Hochofen, Achterbahn zu Fuß und Rollschuh-Action – das Ruhrgebiet kann alles
Ein neuer Tag, ein neues Abenteuer – aber erst mal Frühstück. Wie immer hatte sich das bewährte Dream-Team Nadine und Stefan zur Frühstücks-Crew erklärt und uns mit duftendem Kaffee, frischen Brötchen und allem, was das hungrige Reiseherz begehrte, versorgt. Ein Ritual, das inzwischen so selbstverständlich ist wie das tägliche Zähneputzen – nur deutlich leckerer. Wir ließen es uns schmecken, genossen den entspannten Morgen, und die Kinder nutzten die Gelegenheit, sich auf dem Spielplatz des Ferienhofs noch einmal ordentlich auszutoben. Ihr Lachen hallte über den Hof, die Sonne lugte hoffnungsvoll hinter den Wolken hervor – ein gemütlicher Start in einen Tag, der noch einiges an Programm bereithalten würde.
Gegen Mittag dann: Auf nach Duisburg!
Unser Ziel: der Landschaftspark Duisburg-Nord. Ehemals Industriegebiet, heute gigantischer Abenteuerspielplatz für große und kleine Entdecker. Wer Duisburg nur als Stau auf der A40 kennt, hat keine Ahnung. Hier wartet Industriekultur der Extraklasse – und das meinen wir ernst, nicht sarkastisch. Gut, vielleicht ein kleines bisschen sarkastisch. Aber nur am Rand.
Gegen 13 Uhr erreichten wir das Gelände – und dieser Ort hat eine ganz eigene Magie, die man nicht erwartet und die einen sofort einfängt. Überall rostige Stahlkonstruktionen, gigantische Rohrsysteme und alte Mauern, die langsam von der Natur zurückerobert werden wie eine Festung, die aufgegeben wurde und seither ihr eigenes Ding macht. Gras wächst dort, wo einmal Schmelzöfen standen. Farne sprießen aus Rissen im Beton. Und dann, mitten in alldem, der Hochofen – 70 Meter hoch, massiv aus Stahl, mit einer Selbstverständlichkeit in die Landschaft gestellt, als würde er sagen: Ich bin hier. Ich war immer hier. Ich bleibe.

Oli, Noah, Stefan und ich? Sofort Feuer und Flamme. Der Hochofen rief förmlich nach uns – und wir sind nicht die Art von Menschen, die solche Einladungen unbeantwortet lassen. Nadine und Emilia entschieden sich dagegen. Für Emi war das riesige Gerüst einfach zu unheimlich – eine durchaus vernünftige Einschätzung für eine Vierjährige, die gestern noch Alpakas gestreichelt hatte und heute nicht unbedingt 70 Meter in die Höhe klettern musste. Nadine schloss sich ihr an. Auch vernünftig.
Der Aufstieg begann harmlos genug. Die ersten breiten Treppen ließen die Höhe kaum spüren. Gemütliches Hochgehen, Blick nach oben, Ruhrgebiet links und rechts. Alles entspannt. Doch je weiter wir kletterten, desto schmaler wurden die Stufen, der Wind frischte auf, und das leise Kribbeln in den Beinen, das nicht von der Anstrengung, sondern von der Höhe kam, ließ sich nicht mehr ignorieren.
Oli und Noah hielten tapfer mit – der Siebenjährige in Noah mit dem unerschütterlichen Vertrauen von jemandem, der noch nicht weiß, dass Höhe eigentlich Respekt verdient. Bis er es wusste. Irgendwo auf halber Strecke entschieden die beiden, dass es für heute hoch genug war. Eine weise Entscheidung. Stefan kämpfte sich noch ein Stück weiter, blieb dann aber ebenfalls stehen – nicht aus Angst, versteht sich, sondern aus strategischer Gelassenheit. So nannte er es. Wir respektieren das.
