
Wieder die Schulbank drücken
Meine Ausbildung zur Triebfahrzeugführerin begann mit einem Paukenschlag – im wahrsten Sinne des Wortes!Während andere still und heimlich in ihre neue Karriere starten, veranstaltete meine Familie eine Eröffnungszeremonie, die irgendwo zwischen Hollywood-Premiere und Kindergeburtstag lag. Mein erster Tag wurde gefeiert wie ein kleines Volksfest, komplett mit kulinarischen Highlights und kreativen Überraschungen.
Auf dem Tisch dampfte mein Lieblingsessen, als hätte es sich besonders schick gemacht für den großen Moment. Daneben thronte ein Kuchen, der alle Blicke auf sich zog: ein kunstvoll verzierter Zug, der beinahe von selbst loszurollen schien. Danke, Nadine – deine Backkünste könnten glatt als Ingenieursarbeit durchgehen! Neben diesem essbaren Meisterwerk wartete eine Schultüte voller Überraschungen auf mich, liebevoll gepackt wie eine Schatzkiste. Und als wäre das nicht genug, bekam ich einen kleinen Holzzug als Andenken – vermutlich, damit ich mich schon mal an das Schienenleben gewöhne.
Der heimliche Star des Abends? Natürlich der Zug-Kuchen! Eine Komposition aus Biskuitrollen, Schokolade und jeder Menge Fantasie. Er sah so realistisch aus, dass ich kurz überlegte, ob ich erst ein Führerstands-Training absolvieren sollte, bevor ich ihn anschneide. Doch kaum hatte ich das Messer angesetzt, war das Meisterwerk schneller verschwunden als ein ICE auf freier Strecke. Fazit: Ausbildung mit Stil gestartet – Mission gelungen!



Endlich war es soweit – mein erster Schultag. Wieder. Diesmal allerdings mit stattlichen 54 Jahren auf dem Buckelund einer gehörigen Portion Abenteuerlust im Gepäck. Die Uhr zeigte 10 Uhr, und ich stand pünktlich parat – sehr zur Überraschung meines früheren Ichs, das Pünktlichkeit gerne als Vorschlag statt als Regel betrachtete.
Die erste Prüfung des Tages? Die Parkplatzsuche. Ein Hürdenlauf, der mich schließlich in eine Tiefgarage führte, deren Schranken sich mit einer Freundlichkeit öffneten, als wäre ich ihr Ehrengast. Ob ich dort später auch wieder herauskommen würde? Eine Frage für zukünftiges Ich. Jetzt zählte nur, nicht im letzten Moment hektisch in den Schulungsraum zu stolpern.
Dort angekommen, war ich erst einmal beeindruckt: Weit auseinanderstehende Tische, sorgfältig arrangierte Materialien – alles im Look einer Pandemie-konformen Eliteschule. Auf jedem Platz wartete bereits eine Grundausstattung, die irgendwo zwischen Survival-Kit und Geheimagenten-Gear angesiedelt war.
Mein Name? Natürlich am vordersten Tisch. Genau der Platz, den früher die Streber besetzten (ich war selbstverständlich nie in dieser Kategorie vertreten, falls jemand fragt). Während sich der Raum langsam mit meinen zukünftigen Kollegen füllte, inspizierte ich meine neuen Arbeitsutensilien: eine Trillerpfeife, eine Warnweste, ein Tablet, ein ominöses Schlüsselbund, eine Taschenlampe – und ein Rucksack, der verdächtig hochwertig aussah.Wenn schon Schulstart, dann bitte mit Stil.
Punkt 11 Uhr betrat eine Frau das Kommandozentrum. Es folgte eine Parade an Namen und Gesichtern, die ich mir ebenso gut hätte auf meine Handfläche kritzeln können – nicht, dass ich später noch gewusst hätte, wer wer ist. Und dann kam die erste offizielle Motivationsrunde: „Die Ausbildung wird anspruchsvoll, aber machbar. Es gibt viel zu lernen.“ Ach was! Hätte ich nie gedacht.
Doch während ich mich noch in meinem inneren Monolog verlor, passierte es: Ein Tsunami aus Papier rollte auf uns zu. Große Ordner, kleine Ordner, Schnellhefter – eine wahre Dokumentenlawine. Ich schlug wahllos einen der Ordner auf und stolperte direkt ins Stichwortverzeichnis.
Dort stand es schwarz auf weiß – die Definition eines Zuges. Und was für eine Definition!
“Züge sind auf der freien Strecke übergehende oder innerhalb eines Bahnhofs nach einem Fahrplan verkehrende einzeln fahrende Triebfahrzeuge oder Einheiten, die zusammengesetzt sein können aus arbeitenden Treibfahrzeugen oder arbeitenden Treibfahrzeugen und dem Wagenzug, in den Wagen oder nicht arbeitende Treibfahrzeuge eingestellt sind.”
Ähm … bitte was? Wer hat diesen Satz konstruiert – ein Bürokrat in lyrischer Hochform? Ich las ihn ein zweites Mal. Und ein drittes. Und spätestens beim vierten Versuch begann mein Hirn, sich in einen verknoteten Fahrplan zu verwandeln.
Aber es ging noch weiter: “Geeignete Nebenfahrzeuge dürfen wie Züge behandelt oder in Züge eingestellt werden. Das Eisenbahnverkehrsunternehmen gibt dem Zugpersonal bekannt, welche Nebenfahrzeuge für Züge geeignet sind.”
Aha. Gut zu wissen. Falls mir je ein geeignetes Nebenfahrzeug über den Weg läuft, werde ich es höflich fragen, ob es sich eher wie ein Zug behandelt fühlen möchte oder ob es lieber irgendwo eingestellt werden will.
Und dann noch: “Züge werden in Reise- und Güterzüge eingeteilt.”
Ach was! Ich war kurz davor, einen Marker zu zücken und ein großes Mind blown daneben zu schreiben. Also schön. Wenn das die Grundlage für meine Ausbildung ist, dann bring it on! Ich werde mich durch die Welt der Schienen und Definitionen kämpfen – und wenn ich eines Tages auf meiner Lok sitze, werde ich mir selbst auf die Schulter klopfen und sagen:
“Gut gemacht. Du hast sogar die Definition eines Zuges überlebt.”
Bitte?! Das ist doch wohl nicht wahr, dass ich DAS wissen muss. Ernsthaft? Eine epische Wortschlacht über Züge, Nebenfahrzeuge und sonstige schienengebundene Lebensformen? Ich wollte Lokführerin werden, nicht Jura studieren! Aber gut – wenn es schwarz auf weiß da steht, dann wird es wohl irgendwie von Bedeutung sein.
Aber hey, jetzt weiß ich wenigstens Bescheid. Ich werde die Schienen rocken, die Fahrpläne meistern und mich nicht von bürokratischen Definitionen abschrecken lassen! Lokführerin in zehn Monaten? Challenge accepted! Also, auf geht’s – Abenteuer, ich komme!


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