Las Vegas – Drei Flüge, vier Urlauber und zweimal 20 Dollar für eine Extraportion Luxus
Las Vegas ruft! Und wenn Las Vegas ruft, dann lassen wir uns natürlich nicht zweimal bitten. Schließlich warten dort jede Menge blinkende Lichter, ein bisschen amerikanischer Größenwahn und vermutlich wieder ausreichend Gelegenheiten, unser Reisebudget auf höchst unterhaltsame Weise unter die Leute zu bringen. Bevor wir allerdings auch nur einen einzigen Dollar in einen Spielautomaten werfen können, müssen wir erst einmal hinkommen. Und weil wir beim Buchen offenbar beschlossen haben, dass der Weg ruhig ein bisschen länger sein darf, haben wir uns diesmal eine besonders interessante Flugverbindung ausgesucht.
Stuttgart – Frankfurt – Charlotte – Las Vegas. Drei Flugzeuge, zweimal umsteigen und einmal quer über den Atlantik. Man könnte natürlich auch mit weniger Zwischenstopps nach Las Vegas fliegen, aber das wäre ja beinahe langweilig. Außerdem war diese Verbindung über 100 Euro pro Person günstiger, und bei solchen Beträgen werde ich bekanntlich hellhörig. Für insgesamt 300 Euro können Stefan, Nadine und ich in Las Vegas schließlich schon ganz ordentlich essen gehen. Oder ein paar Cocktails trinken. Oder unser Geld innerhalb von sieben Minuten an einem Spielautomaten verlieren. Die Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt.

Diesmal sind wir übrigens nicht allein unterwegs. Unsere Tochter Nadine kommt mit, was von Anfang an so geplant war. Dass schließlich auch noch unsere Freundin Claudia mit von der Partie sein würde, hat sich dagegen eher zufällig ergeben. Irgendwann, als wir mal in der Mittagspause zusammen essen waren und ich über unsere Reisepläne gesprochen haben, kam von ihr ein völlig beiläufiges: „Ach, da komme ich einfach mit!“ Erst haben wir gelacht, dann überlegt und schließlich festgestellt: Warum eigentlich nicht? Gesagt, getan. Claudia hat kurzerhand ebenfalls einen Flug gebucht. So schnell kann aus einer harmlosen Unterhaltung ein Urlaub in Las Vegas werden. Andere Menschen überlegen drei Wochen, welche Farbe ihre neuen Handtücher haben sollen, Claudia bucht eben mal einen Flug nach Amerika.
Allerdings war auf unserer Verbindung kein Platz mehr frei, weshalb sie mit Delta über Atlanta fliegt. Wir nehmen also unterschiedliche Wege über den großen Teich, haben aber dasselbe Ziel. Laut Flugplan sollen wir sogar ungefähr gleichzeitig in Las Vegas landen. Das klingt nach einer ausgezeichneten Organisation, auch wenn ich aus Erfahrung weiß, dass Flugpläne und die Wirklichkeit gelegentlich ein eher lockeres Verhältnis miteinander pflegen.

Unser Abenteuer beginnt morgens um acht Uhr am Flughafen Stuttgart. Wobei der Tag natürlich schon deutlich früher anfängt, denn schließlich müssen wir erst einmal dorthin kommen. Dafür haben wir uns vorab ein Shuttle-Taxi bestellt, das uns für sensationelle 31,50 Euro zum Flughafen bringt. Ein Pauschalpreis, bei dem man fast schon ein schlechtes Gewissen bekommen könnte. Vor allem, weil unser Fahrer trotz der winterlichen Straßenverhältnisse überpünktlich vor der Tür steht.
Denn während wir gedanklich längst zwischen Palmen und Spielautomaten unterwegs sind, hat der Winter in Stuttgart beschlossen, noch einmal ordentlich nachzulegen. Über Nacht hat es geschneit. Natürlich! Was auch sonst? Es ist Februar, und offenbar möchte uns das Wetter noch einmal eindrucksvoll vor Augen führen, warum wir unbedingt wegwollen. Ich persönlich wäre ja inzwischen durchaus bereit für den Frühling, aber der scheint irgendwo auf einer Liege zu sitzen und seinen Rückflug verpasst zu haben.
