Cape Cod und Newport: Dünen, Leuchttürme und ein perfekter Sonnenuntergang
Unser 24-Dollar-Motel hatte sich am Vorabend als erstaunlich guter Fang erwiesen. Sauberes Zimmer, freundliche Leute, alles da, was man für eine Nacht brauchte – nur beim Frühstück zog das Town and Country Motel eine klare Grenze. Für 24 Dollar kann man schließlich nicht auch noch erwarten, dass morgens jemand Eier brät. Stattdessen wurden wir beim Verlassen des Motels von einer Gruppe Truthähne begrüßt, die über den Parkplatz spazierte, als gehöre ihnen der Laden. Vermutlich gehörten sie zur Frühstücksabteilung und hatten gerade frei.
Uns störte das fehlende Frühstück ohnehin nicht besonders. Wir waren schließlich in Amerika, wo man morgens nicht auf eine Scheibe Brot mit Marmelade angewiesen ist, sondern schon beim Frühstück problemlos die Kalorienzufuhr eines durchschnittlichen Arbeitstages erledigen kann. Also auschecken, Gepäck in den Pickup und Kurs auf die Keltic Kitchen. Das erwies sich als hervorragende Entscheidung. Schon beim Reinkommen gefiel uns das Lokal mit seiner rustikalen Holzoptik und dieser gemütlichen amerikanischen Diner-Atmosphäre, bei der ziemlich schnell klar wird, dass hier niemand auf die Idee kommt, einen halben Apfel dekorativ auf drei Esslöffeln Magerjoghurt zu drapieren und das Ganze anschließend „Healthy Breakfast Bowl“ zu nennen.
Ich bestellte French Toast mit Blaubeeren und bekam eine Portion, die vermutlich ursprünglich für eine sechsköpfige Familie vorgesehen gewesen war. Vor mir türmte sich ein Frühstück, mit dem man bei entsprechender Vorratshaltung problemlos durch einen kleineren Winter gekommen wäre. Es war süß, mächtig und großartig. Genau so hatten wir uns das vorgestellt. Danach waren wir jedenfalls hervorragend gerüstet für einen langen Tag, und gegen 7:45 Uhr rollten wir los.
Heute wollten wir Cape Cod erkunden, diese eigenwillig geformte Halbinsel, die sich südöstlich von Boston wie ein angewinkelter Arm weit hinaus in den Atlantik schiebt. Rund 1.000 Quadratkilometer groß und etwa 65 Kilometer lang, hatte sie ihren Namen einst wegen der reichen Kabeljau-Vorkommen bekommen. Uns interessierten die Fische an diesem Morgen allerdings weniger. Wir wollten Dünen, Strände, Leuchttürme und diese typischen kleinen Neuengland-Orte sehen, wegen denen Cape Cod schon auf Fotos so aussieht, als müsse jeden Moment jemand in einem alten Cabrio um die Ecke kommen und für irgendeinen amerikanischen Sommerfilm vorsprechen.
Unser erster Halt war der Scargo Tower. Das 1929 errichtete Bauwerk selbst sieht zunächst nicht so aus, als würde man dafür große Umwege fahren. Ein kleiner steinerner Turm mitten im Grünen, nicht besonders hoch und eher unspektakulär. Doch oben angekommen änderte sich der Eindruck schlagartig. Über die Baumwipfel hinweg reichte der Blick weit hinaus bis zum Ozean, und zum ersten Mal bekamen wir ein Gefühl dafür, wie grün und weit Cape Cod tatsächlich war. Unter uns lagen Wälder und kleine Seen, dahinter schimmerte das Wasser, und über allem lag diese angenehme Ruhe eines Morgens, der noch nicht so recht beschlossen hatte, hektisch zu werden.

Von dort fuhren wir weiter nach Brewster zum Drummer Boy Park. Hier standen die liebevoll restaurierte Higgins Farm Windmill aus dem 18. Jahrhundert, ein historisches Wohnhaus und eine alte Schmiede zusammen auf einer großen Grünfläche. Kein großes Spektakel, keine Menschenmassen, kein Parkplatz voller Reisebusse. Einfach ein paar wunderschöne alte Gebäude, viel Grün und dieser typische Neuengland-Charme, den wir gesucht hatten. Weiße Holzhäuser, dunkle Fensterläden, eine alte Windmühle – Cape Cod gab sich große Mühe, sämtliche Klischees möglichst früh am Tag zu erfüllen.

