Steinzwerge, eine Klapperschlange und null Leitplanken:
ein ganz normaler Tag in Utah
Mit einem herzhaften Frühstück aus der charmanten Tankstelle direkt neben unserem gemütlichen Motel starten wir bestens versorgt in den Tag. Kein Chia-Pudding, kein Flat White – dafür ehrlicher Kaffee, solide Kalorien und das gute Gefühl, genau hier richtig zu sein. Mehr braucht es nicht, wenn Goblin Valley auf dem Tagesplan steht.

Nur 32 Meilen trennen uns von diesem sagenumwobenen Ort, und schon kurz nach dem Losfahren wird klar: Das hier wird wieder einer dieser Tage, an denen man ständig denkt, man müsste eigentlich alle fünf Minuten anhalten. Tun wir auch.
Ein kurzer Stopp am Kathline Rock ist Pflicht – allein schon wegen dieses perfekten Fotomoments: unser Jeep vor gewaltiger Kulisse, rote Felsen, Himmel wie gemalt. Ein Bild, das schreit: Roadtrip. Oder zumindest sehr überzeugend flüstert.

Nach knapp 45 Minuten erreichen wir schließlich das Goblin Valley. Am Eingang des State Parks zahlen wir brav unsere 8 Dollar Eintritt und lassen dafür augenblicklich die Realität hinter uns. Kaum hinter der Schranke, fühlt es sich an, als hätte jemand den Regler von normal auf völlig absurd-schön gedreht. Vor uns öffnet sich eine Landschaft, die aussieht, als hätte sie ein fantasiebegabter Bildhauer mit zu viel Zeit und sehr viel Geduld entworfen.
Am Parkplatz angekommen, stehen wir erst einmal still. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Ehrfurcht. Der Aussichtspunkt dort oben ist mit mehreren Schautafeln bestückt, die brav erklären wollen, wie Wind, Wasser und Millionen Jahre hier gemeinsam gearbeitet haben. Wir lesen ein bisschen, nicken fachmännisch – und starren dann doch wieder einfach nur sprachlos ins Tal.

Von hier oben breitet sich das Goblin Valley wie eine andere Welt unter uns aus. Eine Talsenke, bevölkert von Hunderten steinerner Gestalten, jede anders, jede mit eigenem Charakter. Und als hätten sie es abgesprochen, verlassen gerade die letzten Besucher den Parkplatz. Plötzlich gehört dieser Ort nur noch uns. Kein Stimmengewirr, kein Trubel – nur Stille, Weite und diese unfassbare Kulisse. Gänsehaut-Moment.

Links und rechts der Plattform führen schmale Trampelpfade hinab ins Tal. Keine offiziellen Wege, eher Einladungen. Natürlich lassen wir uns nicht zweimal bitten. Unten angekommen, stehen wir mitten in einem steinernen Labyrinth. Aus der Nähe wirken die Formationen noch absurder, fast lebendig. Manche sehen aus wie kleine Schlümpfe, andere wie kuschlige Kobolde, die sich heimlich umarmt haben und dabei versteinert sind. Es ist unmöglich, hier nicht zu grinsen.
Wir verlieren völlig das Zeitgefühl, laufen, schauen, lachen, verschwinden hinter Felsen und tauchen an völlig unerwarteten Stellen wieder auf. Ungeplant spielen wir eine Runde Verstecken zwischen den Goblins – und ehrlich gesagt: Genau dafür ist dieser Ort gemacht.

Nachdem wir den Park verlassen haben, rollen wir noch etwa fünf Meilen über die Wild Horse Road Richtung Westen. Unser nächstes Ziel: der Little Wild Horse Canyon. Klingt harmlos, fast niedlich. Spoiler: ist es nicht.
Direkt am Trailhead angekommen, tragen wir uns brav in die Visitor-Register-Box ein – offiziell im Abenteuer-Modus. Dann geht’s los. Und wie das bei uns manchmal so ist, gleich mal in die falsche Richtung. Trotz aller Berichte im Internet, man könne diesen Trail unmöglich verfehlen, beweisen wir eindrucksvoll das Gegenteil. Challenge accepted.