Immerhin klappt mit unserem Taxi alles bestens, und so haben wir am Flughafen sogar noch genügend Zeit für ein gemütliches Frühstück. Draußen liegt Schnee, drinnen gibt es Kaffee, und vor uns liegen ein paar tausend Kilometer bis Las Vegas. Eigentlich könnte der Tag kaum besser anfangen.

Unser erstes Flugzeug ist ein kleiner Bombardier-Jet der Lufthansa CityLine, der uns nach Frankfurt bringen soll. Besonders viel Platz ist darin nicht, aber für die kurze Strecke reicht es allemal. Schließlich wollen wir hier keine Eigentumswohnung beziehen, sondern nur ein paar Minuten durch die Gegend fliegen.
Bevor es allerdings losgehen kann, muss unser Flieger erst einmal enteist werden. Wir sitzen also im Flugzeug und schauen zu, wie draußen mit großen Fahrzeugen und reichlich Flüssigkeit dafür gesorgt wird, dass uns unterwegs keine Tragfläche einfriert. Eine durchaus beruhigende Maßnahme, auch wenn ich dabei ständig auf die Uhr schaue. In Frankfurt haben wir nämlich gerade einmal zwei Stunden zum Umsteigen, und ich weiß aus Erfahrung, dass zwei Stunden an einem großen Flughafen nicht all zu viel Zwei ist.
Schließlich geht es los, und nach einem kurzen Hüpfer landen wir in Frankfurt. Jetzt heißt es allerdings nicht etwa gemütlich aussteigen und zum nächsten Gate schlendern. Nein, wir dürfen auch noch das Terminal wechseln. Frankfurt ist schließlich kein kleiner Provinzflughafen, auf dem man vom einen Flugzeug zum anderen winken kann. Hier legt man zwischen zwei Gates durchaus Strecken zurück, für die andere Leute Wanderschuhe einpacken.
Wir marschieren also mit unserem Handgepäck durch die endlosen Gänge, vorbei an Geschäften, Rolltreppen und Menschen aus aller Herren Länder. Für einen gemütlichen Einkaufsbummel bleibt keine Zeit. Als wir endlich unser Gate erreichen, wird es tatsächlich schon höchste Eisenbahn. Das Boarding läuft bereits, und wir schaffen es gerade noch rechtzeitig. Geschafft! Jetzt kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Denke ich zumindest.

Denn kaum sitzen wir im nächsten Flugzeug, beginnt das inzwischen bekannte Schauspiel von vorne. Auch hier müssen erst einmal die Tragflächen enteist werden. Offenbar haben wir heute eine Art Winter-Sonderprogramm gebucht, bei dem man zu jedem Flug eine kostenlose Flugzeugwäsche dazubekommt. Wenigstens sitzen wir inzwischen im richtigen Flieger nach Amerika, und solange der irgendwann abhebt, bin ich zufrieden.
Vor uns liegt nun der lange Flug nach Charlotte. Nadine hat es sich gemütlich gemacht, Stefan ebenfalls, und ich bin wie immer bestens damit beschäftigt, die Umgebung zu beobachten, Fotos zu machen und mich darüber zu freuen, dass wir tatsächlich unterwegs sind. Ein Langstreckenflug ist ja im Grunde eine ziemlich merkwürdige Angelegenheit. Man setzt sich morgens in einen Sessel, bekommt irgendwann etwas zu essen, schaut ein paar Filme, versucht zwischendurch in einer Haltung zu schlafen, die jeder Orthopäde vermutlich sofort verbieten würde, und steigt viele Stunden später auf einem anderen Kontinent wieder aus.
Aber irgendwie gehört das alles dazu. Und spätestens, wenn unter uns die amerikanische Landschaft auftaucht, ist die Müdigkeit sowieso vergessen.
In Charlotte angekommen, wartet die nächste kleine Herausforderung auf uns: die Einreise in die USA. Ich rechne vorsichtshalber schon einmal mit langen Schlangen, jeder Menge Fragen und Beamten, die einen anschauen, als hätte man persönlich vor, die amerikanische Verfassung umzuschreiben. Aber diesmal läuft alles erstaunlich problemlos. Wir kommen flott durch die Passkontrolle, unsere Koffer lassen ebenfalls nicht lange auf sich warten, und auch der Zoll ist schnell erledigt.
