Abschied mit Frühstück, Familienrunde im Diner und ein Bett im Schrank
Unser letzter Morgen bei Ken beginnt diesmal tatsächlich mit einem Frühstück, das diesen Namen verdient. Ken hatte ja gestern nach seiner Kapitulation vor Christines Frühstücksanleitung groß angekündigt, dass heute seine Mutter übernehmen würde, und Tante Joan rettet damit nicht nur Kens Ruf als Gastgeber, sondern vermutlich auch unsere Ernährung vor einer zweiten Zwölferbox Dunkin’ Donuts. Auf der Kücheninsel steht alles, was man für einen ordentlichen amerikanischen Start in den Tag braucht: Obst, Bagels, Brot, Bacon, verschiedene Aufstriche und natürlich Ahornsirup, der in einem amerikanischen Haushalt offenbar ungefähr denselben Stellenwert besitzt wie bei uns Salz und Pfeffer.
Wir frühstücken noch einmal gemeinsam in dieser großen Küche, die in den vergangenen Tagen ohnehin zum Mittelpunkt unseres Familienlebens geworden ist, und irgendwann kommt der Moment, an dem wir unsere Sachen ins Auto tragen müssen. Lexi beobachtet das Ganze mit wachsendem Misstrauen. Als wir schließlich vor dem Haus stehen, sitzt sie hinter dem Fenster und schaut uns nach. Nur der Kopf ist hinter der Scheibe zu sehen, und dieser Blick ist so eindeutig, dass man sich beinahe schuldig fühlt. Bye-bye, Lexi. Nach unserem gemeinsamen Strandtag in Cape May sind wir schließlich praktisch alte Freunde.
Von Ken müssen wir uns nun ebenfalls verabschieden. Die vergangenen Tage waren intensiv, lustig und gleichzeitig irgendwie unwirklich gewesen. Da hatten wir diesen Teil meiner amerikanischen Familie nach so langer Zeit endlich wiedergefunden, waren kaum angekommen und plötzlich saßen wir gemeinsam beim Abendessen, fuhren mit Kindern und Hund nach Cape May und lebten für ein paar Tage einfach mittendrin. Nun geht unsere Reise weiter. Bei Tante Joan ist der Abschied zum Glück noch aufgeschoben, denn wir haben für später ein weiteres Familientreffen vereinbart. Auch Kens Bruder Dean und dessen Sohn wollen dazukommen. Als Treffpunkt haben wir uns allerdings keinen stillen kleinen Parkplatz ausgesucht, auf dem man sich leicht finden könnte. Nein. Wir treffen uns in der King of Prussia Mall. Wenn Amerika ein Familientreffen organisiert, dann offenbar gleich in einer Dimension, in der man vorsichtshalber einen Lageplan benötigt.
Schon die Zufahrt macht deutlich, dass der Name hier durchaus Programm ist. „King of Prussia“ steht riesig am Straßenrand, was für deutsche Ohren zunächst ein wenig kurios klingt. Wir fahren schließlich nicht jeden Tag durch Pennsylvania und werden dort vom König von Preußen zum Einkaufsbummel gebeten. Die Mall selbst ist gewaltig. Mehrere Ebenen, breite Galerien, riesige Lichthöfe und Gänge, die gefühlt irgendwo hinter dem Horizont weitergehen. Wir sind etwas früher da und nutzen die Zeit, um uns umzusehen. Stefan, Nadine und ich schlendern durch die Geschäfte, trinken etwas und betreiben die in amerikanischen Einkaufszentren unvermeidliche Disziplin des „Wir schauen nur mal“. Ein Satz, der bei uns erfahrungsgemäß ungefähr dieselbe Verbindlichkeit besitzt wie „Ich esse heute nur einen Donut“.
Unser eigentliches Ziel befindet sich direkt in der Mall: Ruby’s Diner. Schon der Eingang sieht aus, als hätte jemand die fünfziger Jahre sorgfältig konserviert und anschließend mitten in ein modernes Einkaufszentrum gestellt. Rote Neonbuchstaben, Chrom, rote Sitzbänke, eine Theke wie aus einem alten amerikanischen Film und sogar ein Motorrad gehört zur Dekoration. Eigentlich fehlt nur noch Marty McFly, der durch die Tür kommt und fragt, welches Jahr wir haben. Stattdessen kommen Joan, Dean und sein Sohn, und damit wird aus unserem Einkaufsbummel noch einmal ein richtiges Familientreffen.
