Auf den Spuren von „Cars“: Ein Tag voller Magie auf der Route 66 – Von Jack Rabbit bis Hackberry

Nach einer Nacht im Wigwam Motel – einer Unterkunft, die in Sachen Nostalgie locker mit jeder Route-66-Raststätte mithalten kann – begann unser Tag, wie es sich für einen echten Roadtrip gehört: mit Kofferpacken und der Suche nach einem ordentlichen Frühstück. Dass unser ursprünglicher Plan, bei Denny’s zu frühstücken, einen spektakulären Totalschaden erlitt, war dank unserer hilfsbereiten Kellnerin vom Vorabend kein Problem. Stattdessen landeten wir bei Suzie’s Diner, einer dieser klassischen American-Diner-Perlen, in denen man sich schon beim Betreten fühlt, als hätte man den Geist von Elvis gestreift.

Tom and Suzie’s Diner, Holbrook

Und Suzie wusste, wie man Frühstück macht. Pancakes, so fluffig, dass sie fast vom Teller hüpften, Eier in jeder erdenklichen Variante, dazu Kaffee, der in einer Intensität nachgeschenkt wurde, die jedem Jetlag den Garaus macht. Noah und Emilia stürzten sich mit Begeisterung auf ihre French Toasts, während wir uns mit einer Kombination aus knusprigem Bacon und Buttermilch-Pancakes langsam in den Tag kämpften. Einziger Wermutstropfen: Es war eines dieser Frühstücke, nach denen man sich fragt, ob man für den Rest des Tages überhaupt noch etwas essen sollte.

Gut gestärkt, voller Vorfreude und mit einem Hauch von Zuckerrausch im System machten wir uns schließlich auf den Weg. Heute stand ein ganz besonderer Abschnitt der Route 66 auf dem Programm – einer, der uns an Orte führen würde, die nicht nur für Nostalgiker, sondern auch für unsere kleinen „Cars“-Fans ein absolutes Muss waren.

Der Asphalt lag vor uns, die Sonne stand perfekt am Himmel, und während der Highway schnurgerade durch die weite Landschaft führte, war klar: Dieser Tag würde legendär werden.

Unser erster Stopp des Tages ließ nicht lange auf sich warten – nach gerade mal 20 Minuten Fahrt landeten wir an einem der skurrilsten Wahrzeichen der Route 66: der legendären Jack Rabbit Trading Post. Schon von weitem prangte das riesige Schild mit dem ikonischen Hasen und dem unmissverständlichen Schriftzug „HERE IT IS“. Eine Botschaft, die gleichzeitig geheimnisvoll und herrlich direkt ist – denn wer einmal auf diesem Highway unterwegs ist, weiß: Hier gibt es nichts als weite Landschaft, bis plötzlich genau das auftaucht, was man nicht gesucht, aber unbedingt gebraucht hat.

Die Begeisterung im Auto war sofort spürbar. Noah und Emilia schrien begeistert los, denn sie erkannten das Schild auf Anhieb. Kein Wunder – schließlich gibt es in Radiator Springs eine ähnliche Szene, nur mit einem Traktor statt eines Hasen„Das ist wie in Cars!“ rief Noah, während Emilia sich bereits aus ihrem Kindersitz fummelte, um einen genaueren Blick zu erhaschen.

Jack Rabit Trading Post

Kaum hatten wir den Motor abgestellt, stürmten die beiden auf das eigentliche Highlight zu – den gigantischen Plastikhasen, auf dem man reiten kann. Und natürlich gab es nur eine logische Konsequenz: ein Foto musste her.

„Bitte einmal mit maximaler Begeisterung auf den Hasen klettern!“ – eine Anweisung, die für Noah und Emilia völlig überflüssig war, denn sie waren längst drauf. Strahlende Gesichter, Arme in die Höhe – als hätte man sie gerade zum Sheriff von Radiator Springs ernannt. Ein absoluter Volltreffer und der perfekte Auftakt für unseren Tag auf der Route 66.

Jack Rabit Trading Post

Nach dem energiegeladenen Stopp an der Jack Rabbit Trading Post war es Zeit für eine kleine Abweichung von der Hauptroute – ein kurzer Umweg auf die AZ-87, aber einer, der sich mehr als lohnte. Unser Ziel: der Little Painted Desert. Keine riesige Touristenattraktion mit Schildern und Souvenirständen – sondern ein stiller, unberührter Aussichtspunkt, der einen der spektakulärsten Anblicke im ganzen Südwesten bietet.

Schon die Fahrt dorthin war ein Erlebnis: 15 Meilen pure Einsamkeit, nur wir und die Straße, die sich durch die endlose Wüste zog. Kaum Verkehr, keine Zäune, keine Gebäude – nur die endlose Weite, unterbrochen von gelegentlichen Joshua Trees und kleinen Sanddünen, die sich wie schlafende Riesen in der Landschaft duckten.

Und dann – plötzlich das Ende der Straße, ein unscheinbarer Parkplatz, und dahinter nichts als ein Abgrund, der uns für einen Moment die Worte verschlug.

Der Little Painted Desert lag vor uns – eine scheinbar unendliche Landschaft aus sanften Hügeln, die sich in Schichten von Rosa, Violett, Ocker und tiefem Rot erstreckten. Wie eine überdimensionale Leinwand, auf die ein Künstler mit einem einzigen, schwungvollen Pinselstrich die Farben des Sonnenuntergangs gemalt hatte.

Der Wind war kühl, trug aber zugleich die warme Wüstenluft mit sich – eine dieser Gegensätze, die den Südwesten so einzigartig machen. Wir traten an den Rand des Plateaus und ließen den Blick über die endlosen Täler schweifen. Die Farben schienen sich mit jeder Minute zu verändern, je nachdem, wie das Licht darauf fiel.

Noah und Emilia waren sofort fasziniert. Sie standen am Rand des Aussichtspunktes und versuchten – mit größtem Ernst – die einzelnen Farbschichten zu zählen. „Rot, dann Orange, dann Lila… oder doch erst Blau?“ Die Herausforderung stellte sich schnell als unmöglich heraus, aber sie hielt sie immerhin eine Weile beschäftigt und sorgte für viel Gelächter.

Es war einer dieser magischen Orte, die nicht nur beeindrucken, sondern auch eine seltsame Ruhe ausstrahlen. Kein Lärm, keine Ablenkung – nur die endlose Weite, die sanften Formen der Hügel und das Gefühl, dass diese Landschaft genauso gut aus einer anderen Welt stammen könnte.

Nach einer letzten tiefen Atemzug voller Wüstenluft und einem weiteren Blick über diese fast surreale Szenerie war es Zeit, weiterzuziehen. Unser Abenteuer auf der Route 66 war noch lange nicht vorbei – aber der Little Painted Desert hatte uns einmal mehr daran erinnert, dass die schönsten Orte oft die sind, die nicht auf jeder Postkarte zu finden sind.

Nach einer weiteren Stunde Fahrt auf der legendären Route 66 erreichten wir den nächsten Stopp – das berühmte Twin Arrows. Oder besser gesagt: „Single Arrow“, denn von den einst zwei gigantischen Pfeilskulpturen war nur noch einer übrig. Erst machte sich leichte Enttäuschung breit – schließlich hatten wir uns auf das volle, doppelte Spektakel gefreut. Doch je länger wir uns umsahen, desto mehr zog uns die Geschichte und die Atmosphäre dieses verlassenen Ortes in ihren Bann.

Twin Arrows Trading Post

Die Twin Arrows Trading Post war einst eine pulsierende Raststätte, die in den späten 1940er Jahren unter dem Namen Canyon Padre Trading Post eröffnete. Später wurde sie in Twin Arrows umbenannt, und ihre riesigen gelb-roten Pfeile wurden zum Markenzeichen des Ortes. Eine clevere Idee, um Reisende auf der Route 66 neugierig zu machen – denn wer könnte an zwei gigantischen Pfeilen vorbeifahren, ohne anzuhalten?

Damals, in der Blütezeit der Route 66, war die Trading Post ein geschäftiger Zwischenstopp für müde Autofahrer, die hier tankten, Snacks kauften oder einfach nur eine Pause einlegten, um sich die Beine zu vertreten. Die knalligen Pfeile waren ein Versprechen: Hier gibt es etwas zu sehen!

