
Erlebnisreiche Entdeckungen im Death Valley und in der Ghosttown Rhyolite
Mittlerweile sind wir ein eingespieltes Team. Morgens läuft alles wie am Schnürchen: Ein kurzer, aber effektiver Kampf um das Badezimmer, dann werden die Koffer ins Auto gewuchtet und das Hotelzimmer ein letztes Mal durchgescannt, damit nicht doch noch irgendwo ein Ladegerät oder eine Sonnenbrille liegen bleibt.
8:25 Uhr, und wir sitzen schon am Buffet im Orleans Casino. Perfektes Timing! Während wir uns durch Pancakes, Rührei und knusprigen Bacon schlemmen, lassen wir die letzten Tage Revue passieren. Las Vegas hat uns wieder einmal bestens unterhalten – aber jetzt wird es Zeit für den nächsten Akt unseres Roadtrips.
Um 9:30 Uhr rollen wir bereits Richtung Stadtrand. Doch bevor wir endgültig der Neon-Oase den Rücken kehren, gibt’s noch einen letzten Stopp: Tanken.
Hier in Vegas gibt es wenigstens noch halbwegs akzeptable Benzinpreise, und wer weiß schon, wann wir wieder eine Tankstelle sehen? Die Mojave-Wüste ist nicht gerade für ihre dichte Tankstellendichte bekannt. Also: Volltanken und weiter geht’s!
Langsam verschwindet die Skyline von Las Vegas im Rückspiegel, und stattdessen öffnet sich vor uns eine schier endlose Weite. Sand, Steine, ein paar Büsche, die aussehen, als hätten sie das letzte Wasser vor fünf Jahren gesehen – und eine Straße, die sich schnurgerade in den Horizont zieht.
BILDERGALERIE: Shoshone
Nur zwei Meilen vom Death Valley Nationalpark entfernt liegt das kleine Örtchen Shoshone. Hier machen wir eine kurze Pause, um ein paar Fotos zu schießen, uns die Beine zu vertreten und für den Notfall noch ein letztes Mal eine funktionierende Toilette aufzusuchen – man weiß ja nie, was einen im Death Valley erwartet.
Ein paar alte Holzhäuser, ein Diner mit klassischem “Welcome, Travelers!”-Schild und ein paar verstreute Autos, die aussehen, als hätten sie den ersten Roadtrip der Menschheitsgeschichte mitgemacht. Shoshone ist eine dieser kleinen Siedlungen, die man sich nicht ausdenken könnte – halb Relikt aus der Vergangenheit, halb Wüstendurchgangsstation für verrückte Touristen wie uns.

Der Highway 178 führt uns mitten hinein ins Tal des Todes. Die Straße ist so gerade, dass unser Navi vermutlich ein kurzes Nickerchen einlegt. Links und rechts erstreckt sich eine Landschaft, die aussieht, als hätte jemand die Farbpalette einer anderen Dimension genutzt: Rostrot, Ocker, Beige, tiefes Schwarz.
Hier ist nicht einfach nur heiß. Hier ist “Ich-könnte-ein-Spiegelei-auf-der-Motorhaube-braten”-heiß.
Unser erster offizieller Halt ist Badwater Basin, und dieser Ort hat es in sich:
- 85 Meter unter dem Meeresspiegel.
- Der tiefste Punkt in Nordamerika.
- Einer der heißesten Orte der Erde.
Und das alles sieht aus wie eine endlose weiße Ebene, als wäre man mitten in eine surreale Salzwüste gefallen. Die Geschichte dahinter? Vor mehr als 3.000 Jahren gab es hier einen See – bis er sich dachte: „Ich hau ab!“ Das, was übrig blieb, ist eine riesige Salzpfanne, die aussieht, als könnte sie nicht von dieser Welt sein.
BILDERGALERIE: Deaht Valley: Entlang Highway 178
Die glitzernden Salzkristalle knirschen unter unseren Schuhen, der Wind fegt über die Fläche, und je weiter wir gehen, desto heftiger wird er. Irgendwann wird es ungemütlich. Der Wind peitscht den feinen Sand direkt in unsere Augen, und wir erkennen einstimmig: “Okay, wir haben verstanden. Natur ist krass. Zurück zum Auto!”