Nach gut einer halben Stunde Fußmarsch ohne Slotcanyon, ohne spektakuläre Felswände und ohne jede Spur von „Little“ oder „Wild“ beschließen wir, dass das hier vermutlich nicht der richtige Weg ist. Also kehrt. Auf dem Rückweg queren wir kleine Steinplatten, ich vorneweg, Stefan ein paar Schritte hinter mir. Ich bleibe kurz stehen, drehe mich um – und schaue instinktiv auf den Boden vor ihm. Und dann friert die Zeit ein.
Direkt auf einem Stein, exakt dort, wo Stefan im nächsten Schritt hinübersteigen wollte, liegt sie. Zusammengekringelt. Tarnfarben. Perfekt getarnt. Eine Klapperschlange.
„VORSICHT SCHLAAAANGE!“
Ich weiß nicht, ob ich jemals lauter oder deutlicher gesprochen habe.
Klapperschlange
Was dann folgt, ist ein physikalisches Wunder: Mein Mann entwickelt innerhalb von Sekundenbruchteilen ungeahnte Fähigkeiten im Hoch- und Weitsprung. Olympiareif. Ohne Anlauf. Während mein Herz irgendwo zwischen Kehle und Stirnhöhle feststeckt, ringe ich mit einem inneren Konflikt: Freue ich mich gerade mehr darüber, eine Klapperschlange vor der Linse zu haben – oder darüber, dass mein Mann noch lebt?
Leider gewinnt die Realität. Bis meine Kamera einsatzbereit ist, ist die Schlange sichtlich beleidigt und zieht sich ins Gebüsch zurück. Fürs Foto bleibt mir nur noch die hintere Hälfte. Immerhin. Beweisstück gesichert. Die Schlange schmollt im Schatten, wir stehen aufgeregt daneben – und einen Canyon haben wir immer noch nicht gefunden. Läuft bei uns.
Ironischerweise verirren wir uns auf dem Rückweg erneut. Aber diesmal mit Erfolg. Statt wieder beim Auto zu landen, stehen wir plötzlich in einem breiten, trockenen Flussbett. Und siehe da: Genau hier soll er beginnen, der Little Wild Horse Canyon. Na also. Manchmal führt der falsche Weg eben doch zum Ziel.

