Washington D.C. – 50 Jahre Stefan, 184 Schicksale und ein Ritt durchs Texas Roadhouse
Am nächsten Morgen wagten wir zunächst einen vorsichtigen Blick nach draußen und stellten erfreut fest: Washington hatte die Tiefkühltruhe ein kleines Stück heruntergeregelt. Es war zwar immer noch alles andere als frühlingshaft, aber der eisige Wind vom Vortag hatte sich verzogen und die Sonne gab sich Mühe. Nach den minus drei Grad und dem Gefühl, dass uns auf der National Mall jederzeit einzelne Körperteile abfrieren könnten, empfanden wir das bereits als meteorologischen Durchbruch. Perfekt, denn auch heute hatten wir wieder ein Programm, bei dem gemütliches Herumsitzen im warmen Auto ausdrücklich nicht vorgesehen war. Unser erstes Ziel lag praktischerweise gleich in Arlington: der Arlington National Cemetery.

Schon kurz hinter dem Eingang wurde es automatisch stiller. Arlington ist riesig, parkähnlich angelegt und auf eine ganz besondere Art wunderschön, obwohl man natürlich die ganze Zeit weiß, worauf man dort eigentlich blickt. Tausende weiße Grabsteine stehen in scheinbar endlosen, akkurat ausgerichteten Reihen über die sanften Hügel verteilt. Durch den Schnee der vergangenen Nacht wirkte das Ganze noch eindrucksvoller. Zwischen den weißen Steinen lag stellenweise noch eine dünne Schneedecke, während an anderen Stellen bereits wieder das Gras hervorkam.
Wir liefen zu Fuß über das Gelände und spätestens hier war jeglicher alberne Touristenmodus vom Vortag verschwunden. Auf Arlington sind vor allem Angehörige der amerikanischen Streitkräfte und unter bestimmten Voraussetzungen deren Familienangehörige bestattet, darunter Generäle, Admirale, Senatoren, Astronauten und andere bekannte Persönlichkeiten. Aber gerade die unzähligen Namen, die man nicht kennt, machen einem eigentlich erst bewusst, was für ein gewaltiger Ort das ist.
Eines der bekanntesten Gräber ist das von John F. Kennedy. Neben ihm sind Jacqueline Kennedy Onassis sowie weitere Mitglieder der Familie beigesetzt, und vor den schlichten dunklen Grabplatten brennt die Eternal Flame. Keine riesige Statue, kein pompöses Mausoleum, sondern eine vergleichsweise zurückhaltende Anlage aus Stein, in deren Mitte diese kleine Flamme brennt. Gerade weil man Kennedy aus unzähligen Filmen, Dokumentationen und Bildern kennt, war es ein eigenartiges Gefühl, plötzlich tatsächlich vor seinem Grab zu stehen. Arlington hat überhaupt diese Wirkung: Amerikanische Geschichte, die man bisher hauptsächlich aus Büchern und Fernsehen kannte, bekommt auf einmal Namen, Daten und einen ganz konkreten Ort.
Noch eindrucksvoller wurde es am Tomb of the Unknown Soldier, dem Grabmal des unbekannten Soldaten. Auf dem weißen Marmorsarkophag steht der Satz „Here rests in honored glory an American soldier known but to God“, und seit 1937 wird das Grab ununterbrochen bewacht. Wir hatten Glück und kamen genau rechtzeitig zur Wachablösung. Vor dem Memorial Amphitheater warteten bereits jede Menge Besucher, aber sobald die Zeremonie begann, wurde es bemerkenswert still. Die Soldaten der Old Guard bewegten sich mit einer solchen Präzision, dass man unwillkürlich jeden Schritt beobachtete. Keine überflüssige Bewegung, kein Blick zur Seite, alles exakt einstudiert. Gerade noch hatten wir irgendwo miteinander geredet, plötzlich standen wir einfach da und schauten zu. Ich hatte die Wachablösung schon bei unserem Besuch 2008 gesehen und fand sie auch diesmal wieder beeindruckend. Manche Dinge muss man nicht mit zusätzlichen Worten aufblasen – man steht davor und merkt ohnehin, dass dieser Ort eine andere Stimmung hat als die üblichen Sehenswürdigkeiten.