Unsere Reise führt uns weiter nach nördlicher Richtung, und nach etwa sieben Meilen stehen wir vor dem nächsten Naturphänomen: „Devil’s Golf Course.“ Der Name allein klingt schon vielversprechend – und sobald wir aussteigen, wissen wir, warum.
Hier gibt es keine sanften Sanddünen oder malerische Canyons. Stattdessen erwartet uns eine unendlich scheinende Fläche aus zerklüftetem, kristallisiertem Steinsalz. Kein Grashalm, keine Spur von Leben – nur scharfkantige, bizarre Formationen, die aussehen, als hätte der Teufel persönlich hier mit der Faust in den Boden geschlagen.
Der Name kommt nicht von ungefähr: „Nur der Teufel könnte auf so einem Platz Golf spielen.“
Allerdings nur, wenn er fliegen kann. Denn einen Schritt auf diese messerscharfen Steine zu setzen, ist etwa so angenehm, als würde man barfuß über eine Lego-Landschaft laufen. Ein faszinierender, schaurig-schöner Ort – und ein weiterer Beweis dafür, dass die Natur manchmal verrückter ist als jeder Filmkulisse in Las Vegas.
Von den blinkenden Casinos und dem überbordenden Luxus von Las Vegas zu einer der kargsten, extremsten und lebensfeindlichsten Landschaften der Erde – in nur wenigen Stunden. Und wir stehen hier, mitten im heißesten, trockensten und tiefsten Tal Nordamerikas, und können nur staunen. Death Valley – ein Ort, der sich nicht in Worte fassen lässt. Man muss ihn erleben. Und genau das tun wir.

Nachdem wir uns überzeugt haben, dass der „Golfplatz des Teufels“ tatsächlich unbespielbar ist (es sei denn, man ist ein geübter Hochseilartist mit Spezialsohlen aus Titan), beschließen wir, uns einer machbareren Herausforderung zu stellen: Wir erklimmen die skurrilen Salzstein-Formationen.
Die Oberfläche ist rau, rissig und scharfkantig. Jeder Schritt fühlt sich an, als würde man durch eine Welt wandern, die von einem verrückten Bildhauer geschaffen wurde – zersplittert, zerfurcht, von der Zeit gezeichnet.
Noah ist wenig beeindruckt. Für ihn ist der Teufels-Golfplatz einfach nur ein unspannender Haufen weißer Brocken, und das Fehlen einer Rolltreppe oder Rutsche lässt ihn wenig Begeisterung zeigen.
Doch während wir noch staunen, was die Natur hier erschaffen hat, wartet schon das nächste Highlight auf uns. Nach nur vier Meilen erreichen wir eine unscheinbare Abzweigung und biegen rechts ab auf den “Artist Drive”. Und sofort ist klar: Diese Straße ist nicht nur eine Abkürzung – sie ist eine Reise in eine andere Dimension. Eine schmale Einbahnstraße, die sich kurvenreich durch die Felslandschaft windet, durch enge Passagen führt und uns plötzlich in eine Welt aus Farben und Formen katapultiert.
BILDERGALERIE: Artist Drive
Hier ist nichts mehr eintönig oder karg. Stattdessen leuchten die Berghänge in Grün, Rosa, Rot, Violett, Gelb und Blau. Warum? Metalle! Die Farben entstehen durch die Oxidation von Mineralien im Gestein.
- Rot, Rosa und Gelb? Eisenoxid.
- Grün? Vermutlich Kupfer.
- Blau und Violett? Mangan.
Die Natur als Künstlerin – und sie hat sich hier mächtig ins Zeug gelegt. Doch bevor wir unser eigentliches Ziel – die Artist’s Palette – erreichen, haben wir erst einmal ein anderes Erlebnis: eine Achterbahnfahrt für Autofahrer.
Die Straße windet sich in engen Serpentinen, schlängelt sich zwischen gewaltigen Felsbrocken hindurch und steigt und fällt in einem Tempo, das selbst Vergnügungspark-Designer beeindrucken würde. Es geht bergauf, dann ein kurzer, rasanter Dip – und plötzlich wieder steil nach oben.
Stefan hat seine Freude daran. Noah? Hat ein Gesichtsausdruck, der sagt: „Okay, das geht klar. Solange es hier irgendwo noch eine Rolltreppe gibt.“ Und ich? Frage mich, wie zur Hölle man hier eine Straße gebaut hat.
Zwischen massiven Felsformationen, durch Engstellen, die wirken, als hätte man sie per Hand gemeißelt – dieser Weg ist eine echte Meisterleistung. Dann erreichen wir den berühmtesten Aussichtspunkt des Artist Drive: die „Artist’s Palette“. Und jetzt verstehen wir, warum sie diesen Namen trägt. Die Felsen sehen aus, als hätte jemand mit einem überdimensionalen Pinsel eine Farbexplosion hinterlassen.
- Türkisgrün schimmert neben Weinrot.
- Ein sattes Ocker konkurriert mit tiefem Violett.
- Puderrosa geht sanft in ein helles Zitronengelb über.
Es ist surreal. Wie ein überdimensionales Aquarell, das mitten in die Wüste gepinselt wurde. Die Natur zeigt hier, was sie kann – und wir stehen einfach nur da und staunen. Man könnte fast meinen, die Berge seien das Werk eines exzentrischen Künstlers, der beschlossen hat, seine Farbpalette einfach direkt in der Landschaft auszukippen. Und während wir dieses geologische Meisterwerk bewundern, stellen wir fest: Death Valley ist kein öder, trockener Fleck Erde. Es ist eine riesige Leinwand – und die Natur hat hier eines ihrer beeindruckendsten Werke geschaffen.

Wir sind wieder unterwegs, der Highway erstreckt sich endlos vor uns, flimmert in der Hitze und führt uns schnurgerade Richtung Furnace Creek Ranch.
Dieser Ort ist für uns so etwas wie eine alte Bekannte. Bei unseren bisherigen Death-Valley-Besuchen war der riesige General Store stets die perfekte Anlaufstelle, um sich mit Snacks einzudecken, Souvenirs zu durchstöbern oder einfach für ein paar Minuten die klimatisierte Luft zu genießen.
Doch heute? Nichts als eine riesige Baustelle. Statt erfrischender Getränke und liebevoll überteuerter Andenken blicken wir auf Staub, Absperrzäune und Bagger. Das ist nicht nur ärgerlich – es bringt uns auch in eine kleine Zwickmühle. Wo zur Hölle bekommen wir jetzt etwas zu essen her?
Da wir wenig Lust haben, unseren Roadtrip mit knurrenden Mägen fortzusetzen, fahren wir zum Visitor Center, wo wir uns eine alternative Essensquelle erhoffen. Zum Glück gibt es Menschen, die auf alle Eventualitäten vorbereitet sind – Parkranger zum Beispiel. Eine freundliche Rangerin begrüßt uns mit einem Lächeln, und kaum erwähnen wir unser Dilemma, zückt sie eine kleine Karte und deutet auf einen Punkt.
Ihr wollt was Gutes zu essen? Fahrt zum Date Grove Diner. Liegt gleich um die Ecke, hat eine gute Auswahl und die Leute dort sind nett.“ Klingt perfekt.



Nur ein paar Minuten später stehen wir vor dem Date Grove Diner, das sich als geräumiges Selbstbedienungsrestaurant entpuppt – keine staubige Wüstenhütte, sondern ein echtes kleines Juwel. Die Auswahl? Beeindruckend! Von frisch zubereiteten Sandwiches über knackige Salate bis hin zu herzhaften Burgern – es gibt genug Optionen, um die nächsten Stunden ohne knurrenden Magen zu überstehen.
Während sich die anderen zielstrebig an die Auswahl machen, stehe ich vor der Tafel wie ein Schüler vor einer Mathematikprüfung. „Turkey Sandwich oder Club Sandwich? Oder doch den Vanilla-Milkshake probieren? Hmmm…“
Schließlich entscheide ich mich für ein Sandwich mit allem Drum und Dran und ein kaltes Getränk. Noah bekommt eine kleine Kinderportion, Stefan nimmt sich eine große Cola – denn er ist der Meinung, dass Cola in der Wüste besonders gut schmeckt. Mit unserem Essen in den Händen suchen wir uns einen gemütlichen Tisch.

Der Innenraum ist riesig, die Tische gut verteilt, und es herrscht eine angenehm ruhige Atmosphäre. Kein hektisches Casino-Gedränge, keine überfüllten Touristen-Hotspots – nur ein paar andere Reisende, die sich ebenfalls eine Pause gönnen. Es fühlt sich tatsächlich an wie eine kleine Oase mitten in der Einöde.
Während wir essen, blicken wir aus dem Fenster. Draußen? Endlose Weite, Sand, riesige Palmen und die schroffen Konturen der umliegenden Berge. Drinnen? Angenehme Kühle, gutes Essen und eine wohlverdiente Pause.
Unsere Bäuche sind voll, die Akkus aufgeladen, und langsam wird es Zeit, weiterzuziehen. Ein Blick auf die Uhr verrät: Es ist bereits 16 Uhr. Noch liegt ein Stück Death Valley vor uns, und die Sonne beginnt, langsam Richtung Horizont zu sinken.

Mit vollen Mägen und neuer Energie setzen wir unsere Fahrt fort. Nach etwa 20 Minuten erreichen wir die Kreuzung zur Daylight Pass Road. Diese Straße wird uns später zu unserem heutigen Ziel führen – Beatty, eine kleine Stadt, die mitten im Nirgendwo liegt, aber eine überraschend spannende Vergangenheit hat. Doch bevor wir uns in unser Hotel verkrümeln, steht noch ein Abstecher an – die berühmten Mesquite Flat Sand Dunes.
Auf dem Weg zu den Sanddünen fällt uns plötzlich eine seltsam geformte Landschaft auf der rechten Seite ins Auge. Ein Schild verrät: „Devil’s Cornfield“. Aha. Der Teufel hat also nicht nur einen Golfplatz, sondern auch noch ein Kornfeld? Der Kerl ist ja wirklich multitaskingfähig.
Auf den ersten Blick sieht das Ganze tatsächlich wie ein ziemlich schräg gewachsenes Getreidefeld aus. Staubige, wild in die Höhe schießende Pflanzenbüschel, die wie zusammengebundene Garben in der kargen, trockenen Erde stecken.
Aber nein – das hier ist kein Weizen, sondern Arrowweed. Eine Pflanze, die sich nur in den trockensten Regionen der Erde wohlfühlt. Der Teufel hat also kein Korn gesät, sondern lediglich einen eigenwilligen Garten gepflanzt. Die ganze Szenerie wirkt wie aus einer anderen Welt – oder wie aus einem düsteren Fantasy-Film. Aber es bleibt keine Zeit für einen botanischen Vortrag, denn die wahren Stars des Tages warten schon auf uns: Die Mesquite Flat Sand Dunes – ein kleines Stück Sahara mitten in Amerika

Bereits aus der Ferne erkennen wir sie: Wellenförmige Sandberge, die sich am Horizont abzeichnen, sanft vom Wind geformt. Die größte unter ihnen, die Star Dune, thront mit ihren 35 Metern Höhe über dem Sandmeer.
Warum bleiben diese Dünen eigentlich genau hier? Warum weht der Sand nicht einfach davon?
Die Antwort ist einfach: Die Tucki Mountains im Süden sorgen für Windschutz und verhindern, dass der Sand einfach verweht. Gleichzeitig sorgt der konstante Wind für eine ständige Umverteilung des Sandes, sodass die Form der Dünen immer wieder neu entsteht – ein endloser Kreislauf aus Naturkräften.
Wir parken unsere Autos, Oli und ich springen begeistert heraus, bereit für ein kleines Wüstenabenteuer. Doch kaum haben wir die ersten Schritte in Richtung Sand gesetzt, ruft Stefan uns zurück. „Ähm… Wir müssen nochmal zum Diner zurück. Eine Tasche fehlt.“
Es gibt Dinge, die kann man vergessen. Eine Wasserflasche zum Beispiel. Oder einen Sonnenhut. Aber eine ganze Tasche? Irgendjemand in unserer Truppe hat sich wohl besonders gut von den köstlichen Sandwiches ablenken lassen. Wir nennen hier mal keinen Namen!
Zum Glück ist der Weg nicht allzu weit. Also drehen wir um, düsen zurück zum Date Grove Diner, und da steht sie – unberührt an unserem Tisch. Wir schnappen sie uns, tun so, als wäre das alles natürlich volle Absicht gewesen, und machen uns wieder auf den Weg. Mit der geretteten Tasche sicher verstaut, setzen wir unsere Reise fort – diesmal nach Norden.

Doch statt weiter auf direktem Weg nach Beatty zu fahren, biegen wir nach Osten ab und nehmen die kurvenreiche Straße hinauf zum Daylight Pass. Und dann passiert etwas Magisches. Von hier oben haben wir eine grandiose Aussicht auf das Death Valley.
Die Sonne steht bereits tief am Himmel und taucht die zerklüfteten Berge in ein intensives, fast unwirkliches oranges Leuchten. Die Schatten werden länger, und die Konturen der Felsformationen erscheinen plötzlich noch dramatischer. Der Himmel wechselt von strahlendem Blau zu warmen Goldtönen und irgendwo am Horizont beginnt die Wüste, sich langsam in die Nacht zu verabschieden.

Es ist dieser Moment, in dem einem wieder bewusst wird: Death Valley ist nicht einfach nur trocken und heiß – es ist atemberaubend schön. Aber wir haben noch eine letzte Station für heute: eine Stadt, die keine mehr ist. Nach etwa 45 Minuten Fahrt erreichen wir Rhyolite.
Wenn man heute durch diese verlassene Stadt fährt, kann man es sich kaum vorstellen, aber: Im Jahr 1904 entdeckte man hier Gold – und dann ging alles sehr schnell.
- Innerhalb von drei Jahren schossen über 50 Minen aus dem Boden.
- Drei Zeitungen berichteten täglich über die neuesten Goldfunde.
- Es gab Schulen, 20 Hotels, eine Oper, ein Krankenhaus und unglaubliche 50 Saloons.
Rhyolite war ein Mekka für Glücksritter, Abenteurer und jeden, der sich hier das schnelle Geld erhoffte. Aber so schnell, wie die Stadt entstand, so schnell begann sie auch zu sterben. Ein Jahr nach dem großen Goldrausch war der Boden bereits nahezu leergegraben.
- 1907 lebten hier noch 10.000 Menschen.
- 1910 waren es nur noch 600.
- 1916 wurde der Strom abgestellt.
- 1919 schloss das letzte Postamt.
Und mit ihm verschwand auch der letzte Bewohner. Was einst eine pulsierende Stadt war, wurde zur Geisterstadt. Heute ist Rhyolite ein Freilichtmuseum – ein Denkmal an eine Zeit, in der der Wilde Westen tatsächlich noch wild war. Viele der Gebäude bestanden aus Holz – und die Zeit hat sie längst verschluckt. Doch einige steinere Überreste haben überlebt: Die alte Bank, deren Mauern noch standhaft im Wüstensand ragen, das Bahnhofgebäude, das einst die Ankunft neuer Glücksritter bedeutete und die Ruinen eines ehemaligen Saloons, wo früher Whiskey floss und Träume entstanden – oder zerbrachen.
Aber Rhyolite hat nicht nur Geschichtsbücher überlebt – sondern auch Hollywood. Im Jahr 2005 diente Rhyolite als Kulisse für den Film „Die Insel“ mit Ewan McGregor und Scarlett Johansson. Die zerfallenen Gebäude, der Sand, der sich langsam über die Überreste der Stadt legt – eine perfekte Szenerie für eine dystopische Welt.
Während wir durch die verlassenen Straßen schlendern, liegt die Sonne bereits tief über den Wüstenausläufern. Es ist still. Keine Geräusche außer dem Wind, der sanft durch die Ruinen pfeift. Und für einen Moment fühlt es sich an, als würde man die Geister der Vergangenheit noch leise durch die leeren Straßen huschen sehen. Ein Ort voller Geschichten, voller Träume – und voller Vergänglichkeit.

Ganz in der Nähe der verlassenen Straßen von Rhyolite, direkt beim kleinen Visitor Center, erwartet uns eine weitere skurrile Überraschung: das Goldwell Open Air Museum. Ein Museum? Mitten in der Wüste?
Ja, genau. Hier gibt es keine langweiligen Schautafeln oder verstaubten Exponate – sondern Kunstwerke, die so verrückt und faszinierend sind, dass sie perfekt in diese surreale Umgebung passen. Und mitten drin: Geister.
Ein Name taucht hier immer wieder auf: Albert Szukalski, ein belgischer Künstler, der offenbar eine besondere Vorliebe für Gespenster hatte. Sein bekanntestes Werk, „The Last Supper“, entstand 1984 als eine düstere, fast gespenstische Interpretation von Leonardo da Vincis „Letztem Abendmahl“.
Lebensgroße, in weiße Tücher gehüllte Geisterfiguren sitzen in der Wüste, als würden sie auf etwas warten – oder vielleicht auf jemanden. Jesus und die Jünger in einer postapokalyptischen Version?
Es ist ein seltsamer, fast unheimlicher Anblick. Doch Szukalski hatte noch mehr zu bieten. Ein weiteres seiner Werke ist der „Ghost Rider“ – ein Geist, der scheinbar mühelos auf einem Fahrrad durch die Wüste gleitet. Ob er wohl für die Ewigkeit unterwegs ist?
BILDERGALERIE: Rhyolite Ghosttown
Nach Szukalski folgten zahlreiche andere Künstler, die hier ihre eigenen Werke aufstellten. Das Resultat?
Ein Open-Air-Museum, das sich irgendwo zwischen Kunstinstallation, surrealem Spielplatz und intergalaktischer Skulpturensammlung bewegt.
- Ein gigantischer, roter Stuhl, der wie ein verloren gegangenes Möbelstück eines Riesen wirkt.
- Eine 7 Meter hohe pinkfarbene Frau aus Würfeln, die wie eine Minecraft-Skulptur aus den 80ern aussieht.
- Und eine Reihe von merkwürdigen, halb zerfallenen Skulpturen, die irgendwie an moderne Höhlenmalereien erinnern.
Die Frage „Ist das Kunst oder kann das weg?“ stellt sich hier mit jedem Schritt. Aber genau das macht den Charme dieses Ortes aus. Und dann entdecken wir noch eine weitere skurrile Tradition: Den Shoe-Tree. In den USA gibt es über 70 offiziell registrierte „Schuhbäume“, und wahrscheinlich noch unzählige mehr.
Doch was genau hat es damit auf sich? Ganz einfach: Irgendjemand wirft ein altes Paar Schuhe in einen Baum – und dann passiert Magie. Ein Schuhpaar nach dem anderen landet in den Ästen. Plötzlich hängen hunderte Schuhe an einem einzigen Baum. Und es entsteht ein neues, lebendiges Kunstwerk.
Es gibt viele Geschichten über den Ursprung dieser Tradition: Manche sagen, dass es Glück bringt, alte Schuhe loszuwerden und damit symbolisch Sorgen hinter sich zu lassen. Andere behaupten, es sei ein Ritual für Reisende – eine Erinnerung an Orte, die sie besucht haben.
Wie auch immer es begonnen hat – heute sind Shoe-Trees ein fester Bestandteil amerikanischer Roadtrip-Kultur. Und unser persönlicher Beitrag? Noahs erstes Paar Schuhe!
Er ist mittlerweile aus ihnen herausgewachsen, und anstatt sie einfach in den Müll zu werfen, bekommt dieses kleine Paar eine neue Heimat – hoch oben in den Ästen dieses seltsamen Baumes. Es ist eine symbolische Geste – ein kleines Kapitel schließt sich, ein neues beginnt. Und während Noah in seinen neuen Schuhen bereits fröhlich weiter durch den Wüstensand stapft, baumeln die alten Sneakers jetzt im Wind – als Teil einer verrückten, wundervollen Tradition.
Ein perfekter Abschluss für diesen skurrilen, faszinierenden Ort. Zeit, weiterzuziehen – zurück in die Realität… oder was davon noch übrig ist.

Die Fahrt nach Beatty verläuft wie im Flug. Kein Wunder – nach all den endlosen Straßen durch das Death Valley wirken 15 Minuten wie ein Katzensprung. Und dann sind wir da: Beatty, Nevada – das kleine Städtchen, das sich stolz als „Tor zum Death Valley“ bezeichnet.
Hier gibt es nicht viel – ein paar Tankstellen, ein paar Motels, eine Handvoll Restaurants und genau die richtige Portion Kleinstadtcharme, die einem nach der endlosen Weite der Wüste plötzlich sehr heimelig vorkommt. Unser Ziel: das Atomic Inn.
Vor zwei Jahren haben wir schon einmal hier übernachtet, und es war… sagen wir mal, zweckmäßig. Beatty ist kein Ort für Luxushotels, aber das Atomic Inn hat Charakter. Der Name klingt wie ein Relikt aus der 50er-Jahre-Science-Fiction-Welt. Das Gebäude selbst sieht aus, als hätte es schon so manche staubige Wüstenstürme überstanden. Aber die Zimmer sind sauber, und das ist am Ende das Einzige, was wirklich zählt.
Ich betrete das kleine Büro, um einzuchecken. Hinter der Rezeption steht ein junger Mann mit freundlichem Lächeln. Und weil ein Motelzimmer ohne ein bisschen Smalltalk nur halb so viel Spaß macht, frage ich ihn direkt nach einem meiner Lieblingsorte in Beatty: „Hat der Sourdough Saloon wieder geöffnet?“
Seine Antwort ist ein bedauerndes Kopfschütteln. „Leider nicht.“ Schade.
Der Sourdough Saloon war immer ein großartiger Ort für ein kühles Bier am Abend – rustikal, gemütlich und mit genau der richtigen Dosis Western-Atmosphäre. Aber es gibt Hoffnung: Der junge Mann erzählt mir, dass sich inzwischen ein neuer Besitzer gefunden hat. Vielleicht wird es bei unserem nächsten Besuch wieder die besten Burger und das kälteste Bier der Stadt geben. Aber für heute bleibt er geschlossen – also auf zum nächsten Abenteuer: Essen.
Nach einem kurzen Abstecher in unsere nebeneinanderliegenden Zimmer – die wir übrigens sehr zu schätzen wissen – machen wir uns auf den Weg zum Abendessen.



Zum Glück ist KC’s Outpost nur ein paar Schritte entfernt. Ein echter Geheimtipp für alle, die in Beatty eine ordentliche Mahlzeit suchen. Die Entscheidung fällt uns heute leicht: Das Dinner Special – und was für eins!
- Gebackene Teriyaki-Hähnchenbrust – perfekt mariniert, saftig und mit genau der richtigen Balance aus Süße und Würze.
- Ofenkartoffel – riesig, dampfend und mit einem ordentlichen Klecks Butter.
- Gemüse – weil wir ja auch ein bisschen gesund tun wollen.
- Suppe oder Salat – wir nehmen beides, weil wir es können.
- Klebriger süßer Kuchen als Nachtisch – weil in den USA alles mit einem Dessert endet.
Und wie erwartet sind die Portionen gigantisch. Nach einer Stunde sitzen wir da, zufrieden, satt und ein kleines bisschen bewegungsunfähig. Der Rückweg zum Motel ist kurz, aber mit vollem Magen fühlt er sich an wie eine kleine Wanderung.
Zurück im Atomic Inn gibt es nur noch eine einzige Mission für den Rest des Abends: Ein bisschen entspannen, ein paar Bilder des Tages sortieren – und dann ab ins Bett. Denn morgen wartet der nächste Tag auf uns!


