Von mutigen Rope-Swingern am Corona Arch
bis zur Goldstunde am Delicate Arch

Nach dem Frühstück im Hotel – quasi mitten auf der belebten Main Street von Monticello, irgendwo zwischen Pick-up, Kaffeebecher und morgendlichem Smalltalk – packen wir zusammen und starten in den Tag. Unser Ziel: Moab. Unser Rückzugsort für die nächsten beiden Nächte. Rund 70 Meilen, etwa eine gute Stunde Fahrt, also eigentlich eine dieser Strecken, die man „mal eben“ runterspult. Eigentlich.

Frühstück

Denn natürlich kommt es anders.
Schon kurz nach dem Start taucht rechterhand ein vertrautes, leicht skurriles Highlight auf: der Hole-in-the-Rock Souvenir Shop. Dieser Ort ist weniger Laden und mehr Freilichtmuseum amerikanischer Roadtrip-Kultur. Also: Blinker raus, rübergezogen, ausgestiegen.

Hole in the Rock Souvenir Shop

Wir schauen wirklich alles an. Und damit meine ich alles. Nummernschilder aus allen Bundesstaaten (und Jahrzehnten), alte Zapfsäulen, rostige Kunstwerke, schräge Skulpturen, indianisch angehauchte Holzfiguren, ein Jeep, der aussieht, als hätte Mad Max ihn restauriert, und irgendwo dazwischen Souvenirs, die man weder braucht noch erklären kann – aber genau deshalb liebt. Man könnte hier locker eine Stunde verbringen und hätte immer noch nicht alles gesehen.

Kurz gesagt: Ein Pflichtstopp. Nicht spektakulär im klassischen Sinn, aber herrlich schräg, sympathisch und hundertprozentig USA. Genau die Sorte Ort, bei der man hinterher sagt: „Gut, dass wir angehalten haben.“

Irgendwann reißen wir uns los, steigen wieder ins Auto und nehmen endgültig Kurs auf Moab. Die Landschaft öffnet sich, die roten Felsen rücken näher, und langsam schaltet der Kopf vom Roadtrip-Modus in Arches-und-Canyon-Vorfreude. Moab kann kommen.

Nach dem kurzen Fotostopp am Wilson Arch – Pflichtbild, versteht sich – rollen wir weiter Richtung Moab. Unser eigentliches Ziel liegt jedoch ein kleines Stück abseits der Stadt, an der Potash Road (HWY 279). Kaum zehn Meilen nach der Abzweigung erreichen wir den großzügig ausgeschilderten Parkplatz des Corona Arch Trailhead. Alles wirkt entspannt. Fast schon zu entspannt, wenn man noch nicht weiß, was einen gleich erwartet.

Wilson Arch

Der Trail zum Corona Arch ist mit rund 2,5 Kilometern pro Strecke überschaubar, aber er hat es in sich. Gleich zu Beginn geht es ordentlich bergauf – nicht dramatisch, aber eindeutig ein Statement: „Hallo, ich bin kein Spaziergang.“ Die Sonne brennt, der rote Fels reflektiert die Hitze, und man merkt schnell, dass festes Schuhwerk hier keine optionale Empfehlung ist, sondern eine sehr gute Idee.

Corona Arch Trail

Nach diesem ersten Anstieg erreichen wir die alten Eisenbahngleise, die sich schnurgerade durch die Landschaft ziehen. Ab hier wird der Weg angenehmer – fast schon gemütlich. Wir folgen den Gleisen ein Stück nach links, genießen den Blick auf den Colorado River, der tief unten träge durch den Canyon fließt, und fühlen uns ein wenig wie Statisten in einem Westernfilm, in dem gleich irgendwo eine Dampflok auftauchen müsste.

Corona Arch Trail

Ein rustikales Holztor markiert den Übergang in den eigentlichen Trail. Dahinter wird es wieder spannender. Der Pfad schlängelt sich durch die Felsen, mal sandig, mal felsig, immer gut sichtbar – vor allem dank der Cairns, die zuverlässig den Weg weisen. Verlaufen ist hier schwierig, aber nicht unmöglich, wenn man es wirklich drauf anlegt.