Ich? Ich kletterte weiter. Die Aussicht lockte mich – und wer könnte dazu schon Nein sagen? Also kletterte ich. Alleine. Höher und höher, Stufe für Stufe, die Windgeräusche lauter werdend, der Boden kleiner, das Gefühl größer. Und dann stand ich oben. Auf der höchsten Plattform. Alleine. Mit dem Ruhrgebiet zu meinen Füßen. Was für ein Gefühl.
Die Welt unter mir wirkte klein, das Ruhrgebiet breitete sich bis zum Horizont aus – Industrieanlagen und grüne Oasen in einem, ein Flickenteppich aus Geschichte und Gegenwart, aus Vergangenheit und Neuanfang. Der Wind strich über mein Gesicht. Kein anderer Mensch oben. Nur ich, der Stahl und das Ruhrgebiet.
Für einen Moment einfach dastehen. Schauen. Atmen. Das ist genug.
Dann der Abstieg – und unten die wohlverdiente Belohnung, die in diesem Teil Deutschlands nur eine Form haben kann: eine Currywurstbude. Wir ließen uns eine ordentliche Portion schmecken, die Soße mit dem richtigen Maß an Würze, die Pommes knusprig, der Kaffee heiß. Man kann den Ruhrpott nicht besuchen und keine Currywurst essen. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz. Wir haben es befolgt.

Wissenswertes über den Landschaftspark Duisburg-Nord
Von 1901 bis 1985 war das Gelände ein Zentrum der Schwerindustrie. Hochöfen, die loderten. Rohstoffe, die in Glut und Stahl verwandelt wurden. Arbeiter, die in Schichten kamen und gingen, die Luft schwer von Rauch und Hitze. Und dann: 1985 die Stilllegung. Das Ende einer Ära.
Was folgte, war keine Abrissbagger-Geschichte, sondern ein mutiges Experiment. Das Gelände wurde nicht dem Erdboden gleichgemacht, sondern zum Park umgewidmet. 1994 öffnete der Landschaftspark Duisburg-Nord – und seither kommen Menschen aus aller Welt, um sich anzuschauen, was aus einer Ruine werden kann, wenn man ihr Zeit und Ideen lässt. Im ehemaligen Gasometer tauchen Taucher in einem künstlich angelegten Unterwasserpark. Kletterer testen sich an den alten Erzbunkern. Radfahrer durchqueren das Gelände. Und abends – da beginnt der Park zu leuchten. Der britische Künstler Jonathan Park hat das Hüttenwerk in ein Lichtkunstwerk verwandelt: Farben fließen über Rohre und Stahlträger, Schornsteine schimmern in Blau und Violett, und die gesamte Anlage wirkt wie ein futuristischer Traum aus Stahl und Licht. Wir waren leider tagsüber da. Aber die Fotos im Internet lassen einen nachts nicht schlafen.
Der berühmte Hochofen 5 – unser Hauptziel – thront mit 70 Metern über dem Gelände wie ein stählerner Riese, der nichts mehr produziert, aber immer noch alles überblickt. Ein Monument. Ein Mahnmal. Und eine sehr steile Kletterpartie.
Nach dem Landschaftspark war der Tag noch lange nicht vorbei. Unser nächstes Ziel: Tiger & Turtle – die wohl ungewöhnlichste Achterbahn der Welt. Schon aus der Ferne wirkt die riesige Stahlskulptur auf der Angerpark-Halde in Duisburg-Wanheim wie eine echte Achterbahn – nur dass hier niemand in einer Gondel sitzt, sondern jeder zu Fuß hinaufläuft. Eine begehbare Achterbahn. Eine Achterbahn, die man nicht fährt, sondern geht. Langsam. Bedächtig. Stufe für Stufe.
Das klingt erstmal paradox. Ist es auch. Aber genau das macht es so faszinierend.

Stefan und ich entschieden uns dieses Mal, die Perspektive von unten zu genießen. Während Oli, Nadine und die Kinder voller Vorfreude den Aufstieg in Angriff nahmen, blieben wir am Boden, zückten unsere Kameras und hielten das Spektakel aus der Ferne fest.