Die Begrüßung ist entsprechend herzlich. Gerade diese Begegnungen sind für mich auf dieser Reise etwas ganz Besonderes, denn noch vor kurzer Zeit waren Namen wie Ken und Dean vor allem Teil von Familiengeschichten und Erinnerungen. Nun sitzen wir tatsächlich gemeinsam an einem Tisch. Joan ist mittendrin, erzählt, lacht und sorgt mit ihrem Humor dafür, dass es ohnehin kaum eine Chance auf ein stilles Mittagessen gibt. Dean und Stefan finden schnell Gesprächsstoff, Nadine ist längst vollkommen selbstverständlich Teil dieser amerikanischen Familienrunde, und irgendwann fühlt es sich überhaupt nicht mehr danach an, als würden hier Menschen zusammensitzen, die sich jahrelang kaum oder gar nicht gesehen haben.
Dazu passt Ruby’s perfekt. Hier geht es nicht um filigrane Tellerdekorationen, bei denen drei Erbsen mit einer Pinzette ausgerichtet werden, sondern um amerikanisches Diner-Essen: Burger, Sandwiches, Pommes und alles, was sich vernünftigerweise zwischen zwei Brothälften unterbringen lässt. Wir essen, erzählen und lachen und schieben den Moment, an dem wir aufstehen müssen, möglichst weit nach hinten. Denn diesmal bedeutet Abschied tatsächlich Abschied. Unsere Route führt weiter nach Süden, Joan bleibt hier, ebenso Dean und sein Sohn. Nach den vergangenen Tagen fällt mir das deutlich schwerer, als ich erwartet hatte. Gleichzeitig habe ich aber nicht mehr dieses Gefühl, jemanden nach Jahrzehnten wiedergefunden zu haben und gleich wieder zu verlieren. Diesmal tauschen wir nicht nur Erinnerungen aus, sondern auch das Versprechen, den Kontakt nicht wieder einschlafen zu lassen. Das fühlt sich sehr viel besser an.

Schließlich sitzen Stefan, Nadine und ich wieder im Auto und fahren Richtung Delaware. Nach all den emotionalen Familienmomenten der vergangenen Tage beginnt damit ein neuer Abschnitt unserer Reise. Unser Ziel liegt an der Atlantikküste, doch unterwegs legen wir noch einen Zwischenstopp in Dover ein. Natürlich nicht einfach irgendwo. Wenn man schon durch die Hauptstadt Delawares fährt, kann man schließlich auch kurz nachsehen, wo dort regiert wird. Vor uns steht das Legislative Hall, ein stattlicher roter Backsteinbau mit weißen Säulen, symmetrischen Seitenflügeln und einem hohen weißen Turm. Davor stehen Fahnen und ein Denkmal, und wir machen das, was wir auf Reisen in solchen Situationen zuverlässig tun: aussteigen, Kamera herausnehmen, fotografieren, wieder einsteigen. Man muss nicht jedes Regierungsgebäude bis in den letzten Sitzungssaal besichtigen, um hinterher beweisen zu können, dass man da war.
Viel interessanter wird Delaware für uns ohnehin aus einem anderen Grund. Der Staat erhebt keine allgemeine Sales Tax. Für drei Menschen, die amerikanische Outlets mögen, ist das ungefähr so, als würde man einem Labrador sagen, dass hinter der nächsten Tür ein unbeaufsichtigtes Buffet steht. Und zufälligerweise liegt unser Motel bei Dewey Beach auch noch gefährlich nahe an den Tanger Outlets von Rehoboth Beach. Eine Kombination, die praktisch keinerlei Chance lässt, den Nachmittag vernünftig und sparsam zu verbringen.
Zunächst steuern wir allerdings unsere Unterkunft an, das Atlantic Oceanside Motel. Schon von außen ist klar, dass wir hier keine Hotelhalle mit Kronleuchtern, Pagen und Klaviermusik erwarten müssen. Das Gebäude steht direkt an der Straße, ist zweckmäßig, ein bisschen in die Jahre gekommen und genau die Sorte amerikanisches Motel, die ich irgendwie mag: Man fährt vor, parkt, trägt sein Gepäck ein paar Meter weit und ist angekommen. Kein Mensch möchte wissen, ob man eine Reservierung fürs Spa hat. Unser Zimmer entpuppt sich sogar als erstaunlich geräumig. Es gibt eine kleine Küche mit Kühlschrank, Herd, Mikrowelle und Kaffeemaschine, einen Esstisch, ein großes Bett und – für Nadine – eine ganz besondere architektonische Überraschung. Ihr Bett steckt nämlich im Schrank.