Doch mit dem Bau der Interstate 40 wurde die alte Mutterstraße langsam verdrängt. Weniger Reisende bedeuteten weniger Kundschaft – und so wurde die Twin Arrows Trading Post irgendwann aufgegeben. Heute sind die Gebäude nur noch leere Hüllen, von Wind und Sonne gezeichnet, und die einst so stolzen Pfeile sind zu stummen Zeugen vergangener Zeiten geworden.

Wir liefen um die verfallenen Gebäude herum, betrachteten die verblassten Fassaden und versuchten, uns vorzustellen, wie es hier wohl in den 50ern und 60ern ausgesehen haben musste – als die Zapfsäulen noch glänzten, die Türen der Trading Post klappernd aufgingen und Familien mit frisch geölten Haaren aus ihren Oldtimern stiegen, um sich eine kühle Limonade zu holen.

Die Kinder fanden den übrig gebliebenen Pfeil trotzdem beeindruckend. „Der ist riesig!“, stellte Noah fest, während Emilia grübelte, wie groß wohl der zweite gewesen sein musste. Ein kleiner Geschichtsunterricht in Route-66-Nostalgie – live und in Farbe.

Auch wenn Twin Arrows heute nur noch ein Schatten seiner selbst ist, hatte dieser Ort einen ganz eigenen, melancholischen Charme. Ein Denkmal der großen Ära der amerikanischen Roadtrips, das auch in seinem Verfall noch Geschichten erzählt.

Nach einer letzten Runde um die verfallenen Mauern machten wir uns wieder auf den Weg – die Straße rief, und unser Abenteuer war noch lange nicht zu Ende.

1995 fiel der Vorhang für die Twin Arrows Trading Post – die Türen wurden geschlossen, das Leben wich der Stille, und seither nagt die Zeit unaufhaltsam an den Überresten dieses einst geschäftigen Rastplatzes. Doch trotz der verfallenen Gebäude und der verbliebenen, einsamen Pfeilskulptur ist Twin Arrows noch immer ein Symbol für die glorreiche Ära der Route 66. Ein Magnet für all jene, die auf der Suche nach einem Stück Geschichte sind – oder einfach eine Schwäche für verlassene Orte mit Charakter haben.

Nadine hatte genau diesen Blick für Details und zog mit der Kamera los, um die Ruinen zu erkunden. Sie fand bunte Graffitis, bröckelnde Wände und eine kaputte Einrichtung, die zwischen „Lost Place“ und „Wild-West-Romantik“ schwankte. Zwischen den Überresten der Zapfsäulen, den verblichenen Werbeschildern und den Fenstern ohne Glas fing sie mit jeder Aufnahme ein kleines Stück Nostalgie ein. Die Twin Arrows Trading Post mochte ihre besten Tage hinter sich haben – aber ihre Geschichte war noch längst nicht verblasst.

Twin Arrows Trading Post

Der verbliebene Pfeil ragte einsam in den Himmel, als stummer Gruß aus der Vergangenheit. Zusammen mit den zerfallenen Gebäuden und der kargen Schönheit der Wüstenlandschaft ergab sich ein faszinierendes Fotomotiv – das perfekte Sinnbild für die Route 66: Ein bisschen rostig, ein bisschen ruiniert, aber voller Geschichten.

Und während wir dort standen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, wurde uns einmal mehr bewusst, dass Orte wie dieser nicht nur Mahnmale des Verfalls sind – sie sind Erinnerungen an eine Ära, in der das Unterwegssein selbst das Ziel war.

Übrigens: In meinen Beiträgen von 2011 und 2020 könnt ihr noch Bilder mit beiden Pfeilen sehen! Eine Zeitreise, die zeigt, wie schnell sich selbst die festesten Wahrzeichen verändern.

Kaum hatten wir Twin Arrows hinter uns gelassen, zeigte uns Arizona, dass es klimatisch einfach alles kann – und zwar innerhalb weniger Minuten. Eben noch trockene Wüste, dann ein paar harmlose Wolken, und plötzlich: ein dichter Schneeschauer. Schnee. In Arizona. Man hätte denken können, wir wären versehentlich in eine alternative Realität der Route 66 geraten.

Die Temperatur fiel so schnell, dass wir förmlich zusahen, wie das Thermometer kapitulierte. Die Landschaft, die eben noch in warmen Wüstentönen leuchtete, bekam einen weißen Schleier verpasst, und das war der Moment, in dem wir uns fragten, ob wir aus Versehen in die falsche Jahreszeit abgebogen waren. „Wüste trifft Wintermärchen“ war ein Plot-Twist, den wir nicht erwartet hatten.

