Trollkirchen, Zuckerstangen und ein Weihnachtsmann in Badehose
Na, ausgeschlafen? Wir jedenfalls schon – und wie! Nach dem gestrigen Steak-Feierabendmodus am Alsen-See haben wir heute ganz entspannt gefrühstückt, den letzten Kaffeeschluck in aller Ruhe zelebriert und uns dann aufgemacht in ein kleines Naturabenteuer. Eine halbe Stunde Fahrt, der Camper schnurrt zufrieden, Schweden zieht in seiner gewohnten Bilderbuch-Perfektion an uns vorbei – und dann stehen wir vor dem Huvudentré, dem Haupteingang zum Tivedens Nationalpark.
Und was soll ich sagen? Kaum angekommen, fühlt man sich, als hätte man aus Versehen den Weg in eine andere Welt eingeschlagen. Ein bisschen wie Narnia – nur ohne Schrank und ohne Königin mit schlechter Laune. Überall um uns herum dichter, fast schon urzeitlicher Wald, in dem jeder Baum so aussieht, als hätte er mindestens drei Geheimnisse und einen eigenen Namen. Die Art von Wald, die man normalerweise nur in Fantasy-Filmen sieht und von der man denkt: Das übertreiben die Beleuchter jetzt aber ein bisschen. Nein. Das ist Schweden. Das ist einfach so.
Zwischen den mächtigen Wurzeln liegen riesige Felsbrocken, wahllos über die Landschaft verteilt wie Würfel auf einem Spielbrett – stumme Zeugen der letzten Eiszeit, die hier vor zehntausend Jahren einfach ihren Kram liegen gelassen und sich dann ohne Aufräumen verabschiedet hat. Und als ob das nicht schon beeindruckend genug wäre, glitzern zwischen den moosbedeckten Hügeln immer wieder spiegelklare Seen – so ruhig und perfekt, dass man fast erwartet, darin eine Elfe beim Zähneputzen zu sehen.
Der Tiveden liegt zwischen Vänern und Vättern, den beiden größten Seen Schwedens, und wirkt, als hätte Mutter Natur hier mal richtig protzen wollen. Wir hatten nicht damit gerechnet, in ein echtes Wildnisparadies zu stolpern. Aber hier stehen wir. Ziemlich sprachlos. Was, wie ich bereits erwähnt habe, nicht oft vorkommt.

Unsere kleine Expedition beginnt am Parkplatz des Haupteingangs, wo wir – noch frisch und voller Elan, Rucksack gepackt, Kamera geladen – dem rot markierten Trollkyrkorundan folgen. Der Name klingt harmlos. Fast niedlich. Trollkirchen-Runde. Klingt nach einem gemütlichen Waldspaziergang mit anschließendem Kaffeeklatsch.
Tja.
Was uns erwartet, ist eher ein waldiges Bootcamp mit Postkartenaussicht. Der Weg ist ein ständiges Auf und Ab – mal balancieren wir auf Wurzeln, die so knorrig sind, dass man jeden Moment erwartet, dass sie anfangen zu reden, mal kraxeln wir über Felsen, dann wieder geht es über moosige Holzstege, die aussehen, als hätten sie sich seit den Tagen der Trolle kaum verändert. Und wer auch immer diese Stege gebaut hat, hatte offensichtlich keine Angst vor Höhe – oder vor schiefen Brettern.
Aber genau diese Mischung macht es aus. Wir sind mitten in einer klassischen Spalttallandschaft, die uns immer wieder von kargen Höhen in feuchte, verwunschene Senken führt, als könne sich die Natur hier nicht entscheiden, was sie sein will – und deshalb einfach beides ist. Und während wir so schnaufen, stolpern und staunen, bleibt eigentlich nur ein Gedanke: So sieht echte Wildnis aus. Nicht die aufgeräumte, für Touristen hergerichtete Wildnis mit Hinweisschildern alle zwanzig Meter und einer Eisdiele am Ende. Sondern die echte, unberechenbare, atemraubende Wildnis, die einen kleiner fühlen lässt – auf die gute Art.

Besonders begeistert sind wir von den beiden Trollkirchen, nach denen dieser Weg benannt ist. Klingt märchenhaft. Ist es auch.
Die erste – die Lilla Trollkyrkan – taucht plötzlich aus dem dichten Wald auf wie ein uraltes, von Trollen erbautes Gotteshaus aus Stein. Eine Felsformation, die sich so aufgestellt hat, als hätte sie es so geplant. Gewaltig, kühl, mit einer leichten Portion mystischer Energie, die man entweder spürt oder für Einbildung hält – beides ist erlaubt. Stefan klettert mutig nach oben, mit dem entschlossenen Blick eines Mannes, der jetzt einen Ausblick haben will. Er hat sich das verdient nach all dem Gestrüpp und den Wurzeln. Er klettert, klettert, oben angekommen – und schaut in ein dichtes Meer aus Bäumen.
Bäume. Bäume. Mehr Bäume.

