
Start in den wilden Norden: Auf dem Weg zum Dempster Highway durch Feuer und Flammen
Der Tag beginnt früh, und der erste Gedanke, der uns durch den Kopf geht, ist: Kaffee! Unser Magen knurrt bereits lautstark, als wir uns um Punkt 7 Uhr ins hauseigene Restaurant des Yukon Inn, das vielversprechend „Legend’s Smoke House & Grill“ heißt, begeben.
Das Restaurant selbst strahlt eine charmante Mischung aus rustikalem Flair und herzlicher Atmosphäre aus. Schon beim Betreten steigt uns der verlockende Duft von frisch gebrühtem Kaffee und gebratenem Speck in die Nase – ein Duft, der wie ein Weckruf für die Sinne wirkt. Ein aufmerksamer Kellner begrüßt uns mit einem Lächeln und stellt uns dampfende Tassen mit herrlich aromatischem Kaffee hin. Ein Schluck – und wir sind offiziell wach.
Das Frühstück entpuppt sich als wahrhaft königlicher Start in den Tag. Auf unseren Tellern: fluffiges Rührei, knuspriger Speck, saftige Würstchen und golden getoastetes Brot. Jede Gabel ist ein Genuss, und der Kaffee sorgt dafür, dass die Müdigkeit endgültig verschwunden ist. Ein Start, der keine Wünsche offen lässt – einfach wunderbar.
Nach diesem genussvollen Auftakt bleibt noch Zeit bis zur Camper-Abholung. Also schnüren wir die Schuhe und machen uns auf zu einem kleinen Spaziergang. Die Stadt erwacht gerade erst, die Straßen sind noch ruhig, und die klare Morgenluft ist erfrischend. Wir schlendern durch die Nachbarschaft, bewundern die bunten Holzhäuser und atmen tief durch – der Yukon fühlt sich hier in jeder Faser lebendig an.