Eigentlich war der Plan gewesen, in Flagstaff Mittag zu essen, aber als wir durch die tanzenden Schneeflocken schauten, beschlossen wir: Nein, das machen wir uns nicht an. Also weiter – mit vorsichtiger Geschwindigkeit, denn plötzlich war aus der schnurgeraden Route 66 eine abenteuerliche Winterstrecke geworden.

Zum Glück hatte das Wetter ein Einsehen. Nach einer Weile klarte es wieder auf, und langsam eroberte sich die Sonne ihren Platz zurück. Der Schnee verschwand fast so schnell, wie er gekommen war, und mit jedem Kilometer wurde die Szenerie wieder trockener. Arizona hatte uns einmal durch alle Jahreszeiten geschickt, aber wir waren bereit für den nächsten Stopp. Und diesmal hofften wir, dass es nicht wieder eine meteorologische Überraschung gab.

Kaum hatte sich der Schneeschauer verzogen, rollten wir in Williams ein – einer der letzten echten Route-66-Orte, die noch genauso aussehen, als hätte man hier die Zeit einfach auf Pause gedrückt. Die Straßen waren gesäumt von Neonreklamen, Oldtimer-Mechaniker-Werkstätten und nostalgischen Schildern, die seit Jahrzehnten den gleichen Cheeseburger bewarben. Kurz gesagt: perfektes Roadtrip-Terrain.

Unser Ziel: das „Cruisers Route 66 Café“ – ein Diner, wie es im Bilderbuch steht. Rote Sitzpolster, schwarz-weiß karierter Boden und Wände voller Erinnerungsstücke an die glorreichen Tage der Mother Road. Ein Ort, an dem man sich unweigerlich fragt, ob nicht gleich James Dean durch die Tür schlendert oder eine Gruppe Biker in Lederjacken draußen ihre Harleys parkt.

Sobald wir saßen, kam die Cola. Und sie schmeckte hier irgendwie ein bisschen mehr nach Freiheit und Roadtrip als sonst. Vielleicht lag es an der Umgebung, vielleicht daran, dass Cola aus Glasflaschen grundsätzlich besser schmeckt – oder einfach an der Magie der Route 66.

Während wir unser Mittagessen genossen – Burger, Fries und ein Stapel dampfender Onion Rings, weil’s sein musste– erzählten wir den Kindern Geschichten von dieser legendären Straße. Von den ersten Highway-Abenteurern, die in ihren Ford Model Ts hier entlangholperten, über die goldene Ära der Route 66 in den 50ern, bis hin zu den heutigen Roadtrip-Fans, die wie wir auf den Spuren der Vergangenheit unterwegs sind.

Die Jukebox spielte ein Oldie nach dem anderen, das Licht war warm, und für einen Moment fühlte es sich an, als wären wir wirklich in einem Kapitel der alten Route 66 gelandet. Die Straße draußen war vielleicht nicht mehr so geschäftig wie damals, aber sie lebte – in den Menschen, die sie befahren, in den Orten wie diesem und in jedem einzelnen leuchtenden Neonschild.

Gut gesättigt, voller Roadtrip-Geschichten und mit dem Gefühl, gerade einen kleinen Zeitsprung gemacht zu haben, machten wir uns schließlich wieder auf den Weg. Williams hatte uns für eine Mittagspause in die Vergangenheit entführt – aber unser Abenteuer ging weiter.

Seligman Disney Cars

Von Williams aus fuhren wir etwa 45 Minuten entlang der alten Route 66 – eine Strecke, die sich anfühlte wie eine Reise durch die Zeit. Rechts und links der Straße tauchten alte, verlassene Motels und rostige Neonschilder auf, als würden sie stumm von der glorreichen Vergangenheit der Mother Road erzählen. Und dann – wie aus dem Nichts – lag es vor uns: Seligman.

Oder besser gesagt: Radiator Springs in echt.

Seligman ist keine gewöhnliche Kleinstadt. Es ist der Geburtsort des Route-66-Revival-Gedankens, und kaum ein Ort entlang der alten Straße hat seinen Charme so konsequent bewahrt. Hier gibt es keine sterile Touristenfassade – Seligman lebt und atmet Route 66. Nostalgische Diners, schräge Läden, witzige Schilder – und natürlich die Autos.

