Texas Abenteuer: River Walk, Historic Market Square, BBQ, Fledermäuse und Musik

Unsere Koffer sind fast startklar, doch noch ist die Reise nicht vorbei – und wenn wir eines gelernt haben, dann, dass sich spontane Planänderungen oft als die besten Entscheidungen entpuppen. Statt ans Meer zu fahren, wo das Wetter ohnehin nur trübe Aussichten versprach, entschieden wir uns für San Antonio. Noch einmal das volle Programm, bevor es nach Hause geht. Schließlich hatte uns die Stadt schon beim ersten Besuch begeistert – warum also nicht ein zweites Mal eintauchen?

Das Frühstück im Hotel war ein wahres Fest. Kaffee, der tatsächlich nach Kaffee schmeckte, knuspriger Bacon, frische Früchte – alles da, um gestärkt in den Tag zu starten. Ein Hoch auf Hotels, die wissen, dass ein guter Morgen mit dem richtigen Essen beginnt!

Nach einer kurzen Fahrt von knapp einer Stunde standen wir auch schon wieder mitten im Geschehen und hatten das große Glück, erneut eine günstige Parkmöglichkeit direkt am Riverwalk zu ergattern. Ein kleines Wunder, wenn man bedenkt, dass hier normalerweise jeder Zentimeter hart umkämpft ist.

San Antonio hatte uns schon beim ersten Besuch mit seiner besonderen Mischung aus historischem Charme und moderner Lebendigkeit gepackt, und heute wollten wir einfach noch ein paar letzte Stunden in dieser einzigartigen Atmosphäre verbringen.

River Walk

Ein weiteres Mal gönnen wir uns das tropische Flair und die morgendliche Ruhe bei einem entspannten Spaziergang entlang des San Antonio Riverwalks. Die Palmen wiegen sich sanft im warmen Wind, das Wasser glitzert in der Sonne, und außer ein paar frühen Spaziergängern, die ihre Kaffee-To-Go-Becher umklammern, haben wir den Weg fast für uns allein. Es ist dieser Moment kurz vor dem großen Trubel, wenn die Stadt noch schläfrig wirkt und man sich einbilden kann, sie gehöre einem ganz allein.

Unweit des Buckhorn Saloons entscheiden wir uns, wieder auf Straßenebene zu gehen und einen Blick hineinzuwerfen – weil es einfach nicht geht, an einem Saloon mit ausgestopften Stierköpfen und einer skurrilen Geschichte vorbeizulaufen, ohne neugierig zu werden. Albert Friedrich gründete diesen urigen Laden mitten in San Antonio im Jahr 1881 und hatte offenbar eine Schwäche für große Hörner. Denn anstatt von seinen Gästen nur schnödes Bargeld zu verlangen, akzeptierte er auch Geweihe und ausgestopfte Tierköpfe als Zahlungsmittel. Und weil die Texaner anscheinend ein Herz für ungewöhnliche Zahlungsmethoden hatten, verwandelte sich der Saloon über die Jahre in eine Mischung aus Bar, Museum und wilder Jagdtrophäensammlung. Ein Ort, an dem man seinen Drink unter den wachsam glotzenden Augen von dutzenden stummen Stieren genießen kann.

Nebenan befindet sich das Texas Ranger Museum, das ebenso viel Wildwest-Charme versprüht, und ein riesiger Souvenir-Shop, in dem man sich mit allem eindecken kann, was das Klischee-Herz begehrt – Cowboyhüte, Sheriff-Sterne, Lederstiefel. Die Versuchung ist groß, aber wir lassen die Finger davon. Noch.

Von hier aus setzen wir unseren Weg Richtung “Mexiko” fort – zumindest fühlt es sich so an, als wir am Historic Market Square ankommen. Heute ist Dienstag, und im Gegensatz zum vergangenen Sonntag, als sich die Straßen noch in ein buntes, lebendiges Chaos verwandelten, ist die Atmosphäre heute deutlich ruhiger. Perfekt, um alles noch einmal in Ruhe zu betrachten, auf sich wirken zu lassen und vielleicht endlich all die Dinge zu kaufen, die wir letztes Mal noch überlegt hatten.

