Die „Safari“ über die SS 125 – Nebelwände und tierische Wegelagerer
Nach dem gemütlichen Frühstück im Camper-Hauptquartier bei Nadine und Oli hieß es: Abschied nehmen vom Golf von Orosei. Unser Ziel war Lotzorai, und der Weg dorthin führte uns über die legendäre SS 125, die Orientale Sarda. Wer diese Strecke bei strahlendem Sonnenschein kennt, hat nur die halbe Wahrheit gesehen – wir bekamen heute die dramatische „Director’s Cut“-Version.
Schon beim Verlassen von Cala Gonone und dem ersten Aufstieg bot sich uns ein Ausblick, der wie eine Mischung aus Mittelmeer-Idylle und aufziehendem Unwetter wirkte. Das Küstenstädtchen lag friedlich unter uns, während sich im Hinterland die Berge bereits in dunkle, schwere Wolken hüllten. Das grüne Tal wirkte wie ein Teppich, der direkt in die schroffen, grauen Felswände der sardischen Bergwelt führt.

Doch kaum hatten wir an Höhe gewonnen, änderte sich die Szenerie schlagartig (Bild 3). Aus „bewölkt“ wurde „Weltuntergangs-Nebel“. Die Gipfel verschwanden in dichten, weißen Schwaden, und die Straße wand sich wie eine dunkle Schlange durch die mystische, fast gespenstische Landschaft. Sichtweite? Vorhanden. Mal mehr – mal weniger. Aber genau das machte die Fahrt zu einem echten Roadtrip-Abenteuer – wir fühlten uns wie in einem Highland-Epos, nur eben auf Italienisch.
Und dann wurde es richtig kurios: Wer braucht schon eine Safari in Afrika, wenn er die SS 125 hat? Plötzlich hieß es „Bremsen für die Einheimischen“. Zuerst tauchte eine ganze Ziegenherde aus dem Nebel auf, die die Leitplanke als ihre persönliche Laufsteg-Begrenzung nutzte. Völlig unbeeindruckt von unseren 6-Meter-Mobilen spazierten sie am Straßenrand entlang, als gehörten die Serpentinen allein ihnen.
Nur wenige Kurven weiter das nächste tierische Empfangskomitee: Eine Herde Kühe hatte es sich direkt am Asphalt gemütlich gemacht. Zwei der Prachtexemplare starrten uns mit einer Mischung aus Neugier und „Was wollt ihr eigentlich hier?“ direkt in die Kamera. Wir hielten respektvoll Abstand, während die Huftiere die sardische Gelassenheit in Perfektion vorlebten.
Als wäre das nicht genug, gesellten sich kurz darauf auch noch Schweine dazu. Inmitten von blühenden Sträuchern und saftigem Grün wühlten sie völlig tiefentspannt direkt neben der Fahrbahn nach Leckereien. Noah und Emilia klebten an den Scheiben – so nah kommt man der sardischen Fauna selten, ohne das Fahrzeug zu verlassen.
Gegen Ende der Fahrt, als wir uns wieder Richtung Küste hinunterarbeiteten (Bild 7), riss die Wolkendecke langsam auf. Der Blick auf die Küstenlinie bei Tortolì und Arbatax mit den vorgelagerten Lagunen lag wie eine Belohnung vor uns. Der Nebel blieb in den Bergen zurück, und wir rollten nach diesem tierischen und nebelverhangenen Abenteuer sicher in Lotzorai ein.

Sardinien hat heute gezeigt: Die Insel ist nicht nur Strand und Sonne, sondern auch wildes Hochland, mystischer Nebel und eine ordentliche Portion Charakter.




