Altstadtgassen, Beutezüge & das Katapult-Problem
Der neue Tag startete mit einer kleinen logistischen Meisterleistung: Um 8:10 Uhr standen wir tatsächlich abmarschbereit an der Bushaltestelle direkt vor dem Campingplatz. Das Frühstück im Camper strichen wir kurzerhand von der Agenda – wir hatten eine Vision von Croissants und Cappuccino in den Gassen von Alghero, und außerdem stand der legendäre Wochenmarkt auf dem Plan. Mit leerem Magen shoppt es sich bekanntlich am aggressivsten.
Wir waren felsenfest davon überzeugt, dass dieser Markt irgendwo stilecht zwischen alten Stadtmauern und der Kathedrale auf uns wartet. Während wir also im Bus Richtung Zentrum schaukelten und ich noch träge aus dem Fenster blinzelte, passierten wir nach zwei Stopps eine Ansammlung weißer Zelte und Klamottenständer. „Guck mal, da ist auch ein Markt“, bemerkte ich noch beiläufig in die Runde. Niemand reagierte. Wir fuhren weiter.
Spoiler-Alarm: Hätten wir da mal auf mein Bauchgefühl gehört.

In der Altstadt angekommen, dämmerte uns langsam, dass der Ort verdächtig leer von Marktschreiern, Käserädern und heruntergehandelten Seidenschals war. Nadine, die unsere navigatorische Ehre retten wollte, fragte den Busfahrer. Und ja, natürlich: Der Markt, den wir gerade so lässig ignoriert hatten, war der berühmte Mittwochs-Markt. Nicht irgendwo in der Altstadt. Genau dort, wo wir vorbeigefahren waren, ohne zu blinzeln. Also Kommando zurück! Wir sprangen in denselben Bus, der glücklicherweise sofort wendete. Dank der sardischen Großzügigkeit – oder weil die Tickets zwei Stunden gültig sind – kostete uns diese Ehrenrunde nur ein paar Nerven, aber keinen Cent extra. Immerhin.
Der Mercato Civico Alghero entpuppte sich als ein riesiges, lebendes Labyrinth, das sich über mehrere Straßen fraß. Das volle Italien-Programm: Krimskrams, Geschirr, Berge von Textilien und diese ganz spezielle Markt-Atmosphäre, bei der man ständig das Gefühl hat, versehentlich ein komplettes Tafelservice zu kaufen, weil man einmal zu lange auf den falschen Stand gestarrt hat.
Auf den Fotos sieht man, was uns erwartet hat: Berge von Pecorino in allen Reifestufen und Größen, Salumi von handwerklichen Produzenten, Gemüsestände mit Auberginen, Tomaten und Artischocken so frisch, dass sie nach Erde riechen, frische Meeresfrüchte auf Eis, Honigspezialitäten, Textilstände, Kleiderbügel soweit das Auge reicht. Ein echter, echter Markt – nicht für Touristen, sondern für die Menschen die hier leben und einkaufen.
Nadine und ich schalteten sofort in den Kampfmodus. Wir pflügten uns durch die Kleiderstangen wie Profis auf der Suche nach Gold. Das Ergebnis: eine schicke Bluse, zwei Schlafanzüge und ein Kleid für Emilia – absolut bellissima, und zu einem Preis, bei dem man in Deutschland nur müde lächeln würde.
Aber dann kam das eigentliche Highlight für meinen knurrenden Magen: der Käsestand. Mangels Frühstück verfolgte ich die Strategie der unauffälligen Verkostung. Ich probierte mich so hartnäckig und systematisch durch das Sortiment von Pecorino, Fiore Sardo und weiteren Spezialitäten, dass ich praktisch satt war, bevor ich den ersten Euro ausgegeben hatte. Der Verkäufer beäugte mich irgendwann mit dem Blick eines Mannes, der weiß, was gerade passiert – und um mein Gewissen und seine Nerven gleichzeitig zu beruhigen, kaufte ich danach gefühlt den halben Stand leer. Unser Camper-Kühlschrank wird morgen beim Öffnen eine eigene Käse-Aura versprühen. Das war es absolut wert.

