Pfad der Götter: Schweine mit Meerblick, 1700 verweigerte Stufen und das große Bus-Ballett von Amalfi
Nach einer weiteren Nacht in unserer kleinen grünen Oase bei Villa Julia beginnt der Tag mit allem, was Italien so unverschämt gut kann: Sonne, Kaffee, Croissants und Pasquale, der irgendwo zwischen Gastgeber, Animateur und persönlichem Italienisch-Trainer rangiert. Die Campingplatzkatze hat sich inzwischen offiziell für Stefan zuständig erklärt, vermutlich per interner Katzenverordnung, und ich marschiere zum Frühstück mit dem festen Vorsatz, Pasquale heute erneut sprachlich zu beeindrucken. Also bezahle ich, lächle mein bestes „Ich kann Italienisch, aber nur in homöopathischen Dosen“-Lächeln und wünsche ihm mit meinem neuesten Wortschatz einen schönen Tag. „Buona giornata!“ sage ich, vermutlich nicht ganz korrekt eingesetzt, aber mit maximalem Einsatz.
Pasquale ist entzückt. Nicht höflich entzückt, sondern richtig. Sein Gesicht geht auf, als hätte ich gerade einen komplizierten Satz aus Dante rückwärts vorgetragen. „Grazie per il tuo impegno“, sagt er, streicht mir liebevoll über die Wange wie Don Corleone in einer milden Familienminute, und ich verlasse das Frühstück mit einem selbstbewussten „Prego!“, als hätte ich soeben das Große Italienisch-Diplom mit Auszeichnung bestanden. Stefan kaut derweil sein Croissant.
Heute ruft der Sentiero degli Dei, der Pfad der Götter. Schon der Name klingt nicht nach „kleiner Spaziergang mit Aussicht“, sondern eher nach epischem Soundtrack, wehenden Haaren und mindestens einer Szene, in der jemand dramatisch auf einen Felsen steigt und in die Ferne schaut. Wir steigen also in unseren kleinen Fiat, der sich in den letzten Tagen vom Mietwagen zum kampferprobten Küstengefährten entwickelt hat, und fahren Richtung Bomerano. Die Straße schraubt sich Kurve um Kurve nach oben, vorbei an Olivenbäumen, Zitronenhainen, Mauern, die verdächtig nah am Außenspiegel vorbeiziehen, und Mopeds, deren Fahrer offenbar fest daran glauben, dass Bremsen etwas für Menschen ohne Vertrauen ins Universum sind.

Schon unterwegs zwingt uns die Landschaft zu den ersten Stopps. Diese Küste macht das ja gern: Man fährt gerade noch halbwegs konzentriert durch eine Serpentine, und plötzlich öffnet sich ein Blick, bei dem man automatisch „Halt mal kurz!“ ruft, auch wenn es streng genommen keinen Platz zum Halten gibt. Ein Holzherz mit Sonnenblumenrahmen steht da wie eine offizielle Fotofalle der Region, dahinter Hügel, Meer und Himmel in Farben, die jeder Fernseher im Elektromarkt neidisch machen würden. Natürlich halten wir. Natürlich machen wir Fotos. Natürlich gibt es einen kurzen Videoanruf nach Hause, weil man solche Aussichten nicht einfach nur alleine anschauen kann. Die Familie muss schließlich wissen, dass wir gerade wieder einmal völlig zufällig in einer italienischen Postkarte gelandet sind.

Gegen zehn Uhr rollen wir in Bomerano ein, ein Ort, der aussieht, als hätte ihn jemand extra als ruhigen Vorraum für ein großes Abenteuer gebaut. Ein paar Bars, ein paar Häuser, eine Katze mit der gelangweilten Autorität einer Einheimischen, und am Einstieg tatsächlich eine kostenlose Parkbucht. Kostenlos. Direkt am Start. In Italien. An der Amalfiküste. Das ist ungefähr so wahrscheinlich wie ein freier Liegestuhl am Pool um zehn Uhr morgens, aber heute scheinen die Götter im Parkplatzmanagement Dienst zu haben.
Wir laufen los, zunächst noch durch ein Stück Ort, vorbei an Gärten, Mauern und Hühnern, die ihren Morgen offensichtlich entspannter angehen als wir. Dann steht plötzlich ein weißes Pferd am Wegesrand. Einfach so. Kein großes Drama, kein Schild, kein Besitzer in Sicht, nur ein weißes Pferd, das dort grast, als sei es der offizielle Empfangschef des Sentiero. Für einen Moment überlegen wir, ob das jetzt die Deluxe-Variante wäre: Pfad der Götter zu Pferd, Stefan als Clint Eastwood der Amalfitana, ich irgendwo zwischen Sissi und „Bitte steig da nicht drauf“. Der Plan scheitert allerdings daran, dass keiner von uns reiten kann und das Pferd uns mit seinem Blick auch nicht unbedingt zur Mitarbeit einlädt. Also lassen wir es weiterkauen und gehen zu Fuß. Wie normale Menschen. Leider.

