Sonnenaufgang am Mesa Arch, das Geheimnis der False Kiva
& Achterbahnfahrt über den Shafer Trail

Um vier Uhr morgens liegt Moab noch im Tiefschlaf. Die Straßen sind leer, die Häuser dunkel, selbst die Grillen scheinen kollektiv beschlossen zu haben, heute auszuschlafen. Nur unser Wecker hält nichts von diesem Konsens. Er klingelt gnadenlos, pünktlich, ohne Mitgefühl. Mein innerer Morgenmensch meldet sich nicht. Stattdessen meldet sich die innere Stimme, die fragt, ob Sonnenaufgänge nicht auch einfach später stattfinden könnten. So gegen elf. Die Sonne zeigt sich davon unbeeindruckt. Aufgang um 5:30 Uhr. Punkt.

Also raus aus dem Bett, rein in die Klamotten, Kaffee im Autopilot-Modus – denn wer im Urlaub um diese Uhrzeit freiwillig unterwegs ist, hat entweder ein sehr gutes Motiv oder einen Knall. Unser Motiv ist klar: Canyonlands National Park, Island in the Sky, Mesa Arch. Sonnenaufgang. Klassiker. Pflichttermin. Foto-Ikone.

Kurz nach halb fünf rollen wir los. Moab liegt hinter uns, vor uns nur Dunkelheit. Keine Straßenbeleuchtung, kein Horizont, kein Gefühl für Entfernungen. Es nieselt leicht, gerade genug, um die Szenerie ein wenig mysteriöser zu machen. Nach knapp einer Stunde erreichen wir den Parkplatz am Trailhead. Einige Autos stehen bereits dort. Gut – wir sind also nicht die einzigen Verrückten.

Der Weg zum Mesa Arch ist eigentlich ein Spaziergang von zehn Minuten. „Eigentlich“ ist hier das entscheidende Wort. In kompletter Finsternis fühlt sich jeder Schritt an wie eine Expedition. Taschenlampen an, Blick auf den Boden, Konzentration auf das, was der Lichtkegel preisgibt. Was links und rechts passiert, bleibt der Fantasie überlassen – und die ist um diese Uhrzeit erstaunlich kreativ.

Mesa Arch

Am Arch angekommen betreten wir eine Szenerie, die irgendwo zwischen Theaterprobe, Beziehungsdrama und Technikmesse angesiedelt ist. Da steht ein professioneller Fotograf mit einer Kamera, die aussieht, als hätte sie mehr gekostet als unser Mietwagen. Er misst Licht, notiert Werte, verstellt Einstellungen, überprüft alles – mehrfach. Daneben ein Mann und ein junges deutsches Paar, mitten in einer Diskussion, die offensichtlich schon länger läuft.

„Der Stein war letztes Mal nicht da.“
„Doch, der war da.“
„Kannst du bitte das Arch anleuchten?“
„Du stehst falsch, du musst weiter nach rechts.“

Stative werden umgestellt, wieder abgebaut, erneut aufgebaut. Stimmen hallen leise durch die Dunkelheit. Ich entscheide mich pragmatisch: Wenn jemand weiß, wo der beste Platz ist, dann der Profi. Also stelle ich mein Stativ unauffällig neben seines. Learning by observing.

Mesa Arch

Das deutsche Paar diskutiert weiter. Laut. Ausdauernd. Mit einer Ernsthaftigkeit, als hinge der Fortbestand der Menschheit vom perfekten Sonnenaufgangsfoto ab. Stefan begeht in diesem Moment einen strategischen Fehler von epischem Ausmaß: Er outet sich als Landsmann und fragt die Frau freundlich, ob sie öfter zum Sonnenaufgang hier sei.

Ab diesem Moment ist er verloren.

Was folgt, ist ein Redeschwall, der selbst bei Tageslicht anstrengend gewesen wäre. Um diese Uhrzeit ist er eine echte Herausforderung. Ich beobachte das Ganze aus dem Augenwinkel und habe den leisen Verdacht, dass der Begleiter der Frau innerlich dankbar ist, dass sich der Fokus gerade von ihm weg verlagert hat. Stefan hingegen steht tapfer, hört zu, nickt – und merkt zu spät, dass es hier kein schnelles Entkommen gibt.

Währenddessen wird es langsam heller. Die Silhouetten der La Sal Mountains zeichnen sich ab, der Washer Woman Arch, der Airport Tower, der Monster Tower treten langsam aus der Dunkelheit hervor. Der große, feurige Moment lässt allerdings auf sich warten. Wolken schieben sich vor die Sonne, dämpfen das berühmte Glühen des Mesa Arch. Schade – aber selbst ohne Feuerwerk ist der Anblick beeindruckend.