Die schwedische Variante eines Sichtschutzzauns. Er schaut nach links. Wald. Nach rechts. Wald. Nach vorne. Wald. Er schaut mich von oben an, ich schaue ihn von unten an, und wir einigen uns schweigend darauf, dass der Aufstieg trotzdem gut war. Als sportliche Leistung. Als Erfahrung. Als Beweis, dass man es kann.
Doch was man wirklich nicht verpassen darf: den Trollkyrkosjön. Ein See, so ruhig und klar, dass er auf Geräusche allergisch zu reagieren scheint. Das Wasser liegt da wie Glas, nicht eine Welle, nicht eine Bewegung – als hätte jemand die Zeit kurz angehalten, nur für diesen See. Man hört das eigene Atmen. Man hört die Vögel. Man hört das Rascheln im Gebüsch – was vermutlich kein Troll ist, sondern ein Eichhörnchen mit Starallüren.
Am südöstlichen Ufer erhebt sich schließlich die zweite Trollkirche – die Stora Trollkyrkan. Diese Felsformation war einst ein wichtiger Orientierungspunkt für Seefahrer auf dem Vätternsee, der in einiger Entfernung glitzert. Man kann sich gut vorstellen, wie diese kargen Gipfel aus der unberührten Landschaft ragten wie mystische Kathedralen – ernst, stumm, unerschütterlich. Und so kamen sie wohl zu ihrem sagenhaften Namen. Trollkirchen. Orte, an denen man nicht zu laut sein möchte, ohne genau zu wissen warum.
Unser persönlicher Lieblingsmoment des gesamten Walks: der Metesjön. Dieser See ist einfach ein Gedicht – und ich sage das als jemand, der normalerweise keine Gedichte schreibt. Die tiefblaue Oberfläche fängt das satte Grün des Waldes ein, als wäre sie ein Gemälde. Nur besser. Weil man dabei die Stille hören kann. Der Weg führt eine ganze Weile am Ufer entlang, begleitet von zwitschernden Vögeln, dem gelegentlichen Rascheln des Eichhörnchens – ich bin inzwischen sicher, dass es dieselbe ist und uns absichtlich verfolgt – und dem leisen Knirschen unserer Schritte auf dem moosigen Untergrund.
Nach gut drei Stunden zwischen knarzenden Bäumen, moosbewachsenen Felsen und jeder Menge Fantasiegestalten, die wir in jede Baumwurzel hineininterpretierten, landen wir schließlich wieder auf festem, erfreulich ebenem Boden. Sprich: dem Parkplatz.
Wir atmen durch. Schauen uns an. Nicken uns zu. Das war gut.

Zeit für eine wohlverdiente Mittagspause im Camper. Heute auf dem Speiseplan: Wurst, Käse, Knäckebrot und eine eiskalte Cola. Einfach. Bodenständig. Goldrichtig. Nach all dem Auf und Ab und dem Balancieren auf Wurzeln schmeckt selbst ein Butterbrot wie ein Drei-Gänge-Menü mit Aussicht. Das ist das Schöne am Wandern – es lässt selbst die schlichteste Mahlzeit nach Sterne-Restaurant schmecken. Stefan beißt in sein Knäckebrot mit der Zufriedenheit von jemandem, der gerade Berge versetzt hat. Ich auch. Wir haben Trollkirchen bestiegen. Das zählt.
Doch satt heißt nicht fertig. Unser Tag hat noch einiges vor. Also rein in den Camper, Fenster runter, Sonnenbrille auf, und los geht’s. Wir rollen gemütlich dem Ufer des majestätischen Vätternsees entlang, der zu unserer Rechten glitzert, als hätte jemand Glimmer in den größten See Südschwedens gestreut. Die Route führt uns von seinem südlichen Ende sanft nordwärts – und das Ziel ist nicht einfach nur ein hübsches Städtchen. Das Ziel ist Gränna. Und Gränna ist Schwedens süßeste Verführung.
Denn hier wird etwas zelebriert, das jedes Kind – und mindestens genauso viele Erwachsene – in Verzückung versetzt: die Polkagrisar. Klingt niedlich. Ist aber eine ernste Angelegenheit. Denn hier, seit Mitte des 19. Jahrhunderts, werden diese rot-weiß gestreiften Zuckerstangen von Hand gerollt, gezogen, gedreht und zu kleinen Kunstwerken geformt. Ein Handwerk, das man lernen muss. Das Zeit braucht. Das Können erfordert. Und das, wenn man es sieht, einen vollkommen in seinen Bann zieht.
Kaum biegen wir in die Hauptstraße ein, wird klar: Man braucht hier keine Wegweiser. Man folgt einfach der Nase. Der Duft nach Minze, Zucker und Kindheitserinnerung zieht durch die gesamte Straße wie ein unsichtbarer Faden, der einen unaufhaltsam von Stand zu Stand, von Werkstatt zu Werkstatt zieht. Es ist geradezu unfair.