Eigentlich wollten wir das Schleppen von Getränken vermeiden und diese erst nach Übernahme unseres Campers besorgen. Doch dann entdecken wir den „Independent“ Supermarkt, der nur wenige Schritte von unserem Hotel entfernt liegt und bereits um 8 Uhr seine Türen öffnet. Mit zwei Stunden bis zur Abholung durch CanaDream entscheiden wir uns spontan: Jetzt oder nie! Schließlich wollen wir optimal vorbereitet sein – und Cola sowie Wasser gehören definitiv dazu. Ein kurzer Einkauf, und wir sind bereit für die Wildnis.
Um 9:45 Uhr rollt der CanaDream Shuttle-Bus auf den Hotelparkplatz. Unser Fahrer? Ein echtes Original. Mit guter Laune und einem Enthusiasmus, der ansteckend ist, begrüßt er uns herzlich und versorgt uns während der Fahrt mit allerlei Tipps. Unter anderem schwärmt er von „Save on Foods“ – einem seiner Meinung nach unschlagbaren Supermarkt. Wir nicken höflich und behalten für uns, dass wir bereits bestens ausgestattet sind. Warum seine Begeisterung trüben, wenn doch alles so gut läuft?
Die Fahrt zum CanaDream-Depot ist kurz, aber nicht ohne kleine Zwischenfälle. Ein geplanter Stopp am Flughafen soll zwei weitere Gäste einsammeln. Doch als die Frau mit ihrem Gepäck auftaucht, fehlt ihr Mann. Die Erklärung? Er wollte tanken, den Mietwagen abgeben und „noch ein paar Dinge erledigen“. Die Minuten vergehen, und während wir geduldig im Bus warten, wird die Situation langsam kurios.
Unser Fahrer, sichtlich bemüht, alle glücklich zu machen, versucht, die Zeit zu überbrücken. Doch schließlich reicht es: Er entscheidet, uns zuerst zu CanaDream zu bringen und anschließend zum Flughafen zurückzukehren – in der Hoffnung, dass der verschwundene Ehemann inzwischen aufgetaucht ist. Die allgemeine Stimmung bleibt gelassen, denn ein bisschen Improvisation gehört zu einem Abenteuer wie diesem eben dazu.
Die Fahrt vom Flughafen zu CanaDream ist so kurz, dass sie fast wie ein Parkplatzausflug wirkt. Eine Straße überqueren – und wir sind da. Trotz der Verzögerung durch den „verlorenen Ehemann“ sind wir pünktlich um 10 Uhr vor Ort. Doch unser Enthusiasmus wird kurz gebremst: Die Mitarbeiter möchten die Einweisung ins Fahrzeug nur einmal durchführen. Also heißt es: Warten, bis das Flughafenpaar komplett ist. Gegen 10:30 Uhr kommt unser Shuttlefahrer mit den anderen Gästen zurück – endlich kann es losgehen.
Die Papierarbeit beginnt. Es wird professionell, aber ein wenig aufdringlich: Zusatzversicherungen, Reinigungspakete für 110 US-Dollar und allerlei Extras werden uns ans Herz gelegt. Doch wir lehnen dankend ab. Schließlich sind wir schon erfahrene Camper und wissen, was wir brauchen – und was nicht. Mit einem Stapel unterschriebener Formulare in der Hand folgt endlich der spannende Teil: Die Fahrzeugübergabe.
Unser Camper, liebevoll von unserem Fahrer „Beast“ getauft, wartet bereits. Ein massives Fahrzeug mit grobstolligen Offroad-Reifen, bereit für jedes Abenteuer. Die Einweisung erfolgt im Crashkurs, gemeinsam mit dem Flughafenpaar, dessen Camper noch vorbereitet wird. Gasflasche, Stromanschluss, Frisch- und Abwasser, Chemie-WC, Licht, Heizung – die Liste scheint endlos. Doch die Mitarbeiter führen uns routiniert und verständlich durch die Details. Nach einer halben Stunde sind wir bestens informiert.
Anschließend folgt der Rundgang um das Fahrzeug. Mit Adleraugen inspizieren wir jeden Kratzer, jede Delle und jeden Steinschlag, während wir alles penibel notieren. Warum die akribische Genauigkeit? CanaDream scheint es auf ein makelloses Fahrzeug bei der Rückgabe abgesehen zu haben – jede Schramme könnte potenziell Kosten verursachen.Das sorgt für einen kleinen Anflug von Sorge, denn der Gedanke, den Camper am Ende ohne den kleinsten Makel zurückzugeben, wirkt in einer Gegend wie dem Yukon nahezu utopisch.
Ein Vergleich mit unserer letzten Reise drängt sich auf: Die Übergabe bei Fraserway vor zwei Jahren war entspannter und weniger aufdringlich, was Zusatzkosten oder Versicherungen anging. Doch der professionelle Ablauf bei CanaDream lässt keine Zweifel daran, dass wir in guten Händen sind.
Und dann? Ein Blick auf das „Beast“ genügt, und die Vorfreude verdrängt alle anderen Gedanken. Dieses Fahrzeug schreit geradezu nach Abenteuer! Die grobstolligen Reifen scheinen für den Dempster Highway geschaffen, und die robuste Ausstattung gibt uns das Gefühl, jeder Herausforderung gewachsen zu sein. Jetzt kann es wirklich losgehen – unser Roadtrip beginnt!



Ein Truck Camper namens „Beast“ – Unser Abenteuer beginnt
Jetzt sitzen wir in unserem neuen Zuhause auf Rädern: einem imposanten, fünf Tonnen schweren Ford F350 mit Caravan-Aufbau – einem sogenannten Truck Camper. Dieses rollende Kraftpaket, liebevoll „Beast“ genannt, wird uns die kommenden fast drei Wochen begleiten. Ein Zuhause, das nicht nur Mobilität verspricht, sondern auch Abenteuer.
Nach der Einweisung bei CanaDream fahren wir zurück zum Yukon Inn. Um 11:45 Uhr erreichen wir das Hotel, wo unsere gepackten Koffer und Einkäufe bereits auf ihren Platz im Camper warten. Mit vereinten Kräften verstauen wir alles, und pünktlich um 12:01 Uhr checken wir aus. Der Zeitplan sitzt – wir sind startklar.
Doch bevor es wirklich losgeht, gönnen wir uns noch ein Mittagessen in Whitehorse. Unsere Wahl fällt auf das „Klondike Steak & Ribs“, ein uriges Restaurant, das uns schon vorab bei Tripadvisor ins Auge gefallen ist. Beste Bewertungen und große Erwartungen – und wir werden nicht enttäuscht. Die Einrichtung ist rustikal-gemütlich, das Essen schlichtweg fantastisch. Ein saftiges Steak für Stefan, zarte Ribs für mich – dazu die herzliche Atmosphäre des Yukons. Ein perfekter Startschuss für unser kulinarisches Abenteuer.