Die bunten Stände und kleinen Geschäfte sind eine Augenweide: handgefertigter Schmuck, kunstvoll bemalte Keramik, handgewebte Textilien – ein Fest für die Sinne. Es duftet nach gegrillten Maiskolben, nach frischen Tacos, nach warmen Gewürzen, die man einfach mitnehmen will. Tatsächlich fühlt es sich an, als hätten wir einen kleinen Ausflug nach Mexiko gemacht, ohne die Stadt zu verlassen. Die Händler sind herzlich, erzählen Geschichten über ihre Waren und freuen sich, wenn man sich für ihre Kultur interessiert.

Wir beschließen, noch einmal zum Riverwalk zurückzukehren – weil es einfach nicht geht, sich von diesem labyrinthartigen Netz aus Kanälen, Brücken und Uferwegen nur ein einziges Mal verzaubern zu lassen. Also schlendern wir zurück über die Main Plaza, werfen einen letzten, ehrfürchtigen Blick auf die San Fernando Cathedral, deren imposante Fassade in der Nachmittagssonne leuchtet, und tauchen dann wieder hinab in diese magische Welt am Wasser.

Wir lassen uns treiben, genießen die Atmosphäre und entdecken immer wieder neue Details, die uns vorher entgangen sind: kunstvolle Bronzeskulpturen, kleine, versteckte Cafés mit Blick auf das Wasser, historische Brücken, die Geschichten aus einer anderen Zeit erzählen.

Nach einem ausgedehnten Rundgang durch den gesamten Riverwalk-Loop führt uns der Weg schließlich zurück zu unserem Auto.

Zwei Stunden sind inzwischen vergangen. Die Uhr zeigt 12:30 Uhr – höchste Zeit für eine Mittagspause! Aber nicht irgendeine. Nein, heute betreten wir heiligen BBQ-Boden. Unsere Route von San Antonio nach Austin führt uns mitten durch den legendären Barbecue Trail, eine Strecke, die sich liest wie eine Pilgerfahrt für Fleischliebhaber: San Antonio – Luling – Lockhart – Driftwood – Elgin – Taylor – Austin.

Main Plaza

Texas hat insgesamt vier verschiedene BBQ-Regionen, jede mit ihrem eigenen Stil, ihrer eigenen Philosophie und ihrer eigenen Fangemeinde, die mit einer fast religiösen Inbrunst darüber streiten könnte, wo es denn nun das beste Fleisch gibt. Unser Ziel heute ist Central Texas, auch bekannt als “Meat Market Style”. Dieser Stil geht zurück auf die deutschen Einwanderer des 19. Jahrhunderts, die ihr Wissen über das Räuchern von Fleisch in die texanische Prärie brachten. Damals hatte BBQ noch einen ganz praktischen Nutzen: Fleisch wurde durch das Räuchern haltbar gemacht, mit nichts weiter als Salz und Pfeffer gewürzt und nach Gewicht verkauft – direkt aus dem Rauchfang auf das Papier. Besteck? Überbewertet. Teller? Luxus. Hier wird mit den Händen gegessen.

Natürlich können wir nicht in jedem dieser legendären Orte haltmachen – so hungrig sind nicht mal wir. Aber wir haben uns zwei ganz besondere Ziele ausgesucht. Nach etwa einer Stunde Fahrt erreichen wir Lockhart, das sich mit breiter Brust selbst als “Barbecue-Hauptstadt der Welt” bezeichnet. Und wenn man erst einmal in dieser Stadt ist, gibt es einen Namen, an dem man nicht vorbeikommt: Kreuz Market – ausgesprochen “Kreiz”.

Seit 1900 wird hier Fleisch in Perfektion gegrillt, geräuchert und serviert. Als wir die Tür zur rustikalen Holzscheune öffnen, schlägt uns eine Welle aus Hitze und würzigem Rauch entgegen. Der Duft von brennendem Holz, saftigem Fleisch und jahrhundertealter BBQ-Tradition liegt in der Luft – ein Aroma, das wahrscheinlich als Eau de Texas verkauft werden könnte.

