Los geht’s! Von vergessenen Taschen, Grenzstau und einem Steak zum Niederknien
Es gibt Menschen, die behaupten, der Urlaub beginne erst am Reiseziel. Das ist Unsinn. Ein richtiger Roadtrip beginnt in dem Moment, in dem die Haustür ins Schloss fällt und der Camper zum ersten Mal den Blinker setzt. Plötzlich bleibt der Alltag im Rückspiegel zurück und vor einem liegen nur noch Straßen, neue Orte und jede Menge Möglichkeiten, vom Plan abzuweichen. Denn eines hat uns das Reisen längst beigebracht: Wenn am ersten Tag alles perfekt läuft, hat vermutlich jemand anderes den Urlaub gebucht.
Bei uns fing jedenfalls alles erstaunlich vielversprechend an. Der Camper war gepackt. Kühlschrank gefüllt. Kaffeemaschine an Bord. Wochenlang hatten wir geplant, Routen verschoben, Campingplätze reserviert und Google Maps wahrscheinlich häufiger geöffnet als unsere Banking-App. Kurz nach elf rollten wir vom Hof, winkten den Enkeln zum Abschied und waren uns ziemlich sicher: Jetzt läuft’s.
Genau drei Kilometer lang. Dann meldete sich mein Gehirn mit der Freundlichkeit eines Rauchmelders mitten in der Nacht. “Sag mal… wo ist eigentlich deine Handtasche?” Es gibt Fragen, auf die man unterwegs gerne verzichten könnte. Also Blinker rechts, nächste Wendemöglichkeit suchen und mit der Eleganz eines vollbeladenen Campers zurück nach Hause. Tasche geschnappt, tief durchgeatmet und dabei so getan, als hätten wir diesen Zwischenstopp von Anfang an eingeplant. Hat natürlich niemand geglaubt. Nicht einmal wir selbst. Beim zweiten Anlauf klappte es dann tatsächlich. Diesmal endgültig. Jetzt konnte Italien kommen.
Die Strecke gehört inzwischen fast schon zu unseren Klassikern. Über Ulm Richtung Bodensee, weiter nach Bregenz, einmal freundlich durch Liechtenstein gewunken, quer durch die Schweiz und hinein in die Alpen. Wer schon einmal durch den San-Bernardino-Tunnel gefahren ist, kennt dieses Gefühl: Hinter jedem Kilometer rückt Italien ein bisschen näher. Die Berge werden höher, die Vorfreude größer und spätestens hinter Chiasso riecht selbst die Autobahn irgendwie nach Urlaub.
Wäre da nicht die Grenze gewesen. Dort standen wir erst einmal fünfundvierzig Minuten im Stau. Offenbar wollte die Schweiz noch einmal in Ruhe prüfen, ob wir wirklich bereit für Pizza, Pasta und Cappuccino waren. Wir nahmen es erstaunlich gelassen. Im Alltag hätten wir wahrscheinlich nach zehn Minuten angefangen, über den Verkehr zu schimpfen. Im Urlaub dagegen sitzt man gemütlich im Camper, hört Musik, trinkt einen Kaffee und denkt sich: “Na gut, dann dauert der Urlaub eben fünfundvierzig Minuten länger.”

Unser erstes Etappenziel war das McArthurGlen Designer Outlet in Serravalle. Eigentlich hatten wir den Zwischenstopp nur gewählt, weil man dort mit dem Camper kostenlos übernachten kann. Allein dafür verdient der Platz schon einen Ehrenplatz in jedem Roadtrip. Als wir ankamen, merkten wir aber schnell, dass das Outlet viel mehr ist als eine Ansammlung von Geschäften. Es wirkt wie eine italienische Kleinstadt, die ein Architekt mit einem Hang zu Hollywood entworfen hat. Gepflegte Plätze, Springbrunnen, Palmen, Arkaden und Fassaden, die aussehen, als würde gleich George Clooney um die Ecke spazieren und sich ein neues Sakko kaufen.
Der Plan war eigentlich ganz einfach: Heute ankommen, morgen in Ruhe shoppen. Der Plan hielt ungefähr fünf Minuten. Denn wenn man direkt vor dem Outlet steht und die Läden noch geöffnet haben, sagt das Gehirn sofort: “Nur mal kurz schauen…” Jeder erfahrene Urlauber weiß, dass aus “nur mal kurz” grundsätzlich mindestens eine Stunde wird.
Kulinarisch war im Outlet um diese Uhrzeit nicht mehr viel los. Ein paar tapfere Fast-Food-Reste kämpften noch ums Überleben, aber die konnten uns nicht überzeugen. Also zogen wir weiter in den benachbarten Retail Park. Dort sprang uns plötzlich ein Schild entgegen: Roadhouse.
Allein der Name klang schon nach Grill, Rauch und ordentlichen Steaks. Und genau das bekamen wir auch. Was dann auf den Tisch kam, war kein Abendessen, sondern eine Liebeserklärung an gutes Fleisch. Dicke Steaks auf heißen Platten, außen perfekt gegrillt, innen butterzart und groß. Oben steckte sogar ein kleiner “Medium”-Spieß im Fleisch, als wolle das Steak ganz offiziell bestätigen: Ja, ich bin genau so geworden, wie du es bestellt hast.
Nach der langen Fahrt hätte uns vermutlich auch ein belegtes Brot glücklich gemacht. Aber dieses Steak… war schlicht sensationell.
Mit angenehm vollem Bauch spazierten wir anschließend noch einmal zurück durchs inzwischen geschlossene Outlet. Tagsüber ist Serravalle hübsch. Nachts wird der Ort fast unwirklich. Die Geschäfte waren längst geschlossen, die Arkaden menschenleer und überall spiegelte sich warmes Licht auf dem Pflaster. Es fühlte sich an wie eine Filmkulisse nach Drehschluss. Irgendwo zwischen italienischer Piazza, Freizeitpark und einer Szene aus einem alten Hollywoodfilm. Man wartete fast darauf, dass gleich Danny Ocean mit seiner Crew aus einer Seitengasse kommt und den nächsten Coup plant.

Kurz nach halb zehn saßen wir schließlich im Camper, zufrieden, satt und mit diesem wunderbaren Gefühl, dass der Urlaub jetzt wirklich begonnen hatte. Nicht mit einem perfekten Start. Sondern mit einer vergessenen Handtasche, einem Grenzstau und einem Steak, über das wir heute noch reden. Und ganz ehrlich? Genau solche Tage werden später meistens die besten Geschichten.