Noah stürmte voran – natürlich. Emilia folgte dicht auf den Fersen, mit der Entschlossenheit von jemandem, der zwar vier Jahre alt ist, aber beim Geschwister grundsätzlich nicht zurückbleiben möchte. Nadine begleitete die beiden mit wachsamem Blick und der ruhigen Energie einer Mutter, die schon viele Kletterpartien überlebt hat. Oli bildete die gelassene Nachhut.
Von unten bot sich uns eine atemberaubende Szenerie: die futuristischen, geschwungenen Linien von Tiger & Turtle vor dem Himmel, und darin eingebettet die Silhouetten unserer Familie, die Stufe für Stufe höher stiegen. Fast wie eine Szene aus einem anderen Film. Wir beobachteten, wie sie immer weiter kletterten, lachten, winkten – und wir winkten zurück und genossen dabei das Schauspiel auf angenehm flachem Untergrund.
Manchmal ist unten auch gut.
Wissenswertes über Tiger & Turtle – Magic Mountain
Entworfen von den Künstlern Heike Mutter und Ulrich Genth, wurde Tiger & Turtle im November 2011 eröffnet und ist seither eines der bekanntesten Wahrzeichen des Ruhrgebiets. 220 Meter lang, mit dem höchsten begehbaren Punkt bei 13 Metern, aus 90 Tonnen verzinktem Stahl gebaut – und mit einem Detail, das jeden, der es zum ersten Mal sieht, zum Schmunzeln bringt: einem Looping, durch den man nicht laufen kann. Er sieht aus wie ein klassischer Achterbahn-Looping, ist aber physikalisch unbegehbar. Ein Kunstwitz in Stahl. Eine Illusion, die einen augenzwinkernd an die eigene Wahrnehmung erinnert.
Der Name erklärt sich selbst: Der Tiger steht für Geschwindigkeit und Dynamik – das, was eine Achterbahn normalerweise repräsentiert. Die Turtle steht für das langsame Erkunden zu Fuß. Kontrast als Konzept. Und das Ruhrgebiet als perfekte Bühne dafür – eine Region, die selbst gelernt hat, sich neu zu erfinden.
An klaren Tagen reicht der Blick von oben bis zum Düsseldorfer Rheinturm und bei bestem Wetter sogar in die Niederlande. Bei Nacht leuchtet die Skulptur in LED-Farben und verwandelt sich in ein Band aus Licht über der Halde. Wir waren tagsüber da. Aber auch das war schön.
Während für Stefan, Emilia und mich der aktive Teil des Tages mit meinem Solo-Aufstieg im Landschaftspark bereits würdig abgeschlossen war, wartete auf Oli, Nadine und Noah noch das absolute Highlight des Tages – und vielleicht des gesamten Deutschlandteils ihrer Reise:
Starlight Express in Bochum.
Die Tickets hatten Stefan und ich Oli zum Geburtstag geschenkt – die besten Plätze überhaupt: direkt an der Rollbahn, unmittelbar vor der Hauptbühne, nah genug, um den Fahrtwind der vorbeirasenden Rollschuh-Profis zu spüren. Das nennt man ein Geschenk. Nicht irgendwas vom Blumenstand. Ein richtiges Geschenk.

Die drei machten sich also auf den Weg nach Bochum, während Stefan, Emi und ich uns gemütlich in den Mietwagen setzten und den ruhigeren Part des Abends übernahmen: die knapp zweistündige Fahrt nach Eersel in Holland, wo unser nächstes Quartier wartete. Emilia? In bester Laune auf dem Rücksitz, kein Quengeln, kein Langeweilen – nur fröhliches Geplapper und die gelegentliche ernsthafte Frage, ob Holland auch Alpakas hat. Eine berechtigte Frage, auf die wir keine gesicherte Antwort geben konnten.
Nadine und Oli berichteten später mit leuchtenden Augen: Die Nähe zur Rollbahn war atemberaubend. Die Darsteller rasten so nah an ihnen vorbei, dass man den Luftzug spürte. Die Kostüme, das Licht, die Musik – alles zusammen ein Spektakel, das man so schnell nicht vergisst. Und Noah? Kaum zu halten vor Aufregung. Jeder Song ließ ihn mitwippen, jede rasante Fahrt ließ ihn aufleuchten. Die waghalsigen Stunts ließen ihn sprachlos werden – was, wie man bei einem Siebenjährigen weiß, keine Kleinigkeit ist.