Gut gestärkt machen wir noch einen kurzen Abstecher zur Yukon Brewery. Es wäre fast ein Verbrechen, diese ikonische Brauerei zu ignorieren. Ein paar Dosen ihres berühmten Craft-Biers wandern in unseren Camper – schließlich gehört ein kühles Bier zum perfekten Campingabend.
Danach geht’s weiter zur Tankstelle, wo unser „Beast“ zum ersten Mal vollgetankt wird. Ein beeindruckender Moment: Während die Zapfsäule unaufhörlich läuft, schleicht sich die Erkenntnis ein, wie groß dieses Abenteuer tatsächlich ist.


14:00 Uhr – es ist soweit. Die letzte Ampel in Whitehorse springt auf Grün, und wir rollen hinaus in die Weite. Vor uns: 1.305 Kilometer bis zur nächsten Ampel in Inuvik, die wir erst morgen erreichen werden. Die Straße wird einsamer, die Luft klarer, und mit jedem Meter fühlen wir uns freier. Die Wildnis ruft, und wir können es kaum erwarten, ihr zu begegnen. Unser Roadtrip hat begonnen!
Unsere Fahrt auf dem Klondike Highway beginnt mit einer Landschaft, die an Einsamkeit und Weite kaum zu übertreffen ist. Die Straße schlängelt sich durch unberührte Natur, mit endlosen Wäldern, stillen Flüssen und Bergen in der Ferne. Das Wetter könnte kaum besser sein: strahlend blauer Himmel, gepaart mit weißen Wölkchen, die wie dekorative Tupfer wirken. Doch dieser idyllische Auftakt nimmt eine unerwartete Wendung, als wir Steward Crossing erreichen.

Hier schlägt uns plötzlich dichter Rauch entgegen. Die Luft ist erfüllt von einem beißenden Geruch, und die Sonne, eben noch gleißend hell, wirkt nun wie ein milchiger Punkt am Himmel. Willkommen in der Realität des Yukons im Sommer, wo Waldbrände zum Alltag gehören. Trockenheit und hohe Temperaturen machen den Boden zur Zündschnur der Natur. Unsere einzige Option ist, durch die Rauchschwaden weiterzufahren. Fotostopps? Fehlanzeige.Mit gemischten Gefühlen über die unwirkliche Szenerie setzen wir unseren Weg fort und kommen tatsächlich schneller voran, als geplant.
20 Uhr. Nach sechs Stunden Fahrt und einigen spannenden Kilometern durch dichten Rauch erreichen wir endlich die Abzweigung zum Dempster Highway. Eine schmale Brücke führt uns auf diese ikonische Straße – und mit ihr in eine völlig andere Welt. Der Dempster Highway, fast 770 Kilometer pure Abenteuer, liegt vor uns. Die nördlichste öffentliche Straße Kanadas führt durch atemberaubende Landschaften: von weiten Tundra-Ebenen über die vulkanischen Gebirge der Tombstone Mountains bis hin zu alpinen Höhen des North Fork Pass. Es ist ein großartiges Gefühl, wieder hier zu sein.


