Washington D.C. – zwischen Weltpolitik, Eiszapfen und Cupcakes
Unser Americana Hotel entpuppte sich am nächsten Morgen endgültig als ziemlich cleverer Griff. Zugegeben, man musste beim Anblick der Flure nicht sofort an ein luxuriöses Boutiquehotel denken, aber dafür waren die Zimmer sauber, das Auto stand kostenlos vor der Tür und die Lage war für Washington schlicht sensationell. Wir wohnten nämlich gar nicht in Washington D.C., sondern auf der anderen Seite des Potomac in Arlington, Virginia, und trotzdem waren es bis zum Lincoln Memorial gerade einmal rund sieben Minuten mit dem Auto. Dreieinhalb Meilen – näher an der amerikanischen Hauptstadt kann man vermutlich nur wohnen, wenn man Präsident ist, und dessen Unterkunft war vermutlich nur geringfügig teurer. Also stürzten wir uns am Morgen mitten in die Rushhour und machten uns auf den Weg zum Capitol. Unser erster Programmpunkt sollte eine Führung durch eines der berühmtesten Gebäude der Welt werden. Theoretisch jedenfalls.

Praktisch begann unser Besuch zunächst mit einer amerikanischen Großstadt-Disziplin, die in keinem Reiseführer unter den Sehenswürdigkeiten aufgeführt wird: Parkplatzsuche. Wir umrundeten das Capitol gefühlt mehrfach und sahen dabei wahrscheinlich mehr von seinen verschiedenen Fassaden als mancher Teilnehmer einer offiziellen Führung, bis wir tatsächlich eine Parkuhr fanden. Auto abgestellt, Geld eingeworfen und los. Der Eingang zu den Führungen befand sich auf der Rückseite, und als wir dort ankamen, verstanden wir schlagartig, warum die Parkplatzsuche vermutlich noch der entspannte Teil des Vormittags gewesen war. Vor uns standen zwei sehr lange Schlangen. Nicht „da warten ein paar Leute“, sondern „wir sollten vielleicht schon einmal einen zur Parkuhr zurückschicken“-lang. Offenbar hatten sämtliche Schulen der Vereinigten Staaten beschlossen, ausgerechnet heute das Capitol zu besuchen.
Ich ging deshalb nach vorne zu einem Security-Mitarbeiter und fragte, ob das hier vielleicht zu einer anderen Tageszeit etwas weniger aussichtslos wäre. Der Mann war ausgesprochen nett und erklärte mir, dass morgens immer die Schulklassen kämen und wir ab etwa 13 Uhr deutlich bessere Chancen hätten. Und weil er offenbar Mitleid mit drei halb erfrorenen Deutschen hatte, gab er uns gleich noch einen Tipp: Wir sollten jetzt einfach zur Library of Congress gehen. Die liege direkt hinter dem Capitol, morgens sei dort wesentlich weniger los und später könnten wir wiederkommen. Das klang nach einem Plan, und keine fünf Minuten später standen wir vor dem Thomas Jefferson Building. Noch wichtiger: Wenige Minuten danach standen wir drinnen. Denn Washington hatte offenbar beschlossen, uns wettertechnisch für unseren Besuch von 2008 zu bestrafen. Damals hatten wir hier Temperaturen um die 40 Grad erlebt, diesmal zeigte das Thermometer minus drei. Washington kannte bei uns offensichtlich nur zwei Einstellungen: Grill oder Gefrierschrank.

Von außen ist die Library of Congress schon beeindruckend, aber innen blieb uns dann wirklich kurz die Sprache weg. Ich hatte bei „Bibliothek“ offenbar etwas zu sehr an Bücherregale gedacht und nicht an Marmortreppen, riesige Säulen, Bögen, Mosaike, Malereien und Decken, bei denen man irgendwann automatisch nur noch nach oben schaut. Das Thomas Jefferson Building wirkte eher wie ein europäischer Palast, der sich versehentlich nach Washington verirrt hatte.
Wir konnten uns weitgehend frei bewegen, fotografieren und von einem Balkon aus in den gewaltigen Main Reading Room hinunterschauen. Die Library of Congress gehört zu den größten Bibliotheken der Welt und beherbergte damals weit über 150 Millionen Medieneinheiten – Bücher, Karten, Fotografien, Manuskripte und allerlei Dinge, bei denen man sich fragt, ob irgendjemand jemals den Überblick behalten kann. Der Hauptlesesaal allein sah schon so ehrfurchtgebietend aus, dass ich vermutlich selbst beim Umblättern einer Seite versucht hätte, möglichst leise zu atmen. Unten gab es natürlich noch einen Souvenirshop und außerdem einen unterirdischen Verbindungsgang zum Capitol. Den hätten wir nehmen können, aber unser Auto hing draußen an einer Parkuhr, die leider keinerlei Respekt vor amerikanischer Kulturgeschichte zeigte. Also mussten wir wieder hinaus in die Tiefkühlabteilung Washingtons.