Mit leicht erhöhtem Puls, geschärften Sinnen und einem neu definierten Respekt vor „kleinen“ Canyons setzen wir unseren Weg fort. Abenteuer-Level: deutlich angehoben.
Nach weiteren fünfzehn Minuten wird der Weg plötzlich schmaler. Sehr schmal. Und dann: ein Felsbrocken mitten im Weg. Groß. Unübersehbar. Verdächtig. Ein kurzer Blick, ein längerer Seufzer – waren wir schon wieder falsch?
Natürlich.
Auf dem Weg zum Little Wild Horse Canyon
Wir klettern trotzdem drüber, mehr aus Trotz als aus Überzeugung. Und siehe da: Genau hier geht es weiter. Willkommen im Little Wild Horse Canyon. Man muss ihn sich offenbar erst verdienen.
Was folgt, ist schlicht großartig. Der Canyon zieht sich immer enger zusammen, die Wände rücken näher, die Farben wechseln im Minutentakt. Orange, Rot, Beige, dazwischen kühle Schatten und warme Sonnenflecken. Manchmal wird es so eng, dass wir automatisch den Bauch einziehen – rein vorsorglich, man weiß ja nie. Elegant ist anders, aber effektiv.
Mit jeder Biegung verändert sich die Struktur des Gesteins. Glatt geschliffen, dann wieder zerfurcht, dann plötzlich wie gefaltet. Der Canyon spielt mit Licht und Perspektive, und wir spielen mit – staunend, fotografierend, vollkommen still. An einer Stelle öffnet sich der Slot ein wenig, die Sonne fällt hinein, wir setzen uns kurz hin und lassen alles auf uns wirken. Kein Mensch, kein Geräusch, kein Handyempfang. Nur wir, Stein, Zeit – und irgendwo im Hinterkopf noch die Klapperschlange, die wir lieber nicht noch einmal treffen möchten.
Little Wild Horse Canyon
Der Rückweg verläuft erstaunlich problemlos. Wenn man weiß, wo man hinmuss, ist alles ganz einfach. Hätte man auch gleich haben können. Aber wo bliebe dann der Spaß?
Vor ein paar Jahren waren wir im Antelope Canyon. Keine Frage: farblich spektakulärer, dramatischer, berühmter. Aber eben auch: voller Menschen, streng geführt, hochgradig organisiert. Hier im Little Wild Horse Canyon waren wir allein. Wirklich allein. Nur wir – und, na ja, die Klapperschlange. Und genau das macht den Unterschied.
Während wir zurück zum Auto laufen, denke ich bereits laut darüber nach, diesen Canyon bei einem zukünftigen USA-Trip wieder einzuplanen. Vielleicht 2015. Ist ja quasi um die Ecke. Nur 650 Kilometer. Man muss Prioritäten setzen.
Nachdem wir wieder am Auto angekommen sind, heißt es einmal tief durchatmen, Staub von den Schuhen klopfen und weiterziehen. Der Tag ist noch jung, die Neugier groß – und unser nächstes Ziel klingt schon vom Namen her nach Abenteuer: Little Egypt. Dafür fahren wir zunächst zurück nach Hanksville, dieser kleinen, staubigen Kreuzung irgendwo zwischen „hier ist nichts“ und „hier ist erstaunlich viel“. Von dort aus nehmen wir den State Highway 95 Richtung Süden – eine dieser Straßen, die schnurgerade beginnt und sofort das Gefühl vermittelt, man fahre direkt in eine andere Welt.
Nach etwa 20 Meilen verlassen wir den Asphalt. Kein großes Schild, kein Drumherum – einfach links abbiegen auf eine Schotterstraße, die genau so aussieht, wie man es sich vorstellt: hell, staubig, leicht ausgewaschen und mit dieser leisen Warnung im Hinterkopf, dass man besser weiß, was man tut. An einer unscheinbaren Kreuzung nehmen wir die linke Abzweigung – und plötzlich stehen sie da: die ersten Formationen von Little Egypt.
Die Landschaft erinnert sofort an das Goblin Valley, nur wirkt hier alles etwas… eigenwilliger. Die Sandsteinfiguren sind ähnlich skurril geformt, aber sie tragen auffällige, helle Kalkstein-Kragen, als hätten sie sich für einen besonderen Anlass schick gemacht. Dadurch wirken die Figuren farbiger, kontrastreicher – fast so, als hätten sie sich bewusst an den Hang geschmiegt, um dort seit Jahrtausenden in aller Ruhe zu posieren.
Wir steigen aus und beginnen, das Gebiet zu erkunden. Es gibt keine festen Wege, keine Absperrungen, keine Hinweisschilder, die einem sagen, wo man stehen darf und wo nicht. Also klettern wir, steigen über Felsen, umrunden bizarre Gebilde, bleiben stehen, gehen zurück, lachen, fotografieren – und verlieren ganz nebenbei jedes Zeitgefühl. Little Egypt fühlt sich roh an, ungeschönt, fast privat. Kein Park, kein Eintritt, kein Trubel. Nur wir, der Wind und diese stillen Steinfiguren, die aussehen, als hätten sie schon alles gesehen.