Danach wechselten wir von einem stillen Ort amerikanischer Geschichte zu einem anderen, und der Weg dorthin entwickelte sich zunächst zu einer kleinen Geduldsprobe. Das Pentagon Memorial kannten wir ebenfalls schon von 2008, und damals war die Sache einfach gewesen: hinfahren, parken, Memorial ansehen. Also fuhren wir diesmal mit derselben Erwartung zum Pentagon und stellten fest, dass unser Wissen inzwischen offenbar ein Verfallsdatum erreicht hatte. Den Besucherparkplatz von damals gab es nicht mehr. Wir fuhren herum, suchten, fanden nichts, fuhren noch ein bisschen herum und begannen irgendwann zu vermuten, dass das Pentagon tatsächlich fünf Seiten besitzt, damit Touristen möglichst lange im Kreis fahren können. Schließlich fanden wir die Lösung: In Pentagon City konnten wir im Parkhaus bei Macy’s parken und von dort durch einen Fußgängertunnel zum Gelände gelangen. Das hätte man natürlich auch sofort wissen können. Wir wussten es nur leider erst nach einer ganzen Weile.
Das Pentagon Memorial selbst war die Suche aber wert. Es erinnert an die 184 Menschen, die am 11. September 2001 im Pentagon und an Bord von American-Airlines-Flug 77 ums Leben kamen. Für jedes Opfer gibt es eine eigene Memorial Unit, die wie eine schwebende Bank über einem kleinen Wasserbecken angeordnet ist. Die Elemente sind nach dem Geburtsjahr der Opfer sortiert, sodass man beim Hindurchgehen auch das Alter der Menschen begreift. Besonders eindringlich fand ich die Ausrichtung der Bänke: Bei den Menschen, die im Pentagon starben, liest man den Namen mit Blick auf das Gebäude; bei den Passagieren und Besatzungsmitgliedern des Flugzeugs blickt man beim Lesen in die Richtung, aus der das Flugzeug kam. Es ist ein sehr reduziertes Denkmal, ohne große dramatische Inszenierung, und gerade deshalb wirkt es. Nach einer ganzen Weile machten wir uns wieder auf den Weg zum Auto. Rund zwei Stunden waren seit unserer Ankunft vergangen – Parkplatzsuche inklusive – und jetzt hatten wir noch eine Rechnung vom Vortag offen.
Wir wagten Capitol, Versuch Nummer zwei. Und der nette Security-Mitarbeiter vom Vortag hatte tatsächlich recht behalten. Wo morgens noch Schulklassen in einer Warteschlange standen, die vermutlich einen eigenen ZIP-Code hätte beantragen können, herrschte jetzt beinahe paradiesische Ruhe. Keine kilometerlange Schlange, kein verzweifelter Blick auf die Parkuhr. Wir passierten die Sicherheitskontrolle, meldeten uns für eine Führung an und erfuhren, dass die nächste Tour bereits in zehn Minuten begann. Nach unserem gestrigen Debakel fühlte sich das fast an, als hätte uns Washington persönlich einen VIP-Pass ausgestellt.

Die Führung begann mit einem Film über die Geschichte des Capitols, anschließend ging es hinein in das Gebäude. Und das ist tatsächlich beeindruckend. Vor allem die Rotunda unter der riesigen Kuppel ließ uns erst einmal nach oben schauen. Das Capitol ist ohnehin schon gewaltig, aber wenn man direkt unter dieser Kuppel steht, bekommt man erst ein Gefühl für die Dimensionen. Über uns das riesige Fresko, rundherum Gemälde und Statuen, Marmorböden und Säulen – amerikanische Bescheidenheit sieht vermutlich anders aus. Wir kamen unter anderem durch die Rotunda und den National Statuary Hall und hätten dabei durchaus noch etwas lernen können, wäre da nicht unsere Tourguide-Dame gewesen.