Die Sonne neigt sich langsam dem Horizont, aber hier, wo die Tage endlos erscheinen, taucht sie die Umgebung in ein faszinierendes Licht. Während ich den Blick aufmerksam nach Wildtieren und Fotomotiven absuche, jongliert Stefan unseren Truck Camper, das „Beast“, gekonnt über die Schotterpiste. Schlaglöcher, lose Steine, unvorhersehbare Kurven? Für Stefan kein Problem. Hinten in den Schränken dürfte es allerdings ordentlich rappeln. Doch da unser Camper keinen direkten Durchgang zwischen Wohnraum und Fahrerhaus hat, bekommen wir davon zum Glück nichts mit.
Unser Etappenziel für heute: der Tombstone Mountain Campground bei Kilometer 70. Der Rauch hat sich größtenteils verzogen, doch an manchen Stellen hängen immer noch Schwaden über den umliegenden Bergen und Hügeln. Die Atmosphäre ist mystisch, fast unwirklich. Als wir schließlich dem Campground näherkommen, stellt sich dieses unbeschreibliche Gefühl ein: eine Mischung aus Erschöpfung und Vorfreude. Wir sind angekommen – mitten in der Wildnis des Nordens, bereit für das nächste Kapitel unseres Abenteuers. Der Dempster hat uns zurück.

Plötzlich ist es soweit: Das erste Wildtier taucht vor meiner Linse auf. Genauer gesagt, zwei! Zwei Yukon Wölfe, die uns kurz mustern, bevor sie geschmeidig im hohen Gras verschwinden. Ein Moment, der uns für die letzten Stunden belohnt, und das Abenteuergefühl steigt. Eine Stunde später erreichen wir die Zufahrt zum Tombstone Mountain Campground, aber an ein Einchecken ist noch nicht zu denken. Der Rauch hängt hier immer noch schwer in der Luft, der Geruch beißt, und die Stimmung ist – gelinde gesagt – wenig einladend. Also fassen wir einen spontanen Plan: Erstmal weiter zum Tombstone Range Viewpoint.
Der Viewpoint liegt auf dem höchsten Punkt des Dempster Highways, dem North Fork Pass Summit auf 1.289 Metern Höhe. Schon die Auffahrt ist beeindruckend, aber der Blick von oben ist einfach überwältigend. Vor uns erstrecken sich die rauen Gipfel der Tombstone Mountains, dramatisch und einsam. Der Rauch hat sich hier fast vollständig verzogen, und die Luft ist klar und frisch. Ein Moment zum Durchatmen und Staunen.


Eigentlich sollten wir jetzt umkehren und zum Campground zurückfahren, aber warum nicht noch etwas weiterfahren? Die Wildnis lockt, und der Gedanke an ein spontanes Nachtlager klingt verlockend. Also weiter! Boondocking – das Campen abseits offizieller Plätze – ist hier im Yukon eine fast schon traditionelle Art des Übernachtens. Straßenrand? Kiesfläche? See? Wir sind offen für alles.
Bei Kilometer 106 entdecken wir schließlich eine Abfahrt: eine große Kiesfläche mit einem kleinen See daneben. Das sieht vielversprechend aus. Wir biegen ab, rollen etwa 100 Meter den Hang hinab und finden schnell eine ebene Fläche, auf der wir unseren Camper abstellen können. Der perfekte Spot – abgeschieden, ruhig und mit einem Hauch von Abenteuer.

Es ist 21:30 Uhr. Die Sonne hängt tief am Himmel, taucht die Landschaft in warmes Licht und erinnert uns daran, wie speziell diese langen Tage im Norden sind. Zum Abendessen gibt es heute Brötchen, Wurst und Käse – einfach, aber genau richtig nach einem langen Tag auf der Straße. Während wir essen, genießen wir die Stille, nur unterbrochen vom leichten Plätschern des Sees. Ein Moment purer Gelassenheit.
Mit dem ersten Stern am Himmel und einer fast surrealen Ruhe um uns herum fallen wir müde, aber zufrieden in unsere Betten. Morgen beginnt der nächste Abschnitt – doch heute fühlen wir uns schon ein bisschen wie Teil dieser wilden, ungezähmten Landschaft. Der Dempster Highway liefert, was er verspricht: Abenteuer in Reinform.
