Vom California State Capitol in den Wilden Westen
Old Sacramento, Labour Day und Fahrt zum Lake Tahoe
Wir starten in den Tag mit dieser unerschütterlichen Roadtrip-Frühaufsteher-Energie, die einem vorgaukelt, man könne problemlos Politik, Geschichte und Feiertagsprogramm vor dem Mittagessen erledigen. Passt gut, denn heute ist Labour Day – in den USA kein stiller Kalendereintrag, sondern ein landesweites Ereignis. Unser Ziel ist Old Sacramento, wo wir gemeinsam mit den Amerikanern feiern wollen. Punkt zehn Uhr soll es losgehen.
Doch bevor wir uns ins Getümmel stürzen, nutzen wir die Zeit für einen Abstecher ins politische Herz Kaliforniens: das California State Capitol.

Nach den obligatorischen Sicherheitskontrollen stehen wir plötzlich mitten in diesem beeindruckenden Gebäude – und haben es gefühlt ganz für uns allein. Die frühen Morgenstunden verleihen dem Capitol eine besondere Stimmung: ruhig, würdevoll, fast feierlich. Kein Stimmengewirr, kein hektisches Treiben, nur das gedämpfte Echo unserer Schritte auf den Böden. Wir schlendern durch hohe Hallen, vorbei an Säulen, Balustraden und kunstvoll gestalteten Decken. Alles wirkt großzügig, fast europäisch, und gleichzeitig typisch amerikanisch repräsentativ.

Besonders faszinierend sind die Sitzungssäle. Wir blicken von den oberen Rängen in den Plenarsaal, sehen die Reihen der Schreibtische, die schweren Ledersessel, die imposanten Kronleuchter. Hier wird Politik gemacht – oder zumindest vorbereitet. Auch die kleineren Räume beeindrucken: Bibliotheksartige Büros, schwere Schreibtische, grüne Lampen, lederne Sessel. Man erwartet fast, dass gleich jemand mit Akten unterm Arm hereinkommt und uns höflich bittet, Platz zu machen.
Natürlich zieht es uns auch zu den Porträts der ehemaligen Gouverneure Kaliforniens. Eine eindrucksvolle Galerie – viel Geschichte, viele ernste Gesichter. Und dann fällt es auf. Einer fehlt. Wir schauen noch einmal genauer hin. Dann noch einmal. Und dann wird klar: Arnold Schwarzenegger ist nicht dabei. Kein Terminator, kein Ex-Governor, keine Leinwandlegende an der Wand.
Wir gehen die Galerie ein zweites Mal ab, nur um sicherzugehen, dass wir ihn nicht übersehen haben. Schließlich spreche ich eine freundliche Mitarbeiterin an, und frage nach dem fehlenden Porträt. Ihre Antwort ist so sachlich wie amerikanisch: Das Bild von Schwarzenegger ist noch in Arbeit. Noch. In Arbeit.
Ein kleiner Dämpfer. Für einen kurzen Moment spiele ich mit dem Gedanken, vorzuschlagen, man könne übergangsweise einfach ein Filmplakat von Terminator oder Phantom Kommando aufhängen – rein aus Gründen der Vollständigkeit. Aber ich verkneife mir den Kommentar. Labour Day ist vermutlich nicht der richtige Moment für kulturhistorische Experimente.

Wir lassen den Blick noch einmal durch die Hallen schweifen, werfen einen letzten Blick unter die beeindruckende Kuppel und hinaus auf die gepflegten Grünanlagen vor dem Capitol. Dann wird es Zeit weiterzuziehen. Sacramento erwacht langsam, der Feiertag liegt in der Luft – und Old Sacramento wartet bereits.
Nun aber: auf zur Labour-Day-Party. Und zwar nicht irgendeiner, sondern mitten hinein in eine Zeitmaschine mit Holzfassaden, Staub auf dem Boden und erstaunlich viel Filz auf den Köpfen.