Jetzt müssen wir unser Gepäck nur noch einmal abgeben und zum nächsten Terminal weiterziehen. Ich finde dieses amerikanische System ja immer wieder faszinierend. Erst darf man seine Koffer nach dem Langstreckenflug in Empfang nehmen, sie ein paar Meter durch die Gegend schieben und anschließend wieder abgeben. Vermutlich möchte man einfach sicherstellen, dass die Passagiere nach dem stundenlangen Sitzen wenigstens ein bisschen Bewegung bekommen.
Anschließend stehen wir zum dritten Mal an diesem Tag bei der Sicherheitskontrolle. Inzwischen beherrschen wir das Prozedere nahezu blind. Jacken ausziehen, Taschen aufs Band, Flüssigkeiten vorzeigen, alles wieder einsammeln. Wenn das so weitergeht, können wir uns demnächst direkt am Flughafen als Aushilfskräfte bewerben.

Als wir schließlich unser Gate erreichen, hat das Boarding für unseren letzten Flug bereits begonnen. Schon wieder eine Punktlandung! Langsam habe ich den Verdacht, dass unsere Flugverbindung absichtlich so geplant wurde, damit wir bloß nicht auf die Idee kommen, uns irgendwo gemütlich hinzusetzen. Aber immerhin funktioniert alles, und genau darauf kommt es schließlich an. Jetzt trennt uns nur noch ein letzter Flug von Las Vegas.
Unser Airbus A321 bringt uns von Charlotte quer über die Vereinigten Staaten bis nach Nevada. Und hier gibt es tatsächlich etwas, das mich begeistert: WLAN an Bord! Wir können während des Fluges ins Internet. Einfach so! In ungefähr 12.000 Metern Höhe!
Ich finde das ja schon ziemlich sensationell. Während wir irgendwo über Amerika durch die Wolken düsen, kann man plötzlich im Internet surfen, als säße man gemütlich zu Hause auf dem Sofa. Nur dass das Sofa hier angeschnallt ist, gelegentlich wackelt und man für einen Kaffee erst eine Stewardess bemühen muss. Die Technik ist schon erstaunlich. Vor ein paar Jahren war man froh, wenn man im Flugzeug überhaupt einen vernünftigen Film anschauen konnte, und jetzt kann man mitten über Amerika im Internet herumstöbern. Was kommt als Nächstes? Eine Pizzeria, die während des Fluges liefert?
Die Stimmung an Bord ist jedenfalls bestens. Wir haben alle Anschlüsse geschafft, unsere Koffer sind offenbar ebenfalls noch im Rennen, und Nadine und Stefan sorgen zwischendurch dafür, dass auch die albernen Urlaubsfotos nicht zu kurz kommen. Besonders die beiden haben offensichtlich großen Spaß daran, vor der Kamera möglichst wenig seriös auszusehen. Wobei ich zugeben muss, dass Stefan dafür ohnehin kein besonders großes schauspielerisches Talent benötigt.
Draußen zieht inzwischen die amerikanische Landschaft unter uns vorbei. Riesige Flughäfen, endlose Rollbahnen und irgendwann immer mehr trockene, braune Flächen. Wir nähern uns Nevada. Und damit einer Stadt, die mitten in die Wüste gebaut wurde und offenbar irgendwann beschlossen hat, dass normale Beleuchtung etwas für Anfänger ist.
Las Vegas!
Und als hätte heute jemand beschlossen, uns nach den ganzen Umsteigeaktionen doch noch ein bisschen zu belohnen, landen wir sogar 15 Minuten früher als geplant. Das muss man sich einmal vorstellen: Drei Flüge, zwei Umstiege, zweimal Enteisung, dreimal Sicherheitskontrolle, einmal Atlantiküberquerung und am Ende sind wir zu früh da. Ich bin fast ein bisschen enttäuscht, dass wir nicht wenigstens irgendwo einen Anschluss verpasst haben. Schließlich hätte ich dann etwas zu schimpfen gehabt.