Nach der Rettung unseres Autos verlagerten wir unseren Standort in die Nähe des Weißen Hauses. Dort trafen wir dann eine weitere wichtige Entscheidung des Tages: Wir brauchten Mützen. Sofort. Und zwar nicht irgendwelche dezenten Kleidungsstücke, sondern richtige Touristenmützen. Stefan bekam NCIS, ich FBI. Damit war zumindest optisch geklärt, wer ab sofort für die nationale Sicherheit zuständig war. Dass wir beide darunter vermutlich einfach nur verhindern wollten, dass uns die Ohren abfroren, musste ja niemand wissen. Ich fand uns jedenfalls ausgesprochen überzeugend. Washington hatte ab diesem Moment ein Ermittlerteam mehr, auch wenn dieses hauptsächlich damit beschäftigt war, Sehenswürdigkeiten zu finden und warme Getränke aufzuspüren.

Natürlich gehörte als Nächstes das Weiße Haus dazu. Wir betrachteten es von beiden Seiten, wobei sich sehr schön zeigte, welchen Unterschied ein bisschen Sonne machen kann. Auf der schattigen Rückseite lag noch Schnee auf dem Rasen, während vorne beinahe nichts mehr davon zu sehen war. Und da stand es nun, dieses Gebäude, das man schon tausendmal in Nachrichten, Filmen und Serien gesehen hatte. In Wirklichkeit wirkte es auf mich fast kleiner als erwartet. Vielleicht liegt das daran, dass Hollywood bei Washington grundsätzlich gern noch dramatische Musik, Hubschrauber und mindestens einen Agenten hinzufügt. Die Agenten hatten wir diesmal immerhin selbst mitgebracht.

Von dort ging es weiter auf die National Mall zum Washington Monument. Der knapp 170 Meter hohe Obelisk ist schon deshalb kaum zu übersehen, weil Washington ansonsten erfreulich wenig versucht, ihm die Aussicht zu verbauen. Leider konnten wir nicht hinauf. Das Monument war beim Erdbeben von 2011 beschädigt worden und wegen der Reparaturarbeiten für Besucher geschlossen. Das fand ich besonders schade, denn von den kleinen Fenstern ganz oben hat man einen großartigen Blick über die Stadt.
Aber gut – wir konnten schlecht warten, bis die Reparaturen fertig waren. Also blieb uns nur der Blick von unten. Und natürlich mein damaliger Hinweis für sämtliche Dan-Brown-Leser, dass Obelisken immer hervorragend geeignet sind, um gedanklich sofort bei Freimaurern, geheimen Symbolen und mindestens einer weltumspannenden Verschwörung zu landen. Wir beschränkten uns allerdings auf Fotos und marschierten weiter.

Am anderen Ende des Reflecting Pools wartete Abraham Lincoln auf uns. Der Weg zum Lincoln Memorial ist einer dieser Orte, die man längst kennt, obwohl man noch nie dort gewesen ist. Der riesige Reflecting Pool, dahinter das Washington Monument und schließlich diese gewaltigen Marmorstufen – Forrest Gump fehlte eigentlich nur noch.

Oben angekommen saß Lincoln in seinem monumentalen Sessel und blickte so ernst über die National Mall, als würde er persönlich kontrollieren, ob dort alles seine Ordnung hatte. Seine Statue ist rund sechs Meter hoch und bringt es auf etwa 175 Tonnen weißen Marmor. Dagegen wirkten wir drei davor ungefähr wie Zubehör. Das Memorial selbst wurde zu Ehren des 16. Präsidenten errichtet; seine 36 Säulen standen ursprünglich für die 36 Staaten, die zum Zeitpunkt von Lincolns Tod zur Union gehörten. Später wurden die weiteren Staaten ebenfalls am Gebäude verewigt.
Von Lincoln liefen wir weiter zu den großen Kriegsdenkmälern. Besonders eindrucksvoll fand ich das Korean War Veterans Memorial mit seinen 19 überlebensgroßen Soldaten, die in voller Ausrüstung durch das Gelände zu marschieren scheinen. Schon am Tag hat diese Gruppe etwas Beklemmendes; nachts werden die Figuren von unten beleuchtet und müssen noch einmal völlig anders wirken. Danach kamen wir zum World War II Memorial, das zwischen Washington Monument und Lincoln Memorial liegt.
Die Säulen stehen halbkreisförmig um den großen Rainbow Pool und repräsentieren die amerikanischen Bundesstaaten und Territorien, während die beiden Seiten des Denkmals für die Kriegsschauplätze im Atlantik und Pazifik stehen. Washington schafft es auf dieser Mall ziemlich mühelos, einen innerhalb weniger hundert Meter von beeindruckend über nachdenklich bis überwältigt zu schicken. Unsere Füße ergänzten irgendwann noch „erschöpft“ und unsere Gesichter „tiefgefroren“.

