Sanddünen, Collegiate Peaks und Root Beer
ein Tag, der in Colorado völlig aus dem Ruder lief
Der nächste Tag beginnt vergleichsweise zivilisiert. Frühstück, Kaffee, ein kurzer Blick auf die Route – und dann rollen wir los. Etwa 50 Meilen trennen uns vom Great Sand Dunes National Park. Klingt überschaubar, dauert aber trotzdem gute anderthalb Stunden, denn Colorado macht Entfernungen grundsätzlich nicht hektisch. Uns ist klar: Viel Zeit bleibt heute nicht. Am Ende des Tages wartet Estes Park, und der Weg dorthin ist alles andere als ein Katzensprung. Also kein ausgedehntes Verweilen, sondern ein bewusstes Reinschauen, Staunen, Weiterfahren.

Und dann stehen sie plötzlich vor uns. Sand. Nicht ein bisschen, nicht dekorativ, sondern in einer Dimension, die kurz das Gehirn aussetzt. Mitten in Colorado. Umgeben von Bergen. Der Great Sand Dunes National Park ist genau so ein Ort, bei dem man instinktiv denkt: Irgendwer hat hier die Landschaft falsch sortiert. Diese Dünen sind uralt – rund 12.000 Jahre, entstanden aus Sand, den der Rio Grande und seine Nebenflüsse über Jahrtausende abgelagert haben. Heute erstrecken sie sich über etwa 80 Quadratkilometer und türmen sich bis zu 230 Meter hoch auf. Die höchsten Dünen Nordamerikas. Und sie wirken genau so: überdimensioniert, surreal, fast ein bisschen unverschämt.
Great Sand Dunes National Park
Wir laufen ein Stück hinein, lassen den Sand unter den Schuhen wegrutschen, schauen hoch, schauen zurück – und fotografieren. Viel. Die Formen ändern sich mit jedem Schritt, das Licht spielt, die Berge im Hintergrund wirken wie eine Theaterkulisse, die jemand extra aufgebaut hat, um den Kontrast noch absurder zu machen. Es ist beeindruckend. Und gleichzeitig spüren wir die Uhr im Nacken. 30 Minuten. Mehr ist heute nicht drin. Also ziehen wir weiter, mit vollen Speicherkarten und dem Gefühl, gerade etwas sehr Ungewöhnliches gesehen zu haben.

Zurück auf der Straße geht es zunächst auf dem Highway 17 nach Norden. Nach rund 60 Meilen treffen wir auf den Collegiate Peaks Scenic Byway – offiziell ein historischer Scenic Byway, praktisch eine dieser Straßen, bei denen man ständig zwischen Fahren und Staunen pendelt. Die berühmten Gipfel der Collegiate Peaks sind in der Ferne zu sehen. Die Strecke ist ein Genuss: Seen tauchen auf, Wiesen ziehen vorbei, Wälder wechseln sich mit offenen Ebenen ab. Colorado kann auch leise beeindruckend.
Gegen 13 Uhr erreichen wir Leadville. Bunt, historisch, ein bisschen rau – und vor allem: hoch gelegen. 3.179 Meter über dem Meeresspiegel. Die höchstgelegene inkorporierte Stadt Nordamerikas. Normalerweise thronen hier die Rocky Mountains wie eine stolze Kulisse über der Stadt. Heute allerdings liegt ein dichter Nebel über allem, als hätte jemand beschlossen, die Aussicht bewusst zurückzuhalten. Keine Gipfel, kein großes Drama – nur Andeutungen.