Nach einer Weile – und gefühlt hundert Fotos später – setzen wir unsere Fahrt fort. Die Schotterstraße führt uns weiter durch diese karge, wunderschöne Landschaft, bis sie schließlich wieder auf den Highway 95 trifft. Ein letzter Blick zurück auf die seltsamen, stillen Gestalten von Little Egypt, dann schließen wir die Türen, starten den Motor und rollen weiter.
Während wir gemütlich über den Highway rollen, taucht plötzlich rechts ein Schild auf, das fast schon zu freundlich klingt, um ignoriert zu werden: Hog Spring Picnic Area. Klingt nach einem Ort, an dem entweder Wildschweine brunchen oder Roadtripper kurz durchatmen. Wir entscheiden uns für Letzteres.
Also Blinker rein, Jeep abgestellt, alles zusammengesammelt, was noch irgendwie als essbar durchgeht, und eine kleine Vesperpause eingelegt. Zwischen gigantischen roten Felsen, ein paar schattenspendenden Bäumen und dieser herrlichen Stille, die nur der amerikanische Südwesten so perfekt beherrscht. Kein Verkehrslärm, keine Stimmen, nur Wind, Sonne und das Gefühl, gerade ziemlich weit weg von allem zu sein. Genau unser Ding.
Hog Spring Picknick Area
Zurück auf dem Highway wird die Landschaft noch einmal dramatischer. Der HWY 95 zeigt hier seine Schokoladenseite, vor allem im Bereich des Lake Powell. Die Straße zieht sich durch weite, offene Landschaften, und irgendwann erreichen wir einen dieser Stopps, bei denen man gar nicht lange überlegen muss: Hite Overlook.
Wir steigen aus, treten vorsichtig an den Rand – und stehen plötzlich über einer gewaltigen Schlucht. Tief unter uns windet sich der Dirty Devil River durch die Landschaft. Von oben wirkt alles spektakulär und ein bisschen furchteinflößend, auch wenn es in Wahrheit weniger gefährlich ist, als es aussieht. Trotzdem: Abstand halten, Kamera raus, tief durchatmen.
Hite Overlook
Der Dirty Devil River ist kein kleines Rinnsal, sondern ein 129 Kilometer langer Nebenfluss des Colorado River, der sich hier durch einen bis zu 600 Meter tiefen Canyon gefressen hat. Entstanden ist diese Szenerie nicht durch Action, Explosionen oder schnelle Effekte, sondern durch Zeit. Sehr viel Zeit. Und Wasser. Sehr viel Wasser.
Wir stehen eine Weile einfach nur da, lassen den Blick schweifen, machen Fotos und versuchen, diese Dimensionen irgendwie im Kopf zu sortieren. Spoiler: klappt nicht. Aber genau das macht den Reiz aus.
Irgendwann steigen wir wieder ins Auto, etwas ehrfürchtiger als zuvor, und setzen unsere Reise fort. Der Highway liegt wieder vor uns, schnurgerade, staubig, endlos – und wir mittendrin.
Natürlich lassen wir uns auch dieses Schild nicht entgehen. Natural Bridges National Monument – klingt schon nach etwas, das man nicht einfach links liegen lässt. Also Blinker, Abzweig, kurzer Realitätscheck auf die Uhr und eine Entscheidung, die erstaunlich leichtfällt: Heute gibt’s die Panoramatour, die Wanderungen heben wir uns bewusst für ein anderes Mal auf. Gründe dafür gibt es mehrere – Zeitplan, Sonne, Beine – aber vor allem die Gewissheit, dass man nicht alles an einem Tag „abarbeiten“ muss.

