Von IHOP durch den Atlantik ins Jahr 1776 – und am Ende kamen die Geister
Der Morgen beginnt mit einer dieser Entscheidungen, die auf einer USA-Reise eigentlich gar keine richtige Entscheidung mehr ist: Wir fahren zu IHOP. Nach unserem steuerfreien Shopping-Feldzug vom Vorabend und Nadines erster Nacht im Schrank brauchen wir schließlich ein ordentliches Frühstück, und „ordentlich“ wird bei IHOP bekanntlich eher großzügig interpretiert. Stefan und Nadine studieren die Speisekarten mit jener Ernsthaftigkeit, die andere Menschen vermutlich nur bei Immobilienkaufverträgen an den Tag legen, während ich mich schon frage, wie viele Kalorien man eigentlich benötigt, um anschließend mehrere Stunden Auto zu fahren.
Die Antwort kommt wenig später auf Tellern, die diese Frage endgültig als überflüssig entlarven. Pancakes mit einem ordentlichen Stück Butter obendrauf, Eier, Bacon, Hash Browns, Omelette, Fleisch und natürlich Kaffee – ein Frühstück, bei dem das Mittagessen vorsorglich gleich mit erledigt werden könnte. Genau mein Amerika. Hier bekommt niemand morgens drei Himbeeren auf einem Klecks Joghurt serviert und soll anschließend behaupten, er sei satt.
Heute haben wir allerdings einiges vor, denn wir fahren weiter nach Virginia und bekommen dort erneut etwas, das auf Reisen kaum zu schlagen ist: einen privaten Tourguide. Meine Schulfreundin Doris lebt inzwischen hier, und natürlich wollen wir sie besuchen. Damit wird aus einem normalen Fahrtag gleich etwas Besonderes, denn es ist immer wieder spannend, jemanden aus der eigenen Vergangenheit plötzlich auf einem völlig anderen Kontinent in seinem heutigen Leben zu besuchen. Gestern haben wir uns noch von meiner amerikanischen Familie verabschiedet, heute wartet eine alte Freundin aus Schulzeiten auf uns. Unsere Reise entwickelt langsam Züge eines Klassentreffens mit erheblich vergrößertem Einzugsgebiet.

Von Rehoboth Beach geht es zunächst Richtung Süden. Das Wetter spielt mit, der Himmel ist blau, und schon die Fahrt wird zu einem kleinen Programmpunkt, denn irgendwann erreichen wir eine Strecke, von der ich bis dahin überhaupt nichts wusste: den Chesapeake Bay Bridge-Tunnel. Zunächst sieht alles noch nach einer ganz normalen, wenn auch ziemlich beeindruckenden Brückenfahrt aus.
Vor uns ziehen sich Fahrbahnen über das Wasser, links und rechts glitzert die Chesapeake Bay, und einzelne Brückenabschnitte verschwinden weit draußen am Horizont. Man fährt kilometerweit scheinbar mitten durchs Meer und gewöhnt sich gerade an die Vorstellung, dass das nun eben so weitergeht, als die Straße plötzlich etwas ausgesprochen Merkwürdiges tut. Sie verschwindet. Mitten im Wasser.
Vor uns taucht die Einfahrt zum Tunnel auf und die Fahrbahn führt tatsächlich hinunter unter die Wasseroberfläche. Das Gehirn meldet kurz, dass Straßen normalerweise andere Hobbys haben, aber es bleibt wenig Zeit für Grundsatzdiskussionen. Also fahren wir hinein. Eben noch blauer Himmel, Meer und Möwen, Sekunden später Betonwände, künstliches Licht und Atlantik über dem Kopf. Irgendwo dort oben fahren Schiffe, während wir unten mit unserem Auto durch einen Tunnel rollen. Anschließend kommen wir wieder ans Tageslicht, fahren erneut über Brücken und später noch einmal unter dem Wasser hindurch. Die gesamte Konstruktion aus langen Brückenabschnitten, künstlichen Inseln und Tunneln ist schon ziemlich spektakulär. Und während ich an diesem Morgen eigentlich gedacht hatte, die Fahrt zu Doris sei lediglich der Transfer zum eigentlichen Tagesprogramm, liefert uns Virginia bereits vor der Ankunft eine Attraktion frei Haus.