Mesa Arch

Ein besonders schöner Moment: Nach all dem Streit um Stativpositionen nimmt einer der Beteiligten bei den ersten Sonnenstrahlen einfach die Kamera vom Stativ und fotografiert aus der Hand. Ich muss lachen. Lautlos, aber herzlich. All das Drama – und dann das.

Weitere Fotografen treffen ein. Einer davon ebenfalls deutsch. Sehr bestimmt. „Bitte bewegt euch, ich brauche Platz für meine Kamera.“ Natürlich. Wir stehen hier seit über einer Stunde, ausschließlich zu diesem Zweck. Der Profi wirft ihm einen Blick zu, der alles sagt. Der Spätankömmling versteht die Botschaft und zieht sich zurück.

Als es schließlich richtig hell ist, reiße ich Stefan sanft, aber bestimmt aus seinem Gespräch und wir machen uns auf den Rückweg. Jetzt, bei Tageslicht, wirkt der Weg plötzlich harmlos. Wir lachen über die Begegnungen, über die absurden Situationen, über das kollektive Fotografen-Theater dieser frühen Stunde.

Ein Sonnenaufgang, der nicht perfekt war – aber unvergesslich. Und genau deshalb stehen wir dafür so gern um vier Uhr morgens auf.

Mesa Arch

Gestern habe ich großspurig angekündigt, dass der Arches-Tag nur das Warm-up war. Heute liefere ich ab. Denn was jetzt kommt, ist mein ganz persönliches Highlight dieser Reise: der Hike zur False Kiva. Kein ikonischer Arch, kein offizieller Aussichtspunkt, kein Souvenirshop. Sondern ein Ort, den man sich erarbeiten muss – mental, körperlich und ein kleines bisschen nervlich.

Die False Kiva liegt versteckt irgendwo dort, wo Canyonlands aufhört, freundlich zu sein. Kein Wegweiser, kein Infoboard, kein „You are here“. In den offiziellen Parkunterlagen taucht sie bestenfalls als Randnotiz auf – wenn überhaupt. Wer hierher will, braucht entweder Ortskenntnis, eine gute Beschreibung oder eine gesunde Portion Abenteuerlust. Wir hatten: ein Buch, ein iPad, Internetfotos, eine grobe Ahnung – und erstaunlich viel Optimismus.

Alcove Spring Trail

Nach dem Abstellen des Autos am Alcove Spring Trailhead stehen wir erst einmal… auf der falschen Straßenseite. Kein Schild, kein Trail, nur Straße, Weite und dieser leicht irritierende Moment, in dem man denkt: „Das soll jetzt hier losgehen?“ Tut es. Genau hier. Also rüber über den Asphalt und rein ins Gelände.

Die ersten Meter fühlen sich noch harmlos an. Roter Sand, niedrige Büsche, weiter Blick. Fast zu einfach. Wir folgen einer Spur, die aussieht, als wäre hier schon mal jemand langgegangen – was in Canyonlands ungefähr so aussagekräftig ist wie „jemand war schon mal in Italien“. Nach ein paar Minuten dämmert uns: Das hier ist nicht der Weg. Aber noch ist alles entspannt. Kein Drama. Noch.

False Kiva Trail

Dann finden wir ihn: den eigentlichen Pfad. Schmal, unscheinbar, aber eindeutig. Und ab diesem Moment ist Schluss mit Spaziergang. Der Trail zieht an, wird steiniger, unruhiger, steiler. Cairns tauchen auf – kleine Steinmännchen, die hier die Rolle von Wegweisern, Seelentröstern und Motivationscoaches übernehmen. Solange man sie sieht, ist alles gut. Wenn man sie kurz nicht sieht, beginnt sofort das Kopfkino.

Wir arbeiten uns langsam vor, Schritt für Schritt, immer weiter Richtung Rim. Die Landschaft wird rauer, der Untergrund unberechenbarer. Der Weg ist kein Weg mehr, eher eine Idee davon. Geröll rutscht unter den Füßen weg, große Felsbrocken liegen herum wie absichtlich platzierte Hindernisse. Und dann kommt er: der Slickrock-Abschnitt. Glatt, schräg, exponiert. Nichts Dramatisches – aber genau genug, um Respekt einzufordern. Hier wird nicht geschlendert. Hier wird konzentriert gegangen.