Kurz darauf kommt der erste richtige Wow-Moment. Eine elegante Brüstung begrüßt uns mit „Benvenuti sul Sentiero degli Dei“, und der Schatten formt im richtigen Winkel auch noch „I love Agerola“ auf den Boden. Italien kann wirklich sogar Geländer romantisch machen. Dahinter öffnet sich der Blick aufs Meer, und plötzlich ist klar: Das hier wird kein Spaziergang. Das wird einer dieser Tage, bei denen man abends zwar die Beine nicht mehr spürt, aber dafür drei Jahre lang davon erzählt.

Der Weg beginnt freundlich, fast harmlos. Ein bisschen Schotter, ein bisschen Staub, Felsen, Büsche, Meerblick. Doch der Sentiero weiß natürlich genau, was er ist: kein Wanderweg, sondern eine Bühne. Mal führt er durch lichte Abschnitte mit Schatten, mal entlang schroffer Felswände, mal öffnet er den Blick so plötzlich, dass man fast vergisst, wo man den Fuß hinsetzen wollte. Unter uns liegt das Meer wie eine blaue Seidenbahn, die jemand achtlos zwischen die Berge geworfen hat. Dazwischen ziehen Wandergruppen vorbei, Amerikaner mit viel Begeisterung und wenig Luft, Deutsche mit Guide und Regenschirm als Sammelzeichen, Menschen mit Stöcken, Menschen mit Drohnenblick im Gesicht, Menschen wie wir: ohne Guide, ohne Plan B, aber mit Kamera und einer gewissen Zuversicht, die später noch überprüft werden sollte.

Und dann trabt plötzlich unser weißes Pferd an uns vorbei. Mit Reiter. Ganz entspannt, elegant und trittsicher, als würde es diesen Weg jeden Morgen vor dem Frühstück machen. Wir schauen hinterher, nicht ohne Neid. Der Pfad der Götter im Sattel hätte durchaus Charme gehabt. Aber nein, wir machen das hier klassisch: mit Schweiß, Stolz und gelegentlichem innerem Gefluche.

Irgendwann erreichen wir eine Weggabelung, an der ein Mann steht und offenbar dafür sorgt, dass niemand auf eigene Ideen kommt. Eine deutsche Reisegruppe sammelt sich dort, der Guide erklärt, dass alle Nicht-Gruppenmitglieder rechts gehen müssen, während seine Gruppe links den schöneren und spektakuläreren Pfad nimmt. Aha. Nun sind wir ja grundsätzlich gesetzestreue Menschen. Meistens. Aber wer unseren Blog kennt, erinnert sich vielleicht an die Sixtinische Kapelle, als wir uns sehr unauffällig einer geführten Gruppe angeschlossen haben, um direkt in den Petersdom zu gelangen. Was soll ich sagen: Manche Fähigkeiten verlernt man nicht. Also nicken wir dezent, laufen mit, schauen möglichst reiseführerkompatibel und verabschieden uns beim nächsten Fotostopp wieder unauffällig in die Freiheit. Nicht kriminell. Eher kreativ-routenoptimiert.
Der Weg wird immer schöner und gleichzeitig immer weniger bereit, uns etwas zu schenken. Es geht rauf, runter, über Steine, um Felsen herum, durch Sonne, durch Schatten, immer begleitet von diesem unfassbaren Blick auf die Küste. Und dann wird es plötzlich tierisch. Zwei Schweine stehen mitten auf dem Pfad. Nicht am Rand, nicht hinter einem Zaun, sondern da, wo eigentlich wir langwollen. Sie wirken nicht überrascht. Eher wie Grundstücksbesitzer. Zwei Borstentiere mit Meerblick und Haltung. Wir bleiben stehen, sie schauen. Wir schauen zurück. Es entsteht eine diplomatische Pause. Schließlich entscheiden wir uns für Deeskalation, machen einen respektvollen Bogen und überlassen ihnen ihren Aussichtspunkt. Man weiß ja nie, ob so ein Schwein nur Schwein ist oder innerlich bereits Wildsau mit Führungsanspruch.

Kurz nach dieser Begegnung taucht eine Hütte auf, die aussieht, als hätte sie ein Ausstatter aus einem alten Italowestern dort vergessen. Schief, urig, verwittert, mit Aussicht und sofortiger Geschichten-Garantie. Davor sitzen ein Mann und eine Frau, die uns mit einer Begeisterung zuwinken, als hätten sie seit Stunden auf genau uns gewartet. „Come! Best honey and bread!“ ruft jemand, und schon sitzen wir unter einem schattigen Dach, obwohl wir fünf Minuten vorher noch fest entschlossen waren, tapfer weiterzugehen. So schnell kann sich ein Wanderplan ändern, wenn jemand Honig erwähnt.

Die Frau entpuppt sich als Kanadierin, die offenbar schon länger dort sitzt und inzwischen inoffiziell das Marketing übernommen hat. „He makes everything himself“, erklärt sie begeistert und zeigt auf den älteren Italiener mit wettergegerbtem Gesicht, Bart und einem Lächeln, das sofort Vertrauen schafft. Kurz darauf stehen Brot und Honig auf dem Tisch, Wasser mit Zitronenscheiben, Bruschetta mit reifen Tomaten, knusprige Kartoffeln, ein bisschen Gemüse, später sogar Hauswein. Es ist einfach, ehrlich und unfassbar gut. Kein Menü, keine Preise, keine Rechnung. Jeder gibt, was er möchte. Ein System, das in Deutschland vermutlich innerhalb von drei Minuten in einer Excel-Tabelle, einem Haftungsausschluss und einem Schild „Nur Barzahlung passend“ enden würde. Hier funktioniert es einfach.
Wir sitzen fast eine Stunde dort, essen, trinken, reden mit den Kanadiern über Reisen, Wanderungen und das Leben, wie man das eben tut, wenn man irgendwo auf einem Berg plötzlich in eine kleine Parallelwelt stolpert. Am Ende stecken wir jeweils 20 Euro in die Blechdose und haben das Gefühl, nicht nur etwas bezahlt, sondern ein kleines Stück Magie unterstützt zu haben. Der Wirt zeigt uns noch das Innere seiner Hütte: Pfannen, Kannen, Kräuter, Gläser, ein Bett, eine Bank, alles irgendwo zwischen Almstube, Hexenküche und Museum. Draußen steht ein Esel in der Sonne. Natürlich steht da ein Esel. Dieser Ort hätte uns vermutlich enttäuscht, wenn er keinen gehabt hätte.
Irgendwann müssen wir weiter. Die Beine finden diese Entscheidung weniger überzeugend als der Kopf. Nach Brot, Honig, Bruschetta und Wein fühlt sich Wandern plötzlich nicht mehr nach Heldentat an, sondern nach „Warum genau haben wir kein Pferd genommen?“. Kurz nach unserem Aufbruch überholt uns wieder die deutsche Reisegruppe, die inzwischen auch an der Hütte angekommen ist. Wir nicken uns zu wie alte Komplizen, und ich bin sicher: Niemand ahnt, dass wir kurz Teil ihres Reiseprogramms waren.

Ab jetzt wird der Weg noch einmal richtig groß. Das Meer übernimmt die Hauptrolle, links stürzt die Küste in die Tiefe, rechts türmen sich Felsen auf, vor uns zieht sich der Pfad wie ein dünnes Band durch diese Landschaft, die eigentlich Eintritt verlangen müsste. Tief unten glitzern Boote, Capri schimmert irgendwo im Dunst, und Positano ist noch mehr Ahnung als Ort. Aber die Beine werden schwer. Sehr schwer. Der Sentiero hat eine perfide Art, Hoffnung aufzubauen und sofort wieder zu zerstören. Man denkt: Jetzt geht es runter. Dann geht es rauf. Man denkt: Das war bestimmt der letzte Anstieg. Dann kommt ein neuer. Es ist wie ein Bergfilm mit Schleifenfunktion, allerdings mit Oscar-reifer Kameraarbeit.
Und dann, endlich, öffnet sich der Blick auf Nocelle. Ein kleines Dorf, das oben am Hang klebt, als hätte es jemand dort vergessen und nie wieder abgeholt. Laut Beschreibung würde hier der finale Abstieg nach Positano beginnen. Über 1700 Stufen. Eintausendsiebenhundert. Das ist keine Zahl, das ist eine Drohung. Wir schauen uns an, schauen auf unsere Beine, schauen wieder auf die Beschreibung und entscheiden sehr erwachsen: Nein. Nicht heute. Heute sind wir Team Bushaltestelle. Die Götter mögen ihren Pfad haben, aber wir haben Knie.
An der Haltestelle wartet ein alter Ape, umgebaut zum Kiosk, betrieben von einem Mann, der aussieht, als habe er schon halb Italien mit Orangensaft gerettet. Und genau das tut er auch bei uns. Frisch gepresster Orangensaft, eiskalt, für 2,50 Euro. Dazu verkauft er Bustickets, als sei das die selbstverständlichste Kombination der Welt. Saft und Transport. Vitamin C und Rettung. Ich hätte ihn in diesem Moment heiraten können, aber Stefan stand daneben und der Bus war wichtiger.