Nach so viel Geschichte brauchten wir dringend etwas weniger Staatstragendes und fuhren nach Georgetown. Und Georgetown fühlte sich tatsächlich sofort anders an. Hübsche alte Häuser, kleinere Straßen, Restaurants, Geschäfte und teure Boutiquen – alles wirkte gemütlicher und weniger monumental als rund um die National Mall. Vor allem aber gab es hier etwas, von dem wir bereits gehört hatten: Georgetown Cupcake. Angeblich gab es dort einige der besten Cupcakes überhaupt. Das Problem war nur, dass diese Information offenbar nicht exklusiv an uns gegangen war. Vor dem Laden stand eine Schlange. Natürlich. Nachdem wir morgens schon vor dem Capitol eine Warteschlange kapitulieren gesehen hatten, ließen wir uns von ein paar Menschen, die Kuchen wollten, allerdings nicht mehr einschüchtern.

Während wir warteten, verteilte eine Mitarbeiterin kleine Karten mit den Sorten des Tages. Eine ausgesprochen clevere Methode, eine Warteschlange ruhigzustellen: Gib den Leuten Kuchenbeschreibungen, und sie sind beschäftigt. Rund eine halbe Stunde später hatten wir es geschafft. Drinnen war alles rosa, süß und voller kleiner Törtchen, Nadine betrachtete die Auswahl sehr gewissenhaft und schließlich hielt jeder von uns seinen persönlichen Cupcake in der Hand.
Dann wurde probiert – und verdammt, die Dinger waren wirklich gut. Stefan mit NCIS-Mütze und Schokolade im Gesicht war allerdings der endgültige Beweis dafür, dass unsere Tarnung als amerikanische Bundesagenten inzwischen gewisse Schwächen zeigte. Bianca machte es nicht wesentlich unauffälliger und biss beherzt in einen Cupcake mit bunten Streuseln. Das FBI hätte uns vermutlich spätestens jetzt aus dem Dienst entfernt. Uns war es egal. Die halbe Stunde Warten hatte sich gelohnt.

Zum Abschluss des Tages fehlte uns noch ein Präsident. Also fuhren wir zum Jefferson Memorial, das etwas abseits der großen Achse direkt am Tidal Basin liegt. Nach dem Trubel rund um Capitol, Weißes Haus und Lincoln Memorial war es dort beinahe angenehm ruhig. Das weiße, von Säulen umgebene Gebäude erinnert ein wenig an einen antiken Tempel, und im Inneren steht die mehr als sechs Meter hohe Bronzestatue von Thomas Jefferson. Durch die Säulen blickt er hinaus Richtung Washington und Weißes Haus, während rundherum Auszüge aus seinen Schriften in den Stein eingraviert sind. Wir liefen durch das Memorial, blickten noch einmal hinaus aufs Wasser und auf das Washington Monument in der Ferne und waren uns ziemlich einig, dass wir für einen einzigen Tag eine beachtliche Menge Washington abgearbeitet hatten.

Als wir schließlich zurück zum Americana Hotel fuhren, hatten wir Capitol, Library of Congress, Weißes Haus, Washington Monument, Lincoln, mehrere Memorials, Georgetown und Jefferson hinter uns – dazu gefühlt 40 Kilometer Fußmarsch bei minus drei Grad und einen Cupcake als medizinisch notwendige Energiezufuhr. Washington hatte sich auch bei unserem zweiten Besuch konsequent geweigert, uns normales Wetter anzubieten. 2008 fast 40 Grad, diesmal Frost und eisiger Wind.
Vielleicht sollten wir beim nächsten Mal einfach im Mai kommen und schauen, ob die Stadt dann mit Hagel oder einem kleinen Tornado nachlegt. Für heute jedenfalls reichte es. Wir wollten nur noch ins Warme. Und meine FBI-Mütze blieb selbstverständlich bei mir. Man wusste schließlich nie, wann Washington wieder Verstärkung brauchte.






