Für Noah und Emilia war es das absolute Highlight. Sobald wir aus dem Auto stiegen, waren sie nicht mehr zu halten. Überall parkten alte Wagen, die verdächtig nach den Charakteren aus „Cars“ aussahen – von einem schnittigen, dunkelblauen Hudson Hornet (Doc Hudson?) über einen rostigen Pick-up, der Hook verdächtig ähnelte, bis hin zu einem Polizeiwagen, der ganz klar „Sheriff“ sein musste.

„Guck mal, das ist ja wie Luigi!“ rief Noah begeistert und zeigte auf einen knallgelben Fiat 500, der vor einem der Shops stand. Emilia hingegen hatte bereits „Sheriff“ entdeckt und bestand auf ein Foto mit dem Oldtimer-Polizeiauto. Ehrlich gesagt, hatten wir Erwachsene mindestens genauso viel Spaß dabei wie die Kinder.

Die ganze Stadt wirkte, als hätte Pixar sie höchstpersönlich aus der Filmwelt ins echte Leben geholt. Überall hingen Schilder mit augenzwinkernden Sprüchen, Route-66-Souvenirs stapelten sich in den Schaufenstern, und selbst die Fassaden der Gebäude sahen aus, als könnten sie jederzeit anfangen zu sprechen.

Wir schlenderten durch die kleine Hauptstraße, ließen uns von der nostalgischen, fast surrealen Atmosphäre treiben und konnten nicht anders, als uns einzugestehen: Seligman hatte uns erwischt. Nicht nur die Kinder, sondern auch uns Erwachsene.

Ob es die Autos waren, die Route-66-Romantik oder einfach dieser magische Charme einer Kleinstadt, die sich ihren Platz in der Geschichte bewahrt hat – eines war sicher: Dieser Stopp würde uns lange in Erinnerung bleiben.

Delgadillo’s Route 66 Gift Shop & Visitor Center

Ohne Delgadillo’s ist ein Besuch in Seligman nicht komplett

Für mich gehört ein Stopp bei Delgadillo’s Route 66 Gift Shop & Visitor Center zu einem Besuch in Seligman einfach dazu – so wie ein Cadillac zu den 50ern oder ein Motel mit Neonreklame zur Route 66. Denn dieser kleine Laden ist nicht nur eine Souvenirbude, sondern ein echtes Stück Geschichte – eng verknüpft mit der Legende eines Mannes, der sich nicht damit abfinden wollte, dass „seine“ Straße einfach verschwindet: Angel Delgadillo – der Friseur, der die Route 66 rettete.

Als die Route 66 in den 1980ern offiziell entklassifiziert wurde, drohten Seligman und viele andere Städte, die einst vom Durchgangsverkehr lebten, in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Die Autos fuhren jetzt auf der Interstate 40 vorbei – ohne Halt, ohne Umwege, ohne Erinnerungen. Seligman wurde vom Pulsschlag Amerikas abgeschnitten, und viele dachten, das wäre das Ende.

Seligman Disney Cars

Nicht so Angel. Für ihn war klar: Seligman ist mehr als nur eine vergessene Kleinstadt – es ist das Herz der Route 66. Und wenn niemand anderes für die Straße kämpfte, dann eben er. Also gründete er 1987 die Arizona Route 66 Association – die erste ihrer Art, die sich für den Erhalt der historischen Straße einsetzte. Und er hatte Erfolg. Sein Einsatz brachte Seligman zurück auf die Landkarte – und machte es zur „Geburtsstadt des Route-66-Revival-Gedankens“.

Und dann kam der „Route 66 Fun Run“ – eine geniale Idee mit maximalem Nostalgiefaktor. Statt rasend schnell durch den Südwesten zu jagen, sollten die Teilnehmer bewusst langsam fahren – die Route 66 in ihrem ursprünglichen, gemütlichen Tempo erleben. Keine Eile, kein Stress, nur das pure Gefühl der Straße. Und es funktionierte: Der Fun Run wurde zum Kult, die Medien berichteten, und plötzlich war die Route 66 wieder in aller Munde.

Heute ist Delgadillo’s Friseursalon eine Pilgerstätte für Route-66-Fans. Ein bisschen Museum, ein bisschen Souvenirladen – aber vor allem ein Ort, an dem man die Geschichte nicht nur sehen, sondern fühlen kann.