Und dann kommt der Teil, der diesen Trail so besonders macht: die ausgesetzten Passagen. Plötzlich stehen wir vor glatten Felsplatten, die deutlich steiler sind, als sie auf Fotos wirken. Hier helfen fest installierte Stahlseile, an denen man sich nach oben zieht. Kurz darauf folgt eine Metallleiter, die scheinbar einfach so an den Fels „angelehnt“ wurde. Nichts für Akrophobiker – aber genau richtig für alle, die sich kurz fragen wollen, ob sie das jetzt wirklich tun… und es dann natürlich trotzdem tun.

Corona Arch Trail

Oben angekommen öffnet sich die Landschaft, und mit jedem Schritt wächst die Spannung. Dann taucht er auf – erst unscheinbar, dann immer gewaltiger: der Corona Arch. Monumental. Mächtig. Und so perfekt geformt, dass man unweigerlich stehen bleibt und erst einmal nur schaut. Kein Zaun, keine Absperrung, keine Ranger, die irgendetwas erklären – nur wir, der Fels und diese unglaubliche Naturkulisse.

Direkt daneben wartet noch ein Bonus, den man nicht unterschätzen sollte: der Bow Tie Arch. Schlanker, eleganter, fast filigran – wie der kleine, stylische Bruder des Corona Arch. Von unten betrachtet wirkt er fast unrealistisch, wie ein sauber ausgeschnittenes Loch im Fels, als hätte jemand mit sehr viel Geduld und sehr wenig Werkzeug nachgeholfen.

Bow Tie Arch

Wir setzen uns, trinken Wasser, lassen den Blick schweifen und sind uns einig: Dieser Trail hat alles. Kurze Distanz, spektakuläre Landschaft, ein bisschen Nervenkitzel und zwei Naturwunder auf einmal. Genau die Art von Wanderung, bei der man am Ende denkt: „Warum ist das hier eigentlich nicht überlaufen?“ – und im nächsten Moment froh ist, dass es genau nicht so ist.

Der Corona Arch ist schlichtweg ein Koloss. Mit einer Spannweite von 42,7 Metern und einer Höhe von 32 Metern steht er da wie ein steinernes Ausrufezeichen in der Landschaft – imposant, massiv und völlig unbeeindruckt davon, was Menschen hier so treiben. Und genau das tun sie: Dinge, bei denen mir allein vom Zuschauen leicht die Knie weich werden.

Corona Arch

Kaum angekommen, wird klar: Heute ist hier nicht nur Sightseeing angesagt, sondern Actionprogramm. Wagemutige Rope-Swinger haben den Arch zur wohl spektakulärsten Schaukel der Welt erklärt. Einer nach dem anderen stürzt sich ins Leere, nur gesichert durch ein Seil, schwingt unter dem Arch hindurch und taucht mit breitem Grinsen wieder auf. Auf dem Arch selbst balancieren mehrere Abenteurer seelenruhig herum, als wäre das hier ein Bürgersteig und nicht ein mehrere Dutzend Meter hoher Felsbogen. Und als wäre das noch nicht genug, seilt sich eine junge Frau mitten vom Arch ab – kontrolliert, routiniert, völlig angstfrei. Ich beschließe spontan: Das Zuschauen reicht mir vollkommen.

Solche Aktionen sind hier möglich, weil der Corona Arch nicht Teil eines Nationalparks ist. Kein Ranger, kein Verbotsschild, keine erhobenen Zeigefinger – nur Fels, Freiheit und eine ordentliche Portion Respekt vor der Höhe. Und offensichtlich auch vor der eigenen Vorbereitung, denn das Ganze wirkt erstaunlich professionell organisiert. Funkgeräte, klare Absprachen, konzentrierte Gesichter. Das ist kein Leichtsinn, das ist kontrollierter Wahnsinn.

Wir machen es uns derweil gemütlich und gönnen uns ein kleines Picknick im Schatten des Arches. Von hier aus beobachten wir das Spektakel wie bei einer Live-Show in einer Naturarena. Immer wieder Funksprüche, kurze Pausen, dann der Moment: Absprung. Seil spannt sich. Herz bleibt kurz stehen. Applaus. Wieder und wieder. Es ist faszinierend, ein bisschen irre – und vor allem: unglaublich unterhaltsam.