Der Labour Day, seit 1894 Nationalfeiertag in den USA, geht auf die Arbeiterbewegung und die Kampagnen der Knights of Labor zurück. Er ist den arbeitenden Menschen gewidmet – mit Umzügen, Festen und viel gelebter Solidarität. In vielen Städten wird gefeiert, aber Old Sacramento setzt noch einen drauf. Hier fällt der Feiertag nämlich zusammen mit den Gold Rush Days – und plötzlich ist das 19. Jahrhundert wieder da. Komplett. Mit allem Drum und Dran.
Die Straßen sind mit Sand bedeckt, nicht symbolisch, sondern richtig. Die historischen Gebäude wirken plötzlich nicht mehr wie Kulisse, sondern wie Bühne. Überall laufen Menschen in Kleidung herum, die aussieht, als wäre sie direkt aus einem Western entsprungen: lange Röcke, Schürzen, Westen, Hosenträger, Hüte in allen erdenklichen Formen. Pferde klappern durch die Gassen, Kutschen rollen vorbei, und für einen Moment vergisst man ziemlich zuverlässig, dass draußen eigentlich das Jahr 2013 ist.
Die Atmosphäre ist großartig. An jeder Ecke passiert etwas. Musiker sitzen auf Holzveranden und spielen, als gäbe es Spotify noch nicht. Schmiede lassen Funken fliegen, Händler preisen ihre Waren an, und zwischendurch kommt es zu inszenierten Schießereien, bei denen man instinktiv einen Schritt zurücktritt – obwohl man weiß, dass hier niemand ernsthaft getroffen wird. Frauen halten leidenschaftliche Reden über Rechte und Selbstbestimmung, was wunderbar zeigt, dass selbst im Wilden Westen nicht alles nur aus Colts und Cowboyhüten bestand.

Es riecht nach Essen, nach Rauch, nach Staub. Menschen stehen zusammen, lachen, diskutieren, trinken. Pferdekutschen ziehen gemächlich durch die Menge, Kinder schauen mit großen Augen zu, Erwachsene wirken mindestens genauso begeistert. Das Ganze fühlt sich an wie eine Mischung aus John-Wayne-Film, Bonanza-Folge und sehr gut gemachtem Freilichttheater – nur dass man mittendrin steht.
Und dann… diese zwei Typen hier. Men in Black.

Schwarze Anzüge, schwarze Sonnenbrillen, komplett falscher Film. Offenbar hat jemand das Zeitportal nicht ganz korrekt eingestellt. Oder sie sind hier, um sicherzustellen, dass niemand merkt, dass wir gerade ziemlich viel Spaß im Jahr 1860 haben. So oder so: großartig. Mehr Kontrast geht kaum. Wir lassen uns treiben, schauen, staunen, bleiben stehen, gehen weiter. Old Sacramento lebt heute nicht Geschichte – es spielt sie. Und wir spielen sehr gern mit.
Nach einigen Stunden im 19. Jahrhundert kehren wir langsam, aber bestimmt wieder in die Gegenwart zurück. Old Sacramento bleibt hinter uns, der Staub verschwindet von den Schuhen – der Roadtrip schaltet zurück auf Highway-Modus. Unser nächstes Ziel steht fest: South Lake Tahoe.
Schon kurz nach der Abfahrt liefert Amerika wieder genau das, was man hier liebt: Situationen, die man nicht erklären muss – nur fotografieren. Auf dem Highway vor uns fährt ein Pickup mit Anhänger. Darauf: ein überdimensionales Schwein. Kein Logo, kein Umzug, kein erkennbarer Zweck. Einfach ein riesiges Schwein auf amerikanischem Asphalt. Wir schauen uns an, grinsen und wissen: Ja. Genau deshalb fahren wir Roadtrip. Auf amerikanischen Highways ist einfach alles unterwegs. Und alles wirkt dabei völlig normal.

Die Landschaft links und rechts bleibt nicht minder skurril. Kurz darauf entdecken wir wilde Pferde, die seelenruhig vor einer Kirche grasen. Kirche. Pferde. Absolute Gelassenheit. Niemand scheint sich daran zu stören, am wenigsten die Pferde selbst. Ein Bild wie aus einem modernen Western, irgendwo zwischen Freiheit und Sonntagsschule.