Zwanzig Minuten später kommt der Bus. Klein, voll und gefahren von jemandem, der vermutlich im Nebenjob Serpentinen zähmt. Die Fahrt hinunter nach Positano ist eine Mischung aus Achterbahn, Nahtoderfahrung und Panoramafahrt. Der Bus schiebt sich durch Kurven, die eigentlich nur für Ziegen und sehr optimistische Roller gedacht sind. Wenn ein anderes Fahrzeug entgegenkommt, hält der ganze Bus kollektiv die Luft an. Links Abgrund, rechts Fels, vorne ein Fahrer mit der Ruhe eines Chirurgen beim Blinddarm. Wir sitzen da, erschöpft und fasziniert, und denken: Gut, dass wir nicht die 1700 Stufen genommen haben. Dann hätten wir diesen Wahnsinn verpasst.
Um 14:30 Uhr erreichen wir Positano. Fix und fertig, aber glücklich. Und diesmal nicht nur im Vorbeifahren. Eigentlich war der Plan, mit dem Bus nach Amalfi zu fahren, dort umzusteigen und zurück nach Bomerano zu gelangen. Aber nach dieser Busfahrt ist unser Bedarf an kurviger Nahverkehrsromantik erstmal gedeckt. Also entscheiden wir spontan: Fähre. Wasserweg. Meer statt Serpentinen. Die Abfahrt nach Amalfi ist um 15:40 Uhr, was uns noch eine gute Stunde in Positano schenkt.

Und was für eine Stunde. Beim letzten Mal hatten wir Positano nur aus dem Autofenster gesehen, wie einen Filmtrailer, bei dem man gerne den ganzen Film geschaut hätte. Jetzt laufen wir tatsächlich durch die Gassen. Kleine Läden mit Keramik, Zitronenkleidern, Strohhüten, Leinen, Taschen, Postkartenmotiven in Echtzeit. Die Häuser hängen in Pastellfarben am Hang, Bougainvillea leuchtet, Treppen führen irgendwohin, vermutlich immer nach oben, und überall liegt dieser Duft aus Meer, Sonnencreme, Stoffläden und dezentem Kontostandverlust. Unsere Beine haben allerdings eine klare Meinung: „Schön hier. Setz dich.“ Also holen wir uns Gelato, lassen uns an der Hafenmauer nieder und genießen. Mehr muss Positano in diesem Moment gar nicht liefern. Es reicht völlig, einfach dazusitzen und so zu tun, als hätten wir diesen Tag souverän geplant.
Pünktlich gleitet die Fähre in den Hafen, und als wir ablegen, zeigt die Amalfiküste noch einmal, warum Menschen aus aller Welt hierherkommen und danach zu Hause völlig unerträglich von „diesem Licht“ erzählen. Vom Wasser aus ist alles noch dramatischer. Positano verschiebt sich mit jedem Meter, die Häuser wirken wie farbige Würfel am Hang, die Berge fallen steil ins Meer, und das Wasser leuchtet in Blauvarianten, für die man in einem Farbkatalog vermutlich eigene Namen erfinden müsste. Links ragen Felsen auf, dazwischen Villen, Terrassen, Kapellen, winzige Wege, die man vom Auto aus nie sehen würde. Und irgendwo dort oben verläuft der Sentiero degli Dei, den wir vormittags tatsächlich bewältigt haben. Fast. Also größtenteils. Sagen wir: ausreichend heldenhaft.

Die Fahrt nach Amalfi ist pure Belohnung. Kein Gedränge, kein Gerangel, kein Busfahrer mit Rallye-Ambitionen, nur Meer, Wind und dieser Blick, der einem den Kopf leerpustet. Kurz vor Amalfi taucht die Stadt vor uns auf, eingebettet zwischen Berg und Wasser, mit der Kathedrale, die sich wie eine Kulisse aus dem Hang schiebt. Das Licht ist weich, die Fassaden glühen, und für einen Moment sind sogar unsere müden Beine still. Das passiert selten.
In Amalfi müssen wir allerdings wieder zurück in die Realität. Unser Auto steht oben in Bomerano, und irgendwie müssen wir da hin. Also ab zur Touristeninformation. Die Dame dort erklärt freundlich: Der nächste Bus fährt in 45 Minuten. Das ist genau diese Zeitspanne, die zu lang zum Rumstehen und zu kurz für ein richtiges Abenteuer ist. Also nutze ich sie sinnvoll und verteile mich strategisch in den umliegenden Souvenirläden. Eine Tasche mit Zitronenmotiv? Natürlich. Ein Zitronenkissen samt Bezug? Unbedingt. Zwei kleine Vespa-Schlüsselanhänger für Noah und Emilia? Geschenkauftrag erfüllt. Dazu noch ein bisschen Krimskrams, den kein Mensch braucht, außer man befindet sich an der Amalfiküste. Dann ist er überlebensnotwendig.
Zurück am Busbahnhof beginnt das, was man nur als italienische Nahverkehrsoper bezeichnen kann. Stefan hat ausgekundschaftet, wo der Bus ungefähr abfahren könnte. Ungefähr ist hier ein wichtiges Wort. Zehn Minuten vor Abfahrt ruft irgendwo ein Mann „Bomerano! Da hinten!“ und plötzlich setzt sich eine Menschenmenge in Bewegung, als gäbe es am Ziel gratis Limoncello und die letzten Schattenplätze der Küste. Wir laufen mit. Menschen drängen, Rucksäcke stoßen, der Busfahrer sieht aus wie jemand, der längst innerlich gekündigt hat. Ich schaffe es irgendwie hinein, Stefan bleibt draußen. Dann ruft der Fahrer: „Bus voll!“ Und ich stehe drin. Stefan draußen.
Das ist einer dieser Momente, in denen man kurz überlegt, ob man einfach winkt und sagt: „Bis später, Schatz“, aber nein. So weit sind wir noch nicht. Also rufe ich, gestikuliere, erkläre, dass ich doch lieber wieder zu meinem Mann möchte, was der Fahrer mit einem Blick quittiert, der irgendwo zwischen „Touristen“ und „warum ich?“ liegt. Ich schiebe mich rückwärts durch verschwitzte Rucksäcke, Selfiesticks und Beine, stolpere aus dem Bus, und dann stehen wir wieder nebeneinander. Vereint. Bus weg. Ohne uns.
Wir gehen zurück zur Info, wo es heißt: Wenn viele übrig bleiben, kommt manchmal ein zweiter Bus. Man müsse nur die Augen offenhalten. Das ist eine Auskunft von beeindruckender italienischer Präzision. Also stehen wir da, müde, mit Zitronenkissen, Souvenirbeutel und einem Rest Hoffnung. Und tatsächlich: Nach ein paar Minuten geht ein Raunen durch die Menge, wieder ruft jemand irgendwas Richtung Bomerano, und erneut setzt sich der Menschenstrom in Bewegung. Diesmal klappt es. Wir ergattern Plätze, atmen durch und lassen uns die Serpentinen hinauftragen, während draußen die Küste langsam ins goldene Abendlicht kippt.
Als wir in Bomerano ankommen und zu unserem kleinen Fiat zurücklaufen, fühlen wir uns wie nach einem kompletten Abenteuerfilm. Frühstück mit Pasquale, Pfad der Götter, weißes Pferd, Schweine mit Meerblick, Honighütte, Esel, Bus-Achterbahn, Positano, Fähre, Amalfi, Zitronenkissen und ein Nahverkehrsdrama in zwei Akten. Nach Neapel ist das tatsächlich einer dieser Tage, die sich tief ins Reisegedächtnis brennen. Nicht, weil alles perfekt lief. Sondern weil genau diese Mischung aus Schönheit, Chaos, Glück, Müdigkeit und absurden Momenten am Ende das ist, wofür man überhaupt losfährt.










