Der Corona Arch liefert heute alles: Naturwunder, Nervenkitzel und beste Unterhaltung. Ganz ohne Eintritt, ganz ohne Absperrband. Und wir mittendrin – mit staubigen Schuhen, staunenden Augen und dem leisen Gedanken: Gut, dass wir hier nur Zuschauer sind.

Nach etwa einer Stunde lösen wir uns schließlich vom Corona Arch – nicht ohne ein letztes Schulterblick-Ritual – und rollen zurück nach Moab. Dort beziehen wir unser Quartier für die nächsten zwei Nächte: die Kokopelli Lodge. Klein, bunt, entspannt. Genau richtig nach einem Tag voller Staub, Stein und Adrenalin. Kein Schnickschnack, aber Charakter. Und vor allem: Betten.

Bevor wir uns der nächsten Wanderung widmen, erledigen wir noch eine der wichtigsten Tagesaufgaben: Essen. Bei Eddie McStiff’s landen Burger auf dem Tisch, die genau wissen, was sie sein wollen. Saftig, ehrlich, keine Diskussionen. Stefan nickt zufrieden – ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Tag kulinarisch offiziell gerettet ist.

Viel Zeit zum Verdauen bleibt allerdings nicht, denn das nächste Highlight wartet schon. Sonnenuntergang am Delicate Arch. Pflichttermin. Kein Verhandeln.

Also fahren wir in den Arches National Park und steuern den Parkplatz an der Wolfe Ranch an. Hier beginnt der Trail – und gleichzeitig ein kleiner Zeitsprung. Die alte, halb zerfallene Blockhütte steht noch immer da, daneben der Vieh-Corral. Man muss nicht viel Fantasie haben, um sich vorzustellen, wie hier vor über hundert Jahren jemand versucht hat, dem Leben in dieser Landschaft Herr zu werden. Spoiler: Es war vermutlich nicht gemütlich.

Wolfe Ranch

Die Sonne meint es ernst. So richtig ernst. 35 Grad, kein Wind, kein Baum, kein Mitleid. Schatten ist hier eher ein philosophisches Konzept als ein real existierender Zustand. Kaum haben wir die kleine Holzbrücke hinter uns gelassen, geht es los: sandiges, felsiges Gelände, leicht ansteigend, komplett schattenlos. Jeder Schritt wird bewusster gesetzt, jeder Schluck Wasser innerlich gefeiert. Trinkflasche leer? Existenzfrage.

Schon bald erreichen wir den sogenannten Slickrock – eine riesige, glatte Felsplatte, die wir nun erklimmen dürfen. „Wandern“ ist hier ein sehr wohlwollender Begriff. Der Fels speichert die Hitze, reflektiert sie und gibt sie großzügig an uns zurück. Kleine Wacholderbäume wachsen tapfer aus schmalen Felsspalten, als wollten sie sagen: Seht her, es geht – also stellt euch nicht so an.

Der Weg zum Delicate Arch ist eigentlich nicht zu verfehlen. Erstens, weil es nur eine Richtung gibt: bergauf. Zweitens, weil uns unzählige kleine Steinmännchen den Pfad weisen. Und drittens, weil zu dieser Tageszeit genug Leidensgenossen unterwegs sind, die uns den Weg quasi freischwitzen.

Der Trail überwindet immerhin 150 Höhenmeter, und mit jedem Schritt scheint die Sonne näher zu kommen. Die wenigen Sträucher am Wegesrand spenden einen Schatten, der so klein ist, dass er eher für einen Schuh als für einen Menschen reicht – aber man nimmt, was man kriegt.

Von oben kommen uns Wanderer entgegen, die aufmunternde Klassiker rufen wie:

„Just 400 feet!“
„Almost there!“
„Right around the corner!“

Aufgeben? Keine Option. Wir wollen diesen Arch sehen. Notfalls kriechend, rollend oder auf allen Vieren. Stefan legt eine kurze Pause ein. Sehr kurz. Siehe Bild. Diskussion zwecklos. Es geht weiter.

Nicht alle halten durch – einige drehen bereits um, Gesichtsausdruck irgendwo zwischen Einsicht und Kapitulation. Wir hingegen kämpfen uns weiter nach oben. Das letzte Stück des Trails führt entlang einer Felskante, die Konzentration verlangt. Bevor wir die finale Kurve nehmen, biegen wir noch kurz zum Frame Arch ab.

