Von Harleys, Dachwägele und einem Abend, der eigentlich gar nicht gebucht war
Washington lag noch ziemlich verschlafen hinter uns, als wir am Morgen das Americana Hotel verließen. Nach zwei Tagen voller Präsidenten, Memorials, Marmor, Sicherheitskontrollen und gefühlt mehreren Jahreszeiten innerhalb weniger Stunden ging es nun wieder weiter. Unser nächstes großes Ziel war York in Pennsylvania, und dort wartete etwas, bei dem Stefan vermutlich auch ohne Frühstück hellwach geworden wäre: die Harley-Davidson Motor Company. Allerdings hatte die Sache einen kleinen Haken. Das Visitor Center schloss um 14 Uhr, und eine Harley-Fabrik interessiert sich erstaunlich wenig dafür, ob deutsche Touristen unterwegs noch gemütlich Baltimore anschauen möchten. Wir hatten also einen Zeitplan. Und Zeitpläne auf unseren Reisen funktionieren bekanntlich hervorragend – solange unterwegs niemand auf die Idee kommt, dass man „nur mal kurz“ irgendwo anhalten könnte.

Baltimore lag nun einmal ziemlich praktisch auf dem Weg, und ganz ohne wenigstens einmal den Kopf hineinzustecken wollten wir auch nicht daran vorbeifahren. Also steuerten wir den Inner Harbor an, der sich für einen solchen Kurzbesuch geradezu anbietet. Rund um das Wasser reihten sich Restaurants, Geschäfte, Souvenirläden und Ausflugsboote aneinander, dazu Malls, Straßenmusiker und natürlich ein Hard Rock Cafe – Amerika hatte hier offensichtlich beschlossen, aus einem Hafen möglichst viel Unterhaltung pro Quadratmeter herauszuholen. Eigentlich hätte man sich wunderbar treiben lassen können, irgendwo etwas trinken, am Wasser sitzen und anschließend noch durch die Geschäfte schlendern. Eigentlich. Stattdessen hatten wir die Uhr im Nacken. Also machten wir das, was erfahrene Rundreisende in solchen Situationen perfekt beherrschen: Auto abstellen, Gegend anschauen, fotografieren, feststellen, dass man hier durchaus länger bleiben könnte, und wieder verschwinden. Baltimore bekam damit von uns den klassischen „Wir waren da, wir können es anhand der Fotos beweisen“-Besuch. Mehr war diesmal nicht drin.
Denn in York wartete Harley. Und das war für uns keine unbekannte Adresse. Bereits 2008 hatten wir das Werk besucht, allerdings sah es inzwischen deutlich anders aus. In den vergangenen Jahren war kräftig modernisiert und umgebaut worden, und entsprechend gespannt waren wir darauf, was sich verändert hatte. Das Werk in York war damals ein wichtiger Produktionsstandort von Harley-Davidson, und allein das Visitor Center sorgte schon dafür, dass Stefan sich wieder in einer Umgebung befand, in der große Motoren, Chrom und Motorräder als vollkommen vernünftige Dinge des täglichen Lebens betrachtet wurden. Nach Baltimore mit seiner hübschen Hafenpromenade waren wir nun endgültig wieder in der Abteilung Stahl.

Bevor es losging, bekamen wir einen Film gezeigt, anschließend übernahmen zwei freundliche Damen unsere Gruppe. Headsets auf, Sicherheitsregeln erklärt, und dann ging es hinein in die Produktion. Rund zwei Stunden liefen wir durch das Werk und konnten verfolgen, wie aus Blechen, Rahmen, Motoren und einer beeindruckenden Menge Einzelteilen am Ende tatsächlich fertige Motorräder wurden. Vom Stanzen und Formen der Blechteile über die verschiedenen Stationen der Montage bis zu den fertigen Maschinen, die schließlich für den Transport vorbereitet wurden, konnten wir den Produktionsweg verfolgen. Gerade wenn man ein Motorrad normalerweise nur fertig glänzend beim Händler sieht, ist es schon faszinierend, einmal zu erleben, wie viel Arbeit dahintersteckt, bevor so ein Ding irgendwann mit ordentlich Geblubber vor einem steht. Es war laut, riesig, technisch und genau die Sorte Besichtigung, bei der Stefan vermutlich problemlos noch ein paar Stunden hätte dranhängen können.
Nur mit Fotos konnte ich mich diesmal nicht austoben. In den Produktionsbereichen herrschte striktes Fotografierverbot. Für jemanden wie mich, der eine Reise gern so dokumentiert, dass hinterher selbst der Parkplatz noch fotografisch nachweisbar ist, eine gewisse Herausforderung. Also musste ich ausnahmsweise einmal nur schauen und mir Dinge merken. Fotos gab es lediglich im Visitor Center. Fast zwei Stunden lang eine Kamera dabeizuhaben und sie nicht benutzen zu dürfen, grenzt bei mir schließlich schon an eine besondere Form der Selbstbeherrschung. Aber gut: Harley machte die Regeln, wir wollten hinein, also blieb die Kamera brav.
Nach all dem Stahl, den Maschinen und dem industriellen Lärm änderte sich die Umgebung auf unserer Weiterfahrt innerhalb erstaunlich kurzer Zeit vollkommen. Wir kamen nach Lancaster County, und plötzlich sah Pennsylvania aus, als hätte jemand den Ton heruntergedreht. Die Straßen wurden kleiner, rechts und links lagen Farmen und Felder, und irgendwann tauchten die ersten Pferdekutschen auf. Diese typischen schwarzen Buggies – bei uns hätte man früher vermutlich einfach Dachwägele gesagt – gehören hier ganz selbstverständlich zum Straßenbild. Ein paar Stunden zuvor hatten wir noch zugesehen, wie schwere Motorräder auf modernen Produktionsstraßen gebaut wurden, jetzt trottete vor uns ein Pferd über die Landstraße. Größer hätte der Kontrast kaum sein können.

Die Amish hatten uns schon bei unseren früheren Reisen fasziniert. Ihre Vorfahren kamen unter anderem aus deutschsprachigen Gebieten Europas, und bis heute sprechen viele von ihnen neben Englisch auch Pennsylvania Dutch, eine Sprache, bei der man als Deutscher immer wieder glaubt, man müsse sie doch eigentlich verstehen. Und dann versteht man drei Wörter, freut sich über seinen sprachwissenschaftlichen Durchbruch und verliert beim vierten Satz komplett den Anschluss. Ihre Lebensweise ist stark von Religion, Gemeinschaft und festen Regeln geprägt, wobei diese Regeln je nach Gemeinde unterschiedlich streng ausgelegt werden. Genau das macht es auch so schwierig, die Amish mit einem simplen „Die machen dies nicht und jenes nicht“ zu beschreiben. Moderne Technik wird nicht grundsätzlich deshalb abgelehnt, weil sie modern ist, sondern danach beurteilt, welchen Einfluss sie auf Familie und Gemeinschaft hat. Strom aus dem öffentlichen Netz, Autos oder Telefone im Haus können deshalb problematisch sein, während für bestimmte Zwecke durchaus technische Lösungen gefunden werden. Je länger man sich damit beschäftigt, desto schneller merkt man, dass die Sache erheblich komplizierter ist als das romantische Bild von Menschen, die einfach beschlossen haben, im 18. Jahrhundert wohnen zu bleiben.