Die kleinen Werkstätten gleichen Schaufenstern ins Schlaraffenland. Durch die gläsernen Fronten kann man den Konditoren dabei zusehen, wie sie ihre süße Magie wirken – stilecht in gestreiften Schürzen, mit routiniertem Schwung und einer Ruhe, die zeigt: Die haben das schon ein paarmal gemacht. Zucker, Wasser und ein Hauch Farbe werden erhitzt, geknetet, gezogen, geschlagen, gedreht – alles mit so viel Schwung und Präzision, dass man unwillkürlich stehenbleibt. Als wäre man im Theater. Nur dass hier nicht applaudiert, sondern genascht wird.
Und dann kommt das Beste: Sobald die erste Portion fertig ist, werden großzügig warme Kostproben verteilt. Direkt aus der Produktion. Noch warm, noch weich, herrlich klebrig. Man hält so eine frische Polkagris in der Hand – noch biegsam, noch duftend – und weiß in diesem Moment: Das ist das Gegenteil von Enttäuschung.
Natürlich probieren wir klassisch Minze. Dann fruchtig. Dann die Lakritz-Variante, die mich überrascht und im positiven Sinne kurz sprachlos macht. Dann noch eine. Und noch eine. Die schwedische Eislotterie, diesmal mit Zuckerstangen. Man weiß nie genau, was als nächstes kommt. Aber man ist bereit.
Besucher dürfen – und tun es mit Begeisterung – live dabei zuschauen, wie aus einem dampfenden Zuckerteig schließlich perfekte, rot-weiß gestreifte Polkagrisar entstehen. Es ist hypnotisierend.
Man könnte meinen, Gränna sei nicht nur das Zuhause der Polkagris, sondern auch das heimliche Süßwarenlager des Weihnachtsmanns. Ich stelle mir bildlich vor, wie Santa Claus höchstpersönlich – leicht inkognito, Sonnenbrille auf, Badehose an, Bauch voraus – durch die kleinen Lädchen schlendert, sich genüsslich eine frische Zuckerstange in den Bart schiebt und denkt: „Die Elfen werden Augen machen.“ Vielleicht sollte ich beim nächsten Besuch besser auf verdächtig rundliche Herren mit rotem Hemd achten. Man weiß ja nie.
Natürlich haben wir uns keine Mühe gegeben, der süßen Versuchung zu entkommen. Widerstandslos wie zwei brave Zuckerjunkies im Paradies griffen wir zu. In jedem Laden wanderten ein paar dieser rot-weiß gedrehten Kunstwerke in unsere Tasche. Mal klassisch Minze, mal fruchtig, mal völlig wild. Man kann ja nie wissen, wann man das nächste Mal an einer frischen Polkagris vorbeikommt. Außerdem: Souvenirs. Offizielle Reisemitbringsel. Das hat einen Namen. Das ist Kultur.
Als wir wieder zum Camper zurückkehren, biegen sich unsere Tüten verdächtig nach außen. Das ist kein schwedisches Design. Das ist schlichtweg maßloser Zuckerstangenkonsum. Aber mal ehrlich – Vernunft ist völlig überbewertet, wenn es nach karamellisierter Lebensfreude duftet.

Nach dieser zuckersüßen Eskapade zieht es uns – ganz konsequent – zur nächsten Verlockung: ein Eis, wie es sein soll. Handgemacht, cremig, mit genau der richtigen Balance zwischen Sahne und Sünde. Die Eisdiele liegt in einem charmanten Innenhof, umgeben von alten Mauern und blühenden Blumen – ein kleines Paradies für Schleckermäuler und müde Entdecker. Wir lassen uns nieder, schlecken, schweigen, genießen. Manche Momente sind zu gut für Kommentare.
Dann: First Camp Gränna-Vättern. Traumhaft gelegen direkt am See, dessen Wasser im Abendlicht leuchtet wie Kupfer. Die Sonne steht tief. Der Himmel leuchtet in sanften Goldtönen. Und Stefan? Steht bereits am Grill. Er wendet das Steak mit der Hingabe eines Mannes, der seinen Job versteht und dabei keinerlei Unterstützung benötigt. Ein eiskaltes Bier, das leise Zischen des Grillguts, der Blick aufs Wasser. Irgendwo zwischen Trollkirchen und Zuckerstangen ist dieser Abend entstanden, und er ist genau richtig.
Außer vielleicht noch eine letzte Polkagris. Nur zur Sicherheit.
Gute Nacht, Tiveden. Gute Nacht, Gränna. Und gute Nacht, du anonymes Eichhörnchen mit Starallüren – ich weiß, dass du das gelesen hast.




















