Neustart mit 54: Warum ich meinen sicheren Job gegen eine Lok eintauschte

Februar 2020 – es ist fast ein Jahr her, dass wir noch in Las Vegas waren, umgeben von flackernden Neonlichtern, plüschigen Casino-Teppichen und Cocktailgläsern, die sich wie von Geisterhand nachfüllten. Und dann, zack, kam die große Evakuierung – Hotels wurden geräumt, das funkelnde Spektakel erlosch, als hätte jemand den Stecker gezogen. Fast ein Jahr lang sitze ich nun im Dornröschenschlaf der Kurzarbeit, weil mein Job im Elektronik-Einzelhandel – Überraschung! – nicht systemrelevant ist. Pandemie und Lockdowns sei Dank.

Aber hey, es gibt Schlimmeres. Ich habe endlich Zeit, meine Webseite aufzumotzen, die sozialen Medien nach fragwürdigen Memes zu durchforsten und ausgiebig mit meinen Enkelkindern zu spielen. Nur manchmal frage ich mich: Sollte ich nicht doch irgendetwas mit meiner vielen Zeit anstellen?

Und genau in einem dieser „Ich sollte irgendetwas tun“-Momente stolpere ich über eine Stellenanzeige. Bahnunternehmen suchen Lokführer. Huch! Lokführer? Klingt cool. Ich lese weiter. Zugbegleiter, Stellwerker, Disponenten – sie suchen sogar Quereinsteiger und Leute über 50. Ich starre auf die Anzeige. Zugführerin… ich?!Pffft, als ob. Ich habe doch einen soliden Job. Ich liebe meinen Job. Oder besser gesagt: Ich liebte meinen Job, als ich noch zur Arbeit gehen durfte. Dazu kommt noch mein Firmenwagen, auch wenn es nur – im Vergleich zu einer Lokomotive – ein bescheidener Golf ist. Aber so ein Firmenwagen er ist praktisch und unkompliziert. Nein, diesen Job gebe ich nicht so schnell auf.

Aber dann kommt diese Stimme in meinem Kopf: Warum nicht? Warum nicht einfach mal eine Bewerbung raushauen? Nur zum Spaß, versteht sich. Einfach um zu sehen, ob die mich überhaupt nehmen würden – eine 54-Jährige ohne Lok-Erfahrung. Und wenn schon, dann gleich richtig: Lokführerin! Ich stelle mir vor, wie ich tonnenschwere Züge durch die Landschaft steuere. Cool.

Also ran an die Bewerbung. Eine Kleinigkeit – wäre da nicht dieses Problem: Ich brauche ein Bewerbungsfoto. Mein letztes ist sieben Jahre alt, was ja nun wirklich kein Drama wäre – wären da nicht diese sieben Jahre. Dazu kommt: Fotografen sind nicht systemrelevant. Was also tun? Ich beschließe, das Thema auf später zu verschieben – falls die mich tatsächlich zu einem Vorstellungsgespräch einladen sollten.

Also mache ich mich ans Bewerbungsschreiben. Die Datei der letzten Bewerbung ist in den Tiefen der Festplatte schnell gefunden. Ich muss ja im Lebenslauf nur meinen aktuellen Job ergänzen, das Anschreiben fertig machen und los…

Das Anschreiben fertig machen: Kein Problem!

„Sehr geehrte Damen und Herren, ich möchte Lokführerin werden, weil ich exzellente Präsentationsfähigkeiten im Einzelhandel habe.“ Hm. Vielleicht nicht.

„Schon während meiner Ausbildung zur technischen Zeichnerin war es mein Traum, eines Tages einen Zug zu steuern.“ Äh, nein, auch gelogen.

Auch ein Blick in meinen Lebenslauf macht es nicht besser. Sämtliche Tätigkeiten, die ich bisher gemacht habe, lassen sich nicht auf den Job als Lokführerin beziehen. Na dann lass ich es eben sein. Ich hab ja einen Job.

Aber es lässt mir keine Ruhe, und ich bitte Google um Hilfe. Neben Bewerbungsvorlagen, die nicht passen, finde ich Unternehmen, die für nicht gerade wenig Geld das Schreiben einer Bewerbung mit Lebenslauf übernehmen. Nein, eigentlich wollte ich es ja eh nur mal probieren – dafür gebe ich doch keine 100€ aus.