Danach folgten wir der Route 6A weiter Richtung Norden. Und spätestens hier wurde klar, dass auf Cape Cod nicht unbedingt das Ziel das Entscheidende war. Die alte Straße schlängelte sich durch kleine Orte, vorbei an hübschen Holzhäusern, gepflegten Vorgärten und weißen Kirchtürmen, die immer wieder zwischen den Bäumen auftauchten. Zwischendurch blitzte der Atlantik durch, dann verschwanden wir wieder zwischen Häusern und Wald. Es war eine dieser Strecken, auf denen man automatisch langsamer fährt, obwohl niemand einen dazu zwingt. Einfach weil es viel zu schade wäre, alles möglichst schnell hinter sich zu bringen.
Irgendwann trafen wir auf die neuere Route 6 und fuhren weiter bis fast ganz an die Spitze der Halbinsel. Provincetown ließen wir zunächst links liegen, denn vorher wollten wir zum Race Point Beach. Gegen zehn Uhr morgens erreichten wir den Strand, liefen über den Sand – und standen plötzlich praktisch allein am Atlantik. Da war niemand.
Kein Spaziergänger, kein Handtuch, kein Sonnenschirm, kein Kind mit Eimer, nicht einmal irgendein Mensch, der uns beim Fotografieren durchs Bild laufen konnte. Vor uns lagen nur der breite helle Strand und ein erstaunlich türkisfarbener Atlantik. Für eine ganze Stunde gehörte dieser Strand einfach uns. Wir liefen am Wasser entlang, machten Fotos und genossen diese unglaubliche Ruhe. Nach Boston mit seinen Straßen, Menschen und Autos war das hier ein kompletter Kontrast. Gerade einmal ein paar Stunden Fahrt lagen zwischen Großstadt und diesem menschenleeren Strand, und trotzdem fühlte es sich an, als wären wir inzwischen ganz woanders.

Anschließend fuhren wir zum Province Lands Visitor Center. Von dessen Aussichtsplattform hatte man einen großartigen Blick über die Dünenlandschaft des Cape Cod National Seashore. Sand, niedrige Vegetation, dahinter das Meer – und plötzlich verstand man, wie wenig von Cape Cod eigentlich bebaut ist. Von oben wirkte die Landschaft fast endlos und erstaunlich wild. Nur wenige Kilometer entfernt lag Provincetown, aber hier draußen war davon kaum etwas zu spüren.
Genau dorthin fuhren wir anschließend. Provincetown, oder kurz P’Town, liegt ganz am äußersten Ende von Cape Cod und ist auf drei Seiten von Wasser umgeben. Mit gerade einmal rund 3.400 Einwohnern ist der Ort eigentlich klein, fühlte sich aber sofort deutlich lebendiger an als alles, was wir an diesem Morgen gesehen hatten. Bunte, meist nur ein- oder zweistöckige Holzhäuser reihten sich entlang der Straßen, überall gab es kleine Galerien, Cafés und Restaurants. Provincetown war seit Langem ein Treffpunkt für Künstler und die queere Community, entsprechend offen, bunt und entspannt war die Atmosphäre.
Über allem ragte das Pilgrim Monument auf, das man kaum aus den Augen verlor und das sich hervorragend zur Orientierung eignete. Wir schlenderten die Commercial Street entlang, vorbei an kleinen Geschäften, Restaurants und gut besuchten Terrassen. Obwohl die Hauptsaison langsam zu Ende ging, war hier noch ordentlich etwas los.
Nach dem riesigen Frühstück hatten wir erstaunlicherweise irgendwann wieder Hunger – Reisen ist offenbar körperlich anstrengender, als man denkt – und fanden eine kleine Pizzeria mit sonniger Terrasse und Blick Richtung Hafen. Wir teilten uns eine Pizza, saßen in der Sonne und schauten dem Treiben auf der Straße zu. Viel mehr brauchten wir in diesem Moment nicht.
Gegen 13 Uhr verabschiedeten wir uns von Provincetown und fuhren wieder ein Stück zurück Richtung Süden. Unser nächstes Ziel war das Highland Light in Truro, der älteste und höchste Leuchtturm auf Cape Cod. Weiß, klassisch, daneben das rote Dach des Wärterhauses und im Hintergrund der tiefblaue Himmel – genau so muss ein Leuchtturm an der amerikanischen Ostküste aussehen. Wir legten einen kurzen Fotostopp ein, denn vor uns lag noch eine längere Etappe. Newport in Rhode Island wartete, rund 150 Meilen entfernt.

Ganz ohne Zwischenstopp ging es natürlich trotzdem nicht. In Pocasset lag Cape Cod Harley-Davidson praktischerweise nahezu auf unserer Strecke. Zumindest definierten wir „auf der Strecke“ entsprechend großzügig. Der Laden lag überraschend idyllisch mitten im Wald und sah eher aus wie ein Ausflugsziel als wie ein Motorradhändler. Natürlich mussten wir hinein. Wer bereits in Manchester eine Bestellung über 15 Positionen aufgegeben und am Vortag in Boston zwei T-Shirts gekauft hat, darf schließlich nicht plötzlich nachlässig werden.

Danach wurde tatsächlich gefahren. Kilometer um Kilometer ließen wir Cape Cod hinter uns und machten uns auf den Weg nach Rhode Island. Gegen 17:30 Uhr erreichten wir schließlich unser Hotel in Middletown, nur wenige Autominuten nördlich von Newport. Viel Zeit zum gemütlichen Ankommen blieb allerdings nicht. Einchecken, Gepäck abstellen und sofort wieder los, denn die Sonne interessierte sich herzlich wenig dafür, dass wir gerade 150 Meilen gefahren waren. Wenn wir den Sonnenuntergang am Hafen sehen wollten, mussten wir uns beeilen.
Um 18:30 Uhr standen wir im King Park. Perfektes Timing.
Vor uns lag der Hafen von Newport ruhig im Abendlicht, dahinter spannte sich die Newport Bridge über das Wasser. Die Sonne stand bereits tief und tauchte alles zunächst in warmes Gold. Dann wurde daraus Orange, später Rosa und schließlich ein kräftiges Violett. Die Farben spiegelten sich auf dem fast glatten Wasser, die Boote lagen ruhig im Hafen, und erstaunlicherweise waren wir praktisch allein. Kein Gedränge, keine zwanzig Menschen mit Stativen, die sich gegenseitig den besten Platz streitig machten. Nur wir, der Hafen und das Denkmal von Jean-Baptiste Donatien de Vimeur, das vermutlich schon bessere Gesellschaft gehabt hatte, sich aber nicht beschwerte.

Wir fotografierten natürlich, was die Kameras hergaben. Bei einem solchen Himmel kann man schließlich unmöglich nach drei Bildern sagen: „So, reicht jetzt.“ Vielleicht wird das nächste noch schöner. Oder das danach. Und tatsächlich änderte sich das Licht praktisch minütlich. Gerade glaubte man, jetzt sei der Höhepunkt erreicht, da legte der Himmel noch eine Farbe drauf.
Auf dem Rückweg zum Hotel konnten wir es trotzdem nicht lassen, noch einen kleinen Abstecher über die Ocean Avenue zu machen. Eigentlich wollten wir diese Strecke erst am nächsten Tag ausführlich erkunden, aber nun waren wir schon einmal hier und am südlichen Ende der Straße hatten wir noch einmal freien Blick aufs Meer. Also hielten wir an.
Und dann erwischten wir genau den Moment, in dem die Sonne den Horizont berührte.

Wir standen am Atlantik und sahen zu, wie sie langsam im Meer verschwand. Kein Programm, keine Sehenswürdigkeit, kein Eintritt und niemand, der einem erklärte, was man gerade anschauen sollte. Einfach nur Meer, Abendhimmel und eine Sonne, die sich für diesen Tag mit ziemlich großem Auftritt verabschiedete. Nach den Dünen von Cape Cod, dem einsamen Race Point Beach und dem bunten Provincetown war das ein ziemlich perfekter Abschluss.
Zumindest für den landschaftlichen Teil des Tages. Unser Magen hatte noch einen eigenen Programmpunkt vorgesehen. Nicht weit von unserem Motel entfernt fanden wir die Coddington Brewing Company, und schon beim Betreten wusste ich, dass mir der Laden gefallen würde. Rustikale Einrichtung, warmes Licht, große Kupferkessel im Hintergrund – genau diese amerikanischen Brauereien liebe ich. Sie sehen immer ein bisschen so aus, als hätte jemand beschlossen, eine gemütliche Kneipe direkt in die Brauanlage hineinzubauen.
Stefan blieb erwartungsgemäß bei seiner Cola. Ich entdeckte dagegen auf der Karte ein Pumpkin Spice Beer. Kürbis im Sud, dazu Zimt, Ingwer, Muskat, Nelken und Vanille. Das klang entweder großartig oder nach einem flüssigen Weihnachtsmarkt mit Gemüse. Ich musste es probieren.
Es war großartig. Würzig, ungewöhnlich und genau mein Geschmack. Als die Frage nach einer zweiten Runde kam, sah ich deshalb keinen vernünftigen Grund für Experimente und bestellte einfach noch einmal dasselbe. Man muss nicht jeden Abend neue Risiken eingehen. Davon hatten wir spätestens seit der Stahlsäule in Boston ohnehin genug.
Bei gutem Essen und meinem zweiten Pumpkin Spice Beer ließen wir den Tag ausklingen. Morgens hatten wir zwischen Truthähnen und einer gewaltigen Portion French Toast begonnen, danach waren wir über Cape Cod gefahren, hatten Windmühlen, Dünen und Leuchttürme gesehen, eine Stunde lang einen kompletten Atlantikstrand für uns allein gehabt, Pizza in Provincetown gegessen und waren schließlich 150 Meilen weiter in Newport gelandet.
Und dann hatte uns Rhode Island zum Abschluss auch noch einen Sonnenuntergang hingestellt, bei dem wirklich alles passte. Morgen wollten wir Newport bei Tageslicht erkunden. Nach diesem Empfang sind die Erwartungen hoch.


































