Seit bereit! – Hamburg, Vampire und der beste Eierlikör der Welt
Los geht’s! Der Camper ist startklar, der Kaffee dampft – und drei Wochen voller Abenteuer, spontaner Entscheidungen und sicher auch der ein oder anderen haarsträubenden Situation liegen vor uns. Aber genau das macht doch eine echte Reise aus, oder? Stefan und ich, zwei Wochen zu zweit durch den Norden – Skandinavien, Dänemark, Schweden, Benelux. Die Kinder kommen später nach. Erst mal sind wir dran.
Unser Startpunkt: Esslingen. Sonntagmorgen, 9 Uhr, voller Vorfreude – und natürlich mit der obligatorischen „Haben wir wirklich alles?“-Runde. Spoiler: Nein, haben wir nicht. Also mindestens fünfmal zurück ins Haus, weil irgendwo sicher noch ein Ladekabel, eine Jacke oder – ach ja – der eigene Verstand fehlt. Beim dritten Mal war ich mir ehrlich gesagt nicht mehr sicher, ob ich etwas vergessen habe oder ob das Haus mich einfach nicht gehen lassen will.
Dann aber wirklich: Ab auf die A81! Mit einer fein kuratierten Playlist – sprich: der immer gleichen Mischung aus Rockklassikern und „Das hab ich nicht reingemacht!“ – geht es gen Norden. Die A6 grüßt mit zähem Verkehr, die A7 setzt mit einem nicht enden wollenden Stau noch einen drauf. Wir sind optimistisch. Wir haben Zeit. Wir haben Kaffee. Wir haben einander. Hamburg ruft – und wir kommen, wenn auch etwas langsamer als geplant.

16:30 Uhr. Endlich Hamburg. Die Landungsbrücken erstrahlen im goldenen Abendlicht – das Tor zur großen, weiten Welt des Nordens, das charmanteste Empfangskomitee, das eine Hafenstadt zu bieten hat. Unser Ziel: ein kleiner, aber feiner Parkplatz direkt an den Landungsbrücken, kostenlos und mit erstklassiger Aussicht auf die Elbe. Hamburg, du verwöhnst uns!
Allerdings gibt es einen kleinen Haken. Die Einfahrt führt zunächst durch einen kostenpflichtigen Bereich mit einem „Bezahl-Häuschen“, das sich strategisch genau dort platziert hat, wo es maximal verwirrt – mitten zwischen dem kostenpflichtigen und dem kostenfreien Teil, als wäre es extra so gebaut worden, um Camperfahrer in die Irre zu führen. Der Trick für Hamburg-Kenner: einfach durchfahren. Dahinter warten die kostenlosen Plätze. Wer weiß, weiß.
Beim Einfahren dann der Showdown: Eine Dame aus dem Bezahl-Kiosk sprintet mit einer Energie auf uns zu, die man nach einem langen Schichtbeginn eigentlich nicht mehr hätte. Ob mit warnender Geste oder Kassierabsicht, bleibt im Nachhinein unklar. Doch Stefan? Eiskalt. Ein kurzer Seitenblick, ein entschlossener Gasstoß – und schon sind wir durch. Vielleicht wollte sie uns nur freundlich informieren. Vielleicht war es ein sportlicher Reflex. Vielleicht ist sie heute noch leicht irritiert. Wir werden es nie erfahren, und das ist gut so.
Der Parkplatz: perfekt. Die Aussicht: traumhaft. Der erste Schritt aus dem Camper in die Hamburger Abendluft: unbezahlbar. Und jetzt – Hunger.

500 Meter zu Fuß, und schon stehen wir vor unserem ersten Ziel: Eier Carl. Der Name allein klingt nach einem kulinarischen Erlebnis, das man entweder liebt oder das man erstmal googeln muss. Wir lieben ihn – und das Lokal brummt vor Leben. Gut, dass wir reserviert haben! Das Essen ist ein absoluter Volltreffer, die rustikale Atmosphäre genau das Richtige nach einem langen Fahrtag – und dann kommt die Kür: der hausgemachte „Original“-Eierlikör.