False Kiva Trail

Als wir die Abbruchkante erreichen, öffnet sich das Tal unter uns. Tief. Weit. Atemberaubend. Und genau hier wird klar: Jetzt geht’s nicht mehr nur hoch – jetzt geht’s auch runter. Der Trail zieht entlang des Rims, über loses Gestein, vorbei an Felsbrocken, die aussehen, als hätten sie jederzeit Lust auf Bewegung. Das Gelände wird wilder, der Weg technischer. Klettern ist plötzlich kein theoretischer Begriff mehr, sondern ganz realer Teil der Strecke.

False Kiva Trail

Die False Kiva selbst sehen wir noch nicht. Aber wir sehen die Nische. Hoch oben in der Felswand. Und sie wirkt… fern. Unerreichbar. Unvernünftig. Genau richtig.

Wir folgen weiter den Cairns, steigen höher, queren Geröllfelder, ziehen uns über Felsstufen nach oben. Hände kommen zum Einsatz. Konzentration sowieso. Es ist still hier. Kein Lärm, kein Trubel, keine anderen Wanderer. Nur wir, der Fels, der Abgrund – und dieses konstante Gefühl, dass man sich jeden Schritt wirklich verdienen muss.

Irgendwann, nach einer letzten Kletterpassage, stehen wir plötzlich da. Kein großes „Ta-da“. Kein dramatischer Moment. Sondern dieses stille, ehrfürchtige Innehalten, wenn man merkt: Wir sind angekommen und die False Kiva liegt vor uns. Alle Anstrengung, das Suchen, das Klettern, das leise „Sind wir hier wirklich richtig?“ lösen sich in diesem Moment schlagartig auf.

Die Kiva ist in echt deutlich größer, als es Fotos jemals vermitteln könnten. Kein kleines Steinkreis-Arrangement, sondern ein kraftvoller, fast selbstbewusster Ort, perfekt eingebettet in diese natürliche Felsnische. Es fühlt sich nicht an wie eine Sehenswürdigkeit – eher wie ein Raum, den man betritt. Und automatisch wird man leiser. Nicht, weil es jemand verlangt, sondern weil es sich einfach richtig anfühlt.

Wir setzen uns. Schauen. Schweigen.

False Kiva

Vor uns öffnet sich das Holeman Spring Basin, weit, rau, endlos. Der Candlestick Tower steht wie ein Wächter am Horizont, und irgendwo da draußen verliert sich der Blick, weil die Landschaft schlicht nicht aufhört. Kein Zaun, kein Geländer, kein Hinweis, wo „hinten“ sein könnte. Nur Weite. Und Zeit.

Was diesen Ort wirklich besonders macht, ist nicht nur die Aussicht – es ist die Stille. Keine Stimmen, kein Motorengeräusch, kein Handyempfang, nicht einmal Wind, der irgendetwas erklären müsste. Nur wir, der Fels, der Himmel. Und dieses Gefühl, zufällig an einem Ort gelandet zu sein, der eigentlich nicht für viele gedacht ist.

Und genau deshalb: Respekt.

Nicht laut, nicht belehrend, sondern selbstverständlich. Kein Müll, kein Herumturnen, kein „Ich schieb mal schnell den Stein für ein besseres Foto“. Orte wie dieser sind kein Spielplatz und kein Instagram-Set. Sie funktionieren nur, solange man sie so verlässt, wie man sie vorgefunden hat. Oder besser gesagt: so, als wäre man nie da gewesen.

Wir bleiben lange. Viel länger als geplant.

Essen ein kleines Picknick, trinken, schauen, fotografieren – und schauen dann wieder. Die Zeit verhält sich hier merkwürdig. Sie vergeht, aber sie drängt nicht. Irgendwann wird uns klar: Wir sitzen hier schon über eine Stunde. Und es fühlt sich an wie zehn Minuten.

Als wir schließlich aufstehen, ist da dieses leise Versprechen, das man nicht ausspricht, aber deutlich spürt: Wir kommen wieder.

Irgendwann – viel zu früh – kommt dieser Moment, in dem man weiß: Jetzt müssen wir gehen. Nicht weil wir wollten, sondern weil Orte wie dieser eine eigene Uhr haben. Und die tickt leise, aber unerbittlich. Wir werfen noch einen letzten Blick zurück in die Nische, prägen uns jedes Detail ein und treten dann den Rückweg an. Schweren Herzens. Und mit leichtem Muskelzittern.

Der Abstieg, der uns vorher fast spielerisch vorkam, entpuppt sich nun als trügerisch kurze Erinnerung. Denn was bergab locker aussieht, ist bergauf plötzlich… sehr real. Sehr steil. Sehr steinig. Und sehr ehrlich. Die False Kiva gibt uns keine Abkürzung, keinen Bonus, keinen Trost. Nur den gleichen Weg zurück. Punkt.

Wir kämpfen uns Stück für Stück nach oben. Über Geröll, über Felsstufen, vorbei an Brocken, die jetzt deutlich größer wirken als vorhin. Die Cairns, unsere kleinen steinernen Wegweiser, sind plötzlich nicht mehr nur Orientierung, sondern emotionale Rettungsanker. Jeder entdeckte Steinhaufen ist ein stilles „Ja, ihr seid noch richtig.“

Der Slickrock-Abschnitt fordert noch einmal volle Konzentration. Die Sonne steht inzwischen höher, der Fels speichert die Wärme gnadenlos, und Schatten bleibt weiterhin ein seltenes Luxusgut. Gespräche werden kürzer. Schritte bewusster. Pausen häufiger. Niemand beschwert sich – das wäre ohnehin sinnlos. Dieser Trail interessiert sich nicht für Ausreden.

Am Rim angekommen, gönnen wir uns einen Moment zum Durchatmen. Nicht aus Sentimentalität, sondern aus purem Sauerstoffbedarf. Der Blick zurück ins Tal ist noch immer spektakulär, aber jetzt mischt sich Stolz hinein. Wir waren da unten. Und wir kommen auch wieder hoch. Langsam, aber bestimmt.

Der letzte Abschnitt zurück zum eigentlichen Trail fühlt sich fast wieder zivilisiert an. Der Untergrund wird ruhiger, die Schritte sicherer, der Weg klarer. Und plötzlich taucht er wieder auf: der Asphalt. Das Auto. Die Zivilisation. Wasserflaschen, die leerer sind als geplant, Beine, die sehr genau wissen, was sie gerade geleistet haben.

Am Auto angekommen, lassen wir uns kurz dagegen fallen. Keine großen Worte. Kein Jubel. Nur dieses zufriedene, stille Grinsen, das man hat, wenn man weiß: Das hier war kein Spaziergang. Das war ein echtes Abenteuer.

Wenn wir schon einmal im Canyonlands National Park sind, lassen wir uns den Grand View Point natürlich nicht entgehen – auch wenn das Wetter inzwischen beschlossen hat, wieder mitzumischen. Regen? Ja. Aussicht? Trotzdem gewaltig. Diese Art von Panorama, bei der man automatisch leiser wird, obwohl niemand darum gebeten hat.

Grand View Point

Ein besonders freundlicher Ranger rettet die Situation endgültig. Statt uns mit Durchhalteparolen abzuspeisen, erzählt er mit sichtbarer Begeisterung Geschichten über die Entstehung der Canyonlands, über Wasser, Zeit und Geduld – sehr viel Geduld. Wir stehen da, hören zu, nicken wissend, fotografieren zwischendurch wie brav erzogene Touristen und denken gleichzeitig: Okay, das hier ist definitiv kein Ort für einen einmaligen Besuch.

Der Himmel bleibt grau, die Schluchten verschwinden stellenweise im Dunst, aber genau das verleiht dem Ganzen eine fast dramatische Tiefe. Kein Postkartenlicht, kein Instagram-Blau – dafür echtes Canyonlands-Feeling. Wir nehmen es sportlich, packen unsere Eindrücke ein und geben uns selbst ein Versprechen: In ein, zwei Jahren kommen wir wieder. Bei Sonne. Und mit noch mehr Zeit.

Jetzt kam der Teil des Tages, bei dem nicht mehr die Beine arbeiteten, sondern der Jeep – und zwar in seiner Paradedisziplin.

Shafer Pass

Schon am Shafer Canyon Overlook wurde klar: Das hier wird kein gemütliches Ausrollen Richtung Moab, sondern eine dieser Strecken, bei denen man automatisch ein bisschen gerader sitzt, die Kamera griffbereit hält und sich fragt, ob die Ingenieure damals wirklich nüchtern waren. Tief unter uns zog sich der Shafer Trail wie eine schmale, hellbraune Narbe durch die senkrechte Felswand. Serpentine an Serpentine, jede einzelne mit dem Charme eines Versprechens: „Du wirst mich fotografieren wollen – und danach ganz langsam fahren.“

Shafer Trail

Und genau so kam es. Kaum hatten wir die ersten Meter hinter uns, ging es im Zickzack nach unten, rund 450 Höhenmeter Richtung White Rim. Die Straße war schmal, unbefestigt, staubig – und spektakulär. Links Felswand, rechts Abgrund, dazwischen gerade genug Platz für einen Jeep und ein gesundes Maß an Vertrauen. Leitplanken? Fehlanzeige. Dafür Ausblicke, die einem zuverlässig den Atem klauen. Stefan hielt gefühlt alle drei Kurven an, damit ich Fotos machen kann – was vollkommen verständlich war, denn jede Perspektive sah aus wie ein eigenes Titelbild.

