
Old Faithful, Morning Glory & Bisons – Yellowstone in Bestform
Noch ein ganzer Tag im Yellowstone Nationalpark – und was für einer! Die Sonne war noch nicht ganz über die Baumwipfel gekrochen, als wir um Punkt 7:00 Uhr vom Madison Campground starteten – nicht aus reiner Abenteuerlust, sondern aus purer Notwendigkeit.
Denn: Der Generator durfte erst ab 8:00 Uhr laufen. Und das bedeutete im Camper-Alltag: Kein Strom. Kein Toast. Keine warme Milch. Kein Kaffee. Und schlimmer noch: eine hungrige Emilia und ich auch schon leicht gereizt – eine Kombination, die man aus Gründen der Gruppendynamik besser vermeidet.
Nadine hatte die zündende Idee: „Dann fahren wir halt einfach los, starten den Generator irgendwo anders – und frühstücken da.“ Brillant. Praktisch. Lebensrettend.
Gesagt, getan – unser rollendes Frühstücksbüffet schlug am Parkplatz der Old Faithful Lodge auf. Mit Blick auf dampfende Wiesen, umgeben von Touristen, die Kaffee und Kameras gleichberechtigt hielten, toasteten wir unser Brot, wärmten Milch und retteten damit den Familienfrieden.
Frisch gestärkt und wieder voll sozialfähig begaben wir uns danach in Position: Old Faithful stand auf dem Programm. Und ja, er kam. Er sprühte. Er zischte. Er dampfte. Aber… vielleicht hatte auch er seinen Generator-Moment. Die Eruption war ordentlich, aber nicht ganz so gewaltig wie in unseren Erinnerungen.

„Vielleicht braucht er auch erst Kaffee“, murmelte Stefan, und wir waren geneigt, ihm zuzustimmen. Für Oli, Nadine, Noah und Emilia war es der allererste Besuch bei diesem berühmtesten aller Geysire – und ihre Begeisterung war spürbar. Augen groß, Kameras bereit, „Ohhh“-Rufe bei jedem Dampfausbruch.
Für Stefan und mich war es bereits der vierte Besuch – aber ehrlich: Der Zauber nutzt sich nicht ab. Egal wie oft man Old Faithful sieht – er bleibt ein Naturwunder mit Showtalent. Und wenn er dann mit leicht verschlafenem Gesicht in die Höhe zischt, fühlt man sich jedes Mal wieder ein bisschen wie beim ersten Mal. Ein perfekter Start in unseren Yellowstone-Tag. Mit Toast, Dampf und der richtigen Portion Magie.
BILDERGALERIE: Upper Geyser Basin
Nach dem Geysir-Spektakel am Old Faithful zog es uns auf den Trail Richtung Morning Glory Pool – und was soll ich sagen? Es war einer dieser Spaziergänge, bei denen man ernsthaft überlegt, sich die Kamera dauerhaft an die Stirn zu tackern.
Alle paar Meter ein neues Motiv, das aussieht, als wäre es direkt aus einem Natur-Wunderbuch gefallen. Nur dass hier eben nichts inszeniert war – das ist alles echt. Und dampfend. Und riecht ein bisschen nach Ei. Eine Parade der Farben, Formen und geologischen Überraschungen Gleich zu Beginn stolpert man über die Ear Spring.
Eine kleine, brodelnde Quelle, die aussieht, als hätte jemand eine zu heiße Badewanne direkt über dem Eingang zur Unterwelt installiert. Das Wasser blubbert, zischt und gluckert, als wäre es kurz davor, ein jahrhundertealtes Geheimnis in die Luft zu pusten – oder wenigstens einen geologischen Zwischenruf.