Cremig, süß, die perfekte Mischung aus Nostalgie und echtem Hochgenuss. Das Glas ist leer, bevor ich richtig darüber nachgedacht habe. Und natürlich – natürlich – bleibt es nicht dabei. Als wir hören, dass es noch zwei weitere Varianten gibt, nämlich „Hans“ mit Haselnussnote und „Helene“ mit einem Hauch von Birne, ist die Sache klar. Wir bestellen beide. Teilen ist schließlich der Inbegriff kulinarischer Diplomatie – und außerdem kann man so technisch gesehen behaupten, man habe nur einen halben getrunken.
Das Urteil? Köstlich. Aber das Original bleibt unangefochten an der Spitze. Hans ist nett. Helene ist hübsch. Aber der Klassiker hat diesen einen, undefinierbaren Moment, bei dem man einfach weiß: Das ist es. Bittere Erkenntnis des Abends: Wir hätten eine Flasche mitgenommen, aber – ausverkauft. Die Enttäuschung sitzt tief. Andererseits: Hamburg hat uns damit offiziell einen Grund gegeben, wiederzukommen. Clever, Hamburg. Sehr clever.
Frisch gestärkt – und mit dem sanften Summen dreier Eierlikör-Varianten im Blut – brechen wir zur legendären Reeperbahn auf. Die Sonne wirft ihr letztes goldenes Licht auf die Stadt, taucht Fassaden in warme Farben und lässt Hamburg für einen Moment fast romantisch wirken. Ein ungewohnter Kontrast zu dem, was uns auf der sündigsten Meile der Welt erwartet. Oder zumindest erwarten sollte.
Denn als wir dort ankommen, erwartet uns… überraschend wenig. Wo sonst das Leben tobt, die Bars überquellen und Straßenkünstler ihr Bestes geben, herrscht ungewohnte Ruhe. Ein paar Touristen, ein paar Tauben, eine Dönerbude mit laufendem Geschäft – das war’s so ungefähr. Vielleicht ein lauer Abend vor der großen Party, vielleicht liegt es an der Uhrzeit, vielleicht schläft die Reeperbahn an einem frühen Sonntagabend einfach noch. Wir beschließen, gnädig zu sein und ihr nicht zu verdenken.
Die Reeperbahn – Hamburgs sündigste Meile und das Herz von St. Pauli
Die Reeperbahn ist das unangefochtene Zentrum des Hamburger Nachtlebens – laut, grell, legendär und berühmt-berüchtigt. Auf 930 Metern reihen sich Kneipen, Bars, Diskotheken und Nachtclubs aneinander, während blinkende Neonlichter und der Duft von Bratwurst und Bier die Atmosphäre prägen. Wer hier nachts unterwegs ist, erlebt eine Mischung aus Party, Kultur und Kiez-Geschichte – irgendwo zwischen Rotlichtmilieu, Live-Musik und hanseatischem Charme.
Besonders berüchtigt ist die Große Freiheit, eine Seitenstraße, die nicht nur durch ihre wilden Clubs bekannt ist, sondern auch als Sprungbrett für die Beatles diente. Bevor die Fab Four weltberühmt wurden, spielten sie hier in den frühen 60ern in schummrigen Clubs wie dem Star-Club oder dem Indra – ein Stück Musikgeschichte, das noch immer in der Luft liegt, wenn man durch diese Gasse schlendert. Man muss nur die Augen ein bisschen zusammenkneifen und die Dönerbude ausblenden.
Ein weiteres Highlight ist der Spielbudenplatz, wo das traditionsreiche Panoptikum – Deutschlands ältestes Wachsfigurenkabinett – ebenso zu finden ist wie das Operettenhaus, in dem Musicals für Unterhaltung sorgen. Eine skurrile Mischung aus Hoch- und Subkultur, die perfekt zur Reeperbahn passt. Der Hans-Albers-Platz mit seiner goldenen Statue des Hamburger Originals ist ein weiterer Anlaufpunkt für Kiezgänger, die sich in den legendären Kneipen niederlassen – am besten bei einem Astra oder einem Helbing Kümmel.
Und dann wäre da noch die Davidwache – die wohl berühmteste Polizeiwache Deutschlands. Mit ihrem markanten Backsteinbau und einem Zuständigkeitsbereich von nur einem Quadratkilometer ist sie die kleinste Wache Europas, aber in Sachen Einsätze sicher eine der spannendsten. Von Kneipenschlägereien bis hin zu kuriosen Kiezgeschichten hat sich hier schon alles abgespielt. Bekannt aus zahllosen Filmen und Serien ist sie mittlerweile selbst eine Sehenswürdigkeit – und ein Symbol für das organisierte Chaos, das St. Pauli so einzigartig macht.
Gemächlich schlendern wir die Reeperbahn entlang, saugen die Atmosphäre auf – auch wenn heute Abend davon eher moderate Mengen vorhanden sind – und lassen uns von den grellen Lichtern und schillernden Schaufenstern in ihren Bann ziehen. Es ist ein bisschen wie ein Filmset. Nur mit mehr Dönerbuden und weniger Regieanweisungen.
Doch mein eigentliches Highlight liegt noch vor uns. Jeder Schritt bringt uns näher ans Operettenhaus – und meine Aufregung wächst mit jedem Meter. Denn dort läuft nicht irgendein Musical, sondern „Tanz der Vampire“.

Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich darauf gefreut habe. Nicht nur, weil ich ein leidenschaftlicher Musical-Fan bin, sondern weil ich eine ganz besondere, persönliche Verbindung zu diesem Stück habe. Damals, als die Vampire noch das Musical Theater in Stuttgart unsicher machten, habe ich dort gearbeitet – und das düstere, grandiose Spektakel Tag für Tag miterlebt. Die Kostüme, die Bühnentechnik, die Darsteller, die durch die Hinterbühne huschten – ich kenne dieses Stück in- und auswendig. Jede Szene, jeden Ton, jeden dramatischen Aufritt. Und trotzdem – oder genau deshalb – kriege ich jedes Mal wieder Gänsehaut. „Seit bereit!“

Tanz der Vampire – das Kultmusical, das einfach nicht totzukriegen ist
Dunkle Schlösser, geheimnisvolle Grafen und bissige Ohrwürmer – „Tanz der Vampire“ gehört zu den Musicals, die das Publikum seit Jahrzehnten in ihren Bann ziehen. Seit der Uraufführung 1997 in Wien ist das Stück längst zum Kultmusical geworden, das immer wieder in den Theatern der Welt aufersteht – wie sein Protagonist selbst.
Basierend auf Roman Polańskis gleichnamigem Film von 1967 erzählt das Musical die Geschichte von Professor Abronsius und seinem jungen Assistenten Alfred, die im verschneiten Transsylvanien auf Vampirjagd gehen – ohne zu ahnen, dass sie direkt in die Falle des charmanten, aber gefährlichen Grafen von Krolock tappen.
„Tanz der Vampire“ schafft, was nur wenige Musicals können: eine perfekte Mischung aus düsterer Atmosphäre, humorvollen Szenen und epischer Musik. Besonders die bombastischen Songs von Jim Steinman – der auch für die größten Hits von Meat Loaf verantwortlich war – sorgen für Gänsehautmomente am laufenden Band. „Totale Finsternis“, eine Adaption von Steinmans berühmtem „Total Eclipse of the Heart“, ist wohl eines der eindrucksvollsten Musical-Duette überhaupt. Und dann das große Finale mit „Der Tanz der Vampire“, wenn sich das gesamte Ensemble in einen atemberaubenden Strudel aus Musik, Licht und Bewegung verwandelt – man geht nach Hause mit dem Gefühl, dass Graf von Krolock irgendwo da draußen noch lauert. Vorzugsweise nicht auf dem Campingplatz.
Ob in Wien, Stuttgart, Hamburg oder Berlin – das Musical hat sich als absoluter Dauerbrenner etabliert. Doch nicht überall hatte es Erfolg: Die Broadway-Version von 2002 gilt bis heute als eine der spektakulärsten Pleiten der Musicalgeschichte. Man hatte versucht, das Original auf den amerikanischen Markt zuzuschneiden – mit mehr Humor, übertriebener Satire und einem Grafen von Krolock, der plötzlich wirkte wie ein kitschiger Dracula-Verschnitt aus dem Partysortiment. Das Publikum war nicht begeistert. Nach nur 56 Vorstellungen wurde der Sargdeckel endgültig geschlossen. Die Moral: Manche Dinge funktionieren nicht auf Bestellung – und Vampire schon gar nicht.
Wir betreten das Operettenhaus, nehmen unsere Plätze ein, das Licht dimmt sich – und mit dem ersten, düsteren Orchesterklang verblasst die Realität. Der lange Fahrtag, die A7, die Kassiererin am Parkplatz – alles weg. Wir sind in Transsylvanien.
Und was für ein Glück: Wir erleben eine Vorstellung mit der kompletten Hauptbesetzung. Als die ersten Takte der Ouvertüre durch den Saal hallen, geht ein kollektives Raunen durchs Publikum. Die Inszenierung ist genauso spektakulär, wie ich sie in Erinnerung habe. Die Bühnentechnik ist ein Wunderwerk, jeder Lichteffekt, jeder Szenenwechsel nahtlos und perfekt auf die Musik abgestimmt. Die Choreografien sind energiegeladen, präzise – und wirken dennoch so mühelos, als würden die Tänzer tatsächlich durch die Nacht schweben. Was sie natürlich nicht tun. Aber man glaubt es ihnen.
Und dann kommt er. Graf von Krolock betritt seinen düsteren Friedhof. Die Bühne ist in gespenstisches Licht getaucht, Nebelschwaden kriechen über den Boden. Er hebt den Kopf, öffnet den Mund – und mit den ersten Tönen von „Unstillbare Gier“ ist es, als würde sich der Saal kurz den Atem anhalten. Eine Stimme, die kraftvoll und voller Emotion durch den Raum trägt – eine Mischung aus Verlangen, Tragik und düsterer Verführung, bei der man vergisst, dass man gerade auf einem gepolsterten Theaterstuhl sitzt. Man könnte eine Stecknadel fallen hören – zumindest bis zum letzten Ton. Dann explodiert der Applaus. Laut, euphorisch, frenetisch.
Einfach grandios.
Mit dem letzten kraftvollen Akkord verklingt die Musik, der Vorhang fällt – und tosender Applaus erfüllt den Saal. Die Darsteller verbeugen sich, der Dank des Publikums brandet in Wellen auf sie ein. Wir stehen. Wir klatschen. Wir summen innerlich schon die Melodie.

Danach kehren wir zurück, wie wir gekommen sind – über die Reeperbahn. Die allerdings hat sich in der Zwischenzeit nicht nennenswert belebt. Wo immer noch das große Leben toben sollte, herrscht gedämpfte Stille. Viele Läden sind geschlossen, Clubtüren bleiben verriegelt, und statt dröhnender Bässe weht nur ein leiser Wind durch die Gassen. Ein trauriges Bild für einen Ort, der eigentlich für Exzess und Lebensfreude steht. Aber vielleicht braucht auch die Reeperbahn manchmal einen ruhigen Sonntagabend. Wir gönnen ihr das.
Trotzdem – oder gerade deshalb – hat der Spaziergang seinen Charme. Hamburg bei Nacht, die Lichter auf dem Wasser, die Stille nach einem großartigen Abend. Gegen 23 Uhr klettern wir zurück in den Camper, lassen uns in die Kissen fallen – und während die Melodien von „Tanz der Vampire“ noch durch den Kopf schweben und der Eierlikör sein Werk getan hat, fallen uns die Augen zu.
Gute Nacht, Hamburg. Wir sehen uns morgen.










