Ein Campingplatz zu spät – und plötzlich in Mailand
Es ist Sonntag. Für die meisten Menschen beginnt damit der gemütliche Teil des Wochenendes. Für mich nicht. Die Lokführerin der Familie muss noch einmal arbeiten. Erst um 15 Uhr ist Feierabend. Dann wird der Führerstand gegen den Camper getauscht, die Diensttasche fliegt in die Ecke und plötzlich schaltet der Kopf von Fahrplan auf Urlaubsmodus um. Zuhause wartet Stefan längst, der Camper ist gepackt, der Kühlschrank ist gefüllt und Punkt 16 Uhr rollen wir vom Hof. Endlich Urlaub.
Eigentlich hatten wir einen richtig vernünftigen Plan. Also einen dieser Pläne, die auf dem Papier hervorragend aussehen. Heute nur bis Thusis in der Schweiz fahren, dort gemütlich übernachten und am nächsten Morgen entspannt über den San-Bernardino-Pass Richtung Gardasee rollen. Keine Hektik, keine Nachtfahrerei, einfach ein entspannter Auftakt. Dass dieser Plan ungefähr eine Stunde Bestand haben würde, wussten wir zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht.

Zum Abschied winken uns Nadine, Oli und die beiden Enkel hinterher, während unser Camper langsam Richtung Autobahn rollt. Und ausgerechnet an einem Sonntag läuft alles wie am Schnürchen. Keine Baustellen, kein Ferienchaos, kein zäher Verkehr vor dem Gotthard oder San Bernardino. Das Navi scheint selbst gute Laune zu haben und verkündet eine Ankunft in Thusis gegen halb acht. Besser hätte der Urlaub kaum beginnen können. Bis Stefan irgendwann ganz beiläufig sagt: „Ach komm… eine Stunde geht doch noch.“
Ich kenne diesen Satz inzwischen. Er klingt harmlos, ist aber ungefähr so gefährlich wie der Satz „Wir schauen nur mal kurz im Outlet vorbei.“ Also fahren wir weiter. Eine Stunde später ist Thusis längst Geschichte. „Jetzt lohnt sich Anhalten eigentlich auch nicht mehr“, meint Stefan. Und noch eine Stunde später folgt: „Bis Bellinzona ist es jetzt auch nicht mehr weit.“ Ich beginne langsam zu ahnen, dass unser sorgfältig ausgearbeiteter Reiseplan gerade still und heimlich beerdigt wird.
Tunnel reiht sich an Tunnel, die Schweiz zieht an uns vorbei und plötzlich begrüßt uns das erste Schild mit der Aufschrift Italia. Wenig später tauchen die Wegweiser nach Mailand auf. Ich schaue auf das Navi, dann zu Stefan und wieder aufs Navi. „Moment mal… Mailand war doch eigentlich erst morgen dran?“ Er grinst nur. Die Campingplätze, die wir unterwegs hätten anfahren können, liegen inzwischen alle hinter uns. Sein Kommentar dazu lautet wie so oft: „Hab ich zu spät gesehen.“ Mittlerweile bin ich überzeugt, dass dieser Satz irgendwo fest in seinem Betriebssystem verankert ist.

Kurz vor zehn landen wir schließlich an einem Autogrill bei Mailand und ergattern tatsächlich noch die letzten warmen Spaghetti des Tages. Fünf Minuten später wäre die Küche dicht gewesen und vermutlich hätten wir uns mit einem eingeschweißten Dreieckssandwich und einer Tüte Chips begnügen dürfen. Während Stefan zufrieden seine Pasta genießt, suche ich auf dem Handy nach einem Campingplatz mit 24-Stunden-Check-in. Tatsächlich finde ich einen südwestlich von Mailand. Über hundert Stellplätze. Das klingt nach einer sicheren Nummer.
Vor Ort empfängt uns ein älterer Herr, der zwar kein Wort Deutsch oder Englisch spricht, dafür aber ein Blatt Papier mit der Aufschrift „30 Euro“ hochhält. Mehr Kommunikation braucht es eigentlich auch gar nicht. Er schwingt sich auf sein Fahrrad und lotst uns durch die Dunkelheit zu unserem Stellplatz. Links Camper, rechts Camper, vorne Camper. Es fühlt sich ein wenig an, als würde man versuchen, einen Kleiderschrank in einer überfüllten Tiefgarage einzuparken. Romantische Abstände zwischen den Fahrzeugen sucht man vergeblich. Wenn einer nachts aussteigen möchte, sollte der Nachbar besser kurz die Luft anhalten.
Auch die Sanitäranlagen gewinnen sicherlich keinen Architekturpreis, erinnern eher an einen Bahnhof aus den Achtzigern, aber für eine Nacht reicht es völlig. Zähne putzen, Bett beziehen und Feierabend.
Als wir später noch einen Moment im Camper sitzen, muss ich plötzlich lachen. „Weißt du eigentlich“, sage ich zu Stefan, „dass wir heute ursprünglich nur bis Thusis fahren wollten?“ Er schaut mich an, grinst und zuckt mit den Schultern. Und genau in diesem Moment wird mir wieder klar, warum unsere Reisen am Ende immer so viele Geschichten liefern. Geplant war ein gemütlicher Abend in der Schweiz. Geworden ist daraus eine spontane Nacht bei Mailand. Nicht nach Plan. Aber genau nach unserem Geschmack.