Bei Doris werden wir herzlich empfangen, und plötzlich ist da sofort wieder dieses vertraute Gefühl, das alte Freundschaften manchmal haben. Man hat sich lange nicht gesehen, lebt inzwischen Tausende Kilometer voneinander entfernt und braucht trotzdem keine große Anlaufphase. Wir stehen wenig später in ihrem wunderschönen Haus direkt an einem See, reden, schauen uns alles an und könnten vermutlich problemlos den restlichen Tag dort verbringen. Aber Doris hat andere Pläne. Sie kennt ihre neue Heimat schließlich deutlich besser als wir, und damit haben wir erneut den Luxus, nicht mit Reiseführer und Karte herumrätseln zu müssen. Wir steigen einfach ins Auto und lassen uns zeigen, was man hier gesehen haben sollte. Private Reiseleitung, dazu noch eine gute Freundin – besser lässt sich das kaum organisieren.

Unser Ziel nennt sich Historic Triangle. Davon haben wir bis zu diesem Tag noch nie gehört, was vermutlich damit zusammenhängt, dass wir zum ersten Mal überhaupt in dieser Gegend Virginias unterwegs sind. Zum Historic Triangle gehören Jamestown, Williamsburg und Yorktown, drei Orte, die eng mit der frühen Geschichte der späteren Vereinigten Staaten verbunden sind und über den Colonial Parkway miteinander verbunden werden. Allein die Namen klingen schon so, als müsste jederzeit jemand mit Dreispitz auf einem Pferd vorbeireiten. Und tatsächlich dauert es nicht besonders lange, bis genau diese Art von Zeitreise beginnt.
Zunächst fahren wir nach Yorktown. Der kleine Ort liegt direkt am York River und wirkt an diesem sonnigen Tag beinahe verschlafen. Eine weiße Windmühle steht zwischen kahlen Bäumen, dahinter liegen gepflegte Häuser, kleine Straßen führen hinunter ans Wasser und an der Uferpromenade stehen Pavillons mit Blick über den Fluss. Es ist kaum vorstellbar, dass dieser ruhige Flecken einmal Schauplatz eines entscheidenden Kapitels des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs war. 1781 fand hier die Schlacht von Yorktown statt, nach der die britische Armee unter General Cornwallis kapitulierte. Heute dagegen herrscht Frieden in einer Form, die beinahe schon demonstrativ wirkt. Ein paar Menschen spazieren am Wasser entlang, wir fotografieren Häuser, die Windmühle und die Uferpromenade, und Doris zeigt uns den kleinen Ort, bevor wir weiterfahren. Yorktown ist kein Platz, der einen mit Attraktionen erschlägt. Es ist eher einer dieser Orte, bei denen man durch die Straßen fährt und irgendwann merkt, dass die Geschichte hier nicht in einem einzelnen Museum steckt, sondern praktisch unter jedem Vorgarten liegt.
Danach geht es weiter nach Colonial Williamsburg, und dort drehen wir die Uhr endgültig ein paar Jahrhunderte zurück. Williamsburg war von 1699 bis 1776 Hauptstadt der britischen Kolonie Virginia und ist heute in weiten Teilen ein riesiges lebendiges Freilichtmuseum. Schon nach wenigen Minuten begegnen uns Menschen in historischen Kleidern, Pferdekutschen rollen über die Straßen, weiße Holzzäune säumen die Wege und zwischen den Bäumen stehen sorgfältig restaurierte Häuser aus dem 18. Jahrhundert. Das Ganze wirkt erstaunlich authentisch. Nicht wie ein Freizeitpark, bei dem hinter dem Kolonialhaus eine Achterbahn hervorschaut, sondern tatsächlich wie eine kleine Stadt, die irgendwann beschlossen hat, das 18. Jahrhundert einfach nicht vollständig zu verlassen.

