Von der Last Dollar Road über den Ophir Pass bis nach Durango
ein Tag, an dem Asphalt plötzlich Luxus war

Nach dem Frühstück, mit vollem Bauch und einer gesunden Portion Abenteuerlust rollten wir von Montrose aus südwärts auf den HWY 550. Nach rund 36 landschaftlich sehr hübschen, aber wettertechnisch eher depressiven Meilen erreichten wir gegen 10 Uhr das kleine Bergdorf Ouray – eingerahmt von steilen Felswänden, Wasserfällen und Wolken, die aussahen, als hätten sie heute definitiv keine Lust auf Postkartenmotive.

Ouray

Eigentlich hatten wir einen ziemlich heldenhaften Plan: Alpine Loop ab Ouray, dann über den legendären Million Dollar Highway Richtung Durango. Hochalpin, spektakulär, episch. Der Engineer Pass stand ganz oben auf unserer Wunschliste – zumindest theoretisch. Praktisch hingegen hing der Himmel tief, grau und schwer über den San Juan Mountains, und der Regen hatte in den letzten Tagen ganze Arbeit geleistet. Die Sorte Wetter, bei der selbst erfahrene Jeeps kurz überlegen, ob sie heute wirklich aus dem Bett wollen.

Die Natur übernahm also freundlicherweise die Entscheidungsfindung für uns – und strich den Engineer Pass kommentarlos von der Liste. Im Visitor Center bestätigte uns eine äußerst freundliche Dame genau das, was wir innerlich längst ahnten: Alpine Loop? Vergiss es. Zu nass, zu matschig, zu rutschig. Engineer Pass aktuell eher Kategorie „Mutprobe mit Abschleppgarantie“. Sicherheit geht vor – also baten wir um eine Alternative, gerne mit Abenteuerfaktor, aber ohne lebensverlängernde Maßnahmen.

Die Antwort kam prompt und mit leuchtenden Augen:

Last Dollar Road.
Allrad notwendig, ja.
Ein paar Wasserstellen, ja.
Aber alles halb so wild.

„You’ll be fine“, sagte sie – dieser Satz, der in den USA gleichzeitig beruhigend und leicht beunruhigend klingt.

Gesagt, getan.

Last Dollar Road

Schon kurz nach dem Abbiegen wurde klar: Diese Straße ist kein Geheimtipp, sie ist eine Einladung. Eine Einladung an Schlamm, Pfützen, Kühe und einen Jeep, der sich bis dahin noch für relativ sauber gehalten hatte. Gleich zu Beginn begegnete uns eine einsame Zapfsäule mitten im Nirgendwo – keine Erklärung, keine Zivilisation, nur sie. Warum sie dort steht? Gute Frage. Vielleicht aus Prinzip.

Dann Kühe. Viele Kühe. Neugierig, tiefenentspannt und absolut unbeeindruckt von unserem Offroad-Ehrgeiz. Danach die Einfahrt zur Last Dollar Ranch, ein Bilderbuchmotiv – und spätestens hier war klar: Diese Strecke wird großartig.

Und dann kamen die Pfützen.
Nicht diese harmlosen „Ach, da fahr ich mal drüber“-Dinger. Sondern ausgewachsene, schlammige Seen mit unklarem Untergrund und eindeutigem Spaßpotenzial.

Wir hielten nicht an.
Wir zögerten nicht.
Wir fuhren mit Schwung.

Der Jeep tat, was ein Jeep tun muss: pflügen, spritzen, matschen. Der ehemals weiße Lack verschwand unter einer neuen, sehr individuellen Tarnfarbe namens Colorado Brown. Schlamm tropfte traurig von den Kotflügeln, und wir grinsten wie Kinder auf dem Spielplatz. Genau so muss sich Freiheit anfühlen. Das Beste daran: Wir waren allein.

Keine anderen Fahrzeuge, keine Gegenverkehrs-Panik, keine Zeugen. Die Last Dollar Road gehörte an diesem Tag nur uns, dem Regen und ein paar sehr irritierten Rindern.

Nach etwa 18 intensiven, wunderschönen, schlammverzierten Meilen spuckte uns die Strecke schließlich wieder auf festen Asphalt aus – den HWY 145 Richtung Telluride. Der Jeep sah aus, als hätte er gerade ein Offroad-Rennen gewonnen, wir fühlten uns genauso.

Kein Alpine Loop.
Kein Engineer Pass.

Aber dafür eine Strasse, die mindestens genauso viel Abenteuer geliefert hat – nur eben mit mehr Schlamm und weniger Höhenangst. Manchmal weiß die Natur einfach besser, was man braucht.

Last Dollar Road

Als wir schließlich in Telluride ankommen, fühlt es sich ein bisschen so an, als wären wir versehentlich in einen alten Westernfilm hineingefahren – nur mit deutlich besserer Cafédichte. Das ehemalige Gold- und Silberstädtchen liegt im engen Tal des San Miguel River, eingerahmt von den mächtigen San Juan Mountains, die aussehen, als hätten sie extra für diesen Auftritt noch einmal Haltung angenommen.

Wir parken unseren extrem dekorativ verschlammten Jeep am Straßenrand. Während Telluride geschniegelt, geschniegelt und geschniegelt wirkt, sieht unser Wrangler eher so aus, als hätte er gerade einen Schlammcatching-Wettbewerb gewonnen. Passt aber irgendwie. Abenteuer darf man sehen.

Hungrig wie zwei Goldsucher nach Feierabend stolpern wir eher zufällig in den Floradora Saloon. Kein großes Planen, kein Yelp, kein „Das soll gut sein“ – einfach rein, weil’s passt. Und es passt. Rustikal, gemütlich, genau richtig nach einem Tag voller nasser Schotterpisten und spontaner Entscheidungen. Das Essen? Solide, ehrlich, sättigend – genau das, was man braucht, bevor man wieder loszieht, um Geschichte, Landschaft und Höhenmeter zu sammeln.

Gestärkt setzen wir unseren Spaziergang entlang der Main Street fort. Telluride lebt – kleine Läden, bunte Fassaden, Cafés, Bars, Menschen mit Regenjacken und Outdoor-Schuhen, die aussehen, als wären sie entweder gerade vom Trail gekommen oder gleich wieder verschwunden. Am Ende der Straße öffnet sich der Blick, und plötzlich steht man da und schaut auf die Bridal Veil Falls, die sich spektakulär über die Felsen stürzen, direkt neben der historischen Smuggler-Union Hydroelectric Powerplant, die wie ein Filmset auf die Klippe gesetzt wirkt. Postkartenmotiv, ganz ohne Postkarte.

Eigentlich war Telluride gar nicht geplant. Eher so ein „Na gut, dann halt hier“-Moment. Also kramen wir die Karte hervor, die wir im Visitor Center in Ouray bekommen haben, und überlegen, wie wir nun am cleversten nach Durango kommen. Und da fällt es uns auf: Wenn wir dem HWY 145 weiter nach Süden folgen, zweigt dort eine kleine Straße ab, die direkt nach Silverton führt. Von dort wäre es nur noch ein Katzensprung auf dem berühmten Million Dollar Highway (HWY 550) nach Durango. Klingt gut. Klingt logisch. Klingt… verdächtig einfach.

Also machen wir das einzig Vernünftige: Wir gehen ins Visitor Center von Telluride und fragen nach. Die freundliche Dame dort hört sich unseren Plan an, nickt – und sagt dann dieses eine Wort: Ophir Pass.

Sie schaut uns an und fragt, was wir fahren.
„Wrangler Jeep.“
Kurze Pause.
Ratloser Blick.

Offensichtlich ist „Wrangler“ kein geläufiges Wort in ihrem Fahrzeug-Universum. Also erkläre ich geduldig, dass es sich um 4WD, hohe Bodenfreiheit, Gelände erprobt handelt – sinngemäß: kein Mietwagen mit Todessehnsucht.

Sie lächelt, winkt ab und sagt sinngemäß: Wenn man ein bisschen Erfahrung mit Passstraßen hat, sei der Ophir Pass absolut machbar. Die Straße sei relativ breit, nichts Wildes – und wenn es uns nicht gefällt, könnten wir ja jederzeit umdrehen. Beruhigend. Sehr beruhigend.

Ich erwähne beiläufig, fast schon stolz, dass wir über die Last Dollar Road nach Telluride gekommen sind.

Ihr Lächeln wird breiter.
„Oh… dann ist der Ophir Pass easy-peasy.“
Na dann. Mehr Einladung braucht man nicht.

Ein bisschen Offroad, ein bisschen Abkürzung, ein bisschen Abenteuer – und schon ist der nächste Abschnitt des Roadtrips beschlossene Sache. Durango kann warten. Der Berg ruft.

Bridal Veil Power Plant, Telluride


Kleiner Infokasten – oder: Was wir erst danach über Offroad Klassifizierung gelernt haben


Um das Abenteuer im Rückspiegel noch ein kleines bisschen… sagen wir: lehrreicher zu machen, hier ein kurzer Exkurs in die Offroad-Klassifizierung.
Ein Thema, mit dem wir uns – völlig überraschend – erst nach unserer Ophir-Pass-Erfahrung beschäftigt haben. Timing ist alles.

Offroad-Strecken werden in den USA grob in fünf Schwierigkeitsgrade eingeteilt:

Class 1 – leicht
Auch mit normalem Pkw machbar. Kaffee bleibt im Becher.
Class 2 – mäßig
Nicht technisch anspruchsvoll. Genau unser Ding.
Beispiel: Last Dollar Road ✔️
Class 3 – anspruchsvoll
Hochfahrzeuge empfohlen, trockenes Wetter sehr hilfreich.
Puls steigt, aber noch kontrollierbar.
Class 4 – sehr anspruchsvoll
Jetzt wird’s ernst. Traktion, Bodenfreiheit, Erfahrung – alles Pflicht.
Class 5 – äußerste Vorsicht erforderlich
Fehler werden hier nicht mehr verziehen. Punkt.

Und jetzt kommt der lustige Teil:
👉 Die Last Dollar Road = Class 2
👉 Der Ophir Pass = Class 4 (!)

Ein herzliches Dankeschön an die freundliche Dame im Visitor Center für den entspannten Hinweis, eine Class-4-Road bei Regen zu fahren. Aber hey – die Straße ist ja breit. Und falls es uns nicht gefällt, können wir ja einfach umdrehen.

Kleines Detail am Rande:
Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nichts von diesen Schwierigkeitsgraden.
Sonst hätten wir vermutlich…
na gut. Wahrscheinlich wären wir trotzdem gefahren. 😏

Wir rollen also weiter auf dem HWY 145 mit diesem naiven Urlaubs-Optimismus im Gepäck, der einem sagt: „Ach komm, das wird schon.“ Spoiler: Wird es nicht. Zumindest nicht sofort. Denn natürlich verfehlen wir die Abzweigung. Nicht so spektakulär „wir stehen plötzlich in Mexiko“-mäßig, sondern eher diese Sorte Verfehlen, bei der man noch zehn Minuten tapfer so tut, als wäre das alles genau so geplant gewesen – bis wirklich jedem klar ist: Wir entfernen uns gerade sehr engagiert von unserem Ziel. Also wenden wir. Elegant? Nein. Eher so „Wende mit beleidigter Würde“. Und dann finden wir sie endlich: diese unscheinbare Straße, die aussieht wie „hier geht’s zu einem Bauernhof“ – und in Wahrheit führt sie direkt nach Ophir und dem Ophir Pass, dem Ding, das in Reiseführern gerne so harmlos klingt, als würde man da oben gemütlich ein bisschen Aussicht schnuppern.

Ophir

Kaum sind wir auf der Ophir Road, steht da dieses winzige Ophir Post Office am Straßenrand. So klein, dass man fast erwartet, der Briefträger müsse sich zum Stempeln auf die Knie legen. Es hat diesen Charme von „Amerika kann auch Mini“, und ich denke mir noch: Nach dem Ochopee Post Office in Florida ist das hier vermutlich der nächste Kandidat für den Titel „Postamt für Menschen mit sehr wenig Post“. Wir fahren durchs kleine Bergdorf Ophir – und es ist so idyllisch, dass man kurz vergisst, dass wir gleich eine Straße hoch müssen, die offenbar als Prüfung für Charakter, Kupplung und Familienfrieden dient.