Die Rundfahrt durch den Park ist ein Geschenk für alle, die gern mit offenem Mund im Auto sitzen. Die Landschaft öffnet sich weit, hell, ruhig. Keine dramatischen Schilder, keine Besucherströme, keine Souvenirshops. Stattdessen ein Hochplateau aus hellem Sandstein, durchzogen von tief eingeschnittenen Canyons, in denen sich die berühmten Natural Bridges verstecken.
An den Aussichtspunkten steigen wir aus und blicken hinab auf diese gewaltigen Steinbögen, die sich scheinbar mühelos über die Schluchten spannen. Besonders beeindruckend ist die Kachina Bridge, die größte der drei – massiv, elegant, zeitlos. Von oben wirkt sie fast surreal, wie ein architektonischer Fehler der Natur, der eigentlich gar nicht existieren dürfte. Und genau deshalb bleibt man stehen, macht Fotos, schaut noch einmal hin und denkt: Das hier ist wirklich passiert. Einfach so. Ohne Bauplan.
Natural Bridges National Monument
Die Entscheidung, heute nicht hinabzusteigen, fühlt sich richtig an. Von hier oben bekommt man ein großartiges Gefühl für die Dimensionen des Parks, für die Stille, für die Einsamkeit dieser Gegend. Kein Stimmengewirr, kein Gedränge – nur Wind, Sonne und der Blick in eine Landschaft, die seit Jahrtausenden genau so daliegt.
Wir rollen langsam weiter, nehmen noch ein paar letzte Aussichtspunkte mit und verlassen den Park schließlich wieder – nicht enttäuscht, sondern eher mit dem guten Gefühl, einen Grund zum Wiederkommen im Gepäck zu haben

Einige Meilen nach unserem Besuch der Natural Bridges erreichen wir eine unscheinbare Kreuzung. Ein Straßenschild weist nach rechts: US 261 – Monument Valley. Klingt gut. Sehr gut sogar. Unsere Zeitplanung sieht überraschend solide aus – zumindest solide genug für ein Foto von der HWY 163 auf die legendäre Silhouette der Monument-Valley-Felsen. Ein kurzer Abstecher also. Dachten wir.
Mein Fahrer lässt sich schließlich überreden, wir biegen auf die 261 ab, und die Vorfreude steigt spürbar. Monument Valley! Ikone! Westernkulisse! John-Wayne-Gefühl inklusive!
Während wir gemütlich dahinrollen, ziehen immer wieder Schilder an uns vorbei, die vor Engstellen für Trucks und Anhänger warnen. Wir nehmen sie wahr – so am Rande. Ordnen sie innerlich irgendwo zwischen „wird schon passen“ und „amerikanische Übervorsicht“ ein. Die Straße ist schließlich asphaltiert, schnurgerade und harmlos. Noch.
Dann, ohne Vorwarnung und ohne jedes dramatische Trommelwirbel, endet der Asphalt. Einfach so. Vor uns liegt plötzlich eine staubige Schotterstraße, die sich entschlossen in die Landschaft verabschiedet. Aha. Interessant.
Und genau in diesem Moment wird uns klar: Wir sind auf dem Moki Dugway gelandet.
Völlig ahnungslos.
Moki Dugway
Der Moki Dugway trägt nicht ohne Grund den inoffiziellen Beinamen „Rollercoaster Ride of Southern Utah“. Die Straße überwindet eine 335 Meter hohe Steilwand – auf gerade einmal 4,8 Kilometern. Das entspricht einem durchschnittlichen Gefälle von etwa 11 Prozent. Kurz gesagt: Das ist keine Straße, das ist ein Konzept.
Am höchsten Punkt halten wir auf einem kleinen Parkplatz, dem Moki Dugway Overlook. Der Blick? Atemberaubend. Tief unter uns breitet sich das Valley of the Gods aus – weit, still, monumental. Ein Postkartenmoment. Einer von denen, bei denen man kurz vergisst, dass man gleich wieder weiterfahren muss.