Die junge Frau hatte sich nämlich offenbar vorgenommen, die komplette Geschichte der Vereinigten Staaten in der Zeit vorzutragen, die andere Menschen für die Bestellung eines Kaffees benötigen. Sie sprach nicht einfach schnell. Sie nuschelte schnell. Eine ausgesprochen ungünstige Kombination. Nadine und Stefan bekamen ihre Kopfhörer auf, ich versuchte ebenfalls konzentriert zu folgen, und irgendwann sahen wir uns nur noch an. Das Beruhigende war: Es lag nicht an unserem Englisch.
Selbst die Amerikaner in unserer Gruppe entwickelten nach und nach diesen leicht glasigen Gesichtsausdruck von Menschen, die innerlich aufgegeben haben. Man sah förmlich, wie die ersten Teilnehmer geistig ausstiegen und sich lieber wieder der Architektur widmeten. Also machten wir es genauso. Wenn wir schon nichts verstanden, konnten wir wenigstens staunen. Und dafür bot das Capitol reichlich Gelegenheit.

Direkt gegenüber beziehungsweise neben dem Capitol lag unser nächstes Ziel praktisch vor der Nase: der Supreme Court of the United States. Das mächtige weiße Gebäude mit seiner breiten Freitreppe und den riesigen Säulen sieht exakt so aus, wie man sich den Sitz des höchsten amerikanischen Gerichts vorstellt. Ein Haus, vor dem man spontan das Gefühl bekommt, selbst dann besser nichts angestellt zu haben, wenn man nur zum Fotografieren gekommen ist. Wir hatten Glück: Es fand gerade keine Sitzung statt und deshalb konnten wir hinein. Nach der Sicherheitskontrolle durften wir uns erstaunlich frei bewegen und fotografieren.

Innen ging es mit Marmor in praktisch jeder denkbaren Variante weiter. Die monumentalen Flure, riesigen Säulen und vor allem die geschwungenen Treppen waren schon für sich sehenswert. Schließlich konnten wir sogar einen Blick in den eigentlichen Gerichtssaal werfen. Dort entscheidet also der Supreme Court über einige der bedeutendsten Rechtsfragen des Landes, während wir drei Touristen aus Deutschland vor roten Vorhängen und Stuhlreihen standen und vermutlich wieder mehr Fotos machten, als für ein normales Erinnerungsvermögen erforderlich gewesen wäre. Ich fand es trotzdem faszinierend. Am Morgen standen wir zwischen den Grabsteinen von Arlington, danach am Pentagon, anschließend im Capitol und nun im Obersten Gerichtshof. Mehr amerikanische Geschichte und Staatsmacht ließ sich in einen einzigen Tag kaum noch hineinpressen.
Und dann war Schluss mit staatstragend. Denn dieser Tag hatte noch einen ganz anderen Anlass: Stefan wurde 50. Einen runden Geburtstag kann man natürlich auf viele Arten feiern. Zu Hause mit Familie, Torte und Kerzen wäre eine Möglichkeit gewesen. Wir befanden uns aber nun einmal in Amerika, und deshalb entschieden wir uns für die deutlich passendere Variante: Steak im Texas Roadhouse in Bowie. Dass wir dort bereits wussten, was uns kulinarisch erwartete, machte die Entscheidung nicht schwieriger. Schon am Eingang lagen die Steaks in der Auslage, als wollten sie persönlich Bewerbungsgespräche führen. Stefan entschied sich schließlich für ein ordentliches Ribeye, dazu die obligatorischen Rolls, Beilagen und alles, was einen fünfzigsten Geburtstag ernährungsphysiologisch angemessen erscheinen lässt.
Was Stefan zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Nadine hatte unserem Kellner ganz beiläufig und selbstverständlich ohne Stefans Zustimmung gesteckt, dass der Herr heute seinen 50. Geburtstag feierte. Nun ist es im Texas Roadhouse keine gute Idee, solche Informationen leichtfertig herauszugeben. In einem deutschen Restaurant hätte der Kellner vielleicht freundlich gratuliert und einen Espresso gebracht. Die Amerikaner verfolgen bei Geburtstagen ein anderes Konzept. Irgendwann tauchte plötzlich ein Barhocker mit Pferdesattel auf. Und dann traf Stefan die Erkenntnis. Er musste drauf.
