God bless you, Stranger
ein Abend ohne Steckdose und einem fantastischen Dinner

Wir verlassen Washington am Morgen, noch bevor die Stadt richtig wach ist. Die Monumente liegen hinter uns, der Verkehr hält sich erstaunlich in Grenzen, und wir rollen nordwärts Richtung Baltimore. Kein großes Programm dort, eher so ein klassischer „Wir waren kurz da, bitte Beweisfoto einreichen“-Stopp. Unser Ziel ist klar definiert: York, Pennsylvania, genauer gesagt die Harley-Davidson Motor Company. Und die schließt um 14 Uhr. Punkt. Danach ist hier Feierabend – auch für Harley-Fans.

In Inner Harborlegen wir einen kurzen Fotostopp ein. Mehr ist zeitlich schlicht nicht drin. Baltimore wäre durchaus bereit für mehr – das merkt man sofort. Zwei Malls, Souvenirshops, Restaurants, Straßenmusiker, Ausflugsboote, das Hard Rock Cafe, alles geschniegelt, geschniegelt und geschniegelt. Ein Hafen, der sich sichtbar Mühe gibt, gemocht zu werden. Ein Ort, an dem man problemlos einen halben Tag vertrödeln könnte – wenn man denn keinen Zeitdruck hätte. Haben wir aber. Also: Foto, Blick übers Wasser, kurzer innerer Vermerk „kommen wir wieder“ – und weiter.

Die Uhr tickt, die Interstate zieht sich, und irgendwann taucht das Schild auf: York. Pflichtstopp. Für uns nicht irgendein Werk, sondern fast schon eine Pilgerstätte. Wir waren 2008 schon einmal hier, damals noch ein ganz anderes Bild. Seitdem hat sich einiges getan. Das komplette Werk wurde modernisiert, alles wirkt aufgeräumter, technischer, irgendwie… erwachsener. Hier werden heute Touring-, Softail-, CVO-Modelle und Trikes zusammengebaut. Keine Vitrinenromantik – echtes Arbeiten, echte Maschinen, echtes Gewicht.

Die Werksführung beginnt mit einem kurzen Film, dann übernehmen zwei freundliche Damen das Kommando. Headsets auf, bitte folgen. Zwei Stunden lang geht es durch das Herz der Produktion: vom Stanzen der Bleche über die einzelnen Montageschritte bis hin zu den fertig aufgeladenen Maschinen, bereit für den Versand. Alles präzise, laut, beeindruckend. Fotografieren? Natürlich verboten. Also bleibt alles dort, wo es hingehört: im Kopf. Bilder gibt’s nur vom Visitor Center – Harley ist da konsequent.

Nach so viel Stahl und Motoren geht es weiter – und der Kontrast könnte kaum größer sein. Nicht weit von York beginntLancaster County, das Land der Amish. Kaum verlässt man die größeren Straßen, ändert sich das Bild. Pferdekutschen tauchen auf, sogenannte Buggies oder – sehr charmant – Dachwägele. Die Straßen werden ruhiger, die Landschaft weiter, die Zeit langsamer.

Die Amish leben heute noch wie vor rund 300 Jahren. Kleidung, Lebensweise, Regeln – alles folgt festen, religiös geprägten Strukturen. Kirchen gibt es keine. Stattdessen trifft man sich sonntags reihum bei Familien zu Gottesdiensten im eigenen Haus. Besucher sind willkommen, Touristen auch – solange sie respektvoll bleiben. Fotografieren ist unerwünscht. Bilder, so heißt es, bewahrt man im Herzen, nicht auf Papier. Deshalb haben Amish-Bücher auch keine Illustrationen.

Technik? Wird weitgehend abgelehnt. Kein Strom, kein fließendes Wasser, kein Telefon. Wobei… ganz so schwarz-weiß ist es dann doch nicht. Telefone gibt es manchmal – allerdings nur mit Anrufbeantworter. Man hört die Nachricht später ab, kommuniziert indirekt. Offenbar ein akzeptabler Kompromiss. Regeln haben eben manchmal kreative Auslegungsspielräume.

Ursprünglich stammen viele Amish aus Süddeutschland und der deutschsprachigen Schweiz. Mit etwas Konzentration – und gutem Willen – kann man sie tatsächlich verstehen. Manchmal. Wir waren bereits 2008 und 2010 bei Amish-Familien zu Gast. Dieses Mal wollten wir unserer Tochter Nadine dieses Erlebnis ermöglichen. Sie kennt die Amish bislang nur aus unseren Erzählungen – und aus dem Film Der einzige Zeuge mit Harrison Indiana-Jones-Ford.

Solche privaten Dinner lassen sich nicht einfach buchen. Früher ging das über Touristeninformationen – heute nicht mehr. Der Staat war der Meinung, hier würden Steuergelder umgangen, also wurde dem Ganzen offiziell der Hahn zugedreht. Faktisch gibt es diese Abende aber noch. Man muss nur wissen, wo – und wen – man fragt.

Ich hatte über ein B&B in Lancaster Kontakt aufgenommen. Dinner organisiert, Termin vereinbart. Theoretisch. Praktisch standen wir dann am Haus von Katie Fisher, die von uns – sagen wir – überrascht war. Keine Reservierung, kein Dinner, keine Ahnung. Großartig. Ihre Tochter würde heute für Gäste kochen, sagte sie, und gab uns eine Adresse.

Zehn Minuten später stehen wir vor dem Haus von Sally Esh. Wir klopfen. Niemand da. Also wieder zurück ans Telefon. Cheryl vom B&B will sich kümmern. Kurz darauf taucht Sallys Mann Melvin auf, erklärt freundlich, wir sollen in 30 Minuten wiederkommen. Essen sei geregelt. Dann verschwindet er wieder. Kommunikation auf Amish-Art: effizient, minimalistisch, leicht verwirrend.

Um 18 Uhr sind wir zurück. Sally begrüßt uns herzlich. Melvin sehen wir nicht mehr. Offenbar ist das Füttern von Fremden hier Frauensache. Nach und nach treffen weitere Gäste ein: eine Familie aus New Jersey mit französischen Wurzeln, inklusive Großeltern, zwei Kindern – und einem zehn Tage alten Baby. Dazu Sally, zwei ihrer Töchter, ein kleiner Sohn und wir. Eine Runde, wie sie bunter kaum sein könnte.

Das Essen wird aufgetragen – reichlich und mit System. Fruit Salad with Orange Sauce, White Bread, Barbecued Meatballs, Vanilla Cream Pie, Moist Chocolate Cake, Peanut Butter Frosting. Kein ChiChi, kein Schnickschnack – einfach gutes, ehrliches Essen. Wir reden viel, fragen viel, bekommen bereitwillig Antworten. Über den Alltag, die Regeln, das Leben ohne Strom und Bildschirm.

Nach dem Essen singen Sally und ihre Töchter drei Lieder. Mehrstimmig, ruhig, perfekt abgestimmt. Ein amerikanisches Gebet, ein deutsches Lied – „Gott ist die Liebe“ – und natürlich „Amazing Grace“. Kein Pathos, kein Auftritt. Einfach da, einfach schön.

Zum Abschluss werden Handarbeiten angeboten – und ein Kochbuch mit allen Gerichten des Abends. Habe ich gekauft. Jetzt fehlt nur noch jemand, der das für mich kocht.

Dann verabschieden wir uns. „God bless you“, „have a safe trip“, „hope we’ll meet again“. Wir steigen ins Auto, fahren los – und lassen einen dieser Abende hinter uns, die man nicht planen kann und genau deshalb nie vergisst.

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