Nachdem wir den Markt und meine Würde als Käse-Feinschmecker erfolgreich gerettet hatten, hieß es: Zurück in den Bus und auf zum zweiten Versuch in die Innenstadt. Wir hatten schließlich noch eine Mission – und die hieß in erster Linie „Frühstück“, auch wenn es mittlerweile zeitlich eher in Richtung Mitternachtssnack driftete.
Das erste Café, das unseren Weg kreuzte, war die Gelateria Azzurra. Ein Name wie ein Versprechen. Wir fielen dort ein wie eine gut organisierte Heuschreckenplage über ein Weizenfeld. Innerhalb weniger Minuten hatten wir den Bestand an Schokoladen- und Pistazien-Cornettos fachgerecht dezimiert. Besonders die Pistazien-Variante war so kriminell gut gefüllt, dass Nadine kurzzeitig aussah, als würde sie eine grüne Creme-Maske auftragen – von innen nach außen durchgekaut, sozusagen. Stefan saß zwischendurch mit einem Blick da, der irgendwo zwischen Zuckerschock und ernsthaftem Nickerchen-Wunsch schwankte, nur um im nächsten Moment doch wieder todesmutig den Löffel in den Becher zu rammen.
Weil aber zwischen den Cornetto-Krümeln im Magen noch verdächtig viel Luft war, stopften wir die Lücken direkt vor Ort mit Gelato voll. Eis zum Frühstück – warum auch nicht, wir sind schließlich in Italien und nicht bei der Ernährungsberatung. Ein Tag in Italien ohne Eis ist wie ein Camper ohne Diesel: technisch zwar möglich, aber emotional vollständig sinnlos.
Mit einer ordentlichen Schicht Pistaziencreme im Gesicht und dem ersten echten Koffein-Kick des Tages im Blut waren wir nun endlich bereit für das, was Alghero sonst noch zu bieten hat.
Alghero ist wirklich ein Schmuckstück, und das nicht nur wegen des türkisblauen Wassers rundherum. Die Stadt war jahrhundertelang unter katalanischer Herrschaft, was man heute noch an den zweisprachigen Straßenschildern, der Architektur und einem ganz spezifischen Stadtgefühl merkt, das sich von anderen sardischen Städten unterscheidet. Aber Architektur hin oder her – unser innerer Kompass richtete sich nach dem Süßen direkt auf das nächste Ziel aus: OVS.
Für alle Nicht-Italien-Insider: OVS ist in Italien eine Institution. Eine Mischung aus modernem Kaufhaus und Mode-Paradies, in dem man für Kinder richtig stylische Klamotten zu Preisen findet, bei denen man nicht sofort sein Erstgeborenes verpfänden muss. Oli, der die Situation richtig einschätzte, trat den strategisch klugen Rückzug an und schaute sich „den Hafen an“. Wir zogen los.

Im Laden teilten wir uns in Spezialeinheiten auf: Team Opa und Noah – wobei Noah die Führung übernahm und Stefan als persönlicher Modeberater fungierte. Man glaubt gar nicht, wie kompromisslos kritisch ein Neunjähriger bei der Wahl seiner T-Shirts sein kann. Team Nadine und Emilia war natürlich sofort im Element und testete die strukturelle Belastbarkeit der Kleiderstangen. Ich pendelte wie ein aufgeregtes Funkgerät zwischen den Abteilungen, begutachtete die Beute und stellte sicher, dass wir nicht versehentlich das ganze Lager leerkaufen. Was knapp gelang.
Am Ende verließen wir den Laden mit einer ordentlichen Anzahl Tüten. Oli erwartete uns bereits an der Hafenpromenade – genau neben den riesigen, hölzernen Katapulten, die dort als Relikte der alten Stadtbefestigung stehen und aussehen, als würden sie ernsthaft darauf warten, endlich wieder in Betrieb genommen zu werden. Oli musterte unsere Ausbeute. Dann musterte er das Katapult. Dann uns. Dann das Katapult wieder. Und dann, mit der Trockenheit eines Mannes, der seinen Sinn für Humor sorgfältig bewahrt hat: „Ich setz mich jetzt da drauf und schieß mich selbst ins Meer.“ Worauf die prompte Antwort kam: „Nix da, Oli. Wir brauchen dich zum Taschen tragen.“
Er trug die Taschen.
Wir schlenderten weiter über die imposanten Bastionen und die dicken Stadtmauern, die Alghero seit Jahrhunderten schützen – früher vor Piraten, heute vor zu wenig Touristen, wobei letzteres offensichtlich kein Problem ist. Der Blick von den Mauern über das kristallklare, türkisfarbene Wasser bis hinüber zum Capo Caccia ist von einer Kompromisslosigkeit, die einen kurz innehalten lässt. Man läuft vorbei an alten Wehrtürmen, die still und massiv über die Stadt wachen und dabei so tun als wären sie schon immer da gewesen – was sie natürlich sind.

Die Gassen der Altstadt sind herrlich eng und schattig. In den Schaufenstern hängen überall bunte Korallenketten – Alghero ist berühmt für seine Korallenküste, und diese Tradition zieht sich durch jeden zweiten Laden. Wir entdeckten wunderschöne Hinterhöfe, kleine Kirchen mit prunkvollen Treppenaufgängen und barocken Altären, bunte Torbögen, einen kleinen weißen Bummelzug der sich durch die Gassen quetscht wie ein Touristentraum auf Schienen. Noah und Emi spazierten Schulter an Schulter durch das kopfsteingepflasterte Viertel, diese beiden kleinen Menschen in dieser großen alten Stadt – ein Bild, das man nicht planen kann und das bleibt.
Alghero hat darüber hinaus eine besondere Eigenschaft, die man in Reiseführern oft unterschätzt liest: Es ist eine Stadt, die auch dann lebt, wenn man einfach nur durch sie läuft. Keine große Anstrengung nötig, kein Programm, kein Pflichtbesuch. Man geht, man schaut, man bleibt stehen, man geht wieder. Zwischen den Gassen und den Mauern und dem Meer ergibt sich der Rest von selbst.
Inzwischen war es 14:30 Uhr. Der Cornetto-Vorrat war endgültig verdaut, die Shopping-Meilen machten sich in den Beinen bemerkbar, und das allgemeine Magenknurren übertönte langsam das Meeresrauschen. Also ins Regina Margarita, bevor das Stimmungsbarometer unter den Meeresspiegel sank.
Es war einer dieser herrlich gechillten Momente, in denen man einfach sitzt, isst und die Zeit in Alghero gepflegt stehen lässt. Bruschetta mit Tomaten, die so tiefrot leuchteten, dass man sie auch im Dunkeln noch als Orientierung hätte benutzen können. Penne für die Kinder – natürlich, die zuverlässigen Kinder. Einen gemischten Salat mit Walnüssen und Cranberries, der überraschend gut war. Und für Noah: Cotoletta mit Pommes, weil manchmal Neun Jahre alt zu sein seine eigenen unverrückbaren Berechtigungen mitbringt.
Nadine gönnt sich die Lasagne – massiv, unter einer ordentlichen Schicht Tomatensauce, mit dem Gewicht und der Standhaftigkeit der Stadtmauer gleich um die Ecke. Und geschmacklich? Volltreffer. Zum Abschluss natürlich Gelato aus der Vitrine der Gelateria del Corso: eine Theke so lang, dass man am Ende nicht mehr weiß, welche Sorte man am Anfang gesehen hat und von vorne anfangen muss. Pistazien. Nocciola. Schokolade in drei Varianten. Bailey’s. Man macht Kompromisse. Man macht viele Kompromisse.
Nach dem Essen schlenderten wir noch eine Weile durch die Gassen, um dem Entstehen des Food-Komas aktiv entgegenzuwirken. Und dann, beim Gehen, kam die Neuigkeit: Die Pläne für morgen hatten sich geändert. Eigentlich hatten wir noch eine Nacht im Laguna Blu gebucht, aber Fabrizio und sein Boot warten morgen in Porto Pozzo – und das ist zwei Stunden von Alghero entfernt. Ein nervöses Formel-1-Rennen über die Insel morgen früh, nur um pünktlich am Steg zu stehen, wollten wir uns nicht antun. Also: taktischer Vorstoß heute noch.

Um 16:30 Uhr schaukelten wir mit dem Bus zurück zum Campingplatz, feuerten die Einkäufe in die Schränke, starteten die Motoren und ließen die bereits bezahlte Nacht in Alghero schweren Herzens verfallen. Aber die Aussicht auf einen entspannten Morgen ohne Wecker-Terror ist diesen Luxus wert. Und das Parken am Hafen von Porto Pozzo kostet zu dieser Jahreszeit nichts. Also tauschen wir Campingplatz-Idylle gegen Hafen-Flair mit Meeresblick und nennen das Verlust-Optimierung.
Während wir gen Nordosten rollen, begleitet von einem Sonnenuntergang der den Himmel in Farben taucht, die selbst keine Postkarte hinkriegt, ist die Stimmung gut. Die Tüten sind voll. Der Käse liegt im Kühlschrank und verbreitet bereits seine Aura. Und Oli träumt vermutlich davon, wie er morgen die Hand an Fabrizios Bootssteuer legt.
Leinen los, Porto Pozzo. Wir kommen.
















































