Zwischen Fähre, Food-Tour und Sprint durch Manhattan
Unser Tag in der Stadt, die niemals schläft, beginnt mit einem echten Klassiker – und zwar nicht irgendwo, sondern auf dem Wasser. Die Staten Island Ferry ist kostenlos, zuverlässig und bietet jedes Mal aufs Neue eine Aussicht, für die man in anderen Städten Eintritt zahlen müsste. Wir stehen an Deck, die Kamera griffbereit, der Wind im Gesicht, und beobachten, wie die Skyline von Manhattan langsam näherkommt. Erst tauchen einzelne Hochhäuser auf, dann wird daraus dieses berühmte Gesamtbild, das man schon tausendmal gesehen hat – und das trotzdem jedes Mal wieder funktioniert. Abends erleben wir dann das genaue Gegenteil: Manhattan entfernt sich, die Lichter werden kleiner, die Skyline zieht sich zurück. Auch das ist großartig. Vielleicht sogar noch ein bisschen besser.
Um aus unseren vier Tagen möglichst viel herauszuholen, haben wir uns – wie schon bei früheren Aufenthalten – erneut den New York Pass besorgt. Und ja, das Ding ist wirklich Gold wert. Kaum hat man ihn in der Hand, fühlt man sich direkt ein bisschen effizienter. Der erste geplante Einsatz ist gleich etwas Besonderes: die berühmte Food on Foot Tour. Für uns ist es der zweite Versuch. Beim letzten Mal, als wir mit dem New York Pass unterwegs waren, hatten wir Pech – in genau dieser Woche fanden schlicht keine Touren statt. Sehr ärgerlich. Dieses Mal sieht es besser aus.
Die Reservierung läuft online, wobei man ehrlich sagen muss: Die Website ist… speziell. Es gibt unzählige Bedingungen, Regeln, Hinweise und Erklärungen. Alles sehr ausführlich, alles sehr bestimmt, alles leicht einschüchternd. Aber gut – wir wollen essen, also klicken wir uns tapfer durch. Wir buchen die „Midtown Mix Guided Tour“ für den 30. März und erhalten kurz darauf eine E-Mail-Bestätigung, die sich eher wie eine Vor-Bestätigung liest. Es folgen weitere Mails. Und noch eine. Und irgendwann auch der deutliche Hinweis, dass bei Nichterscheinen 49 Dollar pro Person von der Kreditkarte abgebucht werden. Eine sanfte Erinnerung daran, dass Pünktlichkeit hier keine Empfehlung, sondern Pflicht ist. Keine Sorge – wir haben absolut vor teilzunehmen.
Der 30. März ist unser erster kompletter Tag in Manhattan. Das bedeutet allerdings auch: Organisation. Bevor wir zur Tour können, müssen wir unsere New York Pässe am Times Square bei Planet Hollywood abholen. Treffpunkt für die Tour ist an der Penn Station um 10:20 Uhr. Unser Plan sieht gut aus: Fähre um 8:15 Uhr, genug Zeitpuffer, alles entspannt. Theoretisch.
Praktisch stellen wir dann fest, dass heute Sonntag ist. Und sonntags fahren die Fähren nur zur vollen Stunde. Wir stehen also am Terminal, warten auf die 9-Uhr-Fähre und mir wird langsam klar, dass unser schöner Zeitplan gerade zerbröselt. Während wir warten, rechne ich im Kopf alle Varianten durch: 30 Minuten bis South Ferry, 5 Minuten Fußweg zur Subway, 15 Minuten U-Bahn-Fahrt zum Times Square – vorausgesetzt, sie kommt sofort – dann Pässe abholen, dann weiter zur Penn Station. Es wird sehr knapp. Sehr.
Natürlich lässt uns die Subway ein paar Minuten warten. Natürlich. Und in meinem Kopf sehe ich schon die Abbuchung von 3 x 49 Dollar. Besonders präsent ist mir eine Passage aus einer der Bestätigungs-Mails:
„If you are late and we are gone, you have missed the tour.“
Keine Diskussion. Keine zweite Chance.