Für uns ist dabei besonders praktisch, dass man Colonial Williamsburg auch ohne Eintritt erkunden kann, solange man sich auf die Außenbereiche beschränkt. Nur wer die historischen Gebäude von innen besichtigen möchte, benötigt ein Ticket. Uns reicht für heute die kostenlose Variante vollkommen. Wir laufen durch die Straßen, schauen uns die alten Häuser an und haben genug damit zu tun, die Atmosphäre aufzusaugen. Mehr als hundert restaurierte beziehungsweise rekonstruierte Gebäude bilden hier ein ganzes historisches Stadtbild. Dazu gehören das Capitol, der Governor’s Palace und Gebäude des College of William & Mary. Vor dem Capitol lassen wir natürlich ein gemeinsames Foto machen – Doris, ich, Nadine und Stefan, mitten im ehemaligen Zentrum der britischen Kolonie. Der Himmel ist inzwischen strahlend blau, und wenn man die Autos und modernen Besucher gedanklich ausblendet, fehlt eigentlich nur noch George Washington, der um die Ecke kommt und sich beschwert, dass wir im Weg stehen.
Überhaupt liefert Williamsburg ständig kleine Szenen, bei denen man sich kurz fragt, in welchem Jahrhundert man gerade unterwegs ist. Männer mit Dreispitz diskutieren am Straßenrand, Frauen in langen Kleidern laufen zwischen den Häusern entlang, irgendwo steigt Rauch auf, eine Pferdekutsche klappert vorbei und eine Gruppe uniformierter Soldaten marschiert über den Weg. Dazwischen laufen wir mit Kamera, Jeans und Turnschuhen herum und dokumentieren begeistert alles, was historisch aussieht. Wir setzen uns zwischendurch auf eine Bank, schauen dem Treiben zu und genießen es, heute ausnahmsweise einmal überhaupt keinen eigenen Plan abarbeiten zu müssen. Doris weiß, wohin wir gehen, und wir folgen einfach. So entspannt kann Sightseeing sein, wenn jemand anderes die Hausaufgaben gemacht hat.
Irgendwann macht sich allerdings das IHOP-Frühstück trotz seiner beeindruckenden Dimensionen bemerkbar und wir bekommen Hunger. Doris hat auch dafür längst vorgesorgt und einen Tisch in einer historischen Taverne reserviert. Die King’s Arms Tavern passt perfekt zu allem, was wir den ganzen Nachmittag gesehen haben. Schon von außen sieht das Gebäude aus, als könne gleich eine Postkutsche davor halten, und drinnen geht die Zeitreise nahtlos weiter. Dunkles Holz, Kerzen, historische Einrichtung und Personal in Kleidung aus der Kolonialzeit. Während wir auf unseren Tisch warten, sitzt eine Frau in historischem Gewand mit einer Harfe im Raum, spielt und singt dazu. Spätestens jetzt ist klar: Hier wird das Thema nicht nur mit ein paar alten Bildern an der Wand erledigt.

Am Tisch bekommen wir zunächst riesige weiße Servietten umgebunden. Nicht auf den Schoß gelegt – umgebunden. Wenige Augenblicke später sitzen Stefan, Doris, Nadine und ich da wie vier erwachsene Menschen, die von ihren Müttern vorsorglich für ein besonders gefährliches Mittagessen vorbereitet wurden. Das Foto davon ist entsprechend großartig. Wir stoßen mit Bier in schweren Krügen an und lassen uns erklären, was es zu essen gibt. Auch die Gerichte orientieren sich an historischen Rezepten. Auf unseren Tellern landet nichts, was mit Pinzette und Schaum angerichtet wurde, sondern bodenständiges Essen: Fleisch, Gemüse, Kartoffeln, kräftige Soße. Genau das Richtige nach einem langen Tag auf kolonialem Pflaster. Das Bier ist ebenfalls hervorragend, und wir haben so viel Spaß, dass die Servietten irgendwann vollkommen normal wirken. Vielleicht sollte man dieses Konzept auch zu Hause einführen. Es erspart zumindest Flecken auf dem Oberteil.
Während draußen langsam die Sonne verschwindet, hat Doris noch eine Überraschung für uns. Sie hat einen Tavern Ghost Walk gebucht. Allein der Name gefällt uns sofort. Tavern. Ghost. Walk. In dieser Kombination gehen wir selbstverständlich davon aus, dass wir im Laufe des Abends durch mehrere historische Tavernen ziehen, dort vielleicht ein Bier trinken und nebenbei Geschichten über Geister hören. Ein Konzept, das ich persönlich für ausgesprochen gelungen halte. Die Realität setzt allerdings einen etwas anderen Schwerpunkt.
Wir bekommen eine Tourguide-Dame und laufen mit ihr durch das inzwischen dunkle Williamsburg. Vor einem historischen Haus bleiben wir stehen und hören eine Gruselgeschichte. Dann gehen wir zum nächsten Haus. Dort bleiben wir wieder stehen und hören eine weitere Gruselgeschichte. Anschließend kommt ein anderes Haus, vor dem – Überraschung – ebenfalls eine Gruselgeschichte wartet. Nach einiger Zeit entwickelt sich ein gewisses Muster. Irgendjemand hatte irgendwann irgendwo etwas gehört, gesehen oder gespürt, eine Tür hatte sich möglicherweise bewegt, jemand war unter mysteriösen Umständen erschienen oder verschwunden, und wir standen draußen und hörten zu. Die Tavernen hingegen erwiesen sich als ausgesprochen theoretischer Bestandteil des Tavern Ghost Walk. Kein Bier. Nicht einmal ein kleines. Doris ist darüber vermutlich mindestens genauso überrascht wie wir, denn genau darauf hatte sie sich beim Buchen verlassen.
Trotzdem haben wir unseren Spaß. Vielleicht sogar gerade deshalb. Je länger wir durch die dunklen Straßen laufen, desto mehr gleichen sich die Geschichten, nur die Häuser im Hintergrund wechseln zuverlässig. Irgendwann warten wir eigentlich weniger auf den nächsten Geist als darauf, ob wir diesmal vielleicht ausnahmsweise eine Taverne von innen sehen dürfen. Fehlanzeige. Die Geister bleiben uns ebenfalls fern. Nicht ein einziges durchscheinendes Kolonialgespenst lässt sich blicken. Kein rasselndes Kettchen, kein schwebender Dreispitz, nichts. Für eine Geistertour ist die Geisterquote erschreckend schwach. Als die Tour vorbei ist, machen wir noch ein verschwommenes Foto von Doris und mir im Dunkeln. Zwei gut gelaunte Frauen nach einem langen Tag in Virginia, mehr ist darauf eigentlich nicht zu erkennen. Zumindest glauben wir das zunächst.

Denn später entdecken wir auf dem Bild plötzlich etwas.
Hinter uns schwebt eine grüne Gestalt mit weit aufgerissenem Maul, ausgestreckten Armen und einem Gesicht, das verdächtig nach jemandem aussieht, der seit mehreren Jahrhunderten auf ein ordentliches Abendessen wartet. Woher sie kommt? Keine Ahnung. Während des Ghost Walks haben wir sie jedenfalls nicht gesehen. Vielleicht war sie schüchtern. Vielleicht hatte sie ebenfalls auf das versprochene Bier gewartet.
Oder Williamsburg hat tatsächlich Geister.
In diesem Fall bleibt eigentlich nur noch eine Frage.
Who you gonna call?














