Mein frischgebackener Fünfzigjähriger saß also mitten im Texas Roadhouse auf einem Sattel, während die Bedienung seine Umgebung darüber informierte, dass hier jemand Geburtstag hatte. Dann folgte ein gemeinsames „Yeeeehaaa!“, Applaus und das volle amerikanische Geburtstagsprogramm. Bianca und ich hatten selbstverständlich keinerlei Mitleid. Wir hatten vielmehr sehr großen Spaß. Stefan möglicherweise etwas weniger, aber das Foto von ihm auf dem Sattel beweist, dass man auch mit 50 noch Dinge tun kann, von denen man morgens beim Aufstehen garantiert nicht wusste, dass sie einem an diesem Tag bevorstehen würden. Und irgendwie war das die perfekte Geburtstagsfeier für diese Reise: kein feierlicher Saal, keine Krawatte, sondern Ribeye, Texas Roadhouse und ein Pferdesattel mitten in Maryland.

Eigentlich hätten wir danach einfach zurück ins Hotel fahren können. Ein langer Tag lag hinter uns, wir waren satt und Stefan war öffentlich in den Kreis der Fünfzigjährigen aufgenommen worden. Aber Washington bei Nacht wollten wir uns nicht entgehen lassen. Also packten wir noch einmal die Kameras aus und machten uns auf zu einer kleinen nächtlichen Fototour. Und plötzlich sahen all die Orte, die wir am Tag besucht hatten, vollkommen anders aus. Das Lincoln Memorial leuchtete wie ein Tempel in der Dunkelheit, dahinter spiegelten sich die Lichter im Wasser. Das Washington Monument ragte hell angestrahlt in den schwarzen Himmel, das Capitol leuchtete auf der anderen Seite der Stadt und selbst die Soldaten des Korean War Veterans Memorial bekamen nachts eine völlig andere, fast gespenstische Wirkung. Gerade dort fand ich die Beleuchtung beeindruckend: Die Figuren tauchten aus der Dunkelheit auf, als würden sie tatsächlich durch das Gelände marschieren.
Wir fuhren noch einmal von Memorial zu Memorial, stellten das Stativ auf, fotografierten, packten wieder ein und fuhren weiter. Das Jefferson Memorial spiegelte sich im dunklen Wasser des Tidal Basin, Lincoln saß hell beleuchtet in seinem gewaltigen Marmortempel und Washington zeigte sich zum Abschluss doch noch einmal von seiner schönsten Seite. Die Kälte war immer noch da, aber ohne den eisigen Wind vom Vortag ließ sie sich wesentlich besser ertragen – und bei diesen Motiven ohnehin.
Als wir irgendwann endgültig zurück zum Americana Hotel fuhren, hatten wir an zwei Tagen eine erstaunliche Menge Washington gesehen. Weißes Haus, National Mall, Lincoln und Jefferson, Arlington, Pentagon, Library of Congress, Capitol, Supreme Court und all die Memorials dazwischen. Nur eine Sache hatte Washington uns konsequent verweigert: Frühling. Eigentlich sollten um diese Jahreszeit die berühmten Kirschblüten langsam die Stadt rosa färben. Stattdessen hatten wir Schnee auf Arlington und Temperaturen, bei denen die Kirschbäume vermutlich selbst beschlossen hatten, noch ein bisschen liegen zu bleiben. Aber gut – man kann nicht alles haben. Wir hatten blauen Himmel, Washington bei Nacht, einen großartigen Tag und einen Fünfzigjährigen auf einem Pferdesattel. Damit konnte ich ziemlich gut leben.


















