Also Plan B. Stefan und Nadine steigen an der Penn Station aus, gehen ohne New York Pässe schon mal zum Treffpunkt. Tasche, Kamera, alles Nötige dabei. Ich fahre alleine weiter zum Times Square, hole die Pässe ab und versuche, irgendwie rechtzeitig wieder zur Penn Station zu kommen. Ein Versuch ist es wert.
Ich war schon oft in New York. Und auch oft am Times Square. Aber noch nie in dieser Version. Nach zwei Jahren Pause aus der Subway zu steigen und direkt mitten im Trubel zu landen – und das Ganze nicht genießen zu können, sondern sofort Planet Hollywood suchen zu müssen, ist… herausfordernd. Menschenmassen, Leuchtreklamen, Lärm – und ich scanne die Umgebung wie ein Spürhund. Irgendwann sehe ich eher zufällig das Logo. Treffer.
Ich erkläre dem Mitarbeiter meine Lage. Er bleibt völlig entspannt, drückt mir die Pässe in die Hand und sagt nur: laufen. Taxi und U-Bahn würden zu lange dauern. Also gut. Es sind „nur“ 16 Blocks – von der 47. zur 31. Straße. Ich laufe nicht. Ich renne. Ampeln werden verhandelt, Kreuzungen sportlich interpretiert, Manhattan wird zur Laufstrecke. Um es kurz zu machen: Ich schaffe es. Rechtzeitig. Punktlandung. Jetzt muss nur noch die Tour gut sein.
Und ja – sie ist es. Absolut.
Unser Guide Corey, eine Art Ein-Mann-Institution, ist großartig. Mit Begeisterung, Humor und einem beeindruckenden Wissen führt er uns durch sein kulinarisches New York. Kleine Restaurants, unscheinbare Läden, Orte, an denen wir ohne ihn niemals gelandet wären. Das Essen ist durchweg hervorragend – und überraschend günstig. Wir sind größtenteils mit der Subway unterwegs, zwischendurch zu Fuß, insgesamt besuchen wir sechs Lokale. Alle klein, alle beliebt, alle voll. Wenn plötzlich rund 20 bis 25 Leute gleichzeitig auftauchen, wird es natürlich eng.
Die Wartezeiten nutzt Corey perfekt. Er gibt uns weitere Tipps für gutes und günstiges Essen in New York – Dinge, die man sich merken sollte. Fotos und Videos sind erlaubt, allerdings bittet er uns höflich, das Material nicht im Internet zu teilen. Fair enough.
Seine Warnung ist eindeutig. Corey bringt es unmissverständlich auf den Punkt:
“If I see you go to a chain restaurant after this tour, I’ll kill you.
And if I catch you at a hot dog stand – I’ll kill you twice as well.”
Die Botschaft sitzt.
Unsere Gruppe ist bunt gemischt, international, und man kommt schnell ins Gespräch. Das macht die Tour noch unterhaltsamer. Für Besitzer des New York Passes ist das Ganze ein Volltreffer. Einzeln gebucht wären mir 49 Dollar persönlich zu teuer – aber wenn man bedenkt, wie viel schlechtes oder überteuertes Essen man dadurch vermeidet, relativiert sich das schnell.
Das Wetter allerdings spielt heute nicht richtig mit. Es regnet zwar noch nicht, aber dicke Wolken hängen über der Stadt. Die Aussichtplattformen verschieben wir also. Nadine hingegen hat immer großen Spaß an Madame Tussauds New York, also geht es zurück zum Times Square. Eintritt frei mit dem Pass, Fast Track inklusive. Wir machen Fotos, lachen, und ich spare mir an dieser Stelle weitere Details – darüber habe ich in den vergangenen Jahren schon genug geschrieben.