Als wir 2018 hier waren, hatte ich das Glück, Angel persönlich zu treffenEin freundlicher, charismatischer Mann, der mit seinem weißen Bart ein wenig an einen Route-66-Weihnachtsmann erinnerte – nur dass er statt Geschenken Geschichten verteilte. Wir plauderten kurz, und natürlich musste ein Selfie her – schließlich trifft man nicht jeden Tag die lebende Legende einer Straße.

Heute, sechs Jahre später, erkundigte ich mich im Laden nach ihm. 96 Jahre alt und immer noch wohlauf. Und auch wenn er mittlerweile nicht mehr jeden Tag im Shop steht, bleibt er der ungekrönte König der Route 66.

Seligman ist der Beweis, dass die Route 66 nicht nur Asphalt ist – sondern ein Symbol für Zusammenhalt, Durchhaltevermögen und die pure Freude am Reisen. Und Angel Delgadillo? Der Mann, der das alles möglich gemacht hat.

Zum krönenden Abschluss unseres Route-66-Tages machten wir Halt am Hackberry General Store – einem dieser Orte, die nicht nur existieren, sondern Geschichten erzählen. Hier geht es nicht um perfekten Glanz oder aufpolierte Nostalgie – Hackberry ist pur, authentisch und ein kleines bisschen aus der Zeit gefallen.

Schon von weitem ließ sich erahnen, dass hier keine sterile Touristenfalle auf uns wartete. Die rostigen Zapfsäulen, das knallrote, halb ausgeblichene Coca-Cola-Schild und die unzähligen Route-66-Schilder wirkten, als hätten sie schon Generationen von Reisenden begrüßt – oder zumindest so lange in der Wüstensonne gestanden, dass sie ein eigenes Leben entwickelt hatten. Selbst die alte Greyhound-Bushaltestelle war noch da, als würde jeden Moment ein einsamer Cowboy mit Koffer auftauchen und auf den nächsten Bus nach Nirgendwo warten.

Der Hackberry General Store ist kein gewöhnlicher Laden – er ist ein einziges, riesiges Erinnerungsstück an die goldene Ära des Roadtrips. Drinnen stapelten sich alte Nummernschilder, vergilbte Landkarten und Schwarz-Weiß-Fotos von Hollywood-Stars, die hier einst Rast machten. Überall kleine Kuriositäten, vom rostigen Blechspielzeug bis hin zu Souvenirs, die gleichzeitig kitschig und perfekt waren.

Und dann natürlich die Autos. Draußen auf dem Gelände standen sie – rostige Legenden der Straße.

Besonders ins Auge fiel uns ein „Ford T“-Abschleppwagen, der wohl irgendwann beschlossen hatte, dass es Zeit für den Ruhestand war. Daneben ein alter Polizeiwagen, der aussah, als würde er nur darauf warten, mit aufheulender Sirene loszudüsen – wären da nicht die fehlenden Räder und das kleine Problem, dass er vermutlich seit Jahrzehnten nicht mehr gestartet worden war.

Während wir Erwachsenen ehrfürchtig durch dieses automobile Sammelsurium streiften, hatten Noah und Emilia ihre ganz eigene MissionFür sie war das hier Radiator Springs zum Anfassen.

„Der hier muss Sheriff sein!“ rief Noah aufgeregt und tippte mit größter Überzeugung auf den Polizeiwagen. Emilia, inzwischen voll im Mechaniker-Modus, versuchte die Tür eines rostigen Pick-ups zu öffnen – leider mit mäßigem Erfolg, da sie vermutlich seit den 70ern nicht mehr bewegt worden war.

Doch mein absolutes Lieblingsmotiv stand direkt vor dem Store: Ein rostiger Oldtimer, der dort thronte wie ein in Würde gealterter Filmstar.

Hackberry, AZ

Die verwitterte Patina, die zerschlissenen Ledersitze und der Kühlergrill, der aussah, als würde er gleich wehmütig seufzen – dieser Wagen hatte alles gesehen und war bereit, seine Geschichten zu erzählen. Er stand dort so selbstbewusst, als hätte er Wurzeln geschlagen, eingerahmt von Kakteen und Joshua-Bäumen, die ihm eine perfekte Wüstenkulisse boten. Kein Wunder, dass dies das wohl meistfotografierte Auto entlang der Route 66 ist.