Zumindest sieht es auf den ersten Blick genau so aus. Hinter zwei großen Holztüren verbirgt sich ein Murphy Bed, das heruntergeklappt wird und sich dann quer durch einen Teil des Zimmers ausbreitet. Nadine öffnet die Türen und steht davor wie jemand, der eigentlich seine Jacke aufhängen wollte und versehentlich ein Schlafzimmer gefunden hat. Ich finde diese Konstruktion großartig. Tagsüber Schrank, nachts Bett – amerikanische Raumplanung mit Überraschungseffekt. Damit ist auch sofort geklärt, wer wo schläft. Stefan und ich bekommen das normale Bett, Nadine zieht in den Schrank. Elternschaft hat manchmal Vorteile.
Lange halten wir uns mit der Zimmerbesichtigung allerdings nicht auf, denn draußen wartet Delaware mit seinem stärksten Argument: steuerfreies Einkaufen. Rund um Rehoboth Beach gibt es gleich mehrere große Tanger-Outlet-Bereiche, und wir stürzen uns hinein. Die bekannten amerikanischen Marken reihen sich aneinander, die Parkplätze sind riesig und überall locken Sale-Schilder mit Prozentzahlen, bei denen man sehr schnell beginnt, Geld auszugeben, um angeblich Geld zu sparen. Diese mathematische Besonderheit funktioniert in Outlets erstaunlich zuverlässig. Ein Kleidungsstück kostet weniger als ursprünglich, also hat man gespart. Kauft man drei davon, hat man folglich dreimal gespart. Dass anschließend trotzdem mehr Geld auf der Kreditkartenabrechnung steht, ist ein Detail, mit dem man sich im Urlaub nicht unnötig belasten sollte.
Wir arbeiten uns also durch die Geschäfte. Kleidung hier, Schuhe dort, vielleicht noch ein Mitbringsel, und immer wieder diese herrliche Erkenntnis, dass an der Kasse tatsächlich keine zusätzliche Sales Tax aufgeschlagen wird. Gerade in den USA ist man ja gewohnt, dass der Preis am Regal nur eine freundliche erste Annäherung an den Betrag ist, den man später wirklich bezahlt. In Delaware steht dagegen 29,99 Dollar dran und die Kasse möchte tatsächlich 29,99 Dollar. Ich bin fast gerührt. So einfach kann das Leben sein.
Irgendwann schaffen selbst wir es, die Outlet-Türen hinter uns zu lassen. Das Auto dürfte inzwischen deutlich schwerer sein als am Morgen, und wir haben Hunger. Nach Familienfrühstück, Diner-Mittagessen und mehreren Stunden Hochleistungsshopping wäre ein Salatblatt vermutlich die vernünftige Wahl. Also fahren wir ins Outback Steakhouse.
Dort endet der Tag so amerikanisch, wie er begonnen hat: mit ordentlich Essen. Nach all den Kilometern durch Geschäfte lassen wir uns in die Sitze fallen und müssen erst einmal nichts mehr entscheiden, was Größe, Farbe oder Rabatt betrifft. Stattdessen gibt es Steak und Beilagen, und wir gehen noch einmal den Tag durch. Morgens saßen wir mit Ken und Joan am Frühstückstisch, Lexi schaute uns traurig durchs Fenster hinterher, mittags trafen wir Dean und seinen Sohn in einem Diner irgendwo zwischen Neonlicht und roten Sitzbänken, danach standen wir vor dem Regierungssitz von Delaware und wenige Stunden später liefen wir mit Einkaufstüten durch ein Outlet. Manchmal sind unsere Reisetage inhaltlich so vollgestopft, dass man sie zu Hause vermutlich auf drei Wochenenden verteilen würde.
Später fahren wir zurück zum Atlantic Oceanside Motel. Die Einkäufe kommen ins Zimmer, wir kommen ebenfalls hinein, und Nadine darf ihr Schlafzimmer aus dem Schrank klappen. Draußen rauscht der Verkehr über die Straße, drinnen leuchtet die kleine Nachttischlampe, und unser Motelzimmer hat mit seiner Küche, dem Esstisch und dem ausklappbaren Bett fast etwas von einer winzigen Ferienwohnung. Luxuriös ist anders, aber wir haben alles, was wir brauchen.
Und irgendwo zwischen King of Prussia, Delaware und einem steuerfreien Outlet hat unsere Reise heute ganz unauffällig die Richtung gewechselt. Die ersten Tage gehörten meiner Familie und einem Wiedersehen, auf das ich sehr lange gewartet hatte. Jetzt sind Stefan, Nadine und ich wieder zu dritt unterwegs, das Auto ist voller geworden und die Reise geht weiter Richtung Süden. Nur Nadines Zimmer wird morgen früh wieder zum Schrank.



