Draußen nieselt es inzwischen leicht. Kein Grund, aufzuhören. Wir fahren mit der Subway Richtung Süden, zur Spitze Manhattans. Direkt am World Trade Center liegt Century 21. Wer hier Ordnung erwartet, wird enttäuscht. Das ist kein klassischer Laden, das ist ein Abenteuer. Outlet-Charakter, Restposten, Chaos mit System. Man findet fast alles – nur selten genau das, was man sucht. Taschen, Koffer, Sonnenbrillen, Unterwäsche, Kleidung. Größen sind Glückssache. Geduld Pflicht.
Nadine läuft zur Hochform auf. Regale werden durchforstet, Schnäppchen gesichert, Einkaufstüten füllen sich. Am Ende steht sie da mit leuchtenden Augen – Mission erfolgreich.
Der Regen wird stärker, der Hunger auch. Ziel: Katz’s Delicatessen. Wir wollen mit dem Bus zur Houston Street fahren, wissen aber nicht genau, welche Linie. Ein freundlicher Amerikaner hilft uns sofort, steigt sogar mit ein und sagt uns Bescheid, wann wir aussteigen müssen. Diese Selbstverständlichkeit, mit der hier geholfen wird, beeindruckt mich jedes Mal aufs Neue.
Katz’s ist Pflichtprogramm. Nicht nur wegen Harry und Sally, sondern weil wir bei jedem New-York-Besuch mindestens einmal hier essen. Mehr muss man dazu eigentlich nicht sagen.
Katz’s Delicatessen
Katz’s Delicatessen ist Pflichtprogramm. Und zwar nicht nur, weil hier einst Harry & Sally Filmgeschichte geschrieben wurde – sondern weil dieser Laden wie kaum ein anderer für das echte, unverfälschte New York steht.
Das berühmte „I’ll have what she’s having“-Zitat hat Katz’s zwar weltberühmt gemacht, aber der Film ist letztlich nur das Sahnehäubchen. Der eigentliche Star ist das Konzept: eine klassische jüdische Delikatessen-Institution, die seit Generationen genau das macht, was sie kann – und das kompromisslos. Keine Trends, keine Modernisierung um jeden Preis, kein Instagram-Gedöns. Katz’s ist laut, voll, chaotisch, ehrlich – und genau so soll es sein.
Man zieht eine Nummer, bestellt am Tresen, bekommt sein Sandwich frisch aufgeschnitten und zahlt am Ende. Dazwischen wird nicht diskutiert, sondern gegessen. Und zwar Pastrami, wie es sein muss: stundenlang gepökelt, gewürzt, geräuchert, danach dampfend heiß aufgeschnitten, saftig, zart, intensiv. Kein dünnes Alibi-Fleisch, sondern ein Stapel, der eher an Bauhöhe als an Diät erinnert. Serviert auf Roggenbrot, dazu Senf – fertig. Mehr braucht es nicht.
Dieses Pastrami schmeckt nicht nur gut, es schmeckt nach Geschichte. Nach Einwanderern, nach Lower East Side, nach New York, wie es früher war und in diesem Laden immer noch ist. Katz’s ist kein Ort, an dem man „mal schnell was isst“. Es ist ein Ritual. Ein Stück Stadtgeschichte zwischen Neonlicht und Warteschlange.
Dass wir bei jedem New-York-Besuch mindestens einmal hier landen, ist keine Gewohnheit – es ist eine Selbstverständlichkeit. Und nach so einem Sandwich versteht man auch sehr gut, warum Corey Fast-Food-Ketten für kulinarische Beleidigungen hält.
Nach dem Essen sind wir pappsatt – und ehrlich gesagt auch wettertechnisch bedient. Es gießt in Strömen. Also nehmen wir die Subway zurück zur Fähre und fahren zurück in unser B&B auf Staten Island. Morgen soll das Wetter besser werden. Und New York läuft uns nicht weg.