig erholt, frisch wie ein Daisy, bereit für den nächsten Tag.
Ein kleiner Bäcker auf der anderen Straßenseite rettete unseren Morgen: frisch gebackene Brötchen, dampfender Kaffee, und die langsam wiederkehrende Überzeugung, dass man nach Rammstein tatsächlich wieder funktionsfähig werden kann.

Bevor wir Wuppertal endgültig den Rücken kehrten, stand noch ein letzter Halt auf dem Programm: die Schwebebahn. Denn wenn man schon mal hier ist, und wenn direkt über der Stadt eine der seltsamsten und gleichzeitig faszinierendsten Bahnen der Welt schwebt – dann schaut man sich das an. Natürlich.
Die Schwebebahn ist nicht einfach ein Verkehrsmittel. Sie ist ein lebendiges Technik-Denkmal, ein Stück Ingenieurskunst aus dem Jahr 1901, das bis heute täglich seinen Dienst tut und dabei aussieht, als würde sie das noch weitere hundert Jahre mühelos schaffen. 13,3 Kilometer Strecke, 12 Meter über der Straße hängend, nur an einer einzigen Schiene – surreal, elegant, irgendwie völlig selbstverständlich für eine Stadt, die damit aufgewachsen ist.
Die Wuppertaler Schwebebahn
Schweben statt Fahren seit über 120 Jahren
Während andere Städte Straßenbahnen oder U-Bahnen haben, schwebt Wuppertal einfach über allem drüber hinweg. Seit 1901 ist die Schwebebahn das Wahrzeichen der Stadt – und bis heute eines der außergewöhnlichsten Verkehrsmittel der Welt. Während man in anderen Städten auf Schienen durch die Straßen rollt, hängt man in Wuppertal in 12 Metern Höhe unter einer einzigen, durchgehenden Schiene und gleitet mit Blick auf die Dächer der Stadt oder den Fluss Wupper durch die Luft.
Ein technisches Meisterwerk mit Geschichte
Die Idee für die Schwebebahn stammt vom Ingenieur Eugen Langen, der Ende des 19. Jahrhunderts nach einer Lösung suchte, um den dichten Verkehr in den engen Straßen Wuppertals zu umgehen. Statt einer klassischen Straßenbahn entwickelte er eine hängebahnbasierte Schienenbahn – ein damals revolutionäres Konzept. Die Bauarbeiten begannen 1898, und am 1. März 1901 wurde die Schwebebahn feierlich eröffnet.
Seitdem hat sie über eine Milliarde Passagiere befördert und ist für viele Wuppertaler mehr als nur ein Verkehrsmittel – sie ist Tradition, Identität und ein Stück Ingenieurskunst, das weltweit bestaunt wird.
Die Streckenführung – eine Reise über die Wupper
Mit einer Länge von 13,3 Kilometern verbindet die Schwebebahn Vohwinkel im Westen mit Oberbarmen im Osten und durchquert dabei 20 Bahnhöfe. Über 10 Kilometer der Strecke verlaufen direkt über der Wupper, die sich mitten durch Wuppertal schlängelt – ein Blick aus dem Fenster bietet also immer eine Mischung aus Stadtpanorama und Flussidylle.
Das spektakulärste Schwebebahn-„Highlight“: Tuffi, der fliegende Elefant
Die Geschichte der Schwebebahn wäre nicht komplett ohne die wohl skurrilste Anekdote der deutschen Verkehrsgeschichte: Tuffi, der fliegende Elefant.
1950 wollte ein Zirkus eine PR-Aktion starten und ließ die Elefantendame Tuffi in die Schwebebahn einsteigen. Doch der Dickhäuter war nicht begeistert von der schwebenden Fahrt und geriet in Panik – woraufhin er kurzerhand durch die Seitenwand der Bahn sprang und in die Wupper fiel. Zum Glück blieb Tuffi unverletzt und planschte kurz im Fluss, bevor sie gerettet wurde. Die Legende lebt bis heute weiter, und in Wuppertal gibt es sogar eine Gedenktafel und zahlreiche Souvenirs mit dem „fliegenden Elefanten“.
Schwebend in die Zukunft
Die Wuppertaler Schwebebahn mag über 120 Jahre alt sein, doch sie ist moderner denn je. Seit 2016 wurde die Flotte komplett erneuert – mit den stylischen neuen “Generation 15”-Zügen, die nicht nur komfortabler, sondern auch leiser und effizienter sind.
Ob als tägliches Fortbewegungsmittel oder als einmalige Attraktion für Besucher – eine Fahrt mit der Wuppertaler Schwebebahn gehört auf jede Bucket List. Wer einmal hoch über der Stadt durch die Luft gleitet, versteht, warum die Schwebebahn nicht nur ein Verkehrsmittel ist, sondern ein echtes Stück Ingenieurskunst mit Nostalgie-Faktor.
Zurück auf die Autobahn. Richtung Esslingen. Und irgendwo auf halber Strecke: das untrügliche Zeichen, dass eine Pause nötig ist. Knurrender Magen. Müde Gesichter. Einstimmiges „McDonald’s?“ aus der Runde. Mittags-Break: Burger, Pommes, Cola. Kulinarisch kein Michelin-Stern – aber nach einer Rammstein-Nacht und einem Elefantengeschichten-Vormittag schmeckt so ein fettiges, salziges Meisterwerk wie das Essen der Götter.
Und weil das Prinzip des gepflegten Genusses ernst zu nehmen ist: kurz vor der Heimat noch ein McFlurry. Denn wenn es eine universelle Wahrheit gibt, dann diese: Eine Reise ist erst vollständig, wenn sie mit einem süßen Dessert endet.
Um 17 Uhr rollten wir in Esslingen ein. Noah ließ sich auf die heimische Couch plumpsen wie jemand, der gerade eine Weltreise absolviert hat. Was er, in gewisser Weise, getan hatte.
Und Emilia? Emilia wartete. Mit einem Gesichtsausdruck, der sagte: Ich will alles wissen. Jetzt. Sofort. Vollständig. Noah berichtete. Lange. Laut. Mit Gesten. Mit Klang-Imitationen. Mit dem Enthusiasmus von jemandem, dem etwas passiert ist, das er für den Rest seines Lebens erzählen wird.
Emilia hörte zu. Nickend. Mit dem stillen Versprechen hinter den Augen: Ich bin als nächste dran.
Wir wissen Bescheid. 🎸🔥
Vollständige Setlist vom Konzert in Gelsenkirchen am 27.06.2024
Hauptprogramm: Ramm4 · Links 2-3-4 · Keine Lust · Sehnsucht · Asche zu Asche · Mein Herz brennt · Puppe · Wiener Blut · Zeit · Deutschland (Remix by Richard Z. Kruspe) · Deutschland · Radio · Mein Teil · Du hast · Sonne
Zugabe 1: Engel (feat. Abélard – Piano Version) · Ausländer · Du riechst so gut · Pussy · Ich will
Zugabe 2: Rammstein · Adieu
Abélard Setlist: Mutter · Klavier · Mein Herz brennt · Wo bist du? · Zeit · Ohne Dich · Frühling in Paris · Engel · Deutschland · Du hast

