100€ und ein paar Tage später trudelt das Meisterwerk der Bewerbungskunst in mein Postfach. Ich bin beeindruckt. Die 100 Euro haben sich gelohnt! Ich drücke auf „Senden“.

Es folgte eine ziemlich gewöhnlichen E-Mail, die nur meinen Bewerbungseingang bestätigte. Aber dann, Leute, nur wenige Tage später – BÄM! – kam die nächste Mail: „…Gerne laden wir Sie zu einem persönlichen Vorstellungstermin ein.“

Puh, da war aber plötzlich Action angesagt! Ich hatte gerade mal eine Woche, um meinem Bewerbungsfoto wenigstens ähnlich zu sehen. Glücklicherweise hatten die Friseure seit Kurzem wieder geöffnet. Ich schnappe mir das alte Foto und marschiere zum Friseur: „Bitte genau so – nur jünger.“ Der Friseur grinst und legt los. Ergebnis: Mission erfüllt. Ein bisschen dunklere Haare, ein wenig kürzer, ein wenig Make-up – läuft.

Dann war es soweit: Der große Tag des Gesprächs. Ich hatte die Frisur, das Make-up und genug Nervosität im Gepäck, um damit eine ganze Lok zu betreiben. Immerhin haben sie mich erkannt – ich sehe meinem Bewerbungsfoto zumindest ähnlich. Die nette Dame, die mich begrüßte, führte mich in ein kleines Büro, in dem bereits der Eignungstest auf mich wartete. Eine Stunde Zeit. Danach das Gespräch. Kein Problem, ich war vorbereitet.

Ich wusste, dass so ein Test kommen würde – Google sei Dank. In den letzten Tagen hatte ich mir etliche Übungsaufgaben angeschaut und mich durch fiese Zahlenrätsel, Textaufgaben und räumliche Denksportaufgaben gequält. Und ja, ich gebe es zu: Ich habe diese verfluchten Textaufgaben schon in der Schule gehasst.

„Max findet morgens 12 Eier, drei fallen runter, fünf verschenkt er – wie viele Hühner hat er?“ Keine Ahnung, aber ich wusste: Ich musste mich da durchbeißen. Also habe ich geübt. Und geübt. Und geübt.

Neben den Textaufgaben tauchten in den Übungsbögen immer wieder Zahlenreihen auf. Ihr kennt das: 2 – 4 – 8 – 10 – ? Und dann gab es noch diese räumlichen Denkaufgaben, wo man ein zusammengefaltetes Papier oder ein auseinandergebautes Würfelmodell richtig zusammensetzen musste. Zum Glück half mir da meine alte Ausbildung zur technischen Zeichnerin.

Mit diesem Training im Hinterkopf saß ich also hochmotiviert da und startete in den Test. Die ersten Seiten: Allgemeinwissen. Deutschland, Geografie, Geschichte – okay, das lief. Dann kam der Zahlen-Teil, geometrische Aufgaben – alles wie erwartet.

Doch dann: Schockmoment!

Wo waren die Textaufgaben?! Ich war bereit, komplizierte Hühnerzählereien zu lösen – und dann kam stattdessen eine ganze Seite mit Rechenaufgaben. Fünfstellige Zahlen. Ohne Taschenrechner. Und als wäre das nicht genug, tauchte auch noch Bruchrechnen auf.

Bruchrechnen?!

Das hatte ich doch zuletzt vor 35 Jahren in der Schule… oder?

Mein Gehirn kramte verzweifelt in der staubigen Ecke, in der dieses Wissen lag, während mein Stift krampfhaft versuchte, auf dem Papier nicht in Panik zu geraten. Am Ende hatte ich überall eine Lösung hingeschrieben – außer bei einer einzigen Rechenaufgabe.

Dann war die Stunde um. Ich lehnte mich zurück und hatte das unbestimmte Gefühl, dass dies mein Waterloo gewesen sein könnte.

Die nette junge Frau, die mich empfangen hatte, kam zurück, nahm meinen Test und lächelte. „Ich werte das schnell aus – dann komme ich wieder.“

Und da saß ich nun. Allein in diesem kleinen Büro. Was passiert mit Leuten, die den Test nicht bestehen?

Werden sie mit einem freundlichen „Tut uns leid, aber für Sie haben wir leider keine Lok“ verabschiedet?

Gibt es eine geheime Hintertür, durch die man direkt aus dem Gebäude geschleust wird?

Oder kommt einfach ein trockenes „Danke für Ihren Versuch, aber das war wohl nichts“?

Ich sollte es gleich erfahren.

Die Tür ging auf. Die Frau kam zurück, diesmal mit meinem Testergebnis. Ich hielt den Atem an.

„Super Test – Sie haben mehr als 80 % richtig, das ist sehr gut!“

Ich strahle. Ich kann es kaum fassen. Mehr als 80 %? Ich? Und das trotz dieser verdammten Rechenaufgaben?

Ich kann nicht widerstehen und frage: „Und das Bruchrechnen?“

Sie wirft einen kurzen Blick auf das Blatt. „Alle richtig.“

Wow. Ich bin ein verdammtes Genie.

Das Gespräch war überraschend entspannt. Neben der netten Dame, die mich durch den Test gelotst hatte, saß noch ein Lokführer dabei – quasi als lebender Beweis, dass es Menschen gibt, die diesen Job wirklich machen. Er war da, um all meine Fragen zu beantworten, und ich hatte einige: Wie sieht der Alltag aus? Wie viele Hebel muss man ziehen? Gibt es eine „Hupe für Anfänger“, falls man sich am Anfang unsicher ist? Tatsache aber war dass ich mich sagen hörte: „Nein. Ich habe keine Fragen mehr“.

Nach einem lockeren Austausch kam dann der formale Teil: Bevor es richtig losgeht, brauche ich noch eine medizinische und eine psychologische Untersuchung. Ich nickte tapfer – klingt ja erstmal machbar. Die Termine würde ich per E-Mail bekommen.

Dann, kaum zu Hause, landete die Nachricht im Postfach: Die medizinische Untersuchung ist schon morgen. Um 8 Uhr. Nüchtern.

Halt, Moment: Um 8 Uhr. Ohne Frühstück?

Ich sah mich schon um halb sieben missmutig in der Arztpraxis sitzen, während mein Magen lauter rattert als jede Lokomotive. Aber gut, hilft ja nichts.

Am nächsten Morgen pünktlich um 8 Uhr saß ich dann also in der Praxis. EKG, Sehtest, Hörtest, Drogentest, Blutabnahme, Gesichtsfeldmessung, Reflexkontrolle – ein einmaliger Gesundheits-Check-up. Ich fühlte mich wie bei einer Generalüberholung. Nach einer Stunde war ich offiziell „für den Dienst auf der Schiene geeignet“.

Und dann endlich – FRÜHSTÜCK! 

Aber da war ja noch eine zweite Hürde. Die psychologische Untersuchung. Google hatte mich vorgewarnt: „Darauf kann man sich nicht vorbereiten.“ Na, das ist ja eine fantastische Nachricht.

Die psychologische Untersuchung fand direkt beim Unternehmen statt. Ich war pünktlich da, voller Neugier und einer dezenten Portion Lampenfieber. Nach einer kurzen Wartezeit wurde ich in einen großen Besprechungsraum geführt, wo mich ein freundlicher Herr begrüßte. Er lächelte – ich wertete das als gutes Zeichen.

„Ich erkläre Ihnen kurz den Test“, sagte er, während er mich zu einem Platz führte. Vor mir stand ein Laptop, daneben Kopfhörer, eine spezielle Tastatur und zwei Pedale – also doch mehr wie eine Lok als gedacht!. „Alles klar, dann legen wir los“, meinte er und ließ mich alleine mit dem Test.

Und dann begann das große Drücken, Treten und Klicken.

Töne, Farben, Formen – alles blinkte, hupte oder piepste, und ich musste so schnell wie möglich reagieren. Manchmal kamen die Reize nacheinander, manchmal gleichzeitig, manchmal in einer chaotischen Reihenfolge, die vermutlich ein hyperaktiver Algorithmus programmiert hatte. Ich gab alles.

Nach einer guten Stunde warf mir der Computer dann überraschend eine Pause zu – 5 Minuten Verschnaufzeit! Ich lehnte mich zurück, massierte meine Finger und überlegte, ob es möglich war, einen Muskelkater vom Tastendrücken zu bekommen.

Doch dann: Zweite Runde!

Ein einzelnes graues Quadrat erschien auf dem Bildschirm. Es blinkte. Sehr langsam. Und wenn es die Farbe änderte, musste ich eine Taste drücken.

Am Anfang war ich hochkonzentriert. Dann – ein Moment der Schwäche. Einmal kurz mit den Gedanken abgeschweift, fast den Tastendruck verpasst. Verdammt! Fokussier dich! Ich riss mich zusammen, denn das Letzte, was ich wollte, war, an einem blinkenden Quadrat zu scheitern.