Dann beginnt die eigentliche Fahrt Richtung Tahoe. Es ist Montagnachmittag, das Labour-Day-Wochenende neigt sich dem Ende zu, und das merkt man sofort. In der Gegenrichtung herrscht Stillstand. Endlose Autokolonnen schieben sich zurück in Richtung Städte, vollgepackt mit Kühltaschen, Campingstühlen und Wochenend-Erinnerungen. Für uns hat das Ganze einen entscheidenden Vorteil: Wir fahren genau andersherum. Während alle abreisen, sind wir unterwegs hin. Beste Voraussetzung für entspannte Tage am See.
Auf dem Weg zum Lake Tahoe
Zunächst führt uns die Route durch eine fast schon klassische kalifornische Wüstenlandschaft. Gelb-braune Hügel, trockenes Gras, weite Flächen. Dazwischen immer wieder kleine Orte, die aussehen, als hätten sie sich seit Jahrzehnten nicht sonderlich verändert – Tankstelle, Diner, ein paar Häuser, fertig. Alles wirkt ruhig, weit, offen.
Und dann, ziemlich plötzlich, kippt die Szenerie. Die Straße zieht an, es geht steil bergauf, und mit jedem Höhenmeter verändert sich die Landschaft. Die trockenen Farben weichen sattem Grün, Wälder übernehmen das Bild, die Luft wirkt klarer. Kurven, Anstiege, Ausblicke. Und dann – fast beiläufig – taucht er auf: der See. Tiefblau, ruhig, eingerahmt von Bergen. Nur ein kurzer Blick zwischen den Bäumen, aber genug, um zu wissen: Wir sind gleich da.

Die Fahrt nach Lake Tahoe ist kein bloßer Transfer, sie ist Teil des Erlebnisses. Wüste, Berge, Wald – alles an einem Nachmittag. Und irgendwo dazwischen ein Schwein auf einem Anhänger und wilde Pferde vor einer Kirche. Willkommen zurück im Roadtrip-Alltag.Am frühen Abend erreichen wir South Lake Tahoe – und schon beim Aussteigen merkt man: andere Liga.
Fast 2.000 Meter Höhe, spürbar kühlere Luft als noch in Sacramento, ein angenehmes Durchatmen nach der Hitze des Tages. Die Umgebung erinnert sofort an einen klassischen Skiort, wie man ihn aus den Alpen kennt. Ein bisschen Deutschland, ein bisschen Österreich, ein bisschen Schweiz – nur eben mit amerikanischem Einschlag.

South Lake Tahoe wirkt gemütlich, überschaubar, fast heimelig. Holzhäuser, Kiefern, Bergluft. Und dann gibt es da noch diese besondere Eigenheit: Mitten durch den Ort verläuft die Grenze zu Nevada. Auf der einen Seite Alpengefühl, auf der anderen Seite… nun ja. Beton. Casinos. Große, wenig charmante Bunker, die sich ziemlich rücksichtslos in den Himmel schieben. Ein harter Stilbruch, aber typisch amerikanisch: Grenze überschreiten, Welt wechseln.

Einer dieser Casino-Kolosse beherbergt das Hard Rock Cafe Lake Tahoe. Pflichttermin. Nach dem Einchecken in unserem Hotel, dem Big Pines Mountain House, machen wir uns zu Fuß auf den Weg – zum Glück nicht weit. Ein kurzer Spaziergang, frische Bergluft, langsam sinkende Temperaturen.

Blue Pines Mountain House
Im Hard Rock Cafe lassen wir den Tag ausklingen. Essen, entspannen, ein bisschen das Gefühl genießen, angekommen zu sein. Hinter uns liegen Goldrausch, Highway, Wüste, Berge – vor uns ein See, Wälder und neue Entdeckungen.
Heute reicht das völlig. Morgen wollen wir die Gegend rund um Lake Tahoe erkunden.




