Trotzdem halten wir an. Leadville hat auch ohne Fernsicht Charakter. Die historischen Fassaden, die breiten Straßen, die leicht verblassten Schriftzüge an den Häusern erzählen genug Geschichte, um ein paar Fotos wert zu sein. Man spürt sofort: Das hier war einmal bedeutend. Bergbau, Gold, Silber – und eine Stadt, die gelernt hat, mit Höhenlage und Wetter zu leben.
Nach einem kurzen Rundgang geht es weiter. Kein langes Bleiben, kein Café-Stopp. Heute ist ein Transit-Tag – voller Kontraste, voller Landschaft, voller Eindrücke. Sanddünen, Highways, Seen, Nebelstädte. Colorado zeigt uns einmal mehr, dass es sich nicht auf ein einziges Bild festlegen lässt. Und wir fahren weiter Richtung Estes Park, gespannt darauf, welches Kapitel als Nächstes aufgeschlagen wird.
Von Leadville aus rollen wir weiter auf dem HWY 91, besser bekannt als Top of the Rockies Scenic Byway. Ein Name, der Erwartungen weckt – und sie normalerweise auch gnadenlos erfüllt. Normalerweise. Heute allerdings nicht. Das Wetter zieht zu, Wolken hängen tief, und die Sicht wird mit jedem Kilometer diskussionsfreudiger. Unsere ursprüngliche Idee, noch hinauf zum Mount Evans zu fahren, verabschiedet sich still und leise. Kein Drama, keine Trotzreaktion. Es ist einer dieser Momente, in denen man lernt: Colorado entscheidet mit.
Also Plan B. Und der ist erstaunlich gut.
Wir nehmen Kurs auf die Lookout Mountain Road, schrauben uns Kurve um Kurve nach oben auf den Lookout Mountain – 2.311 Meter hoch, mit genau der richtigen Mischung aus Panorama und „Bitte nicht zu schnell“. Oben angekommen öffnet sich der Blick, und plötzlich liegt Denver rund 30 Kilometer entfernt unter uns. Eine Stadt, die aus dieser Perspektive fast harmlos wirkt. Flach, weit, ordentlich. Der Kontrast zu den Bergen im Rücken könnte größer kaum sein.

Doch wir sind nicht nur wegen der Aussicht hier. Dieser Ort ist auch die letzte Ruhestätte von Buffalo Bill – eigentlich William Frederick Cody. Bisonjäger, Scout, Schausteller, Selbstdarsteller avant la lettre. Einer, der den Wilden Westen nicht nur erlebt, sondern gleich zur Welttournee gemacht hat. Seine Shows waren global erfolgreich, sein Image sorgfältig gepflegt, sein Name ein Markenzeichen. Der Spitzname „Buffalo Bill“ stammt aus der Zeit nach dem Bürgerkrieg, als er Büffelfleisch an Arbeiter der Kansas Pacific Railroad lieferte. Bodenständig angefangen, international eskaliert.
Hier oben liegt er nun begraben – mit Blick auf die Weite, die sein Leben geprägt hat. Still, würdevoll, ohne großes Brimborium. Wir stehen einen Moment da, schauen, lesen, schweigen kurz. Es ist einer dieser Orte, die man nicht abhakt, sondern einfach wirken lässt.

Eigentlich gäbe es hier auch das Buffalo Bill Museum mit Kostümen, Exponaten und historischen Dokumenten. Aber wir entscheiden uns anders. Nicht gegen Geschichte – sondern für eine sehr spezielle Form davon. Unser nächster Halt ist Buffalo Bill’s Pahaska Tepee. Eine Mischung aus Restaurant und Souvenirshop, irgendwo zwischen Wildwest-Nostalgie und Roadtrip-Zwischenstopp. Und schon draußen am Gebäude lesen wir von der Spezialität des Hauses: Gemüsesuppe. Ausgerechnet. Dazu selbstgebrautes Root Beer, besonders empfohlen als Root Beer Float.
Gemüsesuppe. Root Beer Float. Auf einem Berg. In Colorado.
Wir schauen uns an. Das klingt so seltsam, dass es wieder zwingend logisch ist.
Also rein da. Mal sehen, was das ist.