Und dann passiert es:
Ein erster Blick auf den Delicate Arch – durch einen Arch auf den Arch.
Alle Strapazen? Für diesen Moment vergessen.

Delicate Arch & Frame Arch

Schließlich erreichen wir die letzten Meter entlang der Felswand. Und dann passiert etwas, das man weder planen noch üben kann: Man biegt um die Ecke – und da ist er.

Der Delicate Arch. Einfach so. Ohne Vorwarnung. Ohne Teaser. Kein „Ach, da vorne müsste er gleich kommen“. Nein. Er ist plötzlich da.

Und genau das macht diese Wanderung so besonders: Man sieht den Delicate Arch kein einziges Mal, bis man wirklich oben angekommen ist. Kein Spickzettel, kein Vorschaubild, kein „fast da“. Nur Hitze, Schweiß, Zweifel – und dann dieser Moment, in dem alles andere sofort egal ist. Die Strapazen des Weges lösen sich in Luft auf. Verdunstet. Wie Wasser bei 35 Grad.

Delicate Arch

Die Natur hat hier offenbar entschieden: „Das wird mein Meisterstück.“

In einem natürlichen Amphitheater öffnet sich ein gewaltiger Sandsteinkessel, und auf dessen Rand thront er – Utahs Wahrzeichen. Majestätisch, perfekt geformt, völlig unbeeindruckt vom menschlichen Staunen. Im Hintergrund: die schneebedeckten Gipfel der La Sal Mountains. Ein Anblick, bei dem selbst abgebrühte Roadtrip-Veteranen kurz still werden.

Der Rand dieses Kessels dient gleichzeitig als Tribüne. Und was für eine. Dutzende Fotografen, Stativen gleich, reihen sich wie bei einem Open-Air-Konzert. Wir sichern uns einen Platz in der ersten Reihe, bauen unser Stativ auf und gönnen uns ein kleines Picknick – schließlich hat man sich diesen Logenplatz redlich verdient.

Langsam senkt sich die Sonne. Und mit ihr ändert sich das Licht. Der Arch wechselt seine Farbe gefühlt im Minutentakt: warm, weich, dramatisch. Die Stimmung ist fast schon feierlich. Menschen fotografieren sich gegenseitig im Rahmen des Arch, tauschen Tipps, Snacks und Begeisterung. Es wird gelacht, gestaunt, geschwiegen.

Und dann – zack – ist sie da: die berühmte Golden Hour. Wobei „Hour“ maßlos übertrieben ist. Realistisch gesehen reden wir von fünf goldenen Minuten, maximal. Der Delicate Arch glüht plötzlich in einem tiefen Rot, als hätte jemand den Sättigungsregler bis zum Anschlag gedreht. Die Kameras rattern. Serienbildmodus. Jetzt.

Delicate Arch

Ab diesem Moment hört der Spaß allerdings schlagartig auf – zumindest für alle, die sich noch unter dem Arch aufhalten. Die werden nun unmissverständlich, lautstark und kollektiv ausgebuht und ausgepfiffen. Einige kapieren sofort und verschwinden hektisch aus dem Bild. Andere genießen die Aufmerksamkeit sichtlich und posieren noch ein bisschen länger. Mutig. Oder lebensmüde.

Uns gelingt es trotzdem, eine ganze Reihe wunderschöner Aufnahmen einzufangen – mit Menschen, ohne Menschen, mit Drama, ohne Drama. Alles dabei. Nur wenige Minuten später ist der Zauber vorbei. Licht weg. Bühne dunkel. Applaus im Herzen.

Delicate Arch

Wir machen uns auf den Rückweg. Als wir den Slickrock erreichen, ist es bereits stockdunkel. Aber mit Taschenlampen, etwas Vorsicht und erstaunlich flottem Tempo stehen wir nach 35 Minuten wieder sicher am Auto.

Was für ein Tag.
Und ich sage es jetzt schon: Das hier war noch längst nicht alles.
Die nächste Eskalationsstufe dieser Landschaft wartet bereits. Fortsetzung folgt.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert