Shopping Marathon, Kreditkarten-Glühen und Schuh-Eskapaden
Guten Morgen, Serravalle! Die Sonne kriecht über den Asphalt des riesigen Parkplatzes, und während andere Camper noch über ihrem ersten Instant-Kaffee brüten, stehen wir schon in den Startlöchern. Das eigentliche Designer-Outlet schläft zwar noch den Schlaf der Gerechten, aber für echte Profis beginnt der Tag ohnehin eine Tür weiter: beim Iper Grande.
Wir marschieren also los, die sechs Meter langen Schlachtschiffe im Rücken, den Blick fest auf die Konsum-Kathedrale gerichtet. Wer allerdings denkt, dass Nadine, Emilia oder ich heute die meiste Zeit mit glasigen Augen vor den Schaufenstern verbringen würden, hat die Rechnung ohne unser neunjähriges „Fashion Victim“ gemacht. Noah hat einen Schuhtick, gegen den die gesamte weibliche Verwandtschaft wie blutige Amateure wirkt. Während andere Kinder in seinem Alter von Baggern träumen, analysiert er vermutlich bereits beim Überqueren des Parkplatzes die Dämpfungseigenschaften der neuesten Sneaker-Sohlen, die er gleich zu erbeuten hofft. Man könnte meinen, wir wären im Remake von Sex and the City gelandet – nur dass Carrie Bradshaw heute einen Schulranzen trägt und deutlich mehr Bodenhaftung hat.
Bevor die große Jagd aber offiziell eröffnet wird, brauchen wir Treibstoff. Der Plan stand: 8:30 Uhr, Iper Grande. Gleich am Eingang lockte ein kleines Café mit gefüllten Croissants und Cappuccino aus der Siebträgermaschine. Besser kann ein Morgen in Italien nicht starten – ein Hauch von La Dolce Vita, bevor die Kreditkarten zu glühen beginnen. Ein kurzer Blick auf das Foto-Arrangement der Croissants und das fokussierte Gesicht beim Verzehr (man beachte die strategischen Schokoreste am Bart!) bestätigt: Die Stärkung war essenziell.
Der Supermarkt hat schon offen – das Outlet nicht –, also erst Grundversorgung im Supermarkt: Cola, Wasser, Käse, Salami. Alles, was man braucht, um in der Wildnis (oder auf dem Outlet-Parkplatz) zu überleben.
Pünktlich um 10 Uhr öffneten sich die Tore zum Konsum-Paradies. Wir starteten bei Pittarello, wo Stefan kurzerhand den „Arm voll T-Shirts“-Look (für Emilia) zum neuen Trend erklärte. Emilia sicherte sich zudem zwei Paar Schuhe, die natürlich(!) glitzern und leuchten, Noah sein erstes (von wahrscheinlich vielen), und Nadine fand perfekte Blusen.
Dann der Wechsel ins eigentliche McArthur Glen Serravalle Designer Outlet, diese künstliche Kleinstadt mit ihren Brunnen und geschniegelten Fassaden. Benetton und GAP wurden von den Kids fachgerecht geplündert. Und Noah? Der fand bei Adidas noch zwei weitere Paar Schuhe. Damit steht der Zähler bei drei. Vereinbart waren zwei. Mathe ist halt Glückssache, wenn es um Sneaker geht.
Die Mittagspause bei McDonald’s war… nun ja, nennen wir es eine strategische Notwendigkeit. Ich bin mir sicher, in den kulinarischen Gesetzbüchern Italiens steht darauf die Höchststrafe, aber der Laden ist perfide gut platziert. Direkt neben dem riesigen Spielplatz – ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Während die Kids ihre Energiereserven (und wir unser schlechtes Gewissen) auffüllten, durften Stefan und Oli ihre wahre Bestimmung finden: Sie mutierten zu menschlichen Packeseln. Sie schleppten die Taschen schichtweise zum Camper, während wir den nächsten Beutezug planten. Man muss die Rollenverteilung schließlich klar definieren. Oli, stolz mit den „PITTARRELLO“ und „SHOES POWER“ Tüten, hat seinen Job sichtlich ernst genommen.

Um 18 Uhr war dann kollektives Systemversagen angesagt. Wir waren nicht zwingend fertig mit dem Einkaufen – man findet ja theoretisch immer noch eine Socke, die farblich zum Sonnenuntergang passt –, aber wir waren körperlich am Ende.
Eigentlich sah unser Masterplan vor, heute Abend noch die zwei Stunden Fahrt nach Lucca abzureißen, um morgen einen Vorsprung zu haben. Aber beim Blick in die müden Gesichter (und auf die prall gefüllten Einkaufstüten) war klar: Das wird heute nichts mehr. Wir haben die Etappe kurzerhand auf morgen verschoben. Wir wissen jetzt schon ganz genau, dass wir uns morgen über die fehlenden zwei Stunden ärgern werden, wenn der Zeitplan drückt – aber heute? Heute ist uns das gepflegt egal. Der Parkplatz in Serravalle ist sicher, die Motoren bleiben aus.
Wir schleppten uns stattdessen zu den Fahrzeugen, nur um kurz darauf zum Abendessen bei Pizzum wieder aufzulaufen. Nadine und Stefan nahmen den Camper (die kluge Wahl), während Oli, die Kinder und ich den Fußmarsch durch das komplette Outlet antraten. Quasi die Ehrenrunde für die Wadenmuskulatur, die nach diesem Tag ohnehin nach einer Gewerkschaft rief. Unterwegs bewies Oli noch echte Outdoor-Kompetenz und erstand zwei Klappstühle – wir hatten die für die Kids schlichtweg zu Hause vergessen. Ein Klassiker. Aber die Pizza? Die war so gut, dass man fast vergessen hätte, dass wir kurz zuvor noch bei der Fast-Food-Konkurrenz gesündigt hatten.
Der Rückweg war dann der heimliche Höhepunkt des Tages. Während Nadine, Stefan und Emilia die komfortable Camper-Variante wählten, machten Oli, Noah und ich uns zu Fuß auf. Oli, ganz der Pragmatiker, suchte den schnellsten Weg zum Parkplatz, aber Noah und ich entschieden uns für die große Abschiedstour. Wir flanierten noch einmal komplett durch das inzwischen geschlossene Outlet. Keine Menschenmassen, keine Hektik, nur die hübsche, warme Beleuchtung der Fassaden und wir beide ganz alleine und mittendrin. Wir waren ganz alleine in dieser künstlichen Kleinstadt – ein total schöner, friedlicher Moment der Stille nach dem Trubel des Tages. Fast so, als hätten sie das Set nur für unseren Abspann stehen gelassen. Lucca kann warten, dieser Moment nicht.





