Der Himmel darüber? Ein dramatisches Blau mit perfekt arrangierten Wolken, als hätte ein Landschaftsmaler noch schnell den letzten Pinselstrich gesetzt. Dieses eine Bild vereinte alles, was die Route 66 so magisch macht: Nostalgie, Abenteuer und das Gefühl, dass hier mehr konserviert wurde als nur altes Blech.

Nach einer ausgiebigen Erkundungstour – und einer angemessenen Menge an kitschig-perfekten Souvenirs – war es schließlich Zeit, wieder aufzubrechen. Ein letzter Blick auf die rostigen Legenden, die knarrenden Holzwände des Stores, die alten Zapfsäulen, die schon lange nichts mehr spenden außer Atmosphäre.

Die Straße rief, und wir folgten ihr. Aber die Magie von Hackberry würde uns noch lange begleiten – nicht als bloße Erinnerung, sondern als ein Gefühl irgendwo zwischen Freiheit, Fernweh und purem Roadtrip-Glück.

Kingman – Wo die Route 66 weiterlebt

Nach weiteren 35 Minuten Fahrt rollten wir schließlich in Kingman ein – unser Tagesziel und eine Stadt, die sich mit voller Überzeugung dem Erbe der Route 66 verschrieben hat. Hier fühlt sich alles ein bisschen an, als hätte man eine Zeitmaschine erwischt, die irgendwo in den 50ern stehen geblieben ist.

Unsere Unterkunft für die Nacht: das „Ramblin’ Rose Motel“ – ein klassisches, charmantes Retro-Motel, das so perfekt zur Route 66 passte, dass es uns nicht überrascht hätte, wenn Elvis oder James Dean gerade lässig an der Rezeption abgehangen hätten.

Der Check-in? Schnell, unkompliziert und mit genau der richtigen Portion nostalgischem Charme. Die Zimmer? Einfach, aber stilecht – mit bunten Neonlichtern draußen und einem Bett, das vielleicht schon so manchen müden Roadtripper vor uns beherbergt hatte.

Aber lange verweilen? Keine Chance. Koffer rein, einmal kurz prüfen, ob die Klimaanlage das schafft, was die Wüstennacht verlangen würde – und dann direkt weiter zum Dinner. Denn ein echter Route-66-Tag verdient einen passenden Abschluss, und in Kingman wartete genau das auf uns.

Ein Steak wie aus dem Bilderbuch – Willkommen im Dambar & Steak House

Für unser wohlverdientes Abendessen fiel die Wahl auf das Dambar & Steak House – und wir hätten es nicht besser treffen können. Ein echtes Western-Steakhouse mit rustikalem Charme, freundlichem Service und genau der Art von Atmosphäre, die nach einem langen Tag auf der Route 66 einfach passt.

Schon beim Betreten wussten wir: Hier nimmt man Steaks ernst. Die Luft war erfüllt von dem verlockenden Duft nach gegrilltem Fleisch, der sanfte Klang von Country-Musik hing in der Luft, und die Einrichtung wirkte, als hätte sich John Wayne höchstpersönlich hier ein Bier gegönnt. Rustikale Holztische, alte Schwarz-Weiß-Fotos an den Wänden und ein Ambiente, das sich irgendwo zwischen Saloon und gemütlicher Lodge einordnete.

Und dann kamen die Steaks.

Riesige Portionen, perfekt gegrillt und butterzart. Noah und Emilia, noch immer voller Eindrücke des Tages, fassten es mit einem simplen, aber aussagekräftigen „mega lecker!“ zusammen. Keine weiteren Fragen. Dazu hausgemachte Sides, von cremigem Kartoffelpüree bis hin zu knusprigen Onion Rings, die man unmöglich auf dem Teller zurücklassen konnte.

Nach diesem Roadtrip-Tag voller Nostalgie, Wüstenlandschaften und rostigen Oldtimern war dieses Essen der perfekte Abschluss. Satt, glücklich und mit dem wohligen Gefühl, dass ein Steak auf der Route 66 einfach doppelt so gut schmeckt, machten wir uns schließlich auf den Weg zurück ins Motel.

Ein langer Tag lag hinter uns – aber das Abenteuer war noch lange nicht vorbei.

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