Abfahrt: 13 Uhr. Geplant war 11 Uhr.
Der März ist kein Monat. Der März ist eine Charakterprüfung.
Wenn das Thermometer nachts bei 1 Grad stagniert, ist das für einen passionierten Camper keine Wetterlage – das ist eine persönliche Beleidigung. Unser Plan für den Sardinien-Roadtrip war wasserdicht. Die Realität hingegen hatte, wie so oft, einen anderen Aggregatzustand.
Eigentlich wollten wir einfach das Frischwasser in den Fiat Ducato gluckern lassen, den Zündschlüssel drehen und Richtung Süden verschwinden. Doch der Frostwächter unseres Campers – jenes kleine, unscheinbare Bauteil, das bei Minusgraden verhindert, dass Leitungen, Boiler oder Ventile durch gefrierendes Wasser Schaden nehmen – hatte beschlossen, seinen Dienst besonders ernst zu nehmen. Das Wasser lief unten schneller wieder heraus, als wir es oben nachfüllen konnten. Schön gleichmäßig. Beinahe meditativ.
Was folgte, war eine Szene, die man so nicht plant, aber nie vergisst: Stefan verschwand in den Eingeweiden des Campers. Ich stand daneben und hielt ihm meinen Haarfön hin. Ziel: Das störrische Bauteil warmreden. Methode: Heißluft. Erfolgsquote nach Runde eins: überschaubar. Ich gab hochgradig fachkundige Kommentare ab – „Jetzt müsste es gleich gehen“ – und log dabei nicht mal absichtlich. Es ging natürlich nicht gleich. Wer im Jahr 2026 seinen Camper mit dem Fön enteist, hat entweder sehr viel Humor oder sehr wenig Wahl. Wir hatten beides.
Während wir noch mit der Warmluft kurbelten, rollten Nadine und Oli mit ihrem Miet-Camper auf den Parkplatz. Diesmal mit einem Grundriss, in den Oli tatsächlich der Länge nach hineinpasst – beim letzten Mal war das eher eine Frage des guten Willens als der Geometrie. Doch das Schicksal liebt Gerechtigkeit. Kaum stand der neue Wagen, hieß es auch dort: Klappen auf, Matratze raus, Frostwächter gesucht. Als das Ventil endlich identifiziert und zum Einlenken überredet war, folgte Kapitel zwei: Wo. Ist. Der. Deckel. Vom. Frischwassertank? Die nächste Ladung Wasser suchte sich unterdessen eigenständig ihren Weg ins Freie. Das Wasser kannte den Ausgang. Wir noch nicht ganz.
Um 13 Uhr – also nur schlappe zwei Stunden nach unserem optimistischen Zeitplan – rollten die beiden Konvoi-Riesen endlich vom Hof. Noah und Emilia hatten ihre Tretroller verstaut, und wir ließen Esslingen hinter uns, ohne zurückzuschauen.

Der Rest der Fahrt war fast eine Enttäuschung für Freunde des gepflegten Dramas. Graues Baden-Württemberg, Kilometer fressen auf der A8 und A7, Ulm links liegen lassen. Keine Staus, keine Grenzkontrolle, nur ein paar Baustellen, die sich kurzzeitig wichtig machten. Irgendwo hinter Chur schaltete die Welt auf Wintermodus: Über den San Bernardino zog eine Landschaft vorbei, die aus schroffen Felsen, tiefverschneiten Hängen und einem Himmel bestand, der die Farbe von gutem Stahl hatte. Man schaut aus dem Fenster auf die Gipfel rund um Thusis und Splügen – und vergisst dabei fast, dass man morgens noch mit einem Föhn unter dem eigenen Fahrzeug lag.
Fast.
Die Abfahrt Richtung Mailand, dann ins Piemont – nach diesem Vormittag fühlte sich jeder problemlos absolvierte Kilometer wie ein kleiner Sieg an. Und Siege sammeln wir gern.
Gegen 21 Uhr rollten wir in Serravalle ein. Die Prioritäten nach diesem Tag waren glasklar: erst Magen, dann Matratzenlager. Das Roadhouse Restaurant empfing uns wie ein alter Freund – laut, warm, mit einer Karte, auf der man nicht lange nachdenkt.
Nach einem Tag, an dem man Camper enteist, Miet-Fahrzeuge von innen kennenlernt und mehr Zeit mit Ventilen verbracht hat als mit der eigentlichen Reiseplanung, schmeckt ein ordentliches Stück Fleisch einfach wie Wiedergutmachung. Wir saßen als erschöpfte, aber ungebrochene Camper-Großfamilie um den Tisch. Vor uns: gegrillte Köstlichkeiten. Hinter uns: der Tag. Noah und Emilia schliefen fast über ihren Tellern ein, was niemanden störte – sie hatten ja auch zugeschaut, wie Erwachsene mit einem Fön Technik reparieren.
Der Stellplatz am Outlet wartete noch auf uns. Motor aus, Stille an.
Fazit Tag eins: Der geplante Start um 11 Uhr war reine Utopie. Stattdessen gab es eine unfreiwillige Generalinspektion des gesamten Konvois, viel improvisierte Sanitärtechnik und die Erkenntnis, dass ein echter Roadtrip nicht mit dem ersten Kilometer beginnt – sondern mit der ersten Panne, die man gemeinsam mit Humor überlebt.
Wir waren bestens vorbereitet.