Auch unsere Koffer erscheinen erstaunlich schnell auf dem Gepäckband. Offenbar haben sie die ganze Reise genauso sportlich genommen wie wir und sind tatsächlich mit uns in Las Vegas angekommen. Keine Selbstverständlichkeit bei dieser Flugroute, wie ich finde. Ich hätte ihnen durchaus zugetraut, zwischendurch einen kleinen Abstecher nach Miami einzulegen.

Jetzt fehlt eigentlich nur noch Claudia.
Ein Blick auf die Anzeigetafel verrät uns, dass ihr Flug aus Atlanta in ungefähr 25 Minuten landen soll. Perfekt! Unsere getrennten Flugrouten scheinen tatsächlich aufzugehen. Wer hätte gedacht, dass sich vier Menschen von unterschiedlichen Flughäfen aus auf den Weg machen können und am Ende beinahe gleichzeitig in Las Vegas eintreffen?
Damit wir keine unnötige Zeit verlieren, teilen wir uns auf. Nadine bleibt am Flughafen und wartet auf Claudia, während Stefan und ich uns schon einmal um unseren Mietwagen kümmern wollen. Schließlich brauchen wir für die nächsten Tage ein ordentliches Gefährt, und ich bin gespannt, was man uns diesmal andrehen wird. Bei amerikanischen Autovermietungen weiß man ja nie so genau, ob man am Ende mit dem gebuchten Wagen vom Hof fährt oder nach einem halbstündigen Verkaufsgespräch plötzlich das Gefühl hat, ohne Geländewagen, Zusatzversicherung und persönlichen Schutzengel nicht einmal den Parkplatz verlassen zu dürfen.
Aber das ist jetzt erst einmal Zukunftsmusik. Wir sind in Las Vegas! Nach einem langen Reisetag, drei Flugzeugen und einer ziemlich beeindruckenden Menge zurückgelegter Kilometer stehen wir endlich auf amerikanischem Boden. Draußen wartet die Wüste, irgendwo dahinter glitzert der Strip, und in Kürze sollte auch unser vierter Urlauber eintreffen. Bis jetzt hat jedenfalls alles verdächtig gut funktioniert. Und genau das macht mich ein kleines bisschen misstrauisch.
Nachdem wir nun tatsächlich in Las Vegas gelandet sind und unsere Koffer wider Erwarten denselben Urlaubsort gewählt haben wie wir, steht die nächste wichtige Aufgabe auf dem Programm: Wir brauchen ein Auto! Und zwar nicht irgendeines, sondern eines, in das vier Erwachsene samt Gepäck passen. Schließlich haben wir noch einen ordentlichen Roadtrip vor uns, und ich habe wenig Lust, die nächsten Tage mit einem Koffer auf dem Schoß durch Nevada zu fahren.
Also lassen wir Nadine am Flughafen zurück, wo sie auf Claudia wartet, während Stefan und ich mit dem Shuttlebus zur großen Mietwagenstation fahren. Dort wartet bereits Alamo auf uns. Und natürlich beginnt das übliche amerikanische Verkaufsgespräch, das man inzwischen fast schon auswendig mitsprechen könnte. Ob wir nicht lieber ein größeres Fahrzeug hätten? Eine zusätzliche Versicherung vielleicht? Ein Upgrade? Irgendein Rundum-sorglos-Paket, das vermutlich sogar Schäden durch einen Meteoriteneinschlag abdeckt?
Nein, danke. Nein, brauchen wir nicht. Nein, wirklich nicht.
Wir haben schließlich einen Standard-SUV gebucht, und bei Alamo gibt es die sogenannte Choiceline. Das bedeutet, man darf sich aus einer bestimmten Fahrzeugklasse einfach selbst ein Auto aussuchen. Ein bisschen wie beim All-you-can-eat-Buffet, nur dass man am Ende hoffentlich nicht mit dem Teller, sondern mit einem Autoschlüssel dasteht. Wir sind jedenfalls optimistisch und freuen uns schon darauf, zwischen lauter schönen amerikanischen Geländewagen wählen zu können. Die Ernüchterung folgt allerdings ziemlich schnell.