Nach einer weiteren halben Stunde war der Test vorbei. Ich atmete tief durch. Das war intensiver als gedacht. Dann kam der nette Herr wieder rein. „So, dann schauen wir mal auf Ihr Ergebnis.“

Er blickte auf den Bildschirm. Dann hob er die Augenbrauen. Oha. Ich versuchte, seinen Gesichtsausdruck zu deuten – erfolglos. „Wie alt sind Sie nochmal?“ fragte er, ohne den Blick vom Monitor zu nehmen. „Äh… 54?“

Oh nein. War das die diplomatische Art zu sagen: ‚Danke für den Versuch, aber lassen Sie es lieber‘? Doch dann grinste er. „Wow, was für ein Ergebnis! Die Personalabteilung wird begeistert sein.“

Ich blinzelte. Bitte was?!

„Darf ich denen die Einzelheiten verraten? Normalerweise darf ich nur ‚bestanden‘ oder ‚nicht bestanden‘ weitergeben, aber das hier ist wirklich außergewöhnlich.“

Ich? Außergewöhnlich? Ich nickte natürlich sofort.

Kurze Zeit später saß ich der Dame aus der Personalabteilung gegenüber, die mein Testergebnis betrachtete – und strahlte. „Fantastisch! Dann geht’s am 3. Mai los. Herzlichen Glückwunsch! Wir freuen uns riesig auf Sie. Haben Sie noch Fragen?“

Äh, ja, ungefähr eine Million. Aber in dem Moment war ich so überwältigt, dass ich nur „Nein, alles gut“ herausbrachte. „Super, dann bis bald. Den Arbeitsvertrag schicke ich Ihnen morgen.“

Ich verließ das Gebäude wie in Trance. Im Aufzug starrte ich mein Spiegelbild an: Habe ich wirklich gerade einen neuen Job bekommen? Draußen ließ ich mich auf die erstbeste Parkbank fallen. Morgen kommt der Arbeitsvertrag. Ich müsste kündigen. Kündigen. Heute noch!

Ich hatte eigentlich nie vorgehabt, meinen aktuellen Job aufzugeben. Und jetzt sollte ich innerhalb eines halben Tages eine Entscheidung treffen? Heute war der 29. März. Morgen war Stichtag.

Ich griff reflexartig zum Handy und rief Stefan an. „Äh… Schatz? Ich habe den Job.“

Kurze Stille. Dann trocken: „Na dann, wirst du halt Lokführerin.“

„Aber… ich müsste morgen kündigen!“

„Tja“, sagte er. „Du hast 100 Euro für eine Bewerbung ausgegeben – und der Friseur war auch nicht billig.“

Ja, so ist er, mein Stefan: Pragmatisch und direkt.


Was als harmloser Klick begann, hatte sich innerhalb von sechs Wochen in eine berufliche Achterbahnfahrt verwandelt. Aus einer spontanen Idee war eine waschechte Karriereentscheidung geworden. Ab Mai würde ich mich also in die 10-monatige Ausbildung zur Lokführerin – pardon, Triebfahrzeugführerin – stürzen. Noch immer kam mir das Ganze ziemlich surreal vor. Hätte mir jemand vor zwei Monaten gesagt, dass ich meinen sicheren Job kündige, um tonnenschwere Züge durch die Gegend zu steuern – ich hätte laut gelacht.

Doch nun war es Realität. Am nächsten Tag reichte ich meine Kündigung ein. Mit 54 wagte ich nochmal einen kompletten Neustart.

Die Reaktionen von Freunden und Familie? Pures Entsetzen, garniert mit einer Prise Ungläubigkeit.

„Hey, wisst ihr schon das Neueste? Ich habe meinen Job gekündigt und werde jetzt Lokführerin.“

Stille. Große Augen. Offene Münder.

Ich hätte in diesem Moment alles sein können – Astronautin, Zirkusdompteurin oder Schatzsucherin in der Karibik – und es hätte wohl weniger Verwunderung ausgelöst.

„Cool, oder?“ fügte ich mit einem breiten Grinsen hinzu.

Die Blicke waren unbezahlbar.

Und damit begann mein Abenteuer auf der Schiene. Wie es weitergeht? Das erfährst du hier in meinem Blog. Begleite mich auf dem Weg zur Triebfahrzeugführerin – es wird definitiv spannend!

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