Arches trotz Regen, Highway 128 zum Verlieben
und überraschende Kunst in Delta
Nach dem Frühstück bei Denny’s – solide, sättigend, emotional ungefähr auf dem Niveau eines amerikanischen Motel-Kaffees – rollten wir ein weiteres Mal in Richtung Arches National Park. Die Hoffnung auf blauen Himmel hatten wir zwar noch im Gepäck, aber sie begann bereits beim Ortsschild von Moab leise zu weinen.
Frühstück bei Denny’s
Über uns hingen dicke, graue Regenwolken, die so aussahen, als hätten sie sich fest vorgenommen, den Park heute nicht mehr zu verlassen. Fotografisch ist das ungefähr die Kategorie „dramatisch, aber halt nicht das, was man sich erträumt“. Trotzdem: Umdrehen kam nicht infrage. Also rein in den Park, rauf auf den Arches Scenic Drive.
Diese rund 18 Meilen lange Panoramastraße schraubt sich in weiten Bögen vom Visitor Center immer weiter hinauf ins Herz des Parks – etwa 400 Höhenmeter, die man im Sonnenschein feiert und im Regen eher stoisch hinnimmt. Die Landschaft links und rechts: monumentale Felswände, Türme, Bögen, alles da. Nur der Himmel spielte nicht mit. Statt Licht gab es Wolken, statt Kontrasten Grautöne, statt langer Fotopausen eher das Motto: Tür auf – klick – Tür zu – weiterfahren.
Arches National Park
Wir hielten trotzdem immer wieder an, denn selbst bei miesem Wetter ist Arches immer noch… na ja, Arches. Und irgendwo zwischen Regenperlen auf der Windschutzscheibe und nassem Sandstein liegt ja bekanntlich auch ein bisschen Magie.
Unser Ziel war der Devils Garden Trailhead, Ausgangspunkt für einen der berühmtesten Bögen des Parks: den Landscape Arch. Schon der Parkplatz ließ nichts Gutes erahnen – voll. Richtig voll. Offenbar hatten nicht nur wir beschlossen, dass schlechtes Wetter kein ausreichender Grund ist, einen Weltklasse-Nationalpark links liegen zu lassen.

Der Weg zum Arch selbst ist angenehm kurz, etwa ein Kilometer, breit ausgebaut und auch bei Nässe gut machbar. Und dann steht man plötzlich da – vor diesem absurd filigranen Steinwunder, das sich über 93 Meter Spannweite durch die Landschaft zieht. Ein Bogen, der so dünn wirkt, dass man unwillkürlich den Atem anhält.
Seit 1991, als ein gewaltiger Felsblock aus der Unterseite herausbrach, ist der Landscape Arch an seiner schmalsten Stelle auf unter zwei Meter zusammengeschrumpft. Man weiß, dass er irgendwann einstürzen wird. Man weiß nur nicht wann. Und genau das macht diesen Moment so eigenartig: Man steht vor etwas Unglaublichem, das gleichzeitig wunderschön und vergänglich ist. Ein bisschen wie perfektes Wetter in Utah – nur deutlich seltener.

Der Regen wurde stärker, der Himmel dunkler, und nach ein paar Minuten war klar: Heute wird das kein klassischer Arches-Tag mit endlosen Trails, Sonne im Rücken und rotem Fels im Gegenlicht. Also trafen wir eine vernünftige Entscheidung – und ja, das kommt vor: Wir verließen den Park.
Arches National Park
Statt weiter auf besseres Wetter zu hoffen, nahmen wir Kurs auf Montrose. Arches lief uns ja nicht davon. Und manchmal ist es eben klüger, einen Park bei schlechten Bedingungen nur anzutesten – und ihm beim nächsten Mal die Bühne zu geben, die er verdient.
Wir verabschieden uns von Moab mit einem letzten Blick zurück auf die roten Felsen – und treffen eine bewusste Entscheidung gegen Effizienz. Die Interstate 70 wäre schneller gewesen, klar. Aber schnell kann jeder. Wir nehmen die Scenic Highway 128, von den Einheimischen liebevoll „River Road“ genannt. Schon nach den ersten Meilen ist klar: richtige Entscheidung.

Die Straße schmiegt sich eng an den Colorado River, windet sich durch eine schmale Schlucht, links Felswand, rechts Wasser – oder umgekehrt, je nach Laune der Landschaft. Die roten Sandsteinwände rücken so nah an die Straße heran, dass man fast das Gefühl hat, sie würden sich über uns beugen, um zu schauen, wer da durchfährt. Der Fluss zieht ruhig nebenher, trüb vom Regen der letzten Tage, und bildet einen starken Kontrast zu den dunklen Wolken, die schwer über den Canyons hängen.
Fotografisch ist das Wetter… nennen wir es herausfordernd. Kein leuchtendes Rot, kein Postkartenblau. Stattdessen Drama. Dunkle Wolken, wechselndes Licht, Regenfahnen in der Ferne. Nicht das perfekte Instagram-Utah – aber ehrlicher. Und irgendwie beeindruckend. Wir halten trotzdem immer wieder an, schauen, staunen, speichern Bilder im Kopf und sagen uns das, was wir in solchen Momenten immer sagen: Hier kommen wir nochmal her. Bei Sonne. Ganz sicher. Vielleicht 2015.
Am späten Nachmittag erreichen wir schließlich Grand Junction – Zivilisation! Ampeln! Tankstellen! Menschen, die keine Wanderstöcke tragen! Unser Magen meldet sich zuverlässig zu Wort und übernimmt die Routenplanung. Ziel: Texas Roadhouse.
Texas Roadhouse
Steaks, Brot mit Zimtbutter, Portionen, bei denen man sich kurz fragt, ob man nicht aus Versehen für drei bestellt hat – genau das Richtige nach Tagen voller Staub, Felsen und Höhenmeter. Wir essen, was das Zeug hält, und stellen fest: Der amerikanische Steak-Standard enttäuscht einfach nie.
Und weil ein perfekter Reisetag ohne Walmart nur ein halber ist, folgt danach der obligatorische Abstecher. Walmart. Der Ort, an dem man eigentlich nur Getränke kaufen will – und eine Stunde später mit Sonnenhüten, Angelruten, Neon-Accessoires, merkwürdigen Hüten und Dingen dasteht, von denen man vor zehn Minuten noch nicht wusste, dass man sie dringend braucht. Es gibt wirklich alles. Und noch ein bisschen mehr.
Wir lachen, probieren an, machen Quatschfotos und füllen nebenbei ganz nebenbei unseren Getränkevorrat auf – also zumindest das, wofür wir ursprünglich gekommen sind. Angeblich.
Mit vollem Bauch, vollem Kofferraum und einem Kopf voller Eindrücke lassen wir den Tag langsam ausklingen. Utah zeigt sich heute nicht von seiner sonnigsten, aber von seiner ehrlichen Seite. Und genau das macht diese Etappe so besonders.
Manchmal sind es eben nicht die perfekten Lichtverhältnisse, sondern die kleinen Umwege, das schlechte Wetter und ein Walmart-Besuch, die einen Reisetag unvergesslich machen.
Nach etwa 45 Minuten Fahrt tauchte plötzlich Delta vor uns auf – und mit ihm Farbe. Viel Farbe. So richtig, Hollywood-Kulisse trifft Kleinstadt-Farbe. Die Regenwolken verzogen sich endlich, als hätten sie verstanden, dass sie hier nur stören würden, und wir legten spontan einen Fotostopp ein. Gute Entscheidung. Sehr gute sogar.

Delta trägt den Beinamen „City of Murals“ völlig zu Recht. Über 20 riesige Wandgemälde schmücken die Gebäude im Stadtzentrum, jedes einzelne ein kleines Fenster in die Geschichte dieser Region. Cowboys, Eisenbahn, Landwirtschaft, Wildnis, Alltag – der komplette Western-Film läuft hier einfach an den Hauswänden ab. Entstanden sind die Murals übrigens schon in den 1980ern, als die Stadt ein Stadterneuerungsprojekt startete und lokalen Künstlern freie Hand ließ. Das Ergebnis: Kunst statt grauer Fassaden. Und zwar richtig gute.
Wir schlenderten von Wand zu Wand, klickten uns durch Speicherkarten und stellten fest: Jedes Gemälde ist schöner als das vorherige. Ein klarer Fall von fotografischer Eskalation. Delta hatte uns komplett erwischt.

Doch als wäre das noch nicht genug gewesen, wartete gleich außerhalb der Stadt das nächste Highlight – völlig ungeplant, versteht sich. Ein Gebrauchtwagenhändler hatte offenbar beschlossen, seinen Hof in ein rollendes Museum der 50er Jahre zu verwandeln. Chrom, Rost, Patina, Heckflossen, die locker als Startbahn für kleine Flugzeuge durchgehen könnten. Reihenweise Oldtimer, geschniegelt, angerostet oder irgendwo dazwischen – aber alle mit Charakter. Viel Charakter.
Unsere Kameras liefen heiß, wir grinsen wie Kinder im Süßwarenladen und stellten fest: Manchmal sind es genau diese Zufallsstopps, die eine Reise unvergesslich machen. Keine Aussicht, kein Nationalpark – sondern ein Parkplatz voller Geschichten auf vier Rädern.
Nach diesem unerwartet großartigen Zwischenstopp setzten wir unsere Fahrt fort. Die Landschaft zog wieder an uns vorbei, ruhiger, weiter, weniger bunt – fast so, als müsste sie nach Delta einmal tief durchatmen. Die Straßen wurden leerer, der Verkehr überschaubar, und mit jedem gefahrenen Kilometer stellte sich dieses angenehme Roadtrip-Gefühl ein: müde, zufrieden, voll mit Eindrücken.
Nach weiteren gut 20 Minuten rollten wir schließlich in Montrose ein und parkten vor dem Black Canyon Motel. Kein Schnickschnack, kein großes Tamtam – dafür genau das, was man nach so einem Tag braucht: Ruhe, ein ordentliches Zimmer und das sichere Gefühl, jetzt einfach mal nichts mehr zu müssen.
Wir ließen den Tag noch kurz Revue passieren – Arches, Murals, Oldtimer, Schluchten, Regen, Sonne, Überraschungen – und waren uns einig: Das war einer dieser Tage, die man nicht plant, die aber genau deshalb hängen bleiben.
Dann fiel die Tür ins Schloss, die Schuhe in die Ecke, die Kamera durfte endlich Pause machen – und wir ebenso. Montrose. Feierabend. Gute Nacht.






