Dann kommt der Beauty Pool, der seinem Namen mehr als gerecht wird. Ein Farbverlauf wie aus einem Aquarellkasten: Türkis, Mint, Gold und Kupfer – in sanften Ringen angeordnet, als hätte jemand mit ruhiger Hand ein Gemälde in den Boden gemalt.
„Das sieht doch keiner für echt an“, murmelte Stefan – und wir waren alle kurz davor, dem Pool Photoshop zu unterstellen. Weiter geht’s, vorbei an der Chromatic Spring, der Blue Star Spring und dem Grotto Geyser.
Jede Quelle, jeder Dampfkrater wirkt wie ein eigenwilliger Charakter in einem geothermischen Fantasy-Roman. Der Grotto Geyser sieht aus wie das steinerne Versteck eines Höhlendrachen, die Chromatic Spring schimmert in Farben, die sonst nur auf tropischen Fischschuppen vorkommen, und aus der Blue Star Spring steigen Dampfschwaden auf, als hätte jemand einen heißen Zaubertrank vergessen.
Und dann – nach all dem Brodeln, Zischen und Farbenmeer – öffnet sich der Blick auf ihn: den legendären Morning Glory Pool. Ein natürliches Meisterwerk in hypnotisierendem Grün und Gelb.
Die Mitte: leuchtend, fast übernatürlich türkis. Der Rand: von giftgrün bis sonnengelb – wie Pinselstriche auf einem porösen Untergrund. Ein Anblick, der einem fast die Worte raubt – und dafür die Kamera aus der Hand reißt.
Natürlich machten wir unzählige Fotos – mit uns drauf, ohne uns, mit Schatten, mit ausgestreckten Armen, von oben, von der Seite, im Stehen, im Hocken…
Es war ein einziges Shooting mit dem wohl fotogensten Pool des Nationalparks. Und trotzdem hatten wir das Gefühl: Kein Bild dieser Welt kann einfangen, wie spektakulär dieser Anblick in echt ist. Der Weg dorthin war eine Reise durch Farben, Dampf und Fantasie – und der Morning Glory Pool das glühende Finale. Ein perfekter Abschluss für einen Trail, der eigentlich gar kein Spaziergang war, sondern ein Ausflug in eine andere Welt.

Zurück am Parkplatz der Old Faithful Lodge hieß es erstmal: Pause mit Aussicht. Nach so viel Geysir-Action und Fotomarathon war der Hunger eindeutig mit im Gepäck. Im Camper zauberten wir ein schnelles Mittagessen – nichts Großes, aber genau das Richtige für hungrige Wanderfüße und dampfgeschwängerte Gemüter.
Ein paar belegte Bagels, ein bisschen Obst, ein schneller Kaffee – und schon war die Truppe wieder einsatzbereit.
Frisch gestärkt machten wir uns auf den Weg Richtung West Thumb, einem der schönsten und – ganz nebenbei – fotogensten Geysirfelder im Yellowstone. Die Fahrt dorthin war ein Erlebnis für sich: Die Straße schlängelte sich durch lichte Wälder, vorbei an dampfenden Lichtungen und kleinen Flusstälern, die fast so aussahen, als hätte sie jemand mit Wasserfarbe getupft.
Immer wieder tauchten am Straßenrand kleine Thermalquellen auf, und der aufsteigende Dampf schimmerte in der klaren Luft wie ein leuchtender Schleier. Je näher wir dem Yellowstone Lake kamen, desto mehr öffnete sich die Landschaft.

Der Rundweg durch das West Thumb Geysir Basin war wie ein kleiner Spaziergang durch ein geothermisches Märchen. Dampfende Krater, blubbernde Quellen und kleine Becken in knalligen Farben säumten den Weg, der sich elegant am Ufer des Yellowstone Lake entlangschlängelte.
Einige der Quellen lagen direkt im Wasser – als hätte der See selbst beschlossen, ein paar heiße Badewannen einzubauen. Leider war ein Teil des Weges gesperrt, darunter auch die berühmten Highlights Abyss Pool und Black Pool – zwei der schönsten und tiefsten Quellen im Basin.
Ein bisschen schade, aber das restliche Panorama machte es mehr als wett. Der Kontrast war atemberaubend: Der klare blaue Himmel, der dampfende Boden, der riesige, eiskalte See – und mittendrin diese stillen, blubbernden Geysire, die wie Fenster in eine andere Welt wirkten.
Der Dampf stieg in die kalte Luft und tanzte vor der Kulisse der Berge, während sich der Wind vom See her leise bemerkbar machte. Wir liefen den Rundweg mit großen Augen und vollen Speicherkarten.
BILDERGALERIE: West Thumb Basin
Nach dem Besuch des still dampfenden West Thumb, wo der Yellowstone Lake uns seine mystische Seite gezeigt hatte, stand noch ein letzter Programmpunkt auf unserer Yellowstone-Liste: der Blick auf den legendären Grand Prismatic Spring.
Eine der meistfotografierten und farbgewaltigsten Sehenswürdigkeiten des gesamten Parks – und eigentlich ein Pflichttermin. Eigentlich. Der Geist war willig, die Füße eher so mittelmotiviert
Nach all den Kilometern, die wir seit dem frühen Morgen gesammelt hatten, meldeten sich unsere Beine mit leiser, aber bestimmter Stimme zu Wort: „Noch ein Berg? Ernsthaft?“ Und wir gaben ihnen recht.
Stefan und ich erinnerten uns an frühere Besuche, als es noch keinen offiziellen Overlook gab. Damals bedeutete der Versuch, den Grand Prismatic von oben zu sehen: improvisierter Aufstieg durch unwegsames Gelände, querfeldein, mit dem Abenteuercharme einer mittelgroßen Expedition. Wurzeltritte, Mückenplagen, Lungenflattern inklusive.
Es war eine dieser Geschichten, die man lieber erzählt, als sie zu wiederholen. Heute gibt es einen gut ausgebauten Trail mit Aussichtspunkt, den man entspannt und zivilisiert erklimmen kann – und genau das überließen wir dieses Mal Oli und Nadine.
Team Wanderlust & Team Aufräum-Vorsatz
Während sich die beiden voller Elan auf den Weg machten, blieben wir mit den Kindern am Parkplatz zurück – offiziell, um „den Camper ein bisschen aufzuräumen“. Inoffiziell bedeutete das: Stefan räumte eine Schublade um, ich räumte zwei Jacken in den Koffer „Braucht man nicht mehr“ – und Noah und Emilia eröffneten das große Camper-Spielplatz-Finale.