Denn Optionen gibt es keine. Der einzige Weg führt nach unten. Die staubige Holperpiste liegt vor uns. Auf meiner Seite: Abgrund. Auf Stefans Seite: senkrechte Felswand. Leitplanken? Nein. Sicherheitsvorrichtungen? Ebenfalls nein. Wir fragen uns ernsthaft, wie man auf die Idee kommt, eine Straße an eine fast senkrechte Felswand zu kleben – und wer beschlossen hat, dass das eine gute Idee ist.
Die Geschwindigkeitsbegrenzung wirkt wie ein stiller Kommentar der Straßenbauabteilung: bergauf 10 mph, bergab 5 mph.
Mehr ist hier offensichtlich nicht vorgesehen. Schneller sollte man auf einer der „world’s most spectacular roads“ wohl wirklich nicht unterwegs sein, denken wir – und rollen entsprechend vorsichtig, staubig und sehr konzentriert Kurve für Kurve nach unten.
Monument Valley?
Kommt noch.
Aber jetzt fahren wir erstmal diesen Berg runter.
Schließlich erreichen wir den Highway 163, jene legendäre Straße, die schnurgerade auf das Monument Valley zuläuft und schon beim ersten Blick sagt: Hollywood war hier. Wir rollen gemächlich Richtung Süden, die Landschaft öffnet sich, der Horizont wird breiter – und da ist sie plötzlich wieder, diese ikonische Szenerie, die man eigentlich nur aus Filmen kennt. Unser Ziel ist klar: der berühmte Punkt am Highway, an dem Forrest Gump beschlossen hat, mit dem Laufen aufzuhören.

Highway 163 / Monument Valley
Natürlich halten wir an. Natürlich steigen wir aus. Natürlich klickt die Kamera. Das berühmte „Forrest Gump“-Schild ist weniger ein echtes Denkmal als vielmehr ein kollektives Kopfkino. Man steht dort, blickt auf die markanten Buttes des Monument Valley und hört innerlich schon: “I’m pretty tired… I think I’ll go home now.” Wir waren bereits 2009 direkt im Monument Valley unterwegs – heute reicht uns dieser Blick von außen. Ein kurzer Moment, ein tiefer Atemzug, ein stilles Nicken Richtung Westen. Passt.
Auf dem Rückweg passieren wir Mexican Hat, und irgendwo zwischen rotem Fels, staubiger Straße und langsam sinkender Sonne meldet sich mein Langzeitgedächtnis. Ich erinnere mich plötzlich an einen Artikel aus grauer Vorzeit – irgendwo gelesen, irgendwann gespeichert – über ein legendäres Steakhouse in dieser Gegend. Stefan schaut mich an, leicht skeptisch, leicht beeindruckt. Offenbar funktioniert mein inneres Navigationssystem nicht nur für Straßen, sondern auch für Fleisch.
Und tatsächlich: Wir fahren weiter nach Bluff – und stehen kurze Zeit später vor dem Cottonwood Steakhouse. Rustikal, entspannt, genau die Art von Ort, bei dem man sofort weiß: Hier wird nicht experimentiert, hier wird gegrillt. Das Steak ist genau so, wie es sein muss – saftig, ehrlich, ohne Schnickschnack. Kein Teller für Instagram, sondern für Menschen mit Hunger. Perfekt.
Satt und zufrieden machen wir uns auf die letzte Etappe des Tages. Die Straße nach Monticello liegt nun im Dunkeln, die Landschaft verschwindet langsam hinter den Scheinwerfern, und der Tag klingt ruhig aus. Nach gut einer Stunde erreichen wir schließlich das Blue Mountain Horsehead Inn – kein Luxuspalast, aber genau richtig nach einem Tag, der alles hatte.
Wenn man es zusammenfassen müsste:
Ein State Park voller Steinzwerge, ein Slotcanyon mit Überraschungsgast (Klapperschlange!), bizarre Felslandschaften in Little Egypt, Picknick zwischen roten Wänden, ein Blick in die Tiefe am Hite Overlook, Naturbrücken aus einer anderen Zeit, eine unfreiwillige Fahrt über Utahs inoffiziellen Achterbahn-Highway, Monument Valley am Horizont – und ein Steak, das diesen Tag würdig beendet.
Puh. Gute Nacht, Monticello.
Dieser Roadtrip hat heute ganz eindeutig keine halben Sachen gemacht.
































