Ich bestelle beides. Ohne jede Vorbereitung. Ohne Recherche. Ohne leiseste Ahnung, was ein Root Beer Float eigentlich ist. Vertrauen ist schließlich ein zentrales Roadtrip-Element. Wenige Minuten später steht es vor mir: Root Beer mit einer Kugel Vanilleeis. Optisch noch harmlos. Inhaltlich… eine andere Geschichte.
Zur Einordnung: Root Beer ist geschmacklich ohnehin eine Herausforderung. Es schmeckt irgendwo zwischen flüssigem Kaugummi, Zahnpasta und einem nostalgischen Erkältungsbonbon aus der Kindheit, das man eigentlich nie mochte, aber trotzdem gelutscht hat. Und jetzt kommt jemand auf die Idee, diesem Getränk auch noch Vanilleeis hinzuzufügen. Nicht vorsichtig. Nicht dezent. Sondern mit voller Überzeugung.
Ich probiere. Und in diesem Moment passiert etwas, das sich nur als chemisches Experiment beschreiben lässt. Das Eis beginnt zu schmelzen, das Root Beer fängt an zu schäumen – aber nicht so ein nettes, kleines Schäumen. Nein. Das Getränk legt los, als hätte es gerade beschlossen, sich zu verdoppeln. Das Volumen wächst sichtbar. Echtzeit. Bedrohlich. Es schäumt über den Rand, läuft über das Glas, breitet sich aus – schneller, als ich trinken kann. Ich trinke hektisch, fast panisch, aber das Zeug ist schneller. Ein klarer Fall von: Getränk 1 – ich 0.

Geschmacklich? Sagen wir so: Die Vanillekugel gibt dem Root Beer nicht den letzten Schliff, sondern eher den letzten Stoß. Aus „gewöhnungsbedürftig“ wird „dauerhafte Erinnerung“. Ich bin mir sicher, dass irgendwo im Glas Naturgesetze außer Kraft gesetzt wurden.
Die Gemüsesuppe hingegen – und das ist die eigentliche Überraschung – ist hervorragend. Ehrlich, wohlschmeckend, genau das Richtige. Warm, bodenständig, völlig unauffällig gut. Die Suppe weiß, was sie ist. Sie will nichts beweisen. Sie explodiert nicht. Sie läuft nicht über. Sie ist einfach da – und macht ihren Job perfekt.
Fazit dieses kulinarischen Abenteuers im Buffalo Bill’s Pahaska Tepee: Gemüsesuppe jederzeit wieder. Root Beer Float… sagen wir: einmal im Leben reicht.
Pahaska Tepee
Während wir noch gemütlich unsere Gemüsesuppe löffeln und ich innerlich mit dem Root-Beer-Float abschließe, läuft im Hintergrund ein Fernseher. Nachrichten. Bilder von Hochwasser. Überflutete Straßen. Evakuierungen. Boulder und Estes Park fallen mehrmals namentlich. Wir schauen kurz hin, schauen uns an – und ordnen das Ganze spontan in die Kategorie Discovery-Channel-Doku von irgendwann früher ein. Dramatisch geschnitten, ein bisschen reißerisch, sicher nicht aktuell. Draußen regnet es ja schließlich nicht ansatzweise so schlimm. Also alles gut. Denken wir.
Ein klassischer Denkfehler.
Wir setzen unsere Fahrt fort, rollen die landschaftlich eigentlich wunderschöne Lariat Loop Road hinunter Richtung Golden. Normalerweise eine Strecke zum Genießen, heute eher eine zum Konzentrieren. Nach einem kurzen, völlig unspektakulären, aber logistisch wichtigen Stopp im Walmart Supercenter geht es weiter nach Arvada. Ziel: Texas Roadhouse. Steak. Planungssicherheit. Ein letztes Stück Normalität.

Das Steak ist fantastisch. Punkt. Genau das, was man nach einem langen Tag braucht. Als wir gegen 18 Uhr wieder ins Auto steigen, sind wir satt, zufrieden – und rechnen noch mit etwa anderthalb Stunden Fahrt bis Estes Park. Nichts Wildes. Noch nicht.
Von Arvada aus folgen wir dem Highway 121 nach Norden, bis er auf den Denver–Boulder Turnpike trifft. Und dann ändert sich alles sehr schnell. Der Himmel klappt gefühlt einfach nach unten. Heftiger Regen setzt ein, nicht dieses nervige Nieseln, sondern Regen mit Ambitionen. Auf der Gegenfahrbahn sammelt sich das Wasser bedrohlich, Autos fahren durch knietiefe Pfützen, Gischt spritzt hoch. Wir sind noch erleichtert, dass wir nicht dort drüben unterwegs sind – bis wir die ersten Straßensperren sehen. Polizei. Blaulicht. Stillstand.
Ab jetzt ist nichts mehr planbar. Wir versuchen, uns durch die verbliebenen offenen Straßen zu schlängeln. Die Sicht ist miserabel, Regen, Spiegelungen, Wasser überall. Unser Navi beginnt langsam, die Fassung zu verlieren. Irgendwann hängen wir uns hinter einen Pickup, dessen Fahrer offensichtlich Abkürzungen kennt – oder zumindest so tut. In solchen Momenten vertraut man fremden Menschen schneller als Technik.
In Boulder entdecken wir schließlich einen Safeway-Supermarkt mit Internetzugang. Wir parken, klappen hektisch das Notebook auf – und dann trifft uns die Erkenntnis wie ein nasser Sandsack: Die Bilder im Restaurant waren live. Keine Doku. Kein Rückblick. Sondern genau hier. Jetzt. Heute. „Oh oh“ ist in diesem Moment eine sehr zurückhaltende Beschreibung.
Wir versuchen verzweifelt, unser Hotel in Estes Park anzurufen. Keine Chance. Die Ortschaft ist evakuiert, die Telefone tot. Damit ist klar: Unser heutiges Ziel existiert für uns nicht mehr. Wir brauchen sofort eine neue Unterkunft. Und zwar irgendwo, wo es weniger Wasser als Straße gibt.
Zwei hilfsbereite Jungs in unserer Nähe hören unser Problem, denken kurz nach und geben uns einen Tipp: Westminster. Dort sei das Wetter deutlich harmloser. Wir nehmen den Hinweis dankbar an – und tatsächlich: Online finden wir dort noch ein Hotelzimmer. Ein kleines Wunder.
Die Fahrt nach Westminster ist… sagen wir: abenteuerlich. Straßensperren, Umleitungen, improvisierte Routen, die unser Navi nicht mehr ernsthaft erklären kann. Wir fahren nach Gefühl, nach Schildern, nach Hoffnung. Immer wieder Wasser auf der Straße, immer wieder Umwege. Der Tag hat beschlossen, uns bis zum Schluss zu beschäftigen.
La Quinta Inn
Kurz vor 21 Uhr erreichen wir schließlich das La Quinta Inn in Westminster. An der Rezeption erfahren wir, dass wir das allerletzte verfügbare Zimmer bekommen haben. Das Hotel ist voll – mit Menschen, denen es genauso ergangen ist wie uns. Gestrandete. Umgeleitete. Ausgebremste Roadtrip-Veteranen. Plötzlich fühlt sich dieses Zimmer an wie ein Hauptgewinn.
Wir sind müde, erleichtert – und ehrlich gesagt ziemlich stolz, uns durch dieses Chaos navigiert zu haben. Diese Reise hat uns alles geliefert: spektakuläre Landschaften, historische Eisenbahnen, absurde Getränke, grandiose Straßen – und am Ende ein Unwetter, das alle Pläne über den Haufen wirft. Genau diese unvorhersehbaren Wendungen sind es, die aus einer Reise eine echte Erinnerung machen.


