Ophir Post Office

Die Straße steigt langsam an, erst durch dichten Wald. Alles wirkt noch halbwegs zivilisiert: Bäume, Grün, ein bisschen „Wir sind abenteuerlustig, aber nicht lebensmüde“. Und dann lichtet sich das Ganze, als würde jemand auf „Colorado – Rohfassung“ umschalten. Plötzlich: schwarze Felsen, Steine, Geröll. Die Natur sagt: „Willkommen. Hier ist keine Haftpflicht mehr.“ Und genau in dem Moment setzt der Regen ein. Nicht dieses freundliche Tröpfeln, bei dem man denkt „ach, wird gleich vorbei sein“, sondern Regen in Strömen, so als hätte jemand über uns den Duschkopf auf „Endgegner“ gestellt. Die Tropfen prasseln aufs Auto, und es fühlt sich an, als würde der Himmel applaudieren – nur leider nicht für unsere Fahrkünste, sondern für die Dramaturgie.

Ophir Pass

Und dann wird’s ernst. Die Straße wird schmaler, einspurig, und sie klebt an einem steilen Hang, der aus groben Felsen und Steinbrocken besteht, als hätte ein Riese mit Kieselsteinen geworfen und gesagt: „Passt schon.“ Wir rollen weiter, und in meinem Kopf läuft diese leise Hoffnung: Bitte sag mir, dass das eine Einbahnstraße ist. Das Universum antwortet sofort. In Form von zwei Fahrzeugen, die uns entgegenkommen. Natürlich. Denn warum einfach, wenn man auch „Begegnungsverkehr auf dem Abgrund“ haben kann?

Ophir Pass

Wir suchen fieberhaft nach einer Ausweichstelle. Und dann entdecken wir sie: eine kleine Ausbuchtung – direkt am Abgrund – und da steht ein winziger Busch, der uns das trügerische Gefühl gibt, er hätte irgendeine Art Schutzfunktion. Als würde dieser Busch sagen: „Keine Sorge, ich halte euch. Ich bin quasi Leitplanke, nur botanisch.“ Wir quetschen uns da rein, halten an, und plötzlich sind wir sehr still. Nicht dieses romantische „still, weil die Natur so schön ist“, sondern still, weil man gerade mit dem Leben verhandelt. Die beiden Fahrzeuge kommen näher, wir beobachten jede Bewegung, und ich denke: Wenn jetzt einer rutscht, dann wird das hier keine Anekdote, sondern eine Dokumentation auf Discovery Channel.

Zum Glück ist die Strecke halbwegs einsehbar, die anderen kommen vorbei, es geht haarscharf gut, und wir atmen wieder. Kurz. Denn die Straße wird danach nicht besser – sie wird… interessanter. Unser Jeep wird heftig durchgerüttelt, wir hüpfen über immer größere Felsbrocken, und das Auto macht Geräusche, die man sonst nur von alten Waschmaschinen kennt, wenn sie beim Schleudern beschließen auszuwandern. Es ist dieses permanente „Klonk – wumm – ratter“, bei dem man unweigerlich anfängt, dem Fahrzeug gut zuzureden. Und ich bin sicher: Stefan fährt äußerlich ruhig, innerlich schreibt er bereits eine Beschwerde-Mail an den Erfinder von Schotter.

Ophir Pass

Von der Aussicht bekommen wir in dieser Phase… sagen wir: eine neblige Idee. Es könnte atemberaubend sein. Es könnte aber auch komplett harmlos sein. Ich weiß es nicht, weil mein Blick hauptsächlich zwischen Straße, Abgrund und dem Gedanken pendelt: „Bitte kein Gegenverkehr. Bitte kein Gegenverkehr.“ Im Nachhinein ist es vielleicht sogar besser so, dass der Nebel uns die ganz große Tiefe erspart. Wer braucht schon Bilder von potenziellen Autowracks irgendwo unten im Tal? Ich nicht. Ich bin im Urlaub. Ich möchte Postkartenmotive, keine True-Crime-Vibes.

Irgendwann – gegen jede Wahrscheinlichkeit und mit einer erstaunlichen Portion Sturheit – überleben wir die Auffahrt und erreichen die Passhöhe: 11.789 Fuß über dem Meeresspiegel. Da oben ist ein weiträumiger Platz, vermutlich als Aussichtspunkt gedacht, und da steht schon ein Jeep. Wir parken daneben, steigen aus und atmen erst mal so tief durch, als hätte man uns gerade von einer Woche Meetings befreit. Ich schwöre, selbst die Luft da oben fühlt sich anders an. Dünner, kälter – und ein bisschen so, als würde sie leise fragen: „Na? War’s lustig?“

Ophir Pass

Aus dem anderen Jeep steigt ein älterer Herr, freundlich, entspannt, geschniegelt – der Mann sieht aus, als hätte er gerade eine Runde Minigolf hinter sich, nicht den Ophir Pass im Regen. Wir erzählen ihm von unserer nervenaufreibenden Fahrt, von der schmalen Straße, dem Abgrund, dem Regen, dem Rütteln. Und er nickt, lächelt – und sagt diesen Satz, der mich innerlich kurz vom Berg schubst: „Ahh – it’s a walk in the park drive up here.“ Ein Spaziergang im Park. Klar. Und wir dachten, wir wären Helden. In Wahrheit sind wir offenbar einfach nur die Leute, die bei „Spaziergang“ schon nach der ersten Treppenstufe schnaufen.

Ophir Pass

Er erzählt stolz, dass er und seine Frau Colorado über die Backways erkunden. Er hat einen Reiseführer dabei, in dem er die gefahrenen Strecken abhakt – wie andere Leute ihre Wellness-Hotels oder Michelin-Restaurants. Seine Frau sitzt im Jeep und steigt nicht aus. Verständlich. Vielleicht hat sie einfach ein gutes Verhältnis zu Risiko – nämlich keins. Und während wir noch versuchen, unser Ego vom Boden aufzusammeln, erklärt er uns, dass der Ophir Pass zwar als Class-4-Road gilt, aber eigentlich „easy“ ist. Im Winter bei Glatteis sei er auch schon drüber, da war’s halt „a bit slippery“, seine Frau hatte „a little scared“, aber „ehhh – no problem“. Ich höre zu und denke: Diese Ehe ist entweder sehr stabil – oder sie hat einen exzellenten Fluchtplan.

Und dann kommt der zweite Teil: Runter nach Silverton. Unser neuer Freund versichert, das sei „a piece of cake“. Und tatsächlich: Auf der anderen Seite wird es angenehmer. Keine riesigen Felsbrocken mehr, eher so ein Feldweg, bei dem man fast denkt: „Ach, guck, Straßenbau war doch irgendwann mal ein Thema.“ Einmal biegen wir natürlich falsch ab – weil warum sollte man nach dem Adrenalin nicht noch eine Bonus-Runde bekommen? Also wieder hoch, wenden an einer etwas breiteren Stelle, korrigieren, weiter. In diesem Moment fühlt sich „breitere Stelle“ an wie Luxus. Wie ein Spa-Bereich. Wie ein kostenloses Upgrade in der Business Class.

Am Ende schaffen wir es. Und ja: Es ist dramatisch. Nicht auf die elegante Film-Art, wo man geschniegelt aussteigt, die Sonnenbrille aufsetzt und im Hintergrund explodiert irgendwas. Eher auf die realistische Art, wo man aus dem Auto steigt, kurz stehen bleibt und sich denkt: „Okay. Ich lebe. Und ich brauche jetzt irgendwas, das nicht wackelt.“

Dann ist es plötzlich da: Asphalt.