Nachdem wir von einem Mitarbeiter zum nächsten geschickt wurden und schließlich auf dem entsprechenden Parkplatz landen, stehen dort gerade einmal zwei Jeep Liberty. Zwei! Und beide sehen aus, als hätten sie bei der Entwicklung des Kofferraums vergessen, dass Menschen gelegentlich mit Gepäck verreisen.
Wir betrachten die beiden Fahrzeuge, dann unsere Koffer und schließlich uns gegenseitig. Das wird nichts. Vier Erwachsene, mehrere große Reisetaschen und Koffer – da müsste man schon einen Teil der Mannschaft auf dem Dachgepäckträger unterbringen. Und ich bezweifle, dass Claudia begeistert wäre, wenn wir sie nach ihrem langen Flug aus Atlanta mit einem Spanngurt auf dem Dach befestigen. Während Stefan noch überlegt, ob sich die Gepäckstücke vielleicht irgendwie stapeln lassen, entdecke ich auf der anderen Seite des Parkplatzes etwas wesentlich Interessanteres. Einen Ford Explorer!
Und nicht irgendeinen, sondern einen richtig schönen, großen, nagelneuen Explorer. Genau so ein Auto, wie man es sich für einen amerikanischen Roadtrip vorstellt. Viel Platz, ordentlich Komfort und ein Kofferraum, in dem man vermutlich problemlos eine kleinere Studentenwohnung unterbringen könnte.

Ich schaue zum Explorer. Dann zu den beiden Jeep Liberty. Dann wieder zum Explorer. Eigentlich ist die Entscheidung längst gefallen. Das einzige Problem ist, dass der Ford offensichtlich nicht zu unserer gebuchten Fahrzeugklasse gehört. Und leider stehen hier überall Alamo-Mitarbeiter herum, die offenbar nichts Besseres zu tun haben, als darauf zu achten, dass jeder Kunde auch tatsächlich das Auto mitnimmt, für das er bezahlt hat. Einfach einsteigen und davonfahren dürfte also schwierig werden. Außerdem würde es vermutlich spätestens an der Ausfahrt auffallen, wenn wir statt eines Standard-SUV plötzlich mit einem Fahrzeug in der Größe eines Einfamilienhauses auftauchen.
Aber wer nicht fragt, bekommt bekanntlich auch nichts. Also beschließe ich, mein Glück zu versuchen. Und weil wir schließlich in Amerika sind, wo ein kleines Trinkgeld gelegentlich mehr bewirken kann als eine halbstündige Diskussion, nehme ich vorsichtshalber einen 20-Dollar-Schein in die Hand.
Mit meinem freundlichsten Lächeln marschiere ich zu einem der Mitarbeiter, zeige ihm unsere Mietunterlagen und erkläre, dass wir mit vier Personen und unserem Gepäck in den kleinen Jeeps vermutlich ernsthafte Platzprobleme bekommen werden. Ob es denn vielleicht möglich wäre, stattdessen den schönen Ford Explorer dort drüben zu nehmen? Dabei lasse ich die 20 Dollar nicht ganz zufällig sichtbar werden. Der Mann schaut auf unsere Unterlagen, schaut zum Explorer, überlegt kurz und macht schließlich einen kleinen Vermerk auf unserem Mietvertrag. Und dann nickt er. Wir dürfen den Explorer nehmen!
Einfach so! Kein langes Verkaufsgespräch, kein teures Upgrade, keine Diskussion. Ein kleiner Kugelschreiberstrich, 20 Dollar und ein freundliches Lächeln – und schon gehört der große Ford uns.
Ich bin begeistert! Stefan ebenfalls. Vor allem, als wir feststellen, was für ein Schmuckstück wir da gerade ergattert haben. Der Explorer hat erst rund 5.000 Kilometer auf dem Tacho, riecht noch herrlich nach Neuwagen und ist mit allem ausgestattet, was das amerikanische Autofahrerherz begehrt. Ledersitze, Sitzheizung, Keyless Go, Rückfahrkamera und jede Menge Knöpfe, deren genaue Funktion wir vermutlich erst herausfinden werden, wenn wir den Wagen wieder abgeben müssen.
Das ist doch mal ein ordentliches Urlaubsauto! Ich sitze auf meinem Ledersitz und fühle mich, als hätte man uns versehentlich das Fahrzeug des Alamo-Geschäftsführers überlassen. Der einzige Unterschied ist, dass wir es nach dem Urlaub wieder zurückgeben müssen. Und das Beste daran: Dieses Upgrade hätte uns regulär ungefähr 200 Dollar gekostet. Wir haben gerade einmal 20 Dollar investiert. Ich fange langsam an, dieses amerikanische Trinkgeldsystem ausgesprochen sympathisch zu finden.
Jetzt müssen wir allerdings dringend zurück zum Flughafen, denn dort warten schließlich noch Nadine und Claudia. Wir machen uns mit unserem neuen Luxusgefährt auf den Weg und sind gerade dabei, in die „Passenger Pickup“-Straße einzubiegen, als das Telefon klingelt. Nadine! „Wir sind komplett und warten schon auf euch!“
Besser könnte es wirklich nicht laufen. Während wir uns erfolgreich ein größeres Auto organisiert haben, ist Claudia pünktlich aus Atlanta angekommen, und nun stehen die beiden Mädels bereits abholbereit am Flughafen. Wir fahren vor, laden unsere beiden Damen samt Gepäck ein und stellen mit großer Zufriedenheit fest, dass unser Explorer tatsächlich genau die richtige Wahl war. Alles passt problemlos hinein, niemand muss auf einem Koffer sitzen, und auch für die Beine bleibt noch genügend Platz.
Damit ist unsere kleine Reisegruppe endlich vollständig. Vier Leute, ein großer Ford und Las Vegas direkt vor der Nase. Jetzt kann der Urlaub richtig anfangen! Allerdings meldet sich inzwischen ein Problem, das sich auch mit dem schönsten Mietwagen nicht lösen lässt: Wir haben Hunger!
Nach den vielen Stunden in Flugzeugen, Flughäfen und Sicherheitskontrollen könnten wir inzwischen vermutlich einen halben Ochsen verspeisen. Also beschließen wir, zunächst einen kleinen Abstecher zum Orleans zu machen. Dort gibt es nämlich einen Fuddruckers, und damit steht unser erstes amerikanisches Abendessen praktisch schon fest. Burger!
Und zwar richtige amerikanische Burger. Keine dieser traurigen Kreationen, bei denen man nach drei Bissen noch einmal nachschauen muss, ob das Fleisch vielleicht versehentlich unter dem Salatblatt verschwunden ist. Hier bekommt man ordentliche Portionen, bei denen man anschließend erst einmal überlegen muss, ob man sich noch bewegen kann oder besser gleich einen Rollstuhl bestellt.
Wir lassen es uns schmecken und genießen dieses herrliche Gefühl, endlich wieder in Amerika zu sein. Nach einem solchen Reisetag schmeckt ein Burger sowieso doppelt so gut. Wahrscheinlich hätten wir in diesem Moment sogar einen alten Turnschuh mit Ketchup gegessen, solange jemand ein paar Pommes dazugelegt hätte.
Frisch gestärkt geht es anschließend natürlich nicht direkt ins Hotel. Wir sind schließlich in Las Vegas! Und wer nach so langer Anreise einfach ins Bett geht, ohne wenigstens einmal über den Strip gefahren zu sein, hat meiner Meinung nach irgendetwas Grundsätzliches falsch verstanden. Also drehen wir mit unserem neuen Ford erst einmal eine ausgiebige Runde durch die Stadt. Ach, Las Vegas!
Kaum sind wir auf dem Strip, ist dieses ganz besondere Gefühl wieder da. Überall blinkt und leuchtet es, riesige Hotels ragen in den Himmel, Leuchtreklamen konkurrieren miteinander um die Aufmerksamkeit der Besucher, und zwischen all dem Wahnsinn schieben sich endlose Autokolonnen durch die Straßen. Links eine Pyramide, rechts ein Schloss, ein Stück weiter der Eiffelturm. In Las Vegas hat offenbar irgendwann jemand beschlossen, dass man sich die Weltreise sparen kann, wenn man einfach sämtliche Sehenswürdigkeiten auf ein paar Kilometer Wüstenboden stellt.
Und natürlich muss alles größer, heller und verrückter sein als anderswo. Normale Hotels wären schließlich langweilig. Hier braucht man mindestens einen künstlichen Vulkan, ein paar hundert Spielautomaten und eine Beleuchtung, die vermutlich den Stromverbrauch einer mittelgroßen deutschen Stadt übertrifft.
Wir fahren den Strip hinauf und wieder hinunter, schauen aus den Fenstern und freuen uns wie kleine Kinder. Wir kennen Las Vegas inzwischen schon von früheren Reisen, aber diese Stadt schafft es tatsächlich jedes Mal aufs Neue, uns zu begeistern. Vielleicht liegt es daran, dass hier einfach alles ein bisschen übertrieben ist. Vielleicht auch daran, dass man sich in Las Vegas herrlich unvernünftig fühlen darf, ohne dass es irgendjemanden interessiert. Hier fällt man schließlich erst auf, wenn man sich völlig normal benimmt.
Irgendwann siegt allerdings doch die Müdigkeit. Schließlich sind wir schon eine gefühlte Ewigkeit auf den Beinen, und auch der schönste Strip kann irgendwann nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass unsere innere Uhr inzwischen vermutlich völlig orientierungslos ist.
Also wird es Zeit für unser Hotel.

Für die ersten fünf Nächte haben wir uns im RIO einquartiert, einem riesigen Hotel etwas abseits des eigentlichen Strips. Und beim Preis haben wir wieder einmal einen Volltreffer gelandet: Gerade einmal 23 Dollar pro Zimmer und Nacht! Für diesen Betrag bekommt man anderswo kaum einen vernünftigen Parkplatz, hier gibt es dafür ein Zimmer in einem großen Las-Vegas-Hotel mit Casino, Restaurants und allem, was dazugehört.
Wir haben zwei Zimmer gebucht, eines für Stefan und mich und eines für Nadine und Claudia. Eigentlich könnten wir mit diesem Schnäppchen schon mehr als zufrieden sein. Eigentlich. Denn da gibt es noch etwas, das ich unbedingt ausprobieren möchte. Den berühmten 20-Dollar-Trick!
Davon habe ich schon öfter gelesen. Angeblich soll es in Las Vegas funktionieren, beim Einchecken einen 20-Dollar-Schein zusammen mit Kreditkarte und Ausweis über den Tresen zu schieben und freundlich nach einem kostenlosen Zimmerupgrade zu fragen. Eine Art kleine Aufmerksamkeit für den Mitarbeiter, verbunden mit der Hoffnung, dass er irgendwo im Computer noch ein schöneres Zimmer findet.
Natürlich gibt es keine Garantie, dass das funktioniert. Im schlimmsten Fall sind die 20 Dollar weg und man bekommt genau das Zimmer, das man ohnehin gebucht hat. Im besten Fall allerdings … Nun ja. Wir werden sehen.
Nachdem die Sache bei Alamo schon so wunderbar geklappt hat, bin ich inzwischen jedenfalls ausgesprochen experimentierfreudig. Wenn das so weitergeht, könnte ich demnächst versuchen, mit einem 20-Dollar-Schein die amerikanische Staatsbürgerschaft zu bekommen.
Wir marschieren also zur Rezeption, und während Stefan und die Mädels vermutlich einfach nur noch ins Zimmer möchten, bereite ich meinen großen Auftritt vor. Kreditkarte, Ausweis und dazwischen ganz unauffällig ein zusammengefalteter 20-Dollar-Schein. Ich schiebe alles freundlich über den Tresen und frage den Mitarbeiter mit meinem charmantesten Lächeln, ob vielleicht ein kostenloses Upgrade möglich wäre.

Der Mann schaut auf die Unterlagen, tippt ein bisschen auf seiner Tastatur herum, betrachtet seinen Bildschirm und lächelt. Ich lächle zurück. Er tippt weiter. Ich lächle noch ein bisschen mehr. Und tatsächlich: Es funktioniert!
Nicht nur, dass wir ein Upgrade bekommen – nein, der gute Mann scheint heute ausgesprochen großzügig aufgelegt zu sein. Zusätzlich drückt er uns noch verschiedene Gutscheine und Coupons in die Hand, dazu vier Flaschen Wasser. Letzteres klingt zunächst vielleicht nicht besonders spektakulär, aber wer schon einmal in einem amerikanischen Hotel für eine Flasche Wasser einen Preis bezahlt hat, für den man anderswo einen halben Kasten bekommt, weiß solche Kleinigkeiten durchaus zu schätzen.
Doch das eigentliche Highlight kommt erst noch. Wir bekommen zwei frisch renovierte Suiten im Ipanema Tower! Und als wir wenig später unsere Zimmer betreten, bleibt uns tatsächlich erst einmal die Spucke weg. Die Suiten sind riesig, wunderschön eingerichtet und haben eine fantastische Aussicht über Las Vegas. Hier könnte man problemlos ein paar Tage verbringen, ohne sich gegenseitig ständig über die Füße zu stolpern. Nach den engen Flugzeugsitzen der vergangenen Stunden kommt uns das Ganze vor wie ein Umzug vom Campingzelt in eine Luxusvilla.

Wir laufen begeistert durch die Zimmer, begutachten die Einrichtung, schauen aus den Fenstern und können unser Glück kaum fassen. Für gerade einmal 23 Dollar pro Zimmer und Nacht wohnen wir jetzt in frisch renovierten Suiten, für die andere Gäste ein kleines Vermögen bezahlen. Natürlich muss ich sofort nachrechnen. Das ist schließlich mindestens genauso schön wie der Blick aus dem Fenster.
Das Upgrade beim Mietwagen hat uns ungefähr 200 Dollar gespart. Bei den beiden Hotelsuiten beträgt die Ersparnis gegenüber dem regulären Preis sogar rund 430 Dollar pro Zimmer, wobei ich meine kleine 20-Dollar-Investition natürlich bereits berücksichtigt habe. Macht zusammen eine Summe, bei der ich langsam überlege, ob wir nicht einfach den ganzen Urlaub mit Trinkgeld finanzieren sollten.
Zweimal 20 Dollar ausgegeben und dafür Leistungen im Wert von über 1.000 Dollar zusätzlich bekommen!
Ich finde, das ist eine ausgesprochen erfreuliche Bilanz für unseren ersten Abend. Stefan sollte sich allerdings keine falschen Hoffnungen machen. Nur weil ich heute zweimal freiwillig 20 Dollar hergegeben habe, bedeutet das noch lange nicht, dass ich plötzlich verschwenderisch geworden bin. Im Gegenteil! Ich betrachte das Ganze als eine äußerst erfolgreiche Investition. Andere Menschen kaufen Aktien, ich verteile eben Geldscheine an Hotelangestellte und Autovermieter. Zumindest heute scheint meine Methode die bessere Rendite abzuwerfen.
Inzwischen sind wir allerdings wirklich hundemüde. Unsere Körper befinden sich vermutlich noch irgendwo zwischen Stuttgart und Charlotte, während wir bereits in Las Vegas in unseren riesigen Betten liegen. Draußen funkelt die Stadt, die offenbar niemals schläft, und drinnen sind vier Urlauber kurz davor, genau das zu tun. Was für ein erster Tag!
Drei Flüge, zweimal umsteigen, vier pünktlich angekommene Kofferbesitzer, ein nagelneuer Ford Explorer, riesige Burger, eine Runde über den Strip und schließlich zwei Luxussuiten zum Preis einer besseren Besenkammer. Wenn das so weitergeht, werden wir am Ende unseres Urlaubs vermutlich mit einer eigenen Boeing nach Hause fliegen.
Aber erst einmal genießen wir unsere wunderbaren Zimmer und freuen uns auf die kommenden Tage. Wir lieben Las Vegas! Diese völlig verrückte Stadt hat uns schon vor Jahren in ihren Bann gezogen, und kaum sind wir wieder hier, wissen wir auch wieder, warum. Hier ist einfach alles möglich. Offenbar sogar, für 20 Dollar ein bisschen Luxus zu bekommen. Ich sollte mir vorsichtshalber noch ein paar Zwanziger besorgen. Man weiß ja nie, wofür die noch gut sein könnten.



