Wissenswertes über Starlight Express
Seit 1988 läuft Starlight Express ununterbrochen in Bochum – und hält damit den beeindruckenden Weltrekord als das am längsten laufende Musical an einem festen Spielort. Über 18 Millionen Zuschauer haben die Show bereits erlebt. Achtzehn Millionen. Das ist mehr als doppelt so viele Menschen wie in Schweden leben. Man kann sagen: Das Musical hat Fans.
Die Geschichte dreht sich um eine internationale Weltmeisterschaft der Züge – Lokomotiven und Waggons aus aller Welt treten gegeneinander an, und mittendrin Rusty, eine kleine Dampflok mit großem Herzen, die gegen die großen modernen Konkurrenten antritt. Geschrieben von Andrew Lloyd Webber – dem Mann, dem wir auch „Das Phantom der Oper“ und „Cats“ verdanken –, mit Songs, die sich ins Gehirn einbrennen und dort deutlich länger bleiben als erwartet.
Das eigentlich Besondere: Alles passiert auf Rollschuhen. Die Darsteller rasen mit bis zu 60 km/h über die Bühne, die sich bis mitten ins Publikum erstreckt. Loopings, Sprünge, halsbrecherische Kurven. Die Bühne selbst ist ein technisches Meisterwerk aus mehreren Ebenen, Steigungen und einer Rollbahn, die einen hautnah ins Geschehen hineinzieht.
Bochum wurde ganz bewusst als Spielort gewählt – mitten im Ruhrgebiet, wo Eisenbahn, Stahl und Industrie zur DNA der Region gehören. Ein Musical über Lokomotiven, in einer Stadt, die weiß, was Lokomotiven bedeuten. Das passt.
2018 erlebte die Show eine große Neuinszenierung: neue Songs, neue Kostüme, moderne LED-Effekte und Projektionen. Auch nach über 35 Jahren macht Starlight Express kein Tempo langsamer. Was Noah davon hielt? Er wollte danach sofort Rollschuhe. Sofort. Noch am selben Abend.
Während die drei also in Bochum das Musical erlebten, kamen Stefan, Emi und ich kurz nach 18 Uhr am Hof van Eersel an – unserem kleinen Paradies für die nächsten Nächte.
Schon beim Aussteigen war klar: Volltreffer. Charmante kleine Hütten, verstreut auf einem weitläufigen Gelände, Stille drumherum, Natur so weit man schauen konnte. Für einen Moment stand ich einfach da und atmete durch. Nach allem – Hochöfen, Achterbahnen zu Fuß, Currywurst und zwei Stunden Autofahrt mit Emi auf dem Rücksitz – war dieser Moment des schlichten Ankommens einfach schön.

Die Aufteilung: perfekt organisiert. Eine Hütte für uns drei, eine für Oli, Nadine und Noah, und eine große, gemütliche Frühstückshütte, die morgen früh ihren großen Auftritt haben würde. Emi? Voll in ihrem Element. Kaum war die Autotür auf, flitzte sie über das Gras, hüpfte zwischen den Hütten hin und her und erkundete das Gelände mit der Entschlossenheit einer Vierjährigen, die weiß, dass Abenteuer keine Zeit zu verlieren hat.
Stefan und ich räumten die Sachen rein und irgendwann gegen 23 Uhr kam auch das Starlight-Express-Trio zurück. Mit leuchtenden Augen, vollen Herzen und Noah, der mindestens zwanzig Minuten lang über die Rollschuh-Stunts sprach, bevor er irgendwann mitten im Satz einschlief.
Dann Stille. Hütten im Dunkeln. Eersel schläft. Wir auch.





