Es wurde gelacht, getobt – und immer wieder aufs Neue erklärt, warum man eben nicht zwischen den parkenden Autos verstecken spielt. Zwischendurch zauberten wir ein paar Snacks aus der Vorratskiste, und die Sonne legte einen goldenen Filter über diesen ganz alltäglichen, ganz besonderen Moment.
Als Oli und Nadine zurückkamen, strahlten sie wie zwei Teilnehmer eines frisch gewonnenen Fotowettbewerbs. Leuchtende Augen, Kameras voll mit Bildern, die selbst auf dem kleinen Display schon nach Postkartenmaterial aussahen.
Der Blick vom Grand Prismatic Overlook war – laut Nadine – „noch besser als gedacht“ und „wie ein Farbstrudel in der Erde, der einem das Gehirn neu sortiert“. Oli stimmte begeistert zu und zeigte uns ein Foto, das tatsächlich aussah, als hätte jemand einen riesigen Regenbogen in flüssiger Form in den Boden gegossen. Mission Grand Prismatic? Absolut erfüllt. Auch wenn wir sie diesmal vom Parkplatz aus mit Schokolade in der Hand gefeiert haben.

Vom West Thumb ging es zurück zum Madison Campground – auf einer Strecke, die inzwischen fast wie unsere persönliche Yellowstone-Hausrunde wirkte. Wälder, dampfende Wiesen, weite Täler – alles lag im goldenen Licht des späten Nachmittags, als würde der Park sich zum Abschied noch mal richtig in Schale werfen.
Wieder am Campground angekommen, bekam unser treues Gefährt seine verdiente Abendkur: Frischwasser rein, Abwasser raus, einmal durchatmen – für den Camper, für uns, für alle. Ein eingespieltes Ritual am Ende eines langen Tages.
Danach übernahmen die Männer den Grill: Stefan, Oli – und Noah, der das Ganze mit der Ernsthaftigkeit eines Küchenchefs in Ausbildung überwachte. Grillzange links, Verantwortung rechts – das Männer-Trio war in seinem Element.
Während der Duft von Ribeye-Steaks langsam durch die Abendluft zog, deckte Nadine entspannt den Campingtisch, ich spielte mit Emilia – und alles war friedlich.
Bis es plötzlich… raschelte. Ganz seelenruhig schob sich eine riesige Wapiti-Kuh – ja, Kuh nennt man das weibliche Tier tatsächlich – zwischen unserem Grill und dem Camper hindurch.
Langsam, majestätisch, und mit einem Blick, der irgendwo zwischen „Ich wohne hier“ und „Was gibt’s heute?“ lag. Noah war begeistert. „Wollte die etwa unser Abendessen klauen?“ fragte er flüsternd.
Die Wapiti-Dame ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, tat so, als wären Grillgeruch und Menschentrubel völlig normal, und trottete schließlich weiter – vermutlich zum nächsten Stellplatz mit kulinarischem Potenzial.
Auf dem Rost brutzelten saftige Steaks, daneben lag Paprika mit herrlichem Grillmuster.
Der Tisch war gedeckt, die Kinder beschäftigt, die Sonne verschwand langsam . Es war der perfekte Abschluss für einen Tag, der alles geboten hatte: Naturwunder in allen Farben, dampfende Erde, dampfende Geysire – und tierische Begegnungen der besonders charmanten Art.
Müde, satt und voller Eindrücke krochen wir später in unsere Betten im Camper, begleitet vom Zirpen der Grillen und dem fernen Rauschen des Flusses.