Rechts von uns prangt ein Schild über einem Nebeneingang: “Vegetarier hier herein, normale Leute weiter geradeaus.” Texas-Humor. Wir folgen natürlich der Anweisung und treten ein in eine jahrhundertealte Ziegelhalle, in deren Mitte die riesigen schwarzen Räucheröfen – die Pits – stehen. Männer mit rußverschmierten Schürzen und Messern, die aussehen, als könnten sie einen Bison mit bloßen Händen zerlegen, hantieren mit meterdicken Brisket-Stücken, riesigen Würsten und perfekt gegrillten Rippchen.

Kreuz Market BBQ

Mit unseren Plastiktabletts in den Händen schreiten wir durch die nächste Tür und betreten eine neue Dimension des BBQ-Genusses. Vor uns erstreckt sich eine gewaltige Theke, hinter der Beilagen und Getränke in Hülle und Fülle angeboten werden – von cremigem Kartoffelsalat bis hin zu dicken Scheiben Weißbrot, das hier nicht viel mehr als eine nette Beilage ist. Doch wer an dieser Theke nach Grillsaucen oder gar Ketchup sucht, wird enttäuscht. Im Kreuz Market sind solche “Verunstaltungen” des Fleisches verpönt – und das völlig zu Recht.

Hier gilt die goldene Regel: Wenn dein Fleisch nach Sauce verlangt, hast du das falsche Fleisch bestellt. Also entscheiden wir uns gegen Beilagen – alles nur Ablenkung – aber eine eiskalte Cola muss sein. Eine kleine Erfrischung kann ja nicht schaden, wenn man sich auf eine kulinarische Expedition in die texanische Fleischwelt begibt.

Nun geht es in die heilige Halle des BBQ: Wir treten durch den nächsten Durchgang und stehen in einer jahrhundertealten Ziegelhalle, mitten in der legendären Räucherstation. Vor uns erheben sich die riesigen schwarzen Pits, aus denen Rauchschwaden aufsteigen, während Männer mit rußverschmierten Schürzen und Messern, die locker einen Ochsen zerlegen könnten, ihre Arbeit verrichten. Hier ist Fleisch der unangefochtene Star. Keine fancy Marinaden, keine Soßenorgien, kein unnötiges Chichi. Nur Rauch, Salz, Pfeffer und bestes Fleisch.

Wir bestellen eine großzügige Mischung aus Brisket, Original Sausage und Pork Spare RibsServiert wird unser Mahl direkt auf Metzgerpapier, nach Gewicht abgerechnet – so, wie es hier seit über 100 Jahren Tradition ist. Kein Teller, keine Gabel, kein Firlefanz – genau wie es sich gehört.

Mit unserer auf Metzgerpapier gewickelten Beute setzen wir uns an eine der rustikalen Holzbänke. Einen Moment lang bewundern wir die Kunstwerke vor uns – dann folgt der erste Bissen. Und was für einer.

Die Würste sind perfekt geräuchert, haben genau die richtige Mischung aus Saftigkeit und Röstaromen, das Brisket zerfällt in butterzarte Fasern, und die Spare Ribs? Die verabschieden sich praktisch von selbst vom Knochen, als hätten sie beschlossen, uns die Arbeit abzunehmen – was perfekt ist, denn unser einziges “Besteck” besteht aus Plastikgabeln, die in diesem Umfeld fast wie ein höfliches Zugeständnis an die moderne Welt wirken.

Wir breiten unser Metzgerpapier wie eine heilige BBQ-Schriftrolle aus und tauchen ein in diese fleischgewordene PerfektionJeder Bissen ist eine Offenbarung. Kein Teller, keine Sauce, keine Ablenkung – nur pures, unverfälschtes Texas-BBQ. Und mit jedem weiteren Happen verstehen wir ein bisschen besser, warum sich Lockhart mit vollem Selbstbewusstsein “Barbecue-Hauptstadt der Welt” nennt.

Lockhart

Nach diesem kulinarischen Hochgenuss – der ehrlich gesagt eher einer religiösen Erfahrung als einem gewöhnlichen Mittagessen glich – rollen wir mit vollen Bäuchen und glücklichen Gesichtern langsam aus dem Parkplatz. Lockhart hat uns nicht nur mit seinem BBQ beeindruckt, sondern auch mit seinem charmanten kleinen Stadtzentrum, das von einem imposanten, viktorianischen Courthouse dominiert wird. Ein kurzer Abstecher dorthin muss einfach sein.

Das Caldwell County Courthouse thront inmitten des Stadtplatzes wie eine alte Dame, die genau weiß, dass sie schon seit 1894 alle Blicke auf sich zieht. Rotbrauner Sandstein, ein eleganter Glockenturm und diese typische texanische Architektur, die einen sofort in einen Western versetzt – man kann sich gut vorstellen, wie hier vor 100 Jahren noch Cowboys auf ihren Pferden durch die Straßen ritten, während sich drinnen hitzige Gerichtsverhandlungen abspielten.

Nach diesem kurzen, aber lohnenswerten Zwischenstopp setzen wir unsere Reise fort, nächstes Ziel: Driftwood. Doch Texas wäre nicht Texas, wenn die Straßenplanung einfach wäre. Eine Straßensperre zwingt uns zu einem kleinen Umweg, aber statt uns zu ärgern, lehnen wir uns zurück und genießen, was folgt: Eine Fahrt durch winzige, malerische Ortschaften, die so sehr nach “kleinstädtischem Texas” aussehen, dass man fast erwartet, gleich an einem Filmset zu landen.

Hier gibt es keine großen Supermärkte, sondern kleine Tante-Emma-Läden mit ausgeblichenen Holzschildern, keine modernen Tankstellen, sondern alte Zapfsäulen mit rostigen Schildern, auf denen „Cold Beer & BBQ“ stehtVerlassene Scheunen, weite Felder, langgezogene Straßen, auf denen man Meilenweit keinem Auto begegnet – Texas von seiner romantischsten Seite.

Caldwell County Courthouse

Unsere Reise führte uns weiter zur nächsten kulinarischen Station – als hätte unser Tag nicht schon genug fleischgewordene Highlights geboten. Doch BBQ-Fans wissen: Es gibt immer Platz für mehr. Gegen 16:15 Uhrerreichten wir das legendäre Salt Lick BBQ in Driftwood – ein Ort, der in Texas fast schon heiligen Status genießt.

An diesem Tag war es etwas frisch, und so spielte die Zwei-Mann-Countryband im weitläufigen Biergarten tapfer für genau ein einziges Pärchen. Die armen Jungs. Ein Konzert mit Privatpublikum – oder die melancholischste Country-Ballade, die je live gespielt wurde.

Das Salt Lick BBQ ist nicht einfach nur ein Restaurant – es ist eine Institution, ein Tempel des Slow-Smoked-Fleisches, in dem die Köche mit einer Geduld arbeiten, die man sonst nur von buddhistischen Mönchen kennt. Hier wird das Fleisch über unglaubliche 24 Stunden hinweg über einer offenen Flamme gegart, bis es den perfekten Punkt zwischen rauchiger Kruste und butterzarter Perfektion erreicht.

Schon beim Betreten wurden wir direkt in die Souvenir-Ecke gelotst – ein geschickter Schachzug, denn wer nach dieser Erfahrung kein Andenken mitnehmen will, hat wahrscheinlich keine Seele. T-Shirts, Grillsaucen, handgefertigte Holzbretter mit dem Logo des Restaurants – alles da, um diesen Besuch unvergesslich zu machen. Doch so sehr uns die Merchandise-Wand lockte, unsere Aufmerksamkeit wurde augenblicklich von etwas viel Mächtigerem in den Bann gezogen: Dem BBQ Pit.

Eine riesige, offene Feuerstelle, um die sich das gesamte Restaurant dreht. Hier brutzelt, glüht und raucht es aus jeder Ecke, während die Fleischstücke langsam in Perfektion gegart werden. Der Duft? Eine Mischung aus geräuchertem Fleisch, Holzkohle und Gewürzen, die direkt ins limbische System knallt und sofortigen Appetit auslöst. Es war, als hätte jemand einen Schalter umgelegt – auf “Ich muss JETZT essen.”

Nachdem man uns zu unserem Tisch geführt hatte, stand die Entscheidung eigentlich schon fest: Eine Combo-Platte mit Beef Brisket und Pork Ribs.

Salt Lick BBQ

Und dann kam das Essen. Das Brisket war butterzart, perfekt gewürzt und zerfiel buchstäblich auf der Zunge. Jeder Bissen war ein kleines Kunstwerk aus rauchiger Kruste und saftigem Kern, mit genau der richtigen Menge Fett, um das Ganze zum Schmelzen zu bringen. Die Rippchen? Ein Traum. Saftig, rauchig, würzig – das Fleisch löste sich praktisch von selbst vom Knochen.

Doch damit nicht genug. Hier gibt’s nicht nur Fleisch, sondern auch Beilagen, die ernst genommen werden. Baked Beans mit einer rauchigen Süße, ein herrlich cremiger Kartoffelsalat und ein knackiger Cole Slaw, der als erfrischender Gegenpart zum rauchigen Fleisch diente. Ein perfektes Zusammenspiel aus herzhaft, süß und frisch – als hätte jemand einen BBQ-Gott gebeten, das perfekte Menü zu komponieren.

Während wir uns genüsslich durch unser Festmahl arbeiteten, wurde uns eines klar: Texas hat definitiv seinen Reiz.Überall BBQ, überall gutes Craft-Bier – das gefällt mir ungemein. Und während draußen die Zwei-Mann-Band weiter tapfer spielte, saßen wir drinnen, schwelgten im BBQ-Himmel und wussten: Dieser Tag war ein voller Erfolg.

Voller Bauch, glückliches Herz, Zeit für Austin. Nach einem Tag voller BBQ-Träume war es an der Zeit, sich wieder in Richtung Hauptstadt von Texas aufzumachen. Doch an Ruhe war hier nicht zu denken – ganz im Gegenteil.

Wir hatten das große Glück, einen Parkplatz in der Nähe der Congress Bridge zu ergattern – ein kleines Wunder, wenn man bedenkt, dass die Stadt aus allen Nähten platzt. Kein Wunder, denn das legendäre South by Southwest Festival ist in vollem Gange. Austin ist ohnehin keine Stadt, die schläft – aber während SXSW? Da explodiert die Energie.

Schon beim Aussteigen spüren wir die Vibrationen der Stadt. Musik schallt aus jeder Ecke, Straßenkünstler und Performer mischen sich unter feiernde Festivalbesucher, und die 6th Street – Austins berühmte Partymeile – ist ein einziges Kaleidoskop aus Lichtern, Klängen und ausgelassener Stimmung. An jeder Kreuzung spielt eine Band, und jede klingt besser als die letzte. Rock, Blues, Jazz, Country – die ganze musikalische DNA von Austin entfaltet sich hier wie ein Feuerwerk.

Mit jedem Schritt wird klar: Die Festivalsaison in Austin ist eine eigene Liga. Man könnte Stunden damit verbringen, einfach nur die Atmosphäre aufzusaugen – oder skurrile Begegnungen zu haben.

Zum Beispiel an einer Kreuzung, wo plötzlich ein winziger, umgebauter Party-Smart vor uns auftaucht. Aber nicht irgendein Smart – nein, dieses Ding wurde in eine fahrende Mini-Disco verwandelt.

Eine Hebebühne mit DJ-Pult ragt aus dem Dach, eine Nebelmaschine dampft hinter dem Kühlergrill hervor, und Scheinwerfer blitzen in alle Richtungen, während aus den viel zu großen Lautsprechern ein dröhnender Beat wummert. Ein fahrendes Lichtspektakel in Taschenformat.

Der Sound? Großartig. Die Idee? Wahnsinnig gut. Die Straßenzulassung? Äußerst fragwürdig. Aber genau das macht Austin aus – eine Stadt, die immer ein bisschen verrückt ist, in der Kreativität keine Grenzen kennt und in der aus einem simplen Auto plötzlich eine mobile Festivalbühne wird.

Bats On South Congress Bridge

Gegen 19 Uhr machen wir uns auf den Weg zur Congress Avenue Bridge – nicht, weil wir noch eine weitere Sehenswürdigkeit abhaken wollen, sondern weil uns hier ein Naturschauspiel der besonderen Art erwartet. Denn von Frühjahr bis Herbst lebt unter dieser Brücke die größte städtische Fledermaus-Kolonie der Welt.

Die Bewohner? Mexikanische Bulldoggfledermäuse. Diese kleinen Überflieger sind wahre Rekordhalter: Jeden Frühling kommen sie in nur einem einzigen Tag aus Mexiko nach Austin geflogen – ein One-Way-Trip von Hunderten von Kilometern. Im Internet gibt es sogar eine detaillierte Statistik über die “Austin Bats”, und laut dieser sind sie erst vor zwei Tagen hier angekommen. Timing? Perfekt.

Wir suchen uns erst einen Platz auf der Westseite der Brücke, entscheiden uns dann aber um und wechseln auf die Ostseite, zu einem kleinen Park am Flussufer. Hier hat man nicht nur einen besseren Blick, sondern auch weniger Konkurrenz um die besten Plätze. Nun heißt es warten.

19:20 Uhr. Nichts.

19:25 Uhr. Immer noch nichts.

Bats On South Congress Bridge

Langsam sammeln sich Menschen auf der Brücke und an den Ufern, und sogar einige Boote haben unter der Brücke angelegt, um die perfekte Sicht zu haben. Aber die Fledermäuse? Lassen sich Zeit.

Dann, um genau 19:30 Uhr, das erste Anzeichen. Eine Bewegung unter der Brücke. Sind das Fledermäuse? Oder einfach nur Vögel? Es sind Fledermäuse!

Zunächst wagen sich nur ein paar einzelne Exemplare hervor, kreisen nervös, als würden sie erst einmal prüfen, ob die Luft rein ist. Und dann, plötzlich, wie auf ein geheimes Signal hin, strömt eine riesige schwarze Wolke aus der Brücke hervorHunderte, Tausende von Fledermäusen, die in engen Formationen über den Himmel jagen.

Sie folgen einer unsichtbaren Route, formieren sich immer wieder neu, fliegen in mehreren spektakulären Schwärmen gen WestenEs ist, als würde sich der Himmel selbst bewegen. Ein Schauspiel, das so unerwartet beeindruckend ist, dass man vergisst zu blinzeln.

Austin Skyline

Am nächsten Morgen kann ich es nicht lassen – ich tauche noch einmal in die Statistik der Austin Bats ein und finde einige faszinierende Details, die unser Erlebnis noch beeindruckender machen. Um genau 19:30 Uhr, exakt sieben Minuten vor Sonnenuntergang, begann der nächtliche Aufbruch. Und diese kleinen Flattermänner? Sie legten in dieser ersten Phase ihres nächtlichen Jagdflugs stolze sechs Meilen nach Westen zurück.

Aber das ist noch nicht das Erstaunlichste. Die Anzahl der Fledermäuse, die gestern aus der Congress Avenue Bridge starteten, betrug exakt 92.000. Zweiundneunzigtausend! Eine unvorstellbare Menge – und das war noch nicht einmal die Hochsaison. Denn im Sommer, wenn die Weibchen ihre Babys zur Welt gebracht haben, steigt diese Zahl auf unglaubliche zwei Millionen FledermäuseZwei Millionen. In einer einzigen Stadt. Die Natur ist einfach unfassbar.

Austin Skyline

Nach diesem letzten beeindruckenden Einblick in das wilde, ungezähmte Austin, kehren wir zurück zu unserem Auto und verabschieden uns: “Bye bye, Austin!” Eine Stadt, die uns mit BBQ, Musik, Festivals und einer Fledermaus-Show der Extraklasse begeistert hat.

In weniger als einer Stunde erreichen wir unser Hotel in San Marcos. Morgen steht die letzte Etappe unseres aufregenden Roadtrips an – aber heute lassen wir erst einmal alles sacken. Ein Tag voller Texas-Magie geht zu Ende.

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