Fotografieren ist ebenfalls ein sensibles Thema, vor allem erkennbare Porträts werden von vielen Amish abgelehnt. Und genau deshalb waren unsere früheren Besuche bei Amish-Familien für mich so besonders: Man kann hinterher eben nicht zweihundert Fotos durchsehen und sich dadurch erinnern. Man muss tatsächlich dort gewesen sein, schauen, zuhören und die Bilder ausnahmsweise einmal im Kopf behalten. Wir hatten 2008 und 2010 bereits die Gelegenheit gehabt, bei Amish-Familien zu essen, und dieses Mal wollten wir das unbedingt noch einmal erleben – vor allem für Nadine, die diese Welt bislang hauptsächlich aus unseren Erzählungen kannte. Und natürlich aus Der einzige Zeuge. Seit Harrison Ford in diesem Film zwischen Pferdekutschen und Scheunen herumläuft, hat vermutlich halb Europa zumindest eine ungefähre Vorstellung davon, wie Amish Country auszusehen hat. Dass Harrison Ford dort nicht ständig irgendwo aus einer Scheune auftaucht, muss man dann vor Ort leider verkraften.
Ein solches privates Abendessen zu organisieren war allerdings inzwischen schwieriger geworden. Bei unseren früheren Besuchen hatte man solche Dinner noch leichter über touristische Stellen vermitteln können. Inzwischen liefen diese Kontakte wesentlich diskreter und privater. Ich hatte deshalb vorab über ein Bed & Breakfast in Lancaster Kontakt aufgenommen und unser Abendessen organisiert. Adresse, Termin, alles geregelt. Dachte ich zumindest. Und wer unsere Reisen kennt, weiß bereits: Wenn ich schreibe „alles geregelt“, folgt meistens ein Absatz, in dem überhaupt nichts geregelt ist.
Wir standen also bei Katie Fisher vor der Tür und waren ausgesprochen pünktlich. Nur Katie hatte offenbar keine Ahnung, warum wir da waren. Kein Dinner. Keine Reservierung. Keine erwarteten Gäste aus Deutschland. Nichts. Wir erklärten, wer wir waren und weshalb wir vor ihrem Haus standen, und Katie schaute uns ungefähr so an, wie man Menschen anschaut, die behaupten, sie seien zum Abendessen eingeladen, während man selbst gerade zum ersten Mal davon hört. Das fing hervorragend an. Immerhin wusste sie Rat: Ihre Tochter würde an diesem Abend für Gäste kochen, sagte sie, und gab uns eine andere Adresse. Also wieder ins Auto und weiter. Unser Amish Dinner entwickelte sich langsam zu einer Schnitzeljagd, nur dass am Ende hoffentlich kein Schatz, sondern etwas Essbares wartete.
Zehn Minuten später standen wir vor dem Haus von Sally Esh. Wir klopften. Nichts. Noch einmal. Nichts. Inzwischen war ich mir nicht mehr ganz sicher, ob wir heute tatsächlich bei einer Amish-Familie essen oder einfach systematisch sämtliche Häuser in Lancaster County abklappern würden. Also wieder telefonieren. Cheryl vom B&B versprach, sich darum zu kümmern, und irgendwann tauchte tatsächlich Sallys Mann Melvin auf. Der war erstaunlich entspannt angesichts der Tatsache, dass drei Deutsche vor seinem Haus standen und behaupteten, später dort essen zu wollen. Wir sollten einfach in einer halben Stunde wiederkommen, erklärte er. Das Essen sei geregelt. Mehr Informationen gab es nicht. Dann war Melvin wieder weg. Nach unserer bisherigen Organisation erschien uns das bereits als erstaunlich verbindliche Zusage.
Um 18 Uhr versuchten wir es erneut – und diesmal funktionierte es tatsächlich. Sally begrüßte uns herzlich, und nach und nach trafen auch die anderen Gäste ein. Eine Familie aus New Jersey mit französischen Wurzeln war dabei, Großeltern, zwei Kinder und tatsächlich ein gerade einmal zehn Tage altes Baby. Dazu Sally, zwei ihrer Töchter, ihr kleiner Sohn und wir. Eine ziemlich bunte Gesellschaft saß da schließlich gemeinsam an einem Tisch, obwohl sich die meisten Menschen wenige Minuten zuvor noch nie gesehen hatten. Und genau das war das Schöne daran. Es war kein Restaurant, keine Showveranstaltung und kein inszeniertes „Amish Experience“-Programm für Touristen. Wir saßen tatsächlich bei einer Familie zu Hause und aßen gemeinsam zu Abend.

Und gegessen wurde reichlich. Auf den Tisch kamen unter anderem Fruit Salad with Orange Sauce, selbstgebackenes White Bread und Barbecued Meatballs, später Vanilla Cream Pie und Moist Chocolate Cake mit Peanut Butter Frosting. Schon die Kombination aus Schokoladenkuchen und Peanut-Butter-Frosting machte ziemlich deutlich, dass Kalorienzählen an diesem Abend als unhöflich gegolten hätte. Alles war unkompliziert, hausgemacht und unglaublich lecker. Während des Essens kamen wir ins Gespräch, und genau darauf hatte ich mich eigentlich am meisten gefreut. Wir durften fragen, Sally erzählte, und aus einer vermeintlich völlig fremden Lebenswelt wurde plötzlich ein ganz normaler Abend mit Menschen, die einfach in vielen Dingen anders leben als wir. Wir sprachen über Familie, Alltag, Schule, Religion und darüber, wie bestimmte Regeln im täglichen Leben funktionieren. Natürlich blieben für uns trotzdem tausend Fragen offen. Bei mir ist das grundsätzlich gefährlich. Gibt man mir die Erlaubnis zu fragen, muss man mit Folgeschäden rechnen.
Nach dem Essen kam dann ein Moment, an den ich mich besonders gern erinnere. Sally und ihre Töchter stellten sich zusammen und sangen für uns. Kein Mikrofon, keine Begleitung und kein touristischer Auftritt, sondern einfach ihre Stimmen. Drei Lieder waren es. Ein amerikanisches Gebet, anschließend auf Deutsch „Gott ist die Liebe“ und schließlich „Amazing Grace“. Mehrstimmig, ruhig und wunderschön. Gerade das deutsche Lied mitten in Pennsylvania war so ein Moment, bei dem man kurz daran erinnert wurde, wie eng die Geschichte dieser Menschen noch immer mit Europa verbunden ist. Wir saßen einfach da und hörten zu. Nach einem Tag, der morgens mit einer Harley-Fabrik begonnen hatte, hätte ich mir keinen größeren Gegensatz ausdenken können: erst Pressen, Stahl und Motorräder, am Abend drei Frauenstimmen in einem Amish-Haus auf dem Land.
Zum Abschluss zeigte Sally uns noch einige Handarbeiten, die man kaufen konnte, und außerdem ein Kochbuch mit den Rezepten der Gerichte, die wir gerade gegessen hatten. Das musste natürlich mit. Schließlich hatte ich damit theoretisch die Möglichkeit erworben, diesen Abend kulinarisch zu Hause nachzubauen. Theoretisch ist hierbei das entscheidende Wort. Ein Kochbuch besitzt bei mir zunächst einmal dieselbe Funktion wie ein Reiseführer: Es dokumentiert sehr schön, was andere Menschen können. Jetzt musste sich nur noch jemand finden, der die Rezepte tatsächlich kochte.

Irgendwann hieß es Abschied nehmen. „God bless you“, „Have a safe trip“ und „Hope we’ll meet again“ begleiteten uns hinaus, und wenig später saßen wir wieder im Auto. Hinter uns lag ein Tag, der kaum gegensätzlicher hätte sein können. Morgens Baltimore mit Hafen, Geschäften und Großstadtbetrieb, mittags Harley-Davidson mit Stahl, Maschinen und moderner Produktion und am Abend eine Amish-Familie in Lancaster County, bei der vieles ganz bewusst langsamer und anders funktionierte. Und ausgerechnet dieser Abend, bei dem unsere Reservierung zunächst offenbar überhaupt nicht existierte, wurde einer dieser Reiseabende, die einem besonders lange im Gedächtnis bleiben.
Vielleicht sogar gerade deshalb. Die perfekt organisierten Dinge sind schön. Aber die Geschichten beginnen meistens dort, wo jemand an einer Haustür steht und die Person dahinter sagt: „Dinner? Welches Dinner?“

*Ich hatte die ausdrückliche Erlaubnis diese Bilder zu verwenden, da sie nicht das Gesicht der Personen zeigen!