Mit jeder Serpentine wurde der Canyon größer, tiefer, weiter. Oben wirkte alles noch überschaubar, unten öffnete sich plötzlich eine gewaltige Landschaft aus Felsen, Ebenen und endlosen Linien. Der Shafer Trail ist keine Straße, die man „mal eben“ fährt – er ist ein Erlebnis, das man langsam zelebriert, Meter für Meter, Kurve für Kurve.

Unten angekommen fühlte sich die Welt schlagartig weiter an. Der Adrenalinspiegel sank, die Schultern entspannten sich ein wenig – und dann bogen wir auf die Potash Road ab. Technisch weniger dramatisch, aber keineswegs langweilig. Die Strecke zog sich entlang des Colorado River, durch eine Landschaft aus roten Felswänden, breiten Ebenen und rauen Pisten. Nicht mehr steil, aber herrlich ruppig. Der Jeep durfte zeigen, was er kann, und wir wurden ordentlich durchgeschüttelt – allerdings auf die gute Art. So, dass man lacht, sich am Griff festhält und denkt: Genau dafür sind wir hier.

Potash Road

Zwischendurch immer wieder Stopps. Weil der Fluss plötzlich in einer perfekten Kurve auftauchte. Weil ein einzelner Felsen aussah, als hätte ihn jemand absichtlich genau dort platziert. Weil die Farben nach dem Regen noch intensiver wirkten – Rot, Orange, Braun, dazwischen das matte Grün des Wassers. Die Potash Road ist weniger Nervenkitzel, dafür mehr Roadmovie. Eine dieser Strecken, bei denen man gar nicht merkt, wie die Zeit vergeht.

Als wir schließlich wieder Richtung Moab rollten, waren wir staubig, müde, glücklich – und ziemlich sicher, dass dieser Abschnitt des Tages ganz weit oben auf unserer persönlichen Bestenliste landet. Shafer Trail und Potash Road sind keine bloßen Verbindungen von A nach B. Sie sind das, was Roadtrips ausmacht: Fahren um des Fahrens willen. Und genau so fühlt es sich an.

Gegen 17 Uhr rollten wir wieder in Moab ein – staubig, müde, glücklich und mit genau diesem Blick, der sagt: Jetzt sofort essen, sonst wird jemand ungemütlich. Die Wahl fiel auf einen bewährten Klassiker: Moab Brewery. Solide, beliebt, eigene Biere – was soll da schon schiefgehen?

Wir bestellten also brav selbstgebrautes Bier aus der hauseigenen Microbrauerei. Das Bier: durchaus lecker. Ich nahm vorsichtshalber ein kleines Glas – rein aus wissenschaftlichem Interesse, versteht sich – schließlich wollte ich ja noch andere Sorten probieren. Zum Essen gab’s Spareribs, und die waren wirklich exzellent. Zart, würzig, genau richtig. Da gab es absolut nichts zu meckern.

Als mein erstes Bier leer war, kam der entscheidende Moment. Ich konnte mich nicht entscheiden und fragte unsere Kellnerin nach ihrem persönlichen Favoriten. Ihre Antwort kam prompt und selbstbewusst:

„Hefeyueissen.“
Ich: innerlich kurzer Systemabsturz.
„Äh… what?“

Sie zeigte mir die Karte. Und tatsächlich: Hefeweizen. Original so geschrieben. Deutsch. Mein innerer Bier-Patriot richtete sich sofort kerzengerade auf. Na klar, dachte ich. Deutsche Tradition, amerikanische Interpretation, das wird spannend. Also bestellt. Selbstgebraut. Natürlich.

Das Glas kam. Mit Orange am Rand.
Lieber Bierbrauer der Moab Brewery – wirklich, ganz ehrlich: Dein Bier schmeckt gut. Aber…
Das ist kein Hefeweizen.
Nicht mal mit sehr viel Fantasie.
Und auch nicht mit Orange.

Die gehört höchstens an einen Cocktail – oder maximal neben das Glas, aber bitte nicht dran.

Hefeweizen ist offenbar ein sehr dehnbarer Begriff. In Utah sogar besonders. Aber lecker war es.

Aber genau solche Abende machen Roadtrips aus. Gute Ribs, trinkbares Bier, kleine kulturelle Missverständnisse – und Geschichten, die man garantiert nicht vergisst.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert