Cape May – zwölf Donuts, viktorianische Zuckerbäckerei und ein Wrack im Sonnenuntergang
Nach unserer ersten Nacht bei Ken beginnt der Morgen mit einer kleinen kulinarischen Überraschung. Eigentlich hatte Christine dafür gesorgt, dass wir ein richtiges Frühstück bekommen. Sie hatte alles vorbereitet und Ken sogar eine genaue Anleitung hinterlassen – im Grunde also ein Frühstück mit Bedienungsanleitung und eingebauter Erfolgsgarantie. Theoretisch. Praktisch steht Ken in der Küche und betrachtet die Sache wie jemand, dem man gerade den Schaltplan eines Atomkraftwerks hingelegt hat.
Irgendwann entscheidet er, dass seine Ehe, seine Küche und vermutlich auch unser aller Gesundheit nicht wegen eines Frühstücks aufs Spiel gesetzt werden sollten, und greift zu Plan B. Wenig später steht eine prall gefüllte Zwölferbox von Dunkin’ Donuts auf dem Tisch. Ich finde, das ist eine ausgesprochen amerikanische Art, ein Problem zu lösen: Wenn man nicht weiß, wie das Frühstück funktioniert, überzieht man es mit Zuckerguss. Ken verspricht uns grinsend, dass morgen seine Mutter das Frühstück übernehmen wird. Offenbar hat er seine persönlichen Grenzen erkannt. Ich respektiere das. Außerdem stehen zwölf Donuts vor mir, und unter diesen Umständen bin ich ausgesprochen versöhnlich.

Allzu lange können wir uns allerdings nicht durch die verschiedenen Zuckergussvarianten arbeiten, denn Ken hat für heute Cape May vorgesehen. Bevor wir Richtung Atlantikküste starten, gibt es jedoch noch einen Programmpunkt: Evan hat morgens Fußballtraining. Ken hatte uns schon am Vorabend vor die Wahl gestellt, entweder um acht Uhr mitzukommen oder nach dem Training von ihm abgeholt zu werden. Natürlich entscheiden wir uns für die sportliche Variante. Zumindest theoretisch, denn unsere eigene sportliche Leistung besteht hauptsächlich darin, am Rand zu stehen und Evan zuzuschauen.
Das Training findet nicht draußen statt, sondern in einer großen Indoor-Soccerhalle, in der mehrere Spielfelder hinter hohen Netzen liegen und daneben ein Sammelsurium aus Spielautomaten, bunten Kinderfahrzeugen und sonstigen Dingen steht, die offenbar verhindern sollen, dass Geschwisterkinder oder wartende Eltern während eines Fußballtrainings durchdrehen. Evan flitzt über den Kunstrasen, während wir hinter dem Netz stehen und fachkundig aussehen. Das können Zuschauer bekanntlich besonders gut. Nach Donuts zum Frühstück ist diese Form der sportlichen Betätigung außerdem genau richtig dosiert.
Gegen halb zehn sitzen wir schließlich im Auto. Für den Ausflug dürfen wir Christines geräumigen SUV nehmen, was sich als ausgesprochen praktisch erweist, denn unsere Reisegruppe hat inzwischen die Größe einer kleinen Expedition erreicht. Stefan, Nadine und ich sind dabei, Ken natürlich auch, Tante Joan kommt mit, Evan ebenfalls – und dann wäre da noch Lexi, die Golden-Retriever-Dame der Familie. Lexi hat offensichtlich keinerlei Zweifel daran, dass dieser Ausflug in erster Linie für sie organisiert wurde. Sie ist bereit für Strand, Meer und alles, was sich unterwegs eventuell fressen lässt. Rund anderthalb Stunden liegen bis Cape May vor uns, ganz hinunter an die südliche Spitze New Jerseys, dorthin, wo Delaware Bay und Atlantik aufeinandertreffen. Schon die Fahrt fühlt sich herrlich nach amerikanischem Familienausflug an: großes Auto, viele Menschen, ein Hund und genug Gesprächsstoff, um damit vermutlich auch bis Florida zu kommen.

Als wir Cape May erreichen, verstehe ich ziemlich schnell, warum Ken uns unbedingt hierher bringen wollte. Der Ort sieht stellenweise aus, als hätte jemand eine amerikanische Kleinstadt aus dem 19. Jahrhundert sorgfältig restauriert, anschließend den Farbkasten herausgeholt und beschlossen, bei Pastelltönen nicht kleinlich zu sein. Entlang der Straßen stehen wunderschöne viktorianische Holzhäuser mit Veranden, Türmchen, Erkern, geschnitzten Verzierungen und so viel architektonischem Zierrat, dass unsere heutigen Neubauten daneben wirken würden wie Schuhkartons mit Fenstern. Rosa neben Blau, Grün neben Violett, dazwischen weiße Zäune und breite Veranden mit Schaukelstühlen – einige dieser Häuser sehen aus, als müssten jeden Moment Damen in bodenlangen Kleidern herauskommen und uns zum Tee bitten.

Cape May ist tatsächlich ein ziemlich alter Hase im amerikanischen Tourismusgeschäft. Schon lange bevor irgendjemand von Pauschalreisen oder Wochenendtrips sprach, kamen wohlhabende Familien aus Philadelphia und New York hierher an die Küste, um den Sommer am Meer zu verbringen. Das erklärt auch diese unglaubliche Dichte an prächtigen Häusern. Ganze Straßenzüge bestehen aus den viktorianischen Gebäuden, und viele davon sind heute Hotels, Pensionen oder Bed & Breakfasts. Seit 1976 steht der historische Stadtkern als National Historic Landmark unter besonderem Schutz. Sehr vernünftig, denn man müsste schon ausgesprochen herzlos sein, um diese Häuser abzureißen und durch irgendeinen Betonklotz zu ersetzen.
Wir fahren langsam durch die Straßen und ich könnte eigentlich alle zwanzig Meter aussteigen. Meine Kamera hat jedenfalls sofort Vollbeschäftigung. Ein Haus ist schöner als das nächste, wobei „schön“ manchmal auch „herrlich übertrieben“ bedeutet. Manche Veranden haben mehr Schnörkel als eine Hochzeitstorte, andere verfügen über Türmchen, Balkone und Dachaufbauten, bei denen ich mich frage, ob der Architekt irgendwann einfach nicht mehr aufhören konnte. Besonders hübsch sind die Häuser in der sogenannten Painted-Ladies-Manier, deren verschiedene Bauteile durch unterschiedliche Farben hervorgehoben werden. Das Ergebnis ist ein Stadtbild, das trotz des grauen Märzhimmels erstaunlich fröhlich wirkt. Cape May braucht offenbar keine Sonne, der Ort bringt seine Farben selbst mit.

Ken und seine Familie haben hier vor Kurzem selbst ein Haus gekauft, und natürlich bekommen wir eine Führung. Damit verlassen wir für einen Moment den Postkartenmodus und betreten die Realität eines historischen Hauses: hübsch anzusehen, aber mit reichlich Beschäftigungspotenzial. Ken zeigt uns stolz, was bereits gemacht wurde und was noch auf seiner persönlichen Liste steht. Renovieren, modernisieren, reparieren – ein älteres Haus ist offenbar die amerikanische Variante eines Hobbys, bei dem einem garantiert nie langweilig wird. Zum Glück ist Ken handwerklich ziemlich fit und wirkt eher begeistert als eingeschüchtert. Ich bewundere das Haus, nicke anerkennend zu seinen Plänen und genieße gleichzeitig das beruhigende Wissen, dass ich heute Abend wieder abreise und keines dieser Projekte mir gehört.

Danach geht es in die Innenstadt zur Washington Street Mall. Der Begriff „Mall“ führt allerdings ein bisschen in die Irre, denn mit den riesigen amerikanischen Einkaufszentren hat das hier nichts zu tun. Statt klimatisierter Konsumkathedrale erwartet uns eine gemütliche Fußgängerzone mit Backsteinen, kleinen Geschäften, Restaurants, Bars und Bänken. In der Mitte hängt eine große Glocke unter einem hölzernen Schild mit der unmissverständlichen Aufschrift „CAPE MAY“ – spätestens hier ist das obligatorische Beweisfoto fällig. Stefan, Nadine und ich stellen uns darunter, und damit ist fotografisch dokumentiert, dass wir tatsächlich hier waren und nicht nur wahllos viktorianische Häuser aus dem Internet gesammelt haben.
Die kleinen Geschäfte sind genau die Sorte Läden, in denen man eigentlich „nur kurz schauen“ möchte und zwanzig Minuten später irgendeinen Gegenstand in der Hand hält, von dessen Existenz man morgens noch nichts wusste. Für weniger einkaufsbegeisterte Ehemänner hat Cape May erfreulicherweise ausreichend Sitzgelegenheiten vorgesehen. Man könnte fast meinen, die Stadtplanung sei von verheirateten Frauen gemacht worden: Geschäft, Geschäft, Geschäft – Bank für den Mann – Geschäft, Geschäft, Bar. Ein hervorragend durchdachtes System.

Irgendwann zieht es uns aber weg von den Häusern und hinaus ans Meer. Schließlich liegt Cape May direkt am Atlantik, und wenn man schon mit einer Golden-Retriever-Dame unterwegs ist, wäre es geradezu beleidigend, ihr den Strand vorzuenthalten. Baden steht Ende März allerdings nicht ernsthaft zur Debatte. Der Atlantik zeigt sich ziemlich lebhaft, die Wellen brechen mit ordentlich Kraft an den Steinbuhnen und der Wind sorgt dafür, dass niemand versehentlich glaubt, der Sommer sei bereits ausgebrochen. Lexi ist das vollkommen egal. Sie hat Meer, Sand und jede Menge Gerüche – mehr braucht ein Hund offensichtlich nicht für einen gelungenen Urlaub. Nadine stapft mit ihr am Wasser entlang, während wir anderen über den Strand laufen, Muscheln betrachten, fotografieren und uns den Wind um die Ohren pusten lassen.
Zwischen all der Strandidylle steht plötzlich ein ziemlich massiver Fremdkörper im Sand: ein alter Betonbunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Der Koloss wirkt, als hätte ihn jemand aus einem Kriegsfilm ausgeschnitten und versehentlich mitten in eine Urlaubskulisse gestellt. Ursprünglich stand er nicht so frei am Strand wie heute; die Küstenlinie hat sich im Laufe der Zeit verändert und den Bunker immer stärker freigelegt. Nun sitzt dieses kantige Betonmonster zwischen Dünen und Meer und sieht aus, als hätte es beschlossen, sämtliche Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte einfach auszusitzen. Besonders hübsch ist er nicht, aber faszinierend allemal – und ein ziemlich eindrucksvoller Kontrast zu den verschnörkelten Zuckerbäckerhäusern, die wir gerade noch fotografiert haben.
Nach so viel frischer Luft meldet sich irgendwann sehr zuverlässig der Hunger, und für den hat Cape May ebenfalls eine Lösung. Wir landen mit der ganzen Truppe im „The Ugly Mug“, dessen Name schon einmal deutlich macht, dass hier niemand besonderen Wert auf vornehme Zurückhaltung legt. Von außen sieht das Lokal aus wie eine urige amerikanische Kneipe, innen wird es noch besser. Über unseren Köpfen hängen unzählige Bier- und Kaffeepötte von der Decke, an den Wänden findet sich ein Sammelsurium aus Erinnerungsstücken und Dekorationen, und insgesamt herrscht genau diese leicht chaotische, gemütliche Atmosphäre, bei der man sich sofort wohlfühlt. Ein Restaurant, das „The Ugly Mug“ heißt und die Decke mit Tassen pflastert, muss mir jedenfalls nichts mehr beweisen.
Die Speisekarte bietet Seafood und amerikanische Klassiker, und wir arbeiten uns entsprechend durch Muscheln, Fish and Chips und Burger. Mein Burger sieht aus, als hätte man beim Brötchen ebenfalls beschlossen, dass gewöhnlich langweilig ist: dunkel, glänzend, ordentlich belegt und definitiv nichts für Menschen, die beim Essen Wert auf elegante Gesichtszüge legen. Dazu gibt es Guinness und Cola, viel Gerede und noch mehr Gelächter. Mit Ken, Joan und dem Rest der Familie hier zu sitzen, fühlt sich dabei erstaunlich selbstverständlich an. Gestern Abend standen wir nach Jahrzehnten des teilweise verlorenen Kontakts noch etwas überwältigt voreinander, und heute sitzen wir gemeinsam in einer Kneipe am Atlantik, als hätten wir solche Ausflüge schon immer gemacht.
Nach dem Essen ist unser Cape-May-Programm noch lange nicht beendet. Wir fahren weiter Richtung Cape May Point, wo der Leuchtturm schon von Weitem über die Dünen ragt. Der Cape May Lighthouse ist mit seiner weißen Fassade und der roten Spitze natürlich ein dankbares Fotomotiv, und entsprechend wird er von uns aus allen verfügbaren Winkeln dokumentiert. Mal mit Dünen, mal mit Strand, mal mit Haus, mal mit Lexi – der Leuchtturm kann sich später jedenfalls nicht beschweren, wir hätten seine Schokoladenseite nicht gefunden. Rundherum liegt der Cape May Point State Park, und wieder zieht es uns an den Strand. Das Licht wird inzwischen weicher, der Tag neigt sich langsam dem Ende entgegen und über dem Atlantik hängt diese leicht diesige Abendstimmung, die selbst einen kalten Strand plötzlich wunderschön aussehen lässt.

Unser letztes Ziel ist Sunset Beach, und dort wartet eines dieser Motive, bei denen man zuerst gar nicht genau erkennt, was da draußen eigentlich aus dem Wasser ragt. Es sind die Überreste der SS Atlantus. Das Schiff gehört zu einer ungewöhnlichen Serie von Betonschiffen, die während des Ersten Weltkriegs gebaut wurden. 1926 sollte die ausgemusterte Atlantus hier Teil eines geplanten Fähranlegers werden, doch ein Sturm riss sie von ihren Verankerungen und trieb sie auf Grund. Alle Versuche, sie wieder freizubekommen, scheiterten. Seitdem liegt sie vor der Küste und wird vom Atlantik Stück für Stück zerlegt. Heute ragt nur noch ein dunkler, schräger Rest aus dem Wasser – gerade genug, um ausgesprochen geheimnisvoll auszusehen.
Natürlich fotografiere ich das Wrack. Einmal. Zweimal. Von weiter links. Von weiter rechts. Mit mehr Meer. Mit weniger Meer. Mit Sonne. Ohne Sonne. Schließlich verändert sich das Licht ständig, und es wäre geradezu fahrlässig, diesen Vorgang nicht umfassend zu dokumentieren. Nadine steht am Wasser und schaut hinaus zur Atlantus, Lexi tobt noch immer über den Strand und selbst der Wind scheint langsam etwas Ruhe zu geben. Die Sonne sinkt hinter dem dünnen Wolkenschleier immer tiefer, das Wasser bekommt einen silbrigen Schimmer und draußen liegt dieses seltsame Stück Schiff, das seit fast neunzig Jahren nicht dort liegen sollte und offenbar beschlossen hat, sich davon nicht weiter stören zu lassen. Ein ziemlich perfekter Abschluss für unseren Tag am Meer.
Als es schließlich dunkel wird, fahren wir zurück Richtung Voorhees. Nach einem Tag mit Donuts, Fußball, Cape May, viktorianischen Häusern, Shopping, Atlantik, Burgern, Leuchtturm, Bunker und Schiffswrack könnte man nun durchaus der Meinung sein, dass kulinarisch Feierabend wäre. Ken sieht das anders. Zurück bei ihm versammeln wir uns an der großen Kücheninsel, und dort steht bereits die nächste amerikanische Großoffensive gegen jede Form von Hunger bereit: Philly Cheesesteaks, Pizza, Sandwiches, Chips, Dips und lokales Bier. Der Tisch sieht aus, als würden wir nicht einen Tagesausflug beenden, sondern eine Footballmannschaft nach einem Endspiel verpflegen.
Wir sitzen noch lange zusammen, essen uns durch die verschiedenen Sachen und reden über den Tag, über Familie und über all die Jahre, in denen wir voneinander kaum etwas mitbekommen haben. Genau das macht diese ersten Tage unserer Reise so besonders. Natürlich war Cape May wunderschön, die viktorianischen Häuser waren großartig und das Wrack der Atlantus im Abendlicht hätte allein schon für einen gelungenen Ausflug gereicht. Aber eigentlich sind es die Menschen, die diesen Tag ausmachen. Tante Joan, die ich nach so vielen Jahrzehnten wiedersehe, Ken, mit dem der Kontakt auf so unglaubliche Weise zurückkam, Evan, Nadine mittendrin und sogar Lexi, die vermutlich überzeugt ist, dass sie heute den wichtigsten Termin von uns allen hatte: endlich wieder Strand. Und Ken? Der hat heute Abend für ausreichend Essen gesorgt. Solange man ihm dafür keine Frühstücksanleitung gibt, läuft es offenbar hervorragend.
