Schwarz, glatt, geschniegelt – Highway 550, der ehrfürchtig Million Dollar Highway genannt wird. Nach dem Ophir Pass fühlt sich das an wie frisch gebügelte Bettwäsche nach einer Woche Wildcampen. Endlich wieder Fahrbahnmarkierungen, Leitplanken und dieses beruhigende Gefühl, dass man hier nicht bei jeder Kurve neu mit dem Schicksal verhandeln muss. Wir rollen auf den Highway, und ich merke, wie sich meine Schultern langsam wieder von den Ohren lösen.

Die Landschaft? Großartig. Dramatisch. Kinoformat. Der Million Dollar Highway gibt sich keine Mühe, bescheiden zu wirken: steile Hänge, tiefe Täler, Wolken, die aussehen, als hätten sie einen Exklusivvertrag mit den Bergen. Nach all dem Gerüttel fühlt sich selbst eine normale Kurve plötzlich wie Wellness an. Und genau deshalb beschließen wir: kurzer Abstecher nach Silverton. Obwohl wir am nächsten Tag sowieso mit der Eisenbahn zurückkommen werden. Logik? Überbewertet. Wir sind gerade emotional im Plus.

Silverton empfängt uns wie ein Postkartenmotiv mit Wild-West-Abitur. Bunte Häuserfronten, breite Straße, alles ein bisschen so, als hätte jemand „historisch charmant“ sehr ernst genommen. Ein schnelles Foto – nicht dieses „wir bleiben zwei Stunden“, sondern eher „Beweisfoto, dass wir wirklich da waren“. Dann wieder ins Auto, denn der Highway ruft. Und er ruft laut.

Downtown Silverton

Die Fahrt weiter Richtung Durango ist genau die Art von Straße, die man nach einem Offroad-Abenteuer braucht: spektakulär, aber berechenbar. Hochalpine Kulisse ohne Herzrasen, Kurven ohne Abgrund-Psychoterror. Ich sitze da, schaue raus und denke: So also fühlt sich Vertrauen wieder an. Vertrauen in die Straße. In die Physik. In Leitplanken.

In Durango angekommen, checken wir im Knights Inn Durango ein. Und sagen wir es, wie es ist: Das Knights Inn ist kein Ort, an dem man mit „Designkonzept“ oder „Boutique-Charme“ um sich wirft. Es ist eher die Sorte Motel, die ehrlich sagt: Du brauchst ein Bett? Eine Dusche? Ruhe? Dann bist du hier richtig. Teppichmuster irgendwo zwischen „florale Vergangenheit“ und „hat schon viel gesehen“, aber sauber, funktional – und vor allem: Wir sind froh, einfach nur anzukommen.

Doch bevor wir endgültig in den Modus „horizontal“ wechseln, gibt es noch eine Mission. Eine sehr wichtige. Essen. Und nicht irgendeins. Wir fahren weiter zum Serious Texas Bar-B-Q – ein Ort, der schon im Namen klarstellt, dass hier nicht rumgespielt wird. Serious. Texas. Bar-B-Q. Drei Worte, die Vertrauen schaffen.

Serious Texas Bar-B-Q

Drinnen riecht es nach Rauch, Fleisch und Entscheidungen, die man nicht bereuen wird. Wir bestellen Brisket – und als es kommt, ist klar: Das hier ist keine Mahlzeit, das ist eine Belohnung. Zart, saftig, rauchig, genau richtig. So ein Essen, bei dem Gespräche kurz werden und zufriedenes Nicken die Hauptkommunikation übernimmt. Nach dem Ophir Pass, dem Million Dollar Highway und der emotionalen Achterbahn des Tages fühlt sich jeder Bissen an wie ein offizielles „Ihr habt das heute gut gemacht.“

Später liegen wir im Bett im Knights Inn, satt, müde und erstaunlich ruhig. Draußen ist Durango. Morgen wartet die Eisenbahn nach Silverton. Heute aber ist nur noch dieser Moment wichtig: Wir haben den Ophir Pass überlebt, den Million Dollar Highway genossen und Brisket gegessen.

Ganz ehrlich – mehr Abenteuer braucht ein Tag nicht.

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