Cathedral Wash, Balanced Rocks & Navajo Bridge
ein Tag zwischen Schwerkraft und Staunen

Nach einem gemütlichen Aufstehen und dem obligatorischen kurzen Spaziergang über die Straße zum großartigen Frühstück in der Lodge sind wir wieder startklar. Kaffee, Rührei, dieses amerikanische „Man-ist-danach-wirklich-satt“-Gefühl – perfekter Auftakt. Draußen wartet bereits die Straße, und die meint es heute besonders gut mit uns.

Statt erneut gen Westen zu rollen, entscheiden wir uns für einen kleinen Zeitsprung: Highway 89A nach Osten. Eine Straße, die sich nicht einfach fahren lässt, sondern erlebt werden will. Schon kurz hinter Fredonia beginnt das vertraute Spiel aus Kurven, Höhenmetern und Landschaften, die sich gefühlt im Minutentakt neu erfinden. Wälder wechseln sich mit offenen Ebenen ab, die Luft wird kühler, der Blick weiter – willkommen auf dem Kaibab Plateau.

Hier oben ist die Welt wieder groß. Weit, ruhig, fast feierlich. Wir lassen den Blick schweifen, genießen die Stille und wissen einmal mehr: Der Weg ist das Ziel – und heute ist er besonders spektakulär.

Dann geht es wieder bergab, zurück ins warme Licht des Südwestens. Und plötzlich stehen sie da: Balanced Rocks, scheinbar achtlos übereinandergestapelt, als hätte jemand mit sehr viel Geduld und null Sicherheitsbedenken gespielt. Direkt daneben das Cliff Dwellers Stone House – ein Ort, der wirkt, als hätte jemand beschlossen, mitten in dieser kargen Landschaft einfach zu bleiben. Ein paar Schritte hinein, ein paar Fotos später ist klar: Das hier ist weniger Attraktion, mehr Zeitkapsel.

Balanced Rocks

Wir setzen unsere Fahrt fort, passieren Marble Canyon und biegen schließlich Richtung Lees Ferry ab – jener unscheinbare, aber historisch bedeutende Ort, der offiziell als Startpunkt des Grand Canyon gilt. Hier endet für viele der Weg über Land und beginnt das Abenteuer auf dem Wasser. Für uns geht es erstmal zu Fuß weiter.

Nach wenigen Meilen erreichen wir den Parkplatz. Vor uns die Wahl: Upper oder Lower Cathedral Wash. Da wir den Colorado River im Blick haben, ist die Entscheidung schnell gefallen – Lower Wash it is. Der Einstieg wirkt harmlos, fast gemütlich. Aber wir wissen es inzwischen besser: Genau diese Wege haben es meist besonders in sich.

Cathedral Wash

Am Anfang gibt sich der Cathedral Wash noch erstaunlich harmlos. Ein breites, trockenes Flussbett, flach, offen, fast schon gemütlich. Genau so hatte Stefan sich das vorgestellt: ein entspannter Spaziergang zum Colorado River, möglichst schattig, möglichst unspektakulär. Man könnte fast meinen, er hätte recht. Fast.

Nach etwa einer halben Meile ändert sich der Charakter jedoch schlagartig. Die Wände rücken näher zusammen, der Boden wird unebener, das Gestein beginnt zu arbeiten. Schichten, Farben, Linien – plötzlich zeigt der Canyon, was er wirklich kann. Aus dem „Spaziergang“ wird ein Weg, der Aufmerksamkeit verlangt. Und Knie.

Cathedral Wash

Wir tauchen tiefer ein, lassen uns treiben, bestaunen die Formen und sind gespannt, was dieser Canyon noch für uns bereithält. Spoiler: Er hält sich nicht zurück.

Denn dann stehen wir plötzlich davor. Ein Dryfall. Rund zehn Meter hoch.

Spaziergang? Aha.

Wir stoppen abrupt, schauen nach links, schauen nach rechts. Links: keine Chance. Rechts: vielleicht. Ein schmales Band, ein paar Tritte, eine Idee – mehr nicht. Ich erkläre mich zur freiwilligen Testperson. Auch aus rein logistischen Gründen: Falls das Ganze in einer Sackgasse endet, ist es hilfreich, wenn wenigstens eine Person noch oben steht.

Cathedral Wash

Also robbe ich unter einem Felsvorsprung hindurch, taste mich über schmale Absätze, klettere vorsichtig nach unten. Überraschung: Es geht. Und noch größere Überraschung: Ich komme auch wieder hoch.

Damit ist klar – wir können weiter. Der Dryfall verliert seinen Schrecken, und unser Abenteuer gewinnt an Selbstvertrauen.

Cathedral Wash

An dieser Stelle sei angemerkt: Was Stefan weiterhin als „walk in the park“ bezeichnet, würde in den USA sehr nüchtern als Rock Scrambling oder Boulder Hopping durchgehen. Kleine sprachliche Unterschiede, große praktische Auswirkungen.

Ab hier wird der Canyon ernster. Tiefer. Dramatischer.

Die Wände wachsen, der Raum verengt sich stellenweise, kleine Narrows entstehen, gefolgt von zwei weiteren Drop-offs, die erneut Kreativität und Trittsicherheit verlangen. Die Farben intensivieren sich, die Strukturen werden filigraner – fast Slot-Canyon-Gefühl, ohne wirklich ein Slot zu sein.

Wir klettern, rutschen, quetschen uns durch Engstellen, gehen auch mal ein Stück zurück, wechseln die Canyon-Seite oder steigen direkt ins Flussbett, wenn es anders nicht weitergeht. Es ist kein geradliniger Weg, eher ein Dialog mit dem Gelände. Der Canyon gibt die Regeln vor, wir reagieren.

Und dann passiert es ganz plötzlich: Der Raum öffnet sich. Die Wände treten zurück. Und noch bevor wir den Fluss sehen, hören wir ihn. Das dumpfe, kraftvolle Rauschen des Colorado River liegt in der Luft. Ziel in Reichweite. Abenteuer geglückt.

Nach etwa einer halben Meile, unzähligen Schritten über riesige, kantige Felsbrocken und mit dem Gefühl, inzwischen offiziell zum „Canyon-Geländeinventar“ zu gehören, stehen wir plötzlich da: am Colorado River.

Cathedral Wash

Der Wash öffnet sich, die Wände treten zurück, und vor uns liegt der mächtige Fluss, ruhig, breit und beeindruckend gelassen. An der Mündung des Cathedral Wash bildet sich eine kleine Stromschnelle, das Wasser gluckert leise über die Steine, als würde der Colorado kurz Hallo sagen. Ein paar Enten treiben entspannt vorbei – völlig unbeeindruckt von unserer Ankunft, als wäre das hier ihr täglicher Spaziergang.

Und sonst? Niemand. Keine Stimmen, keine Schritte, keine Kameraklicks aus der Ferne. Nur wir, der Fluss, die steilen Felswände und diese fast unwirkliche Stille, die sich wie ein schwerer, wohltuender Mantel über den Ort legt. Das Rauschen des Wassers mischt sich mit vereinzelten Vogelrufen, sonst nichts.

Colorado River

Wir bleiben stehen, sagen erstmal gar nichts und lassen diesen Moment einfach wirken. Hier unten, am Ende des Washs, fühlt sich die Welt plötzlich sehr weit weg an. Eine kleine, abgeschiedene Bühne aus Stein, Wasser und Licht – und wir haben das große Glück, sie für einen Augenblick ganz für uns allein zu haben.

Überall liegen gewaltige Felsbrocken verstreut, als hätte hier jemand sehr großzügig mit Steinen dekoriert. Wir wählen uns einen besonders formschönen aus – groß genug, flach genug, eindeutig prädestiniert für eine neue Karriere als Picknicktisch. Die Location ist kaum zu toppen: roter Fels, heller Sand, darüber ein weiter Himmel und direkt daneben der Colorado River, der leise vor sich hinrauscht, als würde er uns beim Essen nicht stören wollen.

Wir breiten unsere Decke aus, lassen uns auf unserem natürlichen Thron nieder und packen die mitgebrachten Vorräte aus. Es ist einer dieser Momente, in denen selbst ein simples Brot verdächtig gut schmeckt – vermutlich, weil Aussicht und Umgebung heimlich mitwürzen. Jeder Bissen kommt mit Panorama, jede Pause mit Stille. Kein Handyempfang, keine Geräusche außer Wasser, Wind und dem leisen Knacken von Sand unter den Schuhen.

Hier unten wirkt die Welt angenehm weit weg. Kein Zeitdruck, kein Plan, nur wir, der Fluss und dieser perfekte Felsen, der seinen Job als Tisch erstaunlich ernst nimmt. Viel schöner kann ein Picknick kaum sein.

Picknick am Colorado River

Der Rückweg den Canyon hinauf hat dann allerdings weniger von „gemütlicher Verdauungsspaziergang“ und mehr von „jetzt wird gearbeitet“. Die Kletterpassagen wollen diesmal bergauf gemeistert werden, und die Sonne steht inzwischen senkrecht über uns – Schatten ist jetzt ein rares Luxusgut. Trotzdem geht es schneller voran als beim Abstieg. Der Weg ist bekannt, das Herumprobieren entfällt, und wir wissen inzwischen ziemlich genau, wo Hände, Füße und ein gewisser Rest an Würde hingehören. Erschöpft, aber zufrieden arbeiten wir uns zurück nach oben – mit dem guten Gefühl, genau dort gewesen zu sein, wo man eigentlich viel länger bleiben möchte.

Oben am Parkplatz angekommen, schütteln wir den Sand aus den Schuhen, sammeln unsere Rucksäcke wieder ein und rollen ein paar Minuten später weiter Richtung Lee’s Ferry. Der Ort selbst ist – nüchtern betrachtet – eher unspektakulär, lebt aber von seiner Bedeutung: Hier beginnt für viele das große Abenteuer Grand Canyon, hier starten die Rafting-Touren auf dem Colorado, hier werden Boote zu Wasser gelassen und Träume flussabwärts geschickt. Man spürt diese besondere Mischung aus Aufbruch, Respekt und Vorfreude, auch wenn gerade niemand paddelnd vorbeikommt.

Kurz bevor wir wieder auf den Highway 89A treffen, legen wir noch einen letzten Stopp ein – bei den Balanced Rocks. Und die machen ihrem Namen alle Ehre. Gewaltige Felsbrocken balancieren auf schmalen Sockeln, als hätte jemand sie mit ruhiger Hand dort abgestellt und dann vergessen, sie wieder abzuholen. Einer steht so kühn auf seinem steinernen Fuß, dass man unwillkürlich einen Schritt zurücktritt, nur um sicherzugehen, dass er nicht genau jetzt beschließt, die Schwerkraft neu zu interpretieren.

Balanced Rocks

Wir laufen zwischen den Felsen hindurch, machen Fotos, wechseln Perspektiven und kommen aus dem Staunen nicht heraus. Diese Formen sind das Ergebnis von Millionen Jahren Wind, Wasser und Geduld – eine Art Naturkunst, die ohne Erklärung auskommt. Kein Schild, kein Zaun, kein Spektakel. Nur Stein, Balance und diese leise Frage im Kopf: Wie zum Teufel hält das eigentlich?

Ein schöner, ruhiger Abschluss für diesen Tag. Einer von denen, bei denen man merkt, dass man gar kein großes Finale braucht – manchmal reicht ein perfekt ausbalancierter Felsen, um zufrieden weiterzufahren.

Zurück auf dem Highway 89A nehmen wir Kurs auf Page. In Kanab herrscht an diesem Tag kulinarische Flaute, also verlagern wir das Thema Abendessen kurzerhand ein paar Meilen nach Süden. Kein Problem – der Weg dorthin liefert schließlich genug Ablenkung.

Kurz darauf tauchen sie vor uns auf: die Navajo Bridges. Stefan bleibt ganz pragmatisch und fährt mit dem Auto über die rechte Brücke, während Bianca und ich uns für die linke entscheiden – die alte Brücke, heute reine Fußgängersache. Einmal ausgestiegen, ist klar: Das hier ist kein kurzer „Wir-gehen-mal-schnell-drüber“-Stopp.

Navajo Bridge

Unter uns zieht der Colorado River in seinem satten Grün durch die tiefe Schlucht, ruhig, majestätisch und völlig unbeeindruckt von unserem Staunen. Die Brücke spannt sich kühn über den Abgrund, das Stahlgerüst wirft grafische Schatten, und mit jedem Schritt eröffnen sich neue Perspektiven in die Tiefe. Wir lehnen uns ans Geländer, schauen nach unten, dann wieder in die Ferne – und wieder nach unten. Sicher ist sicher.

Aus fünf Minuten werden zwanzig. Aus zwanzig werden dreißig. Die Kameras laufen heiß, der Speicher füllt sich, und trotzdem hat man ständig das Gefühl, genau dieses Motiv jetzt noch einmal aufnehmen zu müssen. Die Kombination aus Technik, Schlucht und Fluss ist einfach zu gut, um schnell weiterzufahren.

Die Navajo Bridges sind mehr als nur eine Querung des Colorado – sie sind ein Ort zum Verweilen, Staunen und kurz Vergessen, dass man eigentlich irgendwo anders hinwollte. Schließlich reißen wir uns los, winken Stefan von der anderen Seite zu und setzen unsere Fahrt fort. Page wartet. Und wir haben schon jetzt das Gefühl, dass sich dieser kleine Umweg mehr als gelohnt hat.

Die Reise setzt sich fort Richtung Bitter Springs, wo wir wieder auf die 89 nach Page einschwenken. Kaum liegt das frisch asphaltierte Stück hinter uns, entdecken wir rechts einen unscheinbaren Aussichtspunkt – und machen genau das, was man hier immer tun sollte: spontan anhalten.

Was sich vor uns ausbreitet, ist großes Kino. Der Blick reicht weit hinaus über die karge Weite bis zum Südrand der Vermilion Cliffs, irgendwo darunter schneidet sich der Colorado River als schmale, dunkle Linie durch die Landschaft. Keine Dramatik mit Geländern, keine Infotafeln, kein Gedränge – nur Wind, Weite und dieses Gefühl, viel zu klein zu sein für das, was hier gerade passiert. Wir stehen eine Weile schweigend da, lassen die Farben, die Dimensionen und die Ruhe wirken. Genau für solche Momente fährt man diese Straßen.

Vista Point on Highway 89

Wenig später durchqueren wir den imposanten „Cut“ – jenen tiefen Felseinschnitt, den man dem Gestein für den Highway abgerungen hat. Der Übergang von offener Weite zu enger Schlucht fühlt sich fast filmreif an. Kurz darauf tauchen die ersten Häuser von Page auf.

Page wartet – und wir sind bereit für den nächsten Programmpunkt.

Vista Point on Highway 89

Da wir für unser geplantes Abendessen im State 48 noch gut eine Stunde zu früh dran sind, tun wir das, was man in den USA in genau solchen Momenten immer tut: Walmart. Getränke auffüllen, Vorräte checken, einmal quer durch die endlosen Gänge schieben – fast schon ein kleines Ritual.

Direkt daneben wartet McDonald’s, und damit die perfekte Kombination aus kalter Cola, kostenlosem WLAN und kurzer Verschnaufpause. Wir schicken ein paar Lebenszeichen nach Hause, aktualisieren gedanklich unseren inneren Reisebericht und genießen diesen typisch amerikanischen Zwischenstopp, der irgendwie immer dazugehört – egal, wie spektakulär der Tag vorher war.

McDonalds Page

Punkt 17 Uhr stehen wir dann geschniegelt, geschniegelt ist übertrieben, aber immerhin pünktlich, vor der State 48 Tavern. Ein freundlicher, gut gelaunter Kellner bringt uns an den Tisch, und schon beim Blick auf die Karte ist klar: Heute wird nicht experimentiert. Burger und Chicken Wings sind gesetzt. Eine Entscheidung, die sich als absolut richtig erweist. Saftig, würzig, genau so, wie man es nach einem langen Tag draußen braucht. Dazu gönne ich mir ein kaltes Bier – man muss schließlich Prioritäten setzen.

48 State Tavern

Das State 48 liefert nicht nur gutes Essen, sondern auch genau die richtige Atmosphäre: entspannt, herzlich, ein bisschen laut, ein bisschen lebendig. Wir lehnen uns zurück, lassen den Tag Revue passieren und sind uns einig: Das war einer dieser Abende, an denen einfach alles passt.

Satt, zufrieden und bestens gelaunt verlassen wir das Restaurant – bereit für das nächste Kapitel dieses Roadtrips.

Nach dem köstlichen Essen packt uns noch einmal die Lust auf goldenes Licht statt Hotelbett. Sonnenuntergang am Lake Powell geht schließlich immer – egal, wie voll der Tag schon war. Also fahren wir zum Wahweap Marina Overlook, wo der Hafen ruhig im Abendlicht liegt und ein paar Gleichgesinnte mit Kameras bewaffnet bereits Stellung bezogen haben. Man nickt sich anerkennend zu, diese stille Übereinkunft unter Sonnenuntergangs-Jägern: Ja, wir wissen beide, warum wir hier sind.

Das Licht wird wärmer, die Felsen leuchten, das Wasser spiegelt – Postkartenmodus aktiviert. Nachdem wir uns sattgesehen haben, rollen wir weiter Richtung Kanab. Ganz dunkel ist es noch nicht, und genau das ist gefährlich. Denn kurz vor „eigentlich reicht’s jetzt“ kommt diese eine Idee: Lone Rock. Nur mal kurz. Wirklich nur kurz.

Lone Rock

Ein Fehler. Oder besser: ein sehr schöner Fehler.

Denn was uns dort erwartet, ist Natur in ihrer maximal überambitionierten Instagram-Phase. Der Himmel explodiert in Pink, Lila und Orange, der Fels steht wie bestellt im Wasser, alles ist weich, ruhig, perfekt. So perfekt, dass wir unweigerlich anfangen zu lachen. Wir sind uns einig: Jetzt fehlt eigentlich nur noch ein Einhorn, das durchs Bild trabt – mit Glitzerhufen, versteht sich.

Sonnenuntergang am Lake Powell

Wir bleiben stehen, schauen, fotografieren, sagen zwischendurch nichts und denken alle dasselbe: Genau dafür macht man solche Tage. Mit diesem surreal-schönen Anblick verabschieden wir uns endgültig vom Tag, steigen wieder ins Auto und fahren zurück – ein bisschen müde, sehr zufrieden und mit dem sicheren Gefühl, dass dieser Sonnenuntergang noch lange nachleuchten wird.

Lake Powell